Irokesenschnitt Haarschaum statt Abschaum

Irokesenschnitt: Haarschaum statt Abschaum Fotos
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David Beckham hat ihn auf dem Gewissen: Jahrzehntelang feilten Punks, Filmschauspieler und Elitesoldaten am radikalen Image des Irokesenschnitts. Dann führte der Promi-Kicker den Hahnenkamm in die Schickimicki-Szene ein - und verdarb die Protest-Frisur zum Weichei-Styling. Von

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Kahlrasierte Kopfhaut, in der Mitte ein Streifen Haare, der nach oben steht - so geht der Irokesenschnitt. Ende der Siebziger Jahre war er der ultimative Schocker auf Punkköpfen, doch dann verkam er durch den kickenden Trendsetter David Beckham zum modischen Blickfang. Da sollte man doch meinen, diese Frisur hätte ihre revolutionäre Durchschlagskraft vollständig eingebüßt. Doch weit gefehlt! Gerade erhielt der sechsjährige Pennäler Bryan aus Parma, Ohio, einen Schulverweis, weil ihm seine Mutter einen Hahnenkamp geschoren hatte. Die Begründung: Die Frisur sei eine Ablenkung für die anderen Schüler. Dabei ist der Iro doch etwas buchstäblich Ur-Amerikanisches.

Wie der Name schon sagt, stammt die Frisur von den Irokesen, einem Verbund von Indianervölkern, die südlich des Ontariosees, schlappe 300 Meilen südwestlich von Bryans Schule entfernt, lebten. Genau genommen trugen nicht alle Irokesen diese Frisur, sondern nur die Mohawk, weswegen die englische Bezeichnung für diesen Haarschnitt auch "Mohawk" ist.

McNiece und die "Filthy Thirteen"

Auf Nicht-Indianer-Köpfen tauchte der Irokesenschnitt dann erstmals im Zweiten Weltkrieg auf. Der Halbindianer und Fallschirmjäger Jake McNiece brachten die Frisur in die US-Armee. McNiece war der Anführer der "Filthy Thirteen", einer Truppe von kampfbereiten, aber aufmüpfigen Fallschirmjägern, die an der Landung der alliierten Truppen in der Normandie im Juni 1944 beteiligt waren.

Laut McNiece waren die Filthy Thirteen eine Truppe von Außenseitern, die die Offiziere nicht grüßten und sich weigerten, die Unterkünfte zu feudeln - also schon beinahe echte Punks. Viele von ihnen trugen Irokesenschnitte.

Auch im Vietnamkrieg schoren sich US-Soldaten ihre Köpfe nach Mohawk-Art. Über sie fand der Haarschnitt auch seinen Weg in den Film "Taxi Driver". Victor Magnotta, ein persönlicher Freund von Regisseur Martin Scorsese, erzählte Scorsese und Hauptdarsteller Robert De Niro bei einem Abendessen von seinen Erlebnissen in Vietnam und von der speziellen Haartracht mancher Soldaten. So kam De Niro die Idee, den Irokesen im Film zu verwenden.

Besonders gut stand die Frisur De Niro nicht, doch mit dem Hahnenkamp auf dem Kopf stigmatisierte sich die Filmfigur Travis Bickle als Außenseiter der Gesellschaft - und machte sich gleichzeitig zu einem Blickfang. Wer erinnert sich nicht an die Szene, in der Bickle einen schmalen Gang entlang läuft, grinsend, mit zwei Pistolen in der Hand und fast ohne Haar?

Mut zur Hässlichkeit

Mut zum Auffallen und Mut zur Hässlichkeit waren auch zentrale Elemente der Punkbewegung. Da passte der Iro hervorragend. Seit den Siebzigern kultivierten Punks die Frisur in allen möglichen Spielarten: Natur oder gefärbt, in Stacheln, angefilzt oder als Doppelstreifen. Bevor es wohlriechende Stylingprodukte in bunten Tiegelchen gab, mussten Bier, Seife, Zuckerwasser oder auch schon mal Kleister herhalten, um den Mittelstreifen gen Himmel stehen zu lassen.

Vereinzelt zitierten auch Nicht-Punks die Frisur. Da war zum Beispiel Lawrence "Mr. T" Tureaud. Er vermöbelte Silvester Stallone in "Rocky III" und ließ als B.A. "Bad Attitude" Baracus zusammen mit dem A-Team Autos in die Luft fliegen. Er verkörperte die pure Bad-Guy-Optik - und der Haarschnitt trug nicht wenig dazu bei.

Und dann kam - David Beckham und mit ihm der Niedergang des Irokesen als Antifrisur. Im Mai 2001 präsentierte der Promi-Kicker im Pride-Park-Stadion in Derby bei einem Training sein neues Styling. Er trug die Weichei-Variante des Irokesen: Der Mittelstreifen war viel niedriger als bei den Punks, und vor allem war die Gesamterscheinung nicht so radikal hautig, da die Seiten nicht komplett kahl geschoren worden waren.

Französischer Coiffeur statt besoffener Kumpel

Bei Beckhams Frisur hatte auch kein besoffener Freund den Barttrimmer geschwungen, sondern es war ein französischer Coiffeur am Werk gewesen. Diese Art des Mohawk kennzeichnete nicht mehr den Abschaum, sondern war Posh-Spice-kompatibel. Die einstige Dagegen-Haartracht hatte plötzlich Glamour.

Dass der Mode-Iro der Post-Beckham-Ära nicht als "richtiger Irokesenschnitt" anerkannt wird, schlug sich auch sprachlich nieder. Im Englischen nennt sich diese Frisur nicht Mohawk, sondern Fauxhawk - Möchtegern-Iro. Heißt: ein bisschen Wildheit für alle, eine Frisur, die sich mit etwas weniger Gel auch im Büro tragen lässt. Der Fauxhawk fand seine Nachahmer rasend schnell in den Justin Timberlakes und Schweinsteigers dieser Welt. In Deutschland heißen Leute, die diese Frisur trugen, übrigens Gucci-Punks. Und es gibt bis heute nicht wenige von ihnen.

Warum auch nicht. Der Fauxhawk verspricht den Genuss, ein bisschen anders aussehen zu können, ohne sich hässlich machen zu müssen. Vielleicht wird die Frisur deswegen auf Melissa-Etheridge-Konzerten und in Berlin-Kreuzberg überdurchschnittlich häufig gesichtet.

Doch wem gehört die Frisur? In den achtziger und neunziger Jahren gab es Buttons mit der Aufschrift: "Gebt den Indianern den Urwald zurück". Ist es vielleicht Zeit, zu fordern: "Gebt den Mohawk ihre Frisur zurück"? Wahrscheinlich würde ein Weltfrisurengericht das Copyright für den Irokesenschnitt heute eher den Punks zusprechen. In Zeiten, in denen selbst manche Polizisten sich einen modischen Mini-Hahnenkamm stehen lassen, tun einem die Punks jedenfalls fast schon leid.

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