Israelische Hippies nach dem Sechs-Tage-Krieg Sinai, ein Sommermärchen

Im Sechs-Tage-Krieg eroberte Israel den Sinai. Die Halbinsel wurde zum Sehnsuchtsort: Dort liebten Hippies sich und das Leben, Naturschützer die endlosen Weiten und Urlauber den Nonstop-Sonnenschein.

Avraham Shaked

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Jael Dayan war überwältigt, als sie im Juni 1967 das erste Mal in ihrem Leben den Sinai sah. Die Wüste der Halbinsel kam ihr "gigantisch und tödlich" vor, wirkte "eintönig, farblos und feindlich". Die israelische Soldatin, 28, schrieb diese Beobachtungen in ihr Kriegstagebuch. Es war ein Krieg, bei dem ihr Vater eine zentrale Rolle spielte. Sein Name: Moshe Dayan.

Dayan war Israels Verteidigungsminister im Sechs-Tage-Krieg - der mit der Augenklappe. Die Soldaten des einäugigen Ex-Generals und Politikers eroberten in diesem Waffengang neben dem Gazastreifen, den Golanhöhen, Ostjerusalem und dem Westjordanland auch die 60.000 Quadratkilometer große Halbinsel. Der Sinai reicht vom Süden Israels bis zum Suezkanal, der Asien von Afrika trennt.

DER SPIEGEL

Mit einem Präventivschlag besiegte das bedrohte Israel rasch drei arabische Armeen. Danach hatten die Regierungen in Jerusalem viele Pläne für den Sinai: Im Norden, entlang der Mittelmeerküste zwischen al-Arisch und Rafah, wo heute ein Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" mordet, sollte bis 2050 eine Viertelmillion Israelis in 100 Dörfern und einer Stadt leben. Auch ein Tiefseehafen und sogar ein Atomreaktor waren angedacht.

Es kam anders, lediglich ein Dutzend landwirtschaftlicher Siedlungen und eine Gartenstadt entstanden vor den Toren von Gaza. Viel weniger als geplant - und doch viel mehr, als vor 1967 möglich schien. In diesen Orten lebten mitten im Kalten Krieg vor allem jüdische Einwanderer aus den USA und der Sowjetunion. Sie hatten einen Traum: ein Paradies der Werktätigen auf dem Sinai aufzubauen.

Mischung aus Indiana Jones und Rolf Eden

Die Pionierideale wirkten nach dem Sechs-Tage-Krieg vor allem auf Neueinwanderer anziehend. Vielen jungen Israelis indes taugten sie nur noch für Witze. So stand unter "Zionismus" in einem beliebten humoristischen Slang-Lexikon damals der Eintrag: "Nonsens. Geschwollene Rhetorik ohne Inhalt, Moralpredigten."

Die, die so dachten, fanden nach 1967 auf dem Sinai ihre Heimat. Nicht in den Kommunen der verspäteten zionistischen Mayflower-Generation im Norden, sondern im Süden der Halbinsel - am Golf von Akaba und im zerklüfteten Hinterland.

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Hippies auf dem Sinai: Ab in den Süden, ab in den Sonnenschein

Israel baute nach dem Krieg eine Straße entlang des Meeres, die längste des Landes. Sie führte von der Palmenoase Taba über Nuweiba und Dahab bis zu der von Mangrovenwäldern gesäumten Korallenküste bei Scharm al-Scheich.

Als einer der Ersten ließ Rafi Nelson sich nach dem Krieg auf dem Südsinai nieder. Der flamboyante Gastronom war eine Mischung aus Indiana Jones und Rolf Eden, führte eine wilde Ehe mit einer israelischen Flamenco-Tänzerin und in Taba den "Saloon und Beach Club".

Fahrt in die Freiheit

Seine Schönheitsköniginnenwettbewerbe und der feuchtfröhliche Vibe zogen Tel Avivs Party-Prominenz an, aber auch internationale Stars wie die schwedische Filmikone Ingrid Thulin und Bodybuilder Arnold Schwarzenegger, den damaligen "Mr Universum".

Die Ferienanlage stand am Anfang der Straße - geografisch und symbolisch. Dahinter begann ein anderes Land, wo die Sonne nonstop schien und der Nahostkonflikt, zumindest gefühlt, weit weg war. Ein Novum in der israelischen Geschichte.

Es kam zu einem umgedrehten Exodus: Der Sinai wurde zum Magneten für israelische Backpacker, deren Söhne und Töchter heute Vollmondpartys im indischen Goa feiern und spirituelle Reisen nach Kathmandu unternehmen.

Damals hießen die Ziele Nuweiba, Dahab und Scharm al-Scheich. Sie wurden zu Sehnsuchtsorten für jene, die sich nach (innerem) Frieden sehnten. Die Küstenstraße war der Highway für eine Fahrt in die Freiheit. Sex, leichte Drogen und Rock'n'Roll gaben den Tagesrhythmus vor.

Woodstock in der Wüste

Als Burton Bernstein, Reporter des "New Yorker", in den Siebzigerjahren nach Nuweiba kam, traute er seinen Augen nicht: "Die Atmosphäre war anachronistisch" und erinnerte ihn an Provincetown, Hippie-Hochburg in den USA. Bernstein traf auf Hunderte halbnackte junge Männer und Frauen, von denen manche Backgammon mit sich selbst spielten - und der Barkeeper im örtlichen Feriendorf "sang frühe Beatles-Songs beim Servieren von Burgern und Pommes".

Via Sinai hielt englischsprachige Popmusik Einzug in Israel - spätestens am letzten Augustwochenende 1978 mit dem Nuweiba Festival. Tausende junge Israelis legten dort einen Bibelvers auf ihre eigene Weise aus: "So spricht Jahwe, der Gott Israels: Laß mein Volk ziehen, damit sie mir in der Wüste ein Fest feiern können."

Sie tanzten, sangen, und sie liebten sich im warmen Sand des Sinai - am Ende jener kurzen Epoche, "in der die Menschen keine Angst mehr vor Syphilis hatten und sich noch nicht vor Aids fürchteten", wie es der Schriftsteller Joram Kaniuk ausgedrückt hat. Das Who is Who der israelischen Musikszene performte bei diesem Woodstock in der Wüste.

Auch Richie Havens war dort. Die amerikanische Folk-Legende hatte einst das Woodstock-Festival mit seinem Schrei nach Freiheit ("Freedom!") eröffnet. Den musikalischen Höhepunkt markierte aber der Auftritt des israelischen Sängers Schlomo Artzi. Auf Hebräisch sang er "Sir Duke" von Stevie Wonder:

"Music is a world within itself
With a language we all understand
With an equal opportunity
for all to sing, dance and clap their hands."

Manche zog es noch weiter nach Süden - nach Scharm al-Scheich, das die Israelis Ophira nannten. Wo es zuvor nur eine ägyptische Militärgarnison gab, bauten sie ein Touristenzentrum auf, das bis heute Millionen besucht haben.

Das Aroma der Wildnis

Im Zuge der 15-jährigen israelischen Besatzung entstand eine moderne Kleinstadt mit Campingplätzen und Tauchschulen, Diskotheken und Hotels, darunter das koschere Desert Inn Caravan Resort Village. Das nationale Naherholungsgebiet zog die Mittelschicht magisch zum Urlauben an. Dauerhaft lebten aber in dieser Enklave ohne Fernsehempfang nie mehr als 1000 säkulare Aussteiger.

Rund zwei Dutzend der Spezies "Homo Sinaiticus", wie der Schriftsteller Aharon Megged diese Israelis genannt hat, zogen sich gar in das Gebirge des Südsinai zurück. Es waren Abenteurernaturen auf der Suche nach dem Aroma der Wildnis, oder dem, was sie dafür hielten.

Einen Steinwurf vom weltberühmten Katharinenkloster entfernt, errichteten sie ein Naturschutzzentrum, unternahmen mehrwöchige Kamel-Expeditionen und tagelange Wanderungen. Beileibe nicht alles war also Jux und Party. Die Israelis erforschten Wadi für Wadi, kartierten Land und Pflanzenarten. Schritt für Schritt entstand so eine aktuelle Landkarte, die es vor 1967 nicht gegeben hatte. Die Bücher des amerikanischen Schriftsteller-Philosophen Henry David Thoreau waren die Bibeln dieser israelischen Grünen.

"Freiheit ist weder eine Flagge noch ein Staat"

Als sich Israel 1978 mit Ägypten im Rahmen der Friedensverhandlungen von Camp David auf einen mehrstufigen Rückzug vom Sinai einigte und beide Länder 1979 Frieden schlossen, nahmen auch die israelischen Bewohner Abschied von ihrer Schatzhalbinsel.

Avraham Shaked, Direktor des Naturschutzzentrums, versuchte 1979 in einer Rede zum Pessach-Fest in Worte zu fassen, was der Sinai für ihn bedeutete: "Hier, in der Wüste Sinai, sind wir ein freies Volk geworden", sagte er in Anspielung auf die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten. "Freiheit ist weder eine Flagge noch ein Staat. Freiheit ist, ein unbekanntes Land zu entdecken und sich ihm ehrfurchtsvoll zu nähern."

Shaked schloss mit den Worten: "Der Geschmack von Freiheit ist der Rausch der endlosen Weiten. Wir haben diesen Geschmack kennengelernt. Und ein freies Volk soll nicht zurückkehren in das Haus der Sklaverei." Gemeint war: Israel, das sich im Frühjahr 1982 endgültig vom Sinai zurückzog.

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