Bunker-Fotografie in Israel Schön sicher

Hunderttausende Bunker dienen Israels Bevölkerung als Unterschlupf, sobald im Land die Sirenen heulen. US-Fotograf Adam Reynolds erhielt Einlass - und stieß auf Kneipen, Fitness- und Tanzstudios.

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Wo die Menschen sonst um ihr Leben bangen müssen, tanzen, trinken oder schwitzen sie täglich. Über Jahrzehnte hinweg hat sich Israels Bevölkerung auf ein ungewisses Leben in ständiger Angst eingerichtet - im wörtlichen Sinn.

Konflikte und Kämpfe prägen die Geschichte des Staates schon seit seiner Gründung am 14. Mai 1948 - bereits wenige Stunden später erklärten ihm die arabischen Nachbarn den Krieg. Auch das ein Jahr später geschlossene Waffenstillstandsabkommen erwies sich als brüchig. 1951 wurde ein Zivilschutzgesetz verabschiedet, das im Lauf der Zeit die Architektur des gesamten Landes veränderte: Alle Wohn- und Geschäftsgebäude müssen seither Zugang zu einem bombensicheren Schutzraum haben. Rund eine Million sollen es mittlerweile sein.

Statt mit Beklemmung und Todesfurcht füllen die Israelis ihre Bunker mit Leben. Tänzerinnen nehmen darin Flamenco-Unterricht, ein Personaltrainer betreibt ein Fitnessstudio, Bands spielen in unterirdischen Pubs. Der US-Fotograf Adam Reynolds dokumentierte die andere Seite dieser "Weltuntergangsräume", wie er sie nennt.

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Bunker in Israel: Kein Ort von Traurigkeit

"Bis Anfang der Neunzigerjahre lagen die Bunker größtenteils unter der Erde oder im Erdgeschoss, in aller Regel waren sie verwahrlost und nicht anderweitig nutzbar", erinnert sich der Architekt Ami Shinar aus Tel Aviv. 1991 habe sich das geändert: "Schutzräume wandelten sich zu Mehrzweckräumen, die in die Wohnungen integriert wurden. Eine viel bessere Lösung." Seither entstehen pro Jahr 30.000 bis 50.000 neue Wohnungen mit angeschlossenen Bunkern. Und die Schutzräume wurden immer ausgeklügelter: Mittlerweile sollen sie auch Angriffen mit nicht konventionellen Waffen standhalten.

Der Unterbau des Habimah-Nationaltheaters in Tel Aviv fasst im Ernstfall bis zu 1600 Personen. Eine weitere mehrgeschossige Tiefgarage lässt sich innerhalb von 48 Stunden in die Sammy-Ofer-Notfallklinik umwandeln - eine bombensichere Intensivstation mit 1000 Betten. Sie kann sieben Tage lang autonom betrieben werden und verfügt über eigene Sauerstofftanks, Strom- und Wasseranschlüsse sowie einen Operationssaal.

Neben den privaten gibt es auch öffentliche Bunker, für die die Gemeinden zuständig sind. Um die finanzielle Last zu mindern, gestatten die Behörden eine anderweitige Nutzung. Um für sein Projekt an diese Orte vorzudringen, wählte Reynolds also zunächst den Weg über die Stadtverwaltungen: "Ich rief dort an, erklärte mein Vorhaben, und oft führten mich Mitarbeiter sogar zu den verschiedenen Standorten." Andere Bunker entdeckte er zufällig, etwa durch aus dem Boden ragende Lüftungshauben. Ein Einheimischer knüpfte für Reynolds Kontakte und gab ihm Tipps. Gerade für die privaten Schutzräume, die den Großteil der Bunker ausmachen, sei das enorm hilfreich gewesen.

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Adam Reynolds, Dr. Danille Spera:
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In den bombensicheren Hochsicherheitskonferenzraum des Parlamentsgebäudes - dem Sitz der Knesset - in Jerusalem gelangte er hingegen mit etwas Glück. "Das habe ich meinem schlechten Hebräisch zu verdanken. Ich brachte zwei Wörter durcheinander, sodass die Mitarbeiter der Pressestelle dachten, ich wolle in einen ganz anderen Raum." Das Missverständnis klärte sich erst im Parlamentsgebäude auf und man ließ ihn gewähren. Auch die Flamenco-Tänzerinnen störten sich nicht an ihm. Reynolds fokussierte sich ohnehin auf die Architektur der Bunker, Personen sparte er größtenteils aus.

Während der Arbeit habe er versucht, sich von seinen Ansichten zum Nahostkonflikt zu lösen. Reynolds fotografierte auch in den Siedlungen im Westjordanland und den Golanhöhen - Gebiete, die israelische Truppen 1967 im Sechstagekrieg eroberten. "Um einen möglichst breiten Überblick zu geben, habe ich Schutzräume auf beiden Seiten der 'Grünen Linie', in ganz Israel und den besetzten Gebieten, dokumentiert."

Die Infrastruktur unterscheide sich von Stadt zu Stadt: "In Haifa wurden die Bunker nach dem Krieg gegen die Hisbollah 2006 aus Furcht vor einem erneuten Krieg vergrößert und stärker befestigt", sagt Reynolds. In Jerusalem machten viele Zivilbunker einen veralteten Eindruck, "weil man hier erst seit dem Gazakrieg 2014 wieder mit Raketenbeschuss rechnet". In Gemeinden nahe des Gazastreifens müssen die Einwohner innerhalb von 15 Sekunden nach einem Raketenalarm einen Schutzraum erreichen. Sie sind übersät mit sogenannten "mamads", ein Bunkermodell aus Stahlbeton, das etwa zehn Quadratmeter groß ist und an jedes Haus angebaut werden kann.

Sderot ist eine solche Gemeinde. Neben Tausenden "mamads" steht dort der bisher einzige bombensichere Bahnhof Israels. Die Eingänge des keilförmigen Gebäudes aus Stahlbeton sind nach Osten ausgerichtet, abgewandt vom Gazastreifen. Entworfen hat ihn der Architekt Shinar. Die Bunker sind Teil seines Jobs. Rund 2000 Schutzräume hat er schon entworfen, einige davon in Schulen.

Den Trend zu immer mehr atomsicheren Bunkern sieht er zwiespältig: "Statt uns gegen den Weltuntergang zu wappnen, sollten wir unser Möglichstes tun, um mit allen unseren Nachbarn an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Ja, wir leben in einer instabilen Region, aber ich bin der festen Überzeugung, wir sollten uns lieber viel intensiver um Frieden bemühen, anstatt immer nur weitere Milliarden für die Verteidigung aufzuwenden."

Adam Reynolds
Adam Reynolds/Edition Lammerhuber

Adam Reynolds

Fotograf Reynolds selbst erlebte seinen ersten Alarm während des Gazakriegs im Sommer 2014. Als die Sirenen heulten, befand er sich in seiner Jerusalemer Wohnung. "Ironischerweise hatte gerade dieses Gebäude zu der Zeit keinen Zugang zu einem Bunker." Stattdessen harrte er mit den anderen Hausbewohnern im Treppenhaus aus. "Es ist schon komisch, du kannst förmlich fühlen, was da draußen passiert: Wenn eine Rakete auf dem Boden einschlägt, spürst du die Druckwelle von unten kommend; wenn das Raketenabwehrsystem 'Iron Dome' sie vom Himmel holt, kommt die Druckwelle von oben."

Die Bilder seiner mehrjährigen Arbeit in Israel veröffentlichte Reynolds jetzt im Band "Architecture of an Existential Threat". Noch bis zum 8. Oktober 2017 sind seine Fotografien im Jüdischen Museum in Wien zu sehen.



insgesamt 3 Beiträge
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Gunnar Ganz, 01.09.2017
1. Aus der Not eine Tugend gemacht!
Wunderbar pragmatisch, ein Wesenszug der bei uns weitgehend verloren gegangen ist.Natürlich ist die Situation eine ungleich andere,aber so ein bisschen nach Israel 'schielen',täte auch Frau von der Leyen zu manchen Denkanstößen verhelfen.Statt externer Wirtschaftsprüfungsunternehmen wären ein paar israelische Generäle als Prüfer der Bw angesagt ....was die bloß sagen würden? Danke
Werner Brach, 02.09.2017
2.
Statt sich um einen Frieden zu bemühen bauen die Israelis lieber Bunker, ach ja die Unterstützung aus den USA wird auch unter Trump nicht gekürzt.
hans stamm, 12.09.2017
3. tolle Fotos
interessanter Beitrag
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