Killerkommando "Caesarea" Der Zwei-Jahrzehnte-Rachefeldzug

Killerkommando "Caesarea": Der Zwei-Jahrzehnte-Rachefeldzug Fotos
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Vergeltung für das Attentat von München: Bei den Olympischen Spielen 1972 töteten Palästinenser elf Israelis, die Antwort des Mossad war blutig. Zwanzig Jahre lang jagten Agenten die Drahtzieher des Anschlags, weltweit tötete das Kommando "Caesarea" Terroristen - und Unschuldige. Von

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Um kurz nach halb elf am 21. Juli 1973 war die Welt zum letzten Mal in Ordnung für Toril Larsen-Bouchiki. Der Linienbus kam langsam zum Stehen, die junge Norwegerin mit dem Babybauch stieg aus, raus in den Sommerabend im norwegischen Lillehammer. Bei ihr war auch der Vater ihres ungeborenen Kindes, ein dunkelhäutiger Mann von 1,70 Meter. Gemeinsam hatten sich die beiden den Kriegsfilm "Agenten sterben einsam" im Kino angesehen, nun schlenderten sie noch ein wenig händchenhaltend die Porobakakan-Straße entlang. Plötzlich hielt ein Auto neben ihnen. Zwei Männer stiegen aus und schossen mit schallgedämpften Beretta-Pistolen auf den werdenden Vater. Er starb neben seiner schreienden Frau auf dem Gehweg.

Die Killer rasten in ihrem Mietwagen davon. Sie arbeiteten für den israelischen Geheimdienst Mossad und waren überzeugt, soeben einen ihrer Erzfeinde getötet zu haben: den Palästinenser Ali Hassan Salameh, Spitzname "Roter Prinz". Der war, so hatten ihre Ermittlungen ergeben, einer der Drahtzieher bei der Geiselnahme israelischer Olympia-Teilnehmer 1972 in München gewesen, bei der alle Geiseln getötet worden waren.

Seit dem "Massaker von München" jagten israelische Spezialisten die Hintermänner der Geiselnahme. Es war eine staatlich organisierte Operation gewaltigen Ausmaßes, die "Times"-Journalist Aaron Klein in seinem Buch "Die Rächer" als "Operation Zorn Gottes" bezeichnete. Dutzende Agenten spionierten den mutmaßlichen Drahtziehern der Geiselnahme nach, unzählige Männer landeten auf ihrer geheimen Todesliste und wurden vom gefürchteten Mossad-Killerkommando "Caesarea" gejagt und erschossen oder in die Luft gesprengt - weltweit, zwei Jahrzehnte lang.

Perfekt organisierte Tötungsmaschinerie

Begonnen hatte das Blutvergießen am 5. September 1972 in München. Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" hatten sich in das Olympische Dorf geschlichen und im Quartier der israelischen Delegation Geiseln genommen. Mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen und dilettantische Polizeiarbeit endeten schließlich im Desaster: Die Terroristen töteten elf Sportler, außerdem starben fünf Attentäter und ein deutscher Polizist. Die Spiele wurden demonstrativ fortgeführt - doch die Rache Israels folgte umgehend.

Schon drei Tage nach der Tragödie griffen Jagdflieger im Libanon und in Syrien Palästinenserlager an. 200 Menschen starben, nach israelischen Angaben ausschließlich Terroristen. Etwas später schickte die Regierung in Jerusalem 1350 Soldaten mit Panzern und Kampfflugzeugen in den Südlibanon, wo die Armee 45 Männer erschoss und Hunderte Häuser zerstörte. Es war ein blutiger Vergeltungsfeldzug - doch den eigentlichen Gegenschlag kündigte Israels Regierungschefin Golda Meir erst Ende September in der Knesset an: "Wo immer ein Anschlag vorbereitet wird, wo immer Menschen die Ermordung von Juden und Israelis planen - genau dort müssen wir zuschlagen."

Um dieses Ziel zu erreichen, entstand unter Meirs Kontrolle ein System zur Tötung mutmaßlicher Terroristen: Zunächst verhandelte ein geheimes "Komitee X" über Verdächtige, dann kam im Falle eines Todesurteils Mossad-Offizier Michael Harari mit seinem Ceasarea-Kommando zum Zug. Dies bestand aus verschiedenen Grüppchen in wechselnder Besetzung, benannt nach dem hebräischen Alphabet: "Aleph" waren die beiden Killer, "Beth" die Chauffeure und Bodyguards, "Chet" mieteten als vermeintliches Liebespaar Wohnungen und Autos. Die Koordination der Aktion hing an den sechs bis acht Agenten der Gruppe "Ajin" - sie kundschafteten die Opfer aus und bestimmten den idealen Zeitpunkt für die staatlich gebilligten Bluttaten. Und die sollten nicht lange auf sich warten lassen.

Am 16. Oktober, sechs Wochen nach der Geiselnahme von München, betrat der 36-jährige Schriftsteller Wael Zwaiter, der als Übersetzer für die libysche Botschaft in Rom arbeitete, abends den Hausflur vor seiner Wohnung an der Piazza Annibaliano. Dort erwarteten ihn bereits zwei Männer, die ihm zwölf Mal in Kopf und Brust schossen und daraufhin in einem Fiat 125 zum Flughafen eilten. Zwaiter musste sterben, weil die Israelis ihn für den Chef des "Schwarzen September" in Italien hielten. Doch laut Journalist Klein war er "bestenfalls ein kleiner Fisch in einem Meer voller Haie." Und der Mossad hörte nicht auf zu fischen.

Desaster in Norwegen

So klingelte etwa am 8. Dezember 1972 in der Pariser Wohnung des Historikers Mahmoud Hamshari das Telefon. Als der Familienvater den Hörer abnahm, detonierte unter dem Apparat eine ferngezündete Bombe. Fünf Monate später starb der irakische Jurist Basil al-Kubaissi im Kugelhagel schallgedämpfter Pistolen, als er das Café de la Paix in Paris verließ. Beide Opfer, so rekonstruierte es Klein später, hatten mit dem Olympia-Attentat möglicherweise gar nichts zu tun. Doch die Mossad-Verantwortlichen waren zufrieden - und wagten sich nun ins Feindesland.

16 Agenten landeten am Abend des 9. April 1973 mit Schlauchbooten an der Küste der libanesischen Hauptstadt Beirut. Das "Caesarea"-Kommando der Operation "Frühling der Jugend" war schwer bewaffnet und wurde vom späteren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak angeführt - mit Damenperücke und Sprengstoff im Dekolleté. In bereitgestellten Leihwagen fuhr die Gruppe zu den Wohnungen der PLO-Repräsentanten Muhammed Jussuf Nadschar, Kamal Adwan und Kamal Nassir. Kurz nach Mitternacht waren alle drei tot. Als wenig später auch die Funktionäre Siad Muchsi, Musa Abu Seiad, Abd al-Hamid Schibi, Abd al-Hadi Naka’a und Mohammed Budia von israelischen Agenten getötet wurden, herrschte bei der PLO Panik - und beim Mossad Euphorie. Bis zum 21. Juli 1973.

An diesem Abend starb in Lillehammer vor den Augen seiner schwangeren Frau der Mann, den die Killer für Ali Hassan Salameh hielten. Der Erschossene war allerdings weder Palästinenser noch Terrorist, vor allem aber hieß er nicht Ali Hassan Salameh - sondern Ahmed Bouchiki: Marokkaner, Vater, Kellner. Das "Caesarea"-Team hatte einen Unschuldigen getötet. Die norwegische Polizei verhaftete ein halbes Dutzend israelischer Agenten, fünf von ihnen wurden zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, in einem Prozess, der das erbarmungslose Vorgehen des Mossad vor aller Welt bloßstellte. Ein Desaster für die israelische Regierung.

"Israel wird keine Verantwortung übernehmen"

Die stritt die Verantwortung für die tödliche Verwechslung zwar ab, doch Ministerpräsidentin Meir verordnete der "Caesarea"-Einheit trotzdem eine Pause. So erwischte der Mossad erst sechs Jahre später den gesuchten Ali Hassan Salameh: Als der Palästinenser am 22. Januar 1979 in einem Chevrolet zur Geburtstagsfeier seiner Mutter in Beirut fuhr, explodierte auf einer belebten Kreuzung im Westen der Stadt ein mit Plastiksprengstoff vollgepackter Volkswagen. Mit Salameh starben laut "Hamburger Abendblatt" zwölf Passanten, darunter eine deutsche Nonne.

Der Mossad wähnte sich nun fast am Ziel - und doch sollte es bis zum letzten Einsatz des Kommando "Caesarea" noch 13 Jahre dauern: Im Juni 1992, 20 Jahre nach der Tragödie von München, kehrte PLO-Geheimdienstchef Atef Bseiso von einem Treffen in Berlin mit deutschen Verfassungsschützern nach Paris zurück, als zwei Unbekannte an ihn herantraten und drei Kugeln in seinen Kopf schossen. Er war wohl das letzte Opfer der "Caesarea"-Killer. Ihr Ziel hatten sie trotzdem nicht erreicht: Die Hintermänner Abu Ijad und Abu Daoud erwischten sie nicht. Und dann war da noch die Tragödie von Lillehammer.

Denn die Schüsse auf den Kellner Ahmed Bouchiki sollten das internationale Ansehen Israels 23 Jahre lang belasten. Erst im Januar 1996 bot Ministerpräsident Schimon Peres der Familie des erschossenen Bouchiki eine Entschädigung von 400.000 Dollar an - jedoch unter einer Bedingung: "Israel wird keine Verantwortung übernehmen", sagte Peres laut der "New York Times" auf einer Pressekonferenz, "denn Israel ist keine Mordorganisation."

Zum Weiterlesen:

Aaron J. Klein: "Die Rächer. Wie der israelische Geheimdienst die Olympia-Mörder von München jagte". Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 296 Seiten.

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1.
Jewgeni Zhenja 22.07.2013
Der Autor hat offensichtlich vergessen, dass die Unschuldigen nicht das Ziel von Mossad waren. Und den roten Prinzen als unschuldigen Engel darzustellen ist Heuchelei hoch 10 - ist aber typisch für SPON
2.
P.C. Corey 22.07.2013
Israel ist keine Mordorganisation?? Am Ende des Artikels sind knapp 260 Unschuldigen gestorben. Und Peres behauptet : "Israel ist keine Mordorganisation" ?? Nur USA und Israel dürfen straffrei im Ausland töten
3.
Sven Seifert 22.07.2013
Racheaktion? Bei anderen Staaten wuerde das als Staatsterrorismus bezeichnet! Ist hhalt immer die Frage, welche Grossmacht einem den Ruecken freihaelt. Oder welcher man auf die Schuhe pinkeln will.
4.
Rainer Duffner 22.07.2013
Wenn man Verbrechen verfolgt ist wohl die grösste Gefahr die, zu dem zu werden was man eigentlich bekämpft. Das ist ja auch das Problem, das die USA noch recht konsequent verdrängen. Aber irgendwann holt die Realität alle ein.
5.
Michael Jäckel 22.07.2013
Traurige Gewaltspirale. Aus elf Opfern werden mehr als 260 Opfer. International operierende Selbstjustiz. Heute erledigen das Drohnen, die Verteidigungsminister Thomas de Maizière "ethisch neutrale Waffen" nennt. Das Gewalt Gegengewalt bewirkt und die meisten Feinde hausproduziert sind, wird leider nicht gesehen.
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