Irakkrieg-Protest Ein Bild gegen den Krieg

Irakkrieg-Protest: Ein Bild gegen den Krieg Fotos
Stefan Wollenberg/Daniel Schindler

Weltweit trieb der drohende Irakkrieg 2002/2003 Hunderttausende zum Protest auf die Straße. Stefan Wollenberg organisierte mit einem Partner eine der originellsten Anti-Kriegs-Aktionen in Deutschland - doch bis sie Wirklichkeit wurde, war es ein mühsamer Weg. Von

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Erinnert sich eigentlich noch jemand an die große Anti-Irakkriegsbewegung Ende 2002 und im Jahre 2003 in Deutschland? Die Zeit war mal wieder ein kleiner Lichtblick der Solidarität in einem doch etwas eingeschlafenen Land. Die Menschen gingen wieder auf die Straße und sagten offen ihre Meinung zu den anstehenden Kriegsplänen. Man fühlte sich zeitweise etwas zurückversetzt in die Zeit der achtziger Jahre, als Friedensmärsche noch zum guten Ton gehörten und die Menschen in Massen zu Demonstrationen liefen.

Es war eine schöne Zeit für die Menschlichkeit und die Friedensbewegungen. In einer solchen Zeit, dachte ich, könne man eigentlich auch davon ausgehen, dass alle Aktionen gegen diesen Krieg großen Zuspruch erhalten würden und es ein leichtes sei die Menschen für seine Sache zu gewinnen. Teilweise war dies auch richtig. Aber leider nur zum Teil. Schnell wurden mein Projektpartner Daniel Schindler und ich wieder in die Realität zurück katapultiert. Denn eigentlich ging es nicht um die Sache an sich, das heißt etwas gegen Krieg und Unrecht und für die Menschlichkeit und die Menschen zu unternehmen. Vor allem ging es um Politik und Profilierung.

Das bekamen wir ganz deutlich zu spüren, als wir versuchten, ein großes Peace Projekt auf die Beine zu stellen. Die Idee war simpel wie genial. Tausende Menschen versammeln sich an einem großen freien Platz, formieren sich dort zu einem überdimensionalen Peace-Zeichen oder -Schriftzug und werden dann aus der Luft fotografiert. Eine nicht ganz alltägliche Aktion, die auch für Aufsehen sorgen würde und ganz einfach mal etwas mehr und anderes ist als ständig mit hochgehaltenen Transparenten durch irgendwelche Innenstädte zu laufen. Nichts gegen Demos, aber davon gab es in der Zeit einfach mehr als genug. Es musste mal eine klare Aussage getroffen werden. Es brauchte eine Aktion die ein ganz klares Zeichen setzt und sich von der Masse abhebt.

Ernüchternde Verhandlungen

Also traten wir mit der Idee dieses Fotos an das Düsseldorfer Bündnis für Frieden und Gerechtigkeit (bestehend aus Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Friedensorganisationen) heran, in der Hoffnung dort genau die Fürsprecher zu finden, die wir zur Umsetzung dieses Projekts benötigen würden. Das Ergebnis des ersten Treffens war für uns doch ziemlich ernüchternd. Es sei ja eigentlich eine ganz gute Idee, aber man wisse ja nicht und man werde sich dazu wieder beraten. Soviel also zu der Euphorie einer Friedensorganisation zu einer solchen Idee.

Natürlich verstanden wir nicht, was es da überhaupt noch zu beraten geben sollte. Es war eine einmalige bis dahin noch nicht da gewesene Aktion. Welchen Grund sollte es also geben diese Idee zu verwerfen und das Projekt platzen zu lassen? Wir haben es damals nicht wirklich verstanden, und bis heute fehlt uns das Verständnis für ein solches Verhalten.

Im Laufe der Verhandlungen - und es ist eigentlich schon tragisch es "Verhandlungen" nennen zu müssen, da es ja um eine Friedensaktion ging - haben wir es glücklicherweise doch noch geschafft, das Bündnis davon zu überzeugen, diese Aktion mit uns durchzuführen. Aber genau da wurde uns bewusst: es geht nicht um den Frieden oder die Menschen. Es geht einzig und allein um Politik. Ich dachte immer, ein solch schreckliches Ereignis würde die Menschen vereinen, unabhängig von Religions- oder Parteizugehörigkeit. Ein Trugschluss, wie ich feststellen musste. Die ganze Sache stand schon kurz vor dem Aus, weil der eine sagte, wenn der von der Partei eine Rede hält, dann steigen wir aus, und umgekehrt. Es ging weiterhin nicht um die Sache selbst, sondern darum welche Partei einen Redner stellen darf und welche nicht. Man stand nicht gemeinsam für eine Sache ein und kämpfte zusammen, sondern bekämpfte sich noch intern.

Der große Tag ist da

Der nächste Streitpunkt, der das Projekt fast hätte platzen lassen, war die Finanzierung. Herr Schindler und ich befanden uns zu dem Zeitpunkt in der Ausbildung und verfügten daher nicht um die Mittel, eine solche Aktion zu finanzieren. Also waren wir darauf angewiesen, dass das Bündnis den Helikopter bezahlt. Alles weitere wurde uns von diversen Unternehmen und der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbst für den Helikopter haben wir für den guten Zweck zum Selbstkostenpreis erhalten.

Dann hieß es aber plötzlich, wir müssten die Kosten selbst tragen. Glücklicherweise war es uns dann doch noch möglich eine Einigung zu erzielen und die Finanzierung zu sichern. Aber selbst beim letzten Treffen des Bündnisses vor der Aktion wurde diese noch von einem Mitglied der PDS (!) in Frage gestellt. Ob das wirklich nötig sei!? Ab da fehlte mir jegliches Verständnis und ich verlor ein wenig den Glauben an die Menschheit.

Dann aber kam der große Tag. Der 22. März 2003. Ein wunderschöner Tag, die Sonne lachte in einem wolkenlosen strahlend blauen Himmel über Düsseldorf. Die perfekten Bedingungen für ein solches Foto. Das ganze fand statt auf den Düsseldorfer Rheinwiesen, gegenüber Landtag und Medienhafen. Eine Kulisse, wie sie schöner fast nicht sein kann. Wir entschieden uns übrigens für den Peace-Schriftzug. Diesen haben wir mit Hilfe von befreundeten Bauzeichnern, die über die entsprechenden Apparaturen verfügten, am Tag zuvor mit Pfosten abgesteckt und am Tag der Aktion noch mit Flatterband umzogen, damit die Leute auch wirklich in der Reihe stehen und das Ganze sich nicht irgendwie verläuft.

10.000 Menschen auf einem Foto

Dem Foto ging eine Demonstration voraus, die mit einer Kundgebung vor dem Rathaus begann, dann durch die Innenstadt zog und schließlich an den Rheinwiesen endete, wo die Leute von mir entsprechend eingewiesen und auf die Buchstaben aufgeteilt wurden. Zu erwähnen ist hier natürlich noch dass die Demonstration vom Bündnis organisiert wurde und diese zu dem Foto mit aufgerufen haben. Die Organisation des Fotos lag aber zu hundert Prozent bei uns, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung. Daher haben wir zusätzlich auch noch einen eigenen Aufruf zu dem Foto gestartet, im Vorfeld Berichterstattungen in verschiedenen Medien organisiert und Flyer drucken lassen, die uns kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Wir erwarteten den Demonstrationszug gegen 14 Uhr an den Rheinwiesen. Ich stand den gesamten Vormittag mit dem Einsatzleiter der Polizei in Kontakt, um immer über den aktuellen Stand der Teilnehmerzahlen sowie Position des Demonstrationszuges informiert zu sein. Die ersten Zahlen fielen leider nicht ganz so hoch aus wie erhofft. Zunächst waren es rund 2000 Menschen, dann 4000 und etwa 6000, die mit dem Demonstrationszug an den Rheinwiesen ankamen. Unser Aufruf hat aber glücklicherweise auch noch einige Menschen mobilisiert, die nur für das Foto zu den Wiesen kamen.

Am Ende hatten wir an die 10.000 Teilnehmer bei dem Foto dabei. Die Aktion war ein voller Erfolg und es ist ein wunderschönes Foto entstanden, das eine ganz klare Aussage trifft. FRIEDEN! Neben dem Fotografen, Daniel Schindler selbst, war auch noch ein Kameramann an Bord des Helikopters. Die Videoaufnahmen liefen noch am selben Abend in den Nachrichten des ZDF und WDR. Das Foto wurde erstmals in der "Bild am Sonntag" am folgenden Tag veröffentlicht und war am Montag in so gut wie allen großen deutschen Tageszeitungen abgedruckt.

Nichts vergleichbares

Es gab auch einige internationale Veröffentlichungen. Leider war das nicht zurückverfolgbar, da es für die Nachrichtenagentur nicht nachvollziehbar ist, was von wem genau geordert wurde. Aber aus ziemlich zuverlässigen Quellen haben wir erfahren, dass es wohl auch in Washington, DC, in einer Zeitung veröffentlicht wurde. Die Videoaufnahmen wurden dann bei einer Sondersendung von Johannes B. Kerner im ZDF zum Irakkrieg nochmals verwertet. Es war das letzte Bild eines Beitrags zu allen weltweit gelaufenen Aktionen gegen den Krieg und war noch einige Zeit im Hintergrund zu sehen. Das Foto wurde dann im Jahr 2004 noch einmal in dem Buch "Krieg und Frieden in Düsseldorf" veröffentlicht.

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten war es also eine großartige und sehr gelungene Aktion, die nur leider etwas in Vergessenheit geraten ist. Immerhin gab es in Deutschland zuvor und bis heute keine vergleichbare Aktion.

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