Irre Rockmythen LSD vom Zahnarzt

Irre Rockmythen: LSD vom Zahnarzt Fotos
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Hat Tom Waits ein Speisekarten-Tattoo? Waren die Beach Boys Fans des Massenmörders Charles Manson? Haben die Beatles LSD durch ihren Zahnarzt kennen gelernt? Der Musikjournalist Gavin Edwards geht ungewöhnlichen Fragen aus der Rockszene nach. einestages verriet er die Antworten. Von

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Vorweg: Natürlich trägt Tom Waits keine Speisekarte als Tattoo auf der Brust. Doch Mythen wie diese gehören zur Geschichte des Rock'n'Roll wie lärmende E-Gitarren, kreischende Groupies und zerstörte Hotelzimmer. Dem Journalist und Autor Gavin Edwards ist es zu verdanken, dass einige dieser Rock-Rätsel nun keine Rätsel mehr sind. Als Redakteur des "Rolling Stone" schrieb er zwei Jahre lang eine Kolumne, in der er ungeklärte Fragen aus der wundersamen Welt der Rockmusik klärte. Für manche der Antworten musste er die Stars sogar selbst anrufen - und stellte fest, dass manche der wildesten Gerüchte tatsächlich wahr sind.

einestages: Warum müssen wir eigentlich wissen, was Elvis im Bett veranstaltet und wer den Beatles ihren ersten LSD-Trip verpasst hat?

Edwards: Es liegt wohl an der Rockmusik selbst. Sie entfacht, mehr als jede andere Kunstform, diese Art von Interesse. Wenn du eine Lieblingsband hast, willst du einfach alles über sie wissen. Dadurch sind viele Mythen entstanden. Viele Details aus dem Leben von Rockstars werden mündlich überliefert - ein Freund des Cousins meiner Freundin hat mir mal erzählt, dass die Rolling Stones einmal das und das gemacht haben sollen. So leben Bands und Fans manchmal Jahrzehnte mit einem bestimmten Gerücht. Wenn man herausfinden kann, was wirklich dahintersteckt, welche Gerüchte echt und welche nur der Phantasie eines Fans entsprungen sind - das ist doch toll!

einestages: Und was war die irrwitzigste Frage, die Sie einem Rockstar im Namen der Wahrheit gestellt haben?

Edwards: Einer der ersten, den ich für meine Kolumne im "Rolling Stone" anrief, war Bernie Taupin, der Texter von Elton Johns "Tiny Dancer". Ich fragte ihn, ob mit dem winzigen Tänzer in dem Lied möglicherweise Eltons Penis gemeint sein könnte. Ich hatte mit einer harten Reaktion gerechnet, aber er hat mich weder angeschrien noch den Hörer auf die Gabel gedonnert. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass die meisten Menschen selbst die bizarrsten Fragen beantworten.

einestages: Gab es auch weniger freundliche Reaktionen?

Edwards: Nicht unfreundlich, aber ein bisschen seltsam: Randy Bachmann von Bachmann-Turner Overdrive reagierte richtig pikiert, als ich ihn fragte, ob es in ihrem Hit "You Ain't Seen Nothin' Yet" um Genitalherpes ginge. Es schien ihm wirklich wichtig, diese Sache schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen. Denn er beeilte sich nicht nur zu erklären, dass er noch nie von diesem Gerücht gehört habe, er behauptete sogar, dass es in den siebziger Jahren noch gar kein Herpes gegeben hätte.

einestages: Was nicht stimmt. Herpes ist schon seit der römischen Antike bekannt.

Edwards: Genau! Randy Bachmann war zwar nicht sauer, aber eine souveräne Reaktion sieht anders aus.

einestages: Was war die verrückteste Frage, die Ihnen je von einem Ihrer Leser gestellt wurde - und die Sie nicht beantworten konnten?

Edwards: Ein Rätsel hätte ich wirklich gern ein für alle Mal gelöst: Welche Rockstars tragen Toupets? Ich finde es eine so herrlich behämmerte Frage, und ich weiß, dass es da einige gibt. Aber bei so einem Thema würde natürlich keiner mit der Wahrheit rausrücken. Außer Elton John vielleicht.

einestages: Die wildesten Geschichten in Ihrem Buch spielen in den sechziger und siebziger Jahren. Damals schienen Groupies, verwüstete Hotelzimmer und Drogen genauso zum Job eines Rockstars zu gehören wie das Schreiben guter Songs ...

Edwards: (lacht) Ich glaube, es ist genau anders herum: In den frühen Tagen merkten die Musiker plötzlich, was sie sich alles erlauben konnten: "Oh mein Gott, ich kann das wirklich alles tun!" - es war wie ein großer Befreiungsschlag. Irgendwann wurde es dann Teil des Jobs. Bei den Musikern von heute merkt man, dass sich viele dem Lifestyle "Rockstar" nur noch verpflichtet fühlen.

einestages: Wie meinen Sie das? Sind die Rockstars von heute langweiliger?

Edwards: Ich glaube nicht, dass sie langweiliger sind, aber die Regeln stehen fest. Wenn man schon 100.000 Rockshows gesehen hat, merkt man, wie schwer es ist, der Blaupause Rock noch etwas hinzuzufügen. Du weißt einfach, wie es funktioniert. Du weißt, dass der größte Hit erst in der Zugabe gespielt wird und wie die Lichtshow aussehen muss. Es gibt natürlich Gründe dafür, dass das so ist. Aber dadurch sind die Dinge heute eben auch viel erwartbarer.

einestages: Sie haben in ihrer Karriere als Rockjournalist schon etwa 1000 Musiker und Bands interviewt. Wenn Sie ein Wunschinterview hätten, egal mit wem, egal ob lebendig oder tot, wer wäre das?

Edwards: Brian Wilson vor seinem ersten Nervenzusammenbruch. Ich würde wirklich gern zurückreisen ins Kalifornien von 1964, als Wilson noch jung und klar im Kopf war, um herauszufinden, was ihn damals bewegte. Ich glaube das wäre ein wundervolles Interview in einem wundervollen Kontext.

einestages: Und was für eine Frage hätten Sie für ihn? Was ist das große Brian-Wilson-Geheimnis?

Edwards: Ich würde ihn zwei Jahre vor seiner Idee für das Album "Smile" treffen. Deshalb würde ich natürlich fragen: "Du wirst bald die Idee für ein großartiges Album namens 'Smile' haben. Kannst du das bitte nicht erst 2007, wo es nur noch ein Schatten seiner selbst sein wird, sondern jetzt fertig machen?"

einestages: Wie rockig ist eigentlich heute noch der Rockjournalismus? Haben Sie selbst schon Sachen erlebt, die mit den Geschichten im Buch mithalten könnten?

Edwards: Oh, besonders als ich jünger war, hatte ich das eine oder andere Abenteuer "on the road". Aber Details verrate ich natürlich nicht.

einestages: Die Beatles haben ihren ersten LSD-Trip von Ihrem Zahnarzt bekommen, das wissen wir seit ihrem Buch - aber wer hat Ihnen die ersten bewusstseinserweiternden Drogen verabreicht?

Edwards: (lacht) Ich werde diese Frage nicht beantworten.

einestages: Für jemanden, der für sein Buch schon so viele indiskrete Fragen gestellt hat, sind Sie jetzt ganz schön verschlossen. Kommen Sie schon! Raus damit!

Edwards: Nein, auf gar keinen Fall.

Das Buch zur Kolumne:

Gavin Edwards: "Do You Want To Know A Secret". Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2009, 219 Seiten.

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