Irrer Weihnachtspop Advent, Advent, das Radio brennt

Fest aufs Ohr: Jedes Jahr wieder quälen Plattenkonzerne und Popsternchen die Radiohörer mit unsäglichen Weihnachtsschnulzen. Weghören hilft nicht, genau Hinhören schon. In vielen Xmas-Klassikern verstecken sich herrlich absurde Textzeilen. einestages hat die besten gekürt.

Von Stefan Schmitt


Jetzt auch noch Melissa!

Von allen anderen hätte man es erwartet. Von Sheryl Crow und Faith Hill, von der elegischen Irin Enya und der Klassik-Popperin Sarah Brightman. Auch dass die längst alterslose Aretha Franklin noch einmal mit Klingglöckchen Kasse machen will - geschenkt. Sie alle haben Ende 2008 neue Platten veröffentlicht, gespickt mit alten Weihnachtsklassikern und eigenen, mehr oder weniger krippenfreundlichen Kompositionen.

Nun - o, du schreckliche - legt auch noch Melissa Etheridge ein Weihnachtsalbum vor. War sie doch bisher als aktive Frauenrechtlerin, erfolgreich geoutete Lesbe und kompromisslose Rockerin mit Singer-Songwriter-Einschlag und Reibeisenstimme für viele ein Fixstern der Glaubwürdigkeit. Folgerichtig brüstet sich ihre Feiertags-CD nun mit dem Titel "A New Thought For Christmas" - und ist genau das nicht. Stattdessen gibt es weichgespülte Songtexte mit Halbweisheiten wie "Pflanze den Samen der Veränderung und wässere ihn mit Vertrauen". Die Minimal-Songanzahl von zehn Titeln für ein Album wurde erreicht, indem das Selbstkomponierte mit einigen neuen Versionen von viel zu oft gecoverten Klassikern wie "Have Yourself A Merry Little Christmas" oder einer unglaublich bemühten Blues-Version (!) von "Blue Christmas" aufgeschüttet wurde. Alles riecht schwer danach, als wollte hier jemand eher die Kasse als die Glöckchen klingeln lassen. Da fallen selbst hartnäckige Fans nicht nur vom Glauben an den Weihnachtsmann ab.

Munition gegen das Besinnlichkeitsdauerfeuer

Dabei ist es eigentlich gar nicht mal so schlimm, dass der weihnachtliche Musikmarkt nicht nur den christlichen Klassikern, Achtziger-Jahre-Weihnachtspop und stromlinienförmigen Mainstream-Kompositionen bald vergessener Casting-Bands überlassen wird. Schließlich haben auch schon wirklich coole Kombos vor dem Weihnachtsbackround veritable Hits gelandet. Man denke nur an den schmissigen Punk-Hit "Merry Christmas (I Don't Wanna Fight Tonight)" von den Ramones oder den absurd-schönen HipHop-Track "Christmas in Hollis" von Run DMC.

Diese etwas anderen Weihnachtslieder haben durchaus ihre Berechtigung. Sie geben Jugendlichen Munition, um mit coolen Songs das weihnachtliche Besinnlichkeitsdauerfeuer aus dem Radio zu unterbrechen und gleichzeitig ihre Eltern zu schocken. "Hey Mama, ich habe da auch einen Weihnachtshit."

Dieser Distinktionsdrang wurde allerdings mit den Jahren vom Mainstream vereinnahmt: Mit jährlich neu aufgelegten "Rock Christmas"-CDs oder, etwas poppiger, mit der Serie "A Very Special Christmas", die unter ihren Achtziger-Jahre-Strichmännchen-Covern à la Keith Haring die gesamten Neunziger hindurch seichten Xmas-Pop verpackte. Irgendwann sprang selbst die Merchandising-Maschine namens "Bravo" auf den Schlitten des Weihnachtsmannes auf: Mit schwarzer Sonnenbrille, E-Gitarre und rockenden Rentieren musste der rotbemützte Bartträger für die Sampler der Serien "Bravo Christmas" und "Bravo Rock Christmas" herhalten.

"Der beste Song, der jemals geschrieben wurde"

Heute schallen diese Geschmackssünden der Achtziger und Neunziger alle Jahre wieder gnadenlos aus dem Radio entgegen. Wen es beruhigt: Das war früher auch nicht viel anders - die Liaison von Popmusik und Weihnachtsfest hat einen ebenso langen Bart wie der Nikolaus. Der Prototyp des Plätzchen-Pops stammt von 1940. Er habe "den besten Song, der je geschrieben wurde" komponiert, kokettierte der Musiker Irving Berlin damals. Und tatsächlich wurde sein "White Christmas" in Bing Crosbys Version von 1942 unsterblich. Im Gepäck der US-Soldaten ging die Platte um die Welt, mehr als 500-mal wurde sie seitdem gecovert. Der Musikkritiker Jody Rosen widmete dem Song ein ganzes Buch - "White Christmas - The Story of an American Song", 2002. Crosby nahm fortan Jahr für Jahr ein neues Weihnachtslied fürs Radio auf - Nachahmer folgten alsbald.

Selbst die Halbstarken, die in den fünfziger Jahren mit dreckigem Rock'n'Roll ihre Eltern verschreckten, hatten mit Weihnachtsschnulzen überraschend wenige Probleme. Davon zeugen noch heute die immer wieder neu aufgelegten Weihnachts-CDs von Elvis Presley - beileibe nicht alle Aufnahmen darauf stammen aus seiner aufgeschwemmten Spätphase. Erst in den Sixties sah man Weihnachtspop als Vehikel des apolitischen Establishments. Die Beatles, Dylan, die Stones weigerten sich damals, Jahresend-Singles einzuspielen. Und als Ex-Beatle John Lennon sich 1972 doch dazu durchrang, steckte in seinem Adventslied ein kräftiger Schuss Agitation: "Merry Xmas (War is over)".

Ausgerechnet in den gierigen Achtzigern fanden dann auch Klingglöckchen und Klingelbeutel zusammen. "Do they know it's Christmas", fragte Band Aid am 10. Dezember 1984. Das Lied von Bob Geldof und Midge Ure spielte einen zweistelligen Millionenbetrag für die Äthiopien-Hilfe ein, indem es in mehr als einem Dutzend Länder Platz eins der Charts erklomm. 1989 und 2004 wurde das Lied von jeweils anderen Künstlerkollektiven neu eingespielt.

Kurzfristige Unsterblichkeit

Der Spendensammelsong vermasselte auch jenem Lied die Tour, das heute wohl wie kein zweites für die adventliche Dauerberieselung steht, "Last Christmas" des Duos Wham. George Michael und Andrew Ridgeley konnten Band Aid nicht von der Chart-Spitze verdrängen, traten als faire Verlierer aber beim gemeinsamen Benefizkonzert auf. Inzwischen wird "Last Christmas" nachgesagt, einer der erfolgreichsten Songs der Popgeschichte zu sein - und wohl der bestverkaufte, der es nie auf Platz eins der Hitparade geschafft hat. Die "Welt am Sonntag" stilisiert den Song wegen seiner leichtfüßigen Symbiose aus Tradition (Weihnacht) und Nabelschau (Liebeskummer) gar zur "Hymne des jungen Bürgertums".

Melissa Etheridges Album wird dies vermutlich nicht gelingen. Weder Jugendlicher noch junge Bürger würde wohl je versuchen seine Eltern mit einem Lied zu schocken, das den Titel "O Night Divine" trägt.



insgesamt 6 Beiträge
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Bernhard Bahners, 11.12.2008
1.
So klingt Weihnachten auf der ganzen Welt! Die Möglichkeiten des Radio via Internet sind genial - so kann man auf die Hörreise rund um die Welt samt Weihnachtstradition von Lettland bis Kanda gehen. Neben Wham! und Bing Crosby - von Jazz auf http://merrychristmas.radio.de über Evergreens auf http://northpole.radio.de bis hin zu Swing-Klassikern auf http://classicholiday.radio.de. Meine Senderauswahl http://xmasinfrisko.radio.de http://christmaslounge.radio.de http://christmaschannel.radio.de http://xmasmelody.radio.de http://skyfmchristmas.radio.de http://christmasradiofm.radio.de http://xmasgeschichten.radio.de
Manfred Hutter, 11.12.2008
2.
Das muss noch auf die Liste: Slades "Merry Xmas Everybody" von 1973! Weihnachtlichste Zeile: "So here it is, Merry Christmas, Everybody's having fun, Look to the future now It's only just begun.". Absurdeste Zeile: "Do you ride on down the hillside In a bobby you have made? When you land upon your head then you've been Slade".
Lukas Lichte, 11.12.2008
3.
Und noch ein Lied fehlt. "Thank God it's not Christmas!" von den Sparks. Sinnigerweise bekam ich die Platte mal zu Weihnachten geschenkt...
torben sparr, 12.12.2008
4.
Ich kann Abhilfe schaffen. Hier mal ein wirklich NEUES Weihnachtslied - und gratis dazu...: http://www.greetings-from-qage.com/ Na dann, frohes Fest!!!
Ulrich Eisele, 12.12.2008
5.
Dem kann ich nur entschieden beipflichten, siehe auch hier http://www.youtube.com/watch?v=6OAUs0rcsA4&feature=related Ich erinnere mich an eine Jahresabschlussfeier im Studentenhaus in Leeds, wo dieses Lied ununterbrochen lief, alles auf den Tischen stehend mitgröhlte und am Fußboden das Bier schwamm. Einfach grandios !! Das muss noch auf die Liste: Slades "Merry Xmas Everybody" von 1973! > >Weihnachtlichste Zeile: "So here it is, >Merry Christmas, >Everybody's having fun, >Look to the future now >It's only just begun.". > >Absurdeste Zeile: "Do you ride on down the hillside >In a bobby you have made? >When you land upon your head then you've been Slade".
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