100 Jahre Osteraufstand Irlands siegreiche Niederlage

Am Ostermontag 1916 wollten Iren sich von 700 Jahren britischer Besatzung befreien. Ihr Aufstand wurde brutal niedergeschlagen, hat aber Folgen bis heute.

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Als Patrick "Padraig" Pearse sich am 24. April 1916 vor dem Dubliner Hauptpostgebäude aufbaut, um die Unabhängigkeit der Irischen Republik zu verkünden, gehen viele Passanten einfach weiter. Nur manche bleiben stehen und wundern sich.

100 Jahre später befindet sich hier eine Ausstellung über das, was folgte: der historische Osteraufstand von 1916. Die Schießereien. Die brutale Niederschlagung. Der Anfang vom Ende der britischen Herrschaft über Irland.

Die Macher des Programms "100 Jahre Osteraufstand" haben sich für ein einmaliges Projekt mit Google zusammengetan, um in beeindruckender Form an den Orten des Aufstands Bilder und Tonaufnahmen für sich sprechen zu lassen - vom Postgebäude bis zum Kilmainham-Gefängnis, wo die Anführer des Aufstands hingerichtet wurden.

Sehnsucht nach Freiheit

Der Aufstand hatte seine Ursprünge in der britischen Besatzung ab 1171, als König Henry II. Engländer nach Irland umsiedelte, um zu vermeiden, dass die feindlichen Normannen Irland als Sprungbrett für eine Invasion nutzten. Adlige zogen bis ins 17. Jahrhundert vor allem ins nordirische Ulster. Jede Rebellion schlugen die Besatzer nieder, beschränkten systematisch die Menschenrechte und machten die Iren zu Bürgern zweiter Klasse im eigenen Land.

1801 wurde Irland ganz dem Vereinigten Königreich einverleibt. Während der verheerenden Hungersnot der 1840er zeigte England keinerlei Interesse, sich um die Iren zu kümmern. Eine Million starb, eine weitere Million wanderte aus. 1855 bestand ein Viertel der Bürger Manhattans aus gebürtigen Irden.

Unter den Emigranten wuchs der Wunsch zu erkämpfen, was die Amerikaner bereits hatten: Freiheit von den Briten. 1858 gründeten sich die Partnerbewegungen Fenian Brotherhood in New York und Irish Republican Brotherhood (IRB) in Dublin. Ihr Ziel: eine unabhängige irische Republik.

"Man wird sich noch an diesen Tag erinnern"

Mit dem Ersten Weltkrieg traten 170.000 Iren in die britische Armee ein, Zehntausende starben im Kampf gegen Deutschland. Andere Iren blieben daheim und wurden die Armee der IRB. Viele sahen die Deutschen als Feind ihres Feindes - der Briten. Und so wurde Roger Casement, wie Patrick Pearse ein Mitglied der irisch-nationalistischen Miliz Irish Volunteers, Anfang 1916 nach Berlin geschickt, um dort zusätzliche Waffen für die IRB zu beschaffen.

Zwar kehrte Casement auf einem deutschen U-Boot zurück, gefolgt vom Frachter "Aud" mit 20.000 Gewehren an Bord. Doch er wurde verhaftet, und der "Aud"-Kapitän versenkte die Ladung, als ihn die britische Marine stellte. Daraufhin wollte die Leitung der Volunteers die Rebellion absagen. Am Ostersonntag 1916 erschien eine entsprechende Anzeige im "Irish Independent".

Dennoch machten sich tags darauf Hunderte auf, strategisch wichtige Gebäude wie Dublins Hauptpost zu besetzen. Laut Declan Kiberd, Professor für irische Studien der Universität Notre Dame, verabschiedete sich der irische Gewerkschafter James Connolly so von seiner Tochter: "Wir hatten zwar einen Krieg geplant, und dies ist nur eine Geste. Doch seis drum - besser ein Schlag gefolgt von einer Niederlage als gar kein Schlag. Man wird sich noch an diesen Tag erinnern." Er sollte recht behalten.

Kampf gegen eine Übermacht

Nachdem Pearse dort die Unabhängigkeit verkündet hatte, machten die Rebellen die Post zum Hauptquartier. Eine Gruppe um Seán Connolly versuchte, das Zentrum der britischen Verwaltung im Dublin Castle einzunehmen. Doch sie scheiterten, obwohl das Überraschungsmoment auf ihrer Seite war und nur wenige Soldaten das Gebäude sicherten. Unter Beschuss zogen sich Connollys Leute in die benachbarte City Hall zurück. Tagelang verharrten sie dort isoliert - während britische Verstärkung anrückte.

Ähnlich sah es vielerorts aus: Kleine Rebellengruppen überraschten die britischen Soldaten, konnten aber gegen deren Überzahl nichts ausrichten. Der Ostermontag endete für die Irish Volunteers im Stillstand. Und bald erlitten sie weitere Rückschläge. Da es ihnen misslungen war, die Bahnhöfe und die Häfen zu besetzen, konnten tausend britischer Soldaten die dezimierten Rebellen einkreisen und setzten schwere Maschinengewehre und Kanonen ein, statt den riskanten Nahkampf zu suchen. Selbst vom Wasser aus attackierte ein Kanonenboot das Volunteers-Hauptquartier im Postgebäude. Viele Rebellen starben im Dauerfeuer, die Überlebenden zogen sich durch Fluchttunnel zurück.

Eine kleine Gruppe erschöpfter und verwundeter Rebellen unter Pearse sammelte sich in der Moore Street, stand aber auch hier rasch eingekreist unter Beschuss. Pearse wollte den Tod weiterer Zivilisten nicht riskieren und gab am Samstag, 29. April, den Befehl zur Aufgabe.

Ein Graben quer durch die Gesellschaft

Über hundert britische Soldaten und 300 Iren starben beim Osteraufstand. 3400 irische Bürger wurden inhaftiert, die Anführer exekutiert. Für die Briten war die Revolution damit beendet.

Der Osteraufstand sollte jedoch noch über Jahrzehnte die irische Politik prägen. Die brutale Reaktion der Briten brachte große Teile der Bevölkerung auf die Seite der Nationalisten. Sie erzielten, unter dem Sinn-Féin-Banner vereint, 1918 große Erfolge bei den britischen Wahlen. Man beschloss, in Dublin eine eigene Regierung und die Unabhängigkeit Irlands auszurufen.

1919 folgte der blutige Unabhängigkeitskrieg, und er endete erst 1921 durch den Anglo-Irischen Vertrag. Es war die Grundlage für den "Irish Free State" im Jahr 1922 und bedeutete zugleich die Spaltung der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), die gegen die Briten gekämpft hatte.

Die irischen Republikaner waren nicht gewillt, im neuen Parlament einen Eid auf den britischen Monarchen zu schwören, und sahen die im Vertrag vorgesehene Abspaltung der sechs mehrheitlich protestantischen Grafschaften in Ulster als Verrat. Es kam zum Bürgerkrieg zwischen Republikanern und Nationalisten, nicht weniger blutig als der Konflikt mit den Briten. Dabei standen sich von Juni 1922 bis Mai 1923 mitunter Freunde oder Brüder gegenüber.

Schatten über der Jahrhundertfeier

Die Befürworter des Freistaats gingen als Sieger hervor, aber der Konflikt riss tiefe Gräben in der irischen Gesellschaft. Bis heute. Die beiden großen Parteien nach dem Bürgerkrieg - Fine Gael und Fianna Fáil - zieren sich nun, nach den Wahlen im Februar 2016 eine Koalition zu bilden. Die Unstimmigkeiten überschatten die Jahrhundertfeier des Osteraufstands.

Ein weiterer Schatten droht in Form von Terroristen der "neuen IRA". Sie setzen alles daran, die Feierlichkeiten in Dublin zu nutzen, um Attentate in Nordirland zu rechtfertigen. So wurde ein Gefängniswärter in Belfast Anfang März 2016 Opfer einer Autobombe. "Diese Leute haben mit den Revolutionären von 1916 nichts gemeinsam", so die Irin Deirdre Nic Eanruig bei einem Treffen am Hauptpostgebäude. Ihre Großväter und ein Großonkel, erzählt sie, haben damals im GPO gekämpft. Sie erinnert sich noch gut an die Geschichten, die ihr Großvater John Blimey O'Connor erzählt hat.

Hinter ihr, in den Säulen vor dem Haupteingang des GPO, sind die 100 Jahre alten Einschusslöcher noch deutlich zu erkennen.

Zum Autor
Rainer Kiebat
privat

Rainer Kiebat (Jahrgang 1969) fand 2015 zu einestages - nach einer Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann und Auswanderung nach Irland. Unser Mann in Dublin liebt Guinness und Irish Breakfast - manchmal auch zusammen - und bereist die Grüne Insel auf der Suche nach Charakteren und Geschichten.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
K. Rottstädt, 27.03.2016
1. Kolonialismus inmitten
von Europa? Während auf der einen Seite Demokratie und Menschenrechte wie Monstranzen vor allen Dingen vor sich hergetragen werden, da gibt es in der EU noch Fälle von Kolonialismus! Wann gibt England endlich seine Kolonien frei? Und Spanien? Wenn ich hier lese, dass die Engländer über eine Million Iren verhungern ließen, dann sieht das für mich aus, wie ein Genozid! Wann befasst sich denn endlich der Bundestag mit diesem barbarischen Verbrechen? Mit der Türkei und den Armeniern ging es doch auch?
johannesbueckler, 27.03.2016
2. Und warum sollte Henry Plantagenet die Normannen gefürchtet haben?
Immerhin war er ja Herzog der Normandie und die Normannen wohl schon in 1066 ziemlich erfolgreich mit ihrer Invasion. I say William the Conqueror and you say what ? ;-) Und natürlich verstehe ich die Klarnamenregelung, aber hoffe, dass der Autor vielleicht seinen Beitrag korrigiert....
D Brueckner, 27.03.2016
3. Es gibt ausser Iken...
...doch noch eine handvoll faehiger Schreiber hier. Man merkt positiv, dass Kiebat Seiteneinsteiger ist und aus dem richtigen Leben kommt. Das merkt man ausgewogenen Artikeln an.
Giuseppe Motta, 27.03.2016
4. Brexit
Interessant wird das Verhältnis Irland- GB resp. Nordirland, falls es zu einem BREXIT kommt.
Mathias Völlinger, 27.03.2016
5. Ungünstiger Zeitpunkt
War irgendwie nicht ganz sinnvoll, den Aufstand mitten im ersten Weltkrieg zu machen. Hätten vielleicht mal nach Indien schauen sollen, wo Gandhi seine Kampagnen gestoppt hatte. Der deutschen Kriegsführung war das ganze allerdings sehr willkommen. Nicht aus Nächstenliebe zu Irland.
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