Italo-Disco Wammosallaplaia, ohououo!

Das hatten Deutschlands Tanzflächen noch nicht gesehen: In den grellen Achtzigern tanzte die Republik alla Carbonara. Und sang hemmungslos Strandlieder über den Atomkrieg mit. einestages über Italo-Disco, den Wahn um Sabrina, Tony Esposito und Co. - und was aus den einstigen Stars geworden ist.

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Der dunkelhaarige junge Mann im Musikvideo hebt sein Glas kaum merklich, wie zum Anstoßen, bevor er einen tiefen Schluck nimmt. Ruhig sieht er den braungebrannten Frauen auf dem Bürgersteig hinterher. Zwei Mädchen in Hot Pants fahren auf Rollschuhen immer im Kreis, und von irgendwo klingt Musik herüber. Er stellt sich in die Mitte des Kreises und beginnt, zur Musik zu tanzen. Und singt: "Wir leben wie im 'Dolce Vita' - heut Nacht werden wir träumen!"

Tatsächlich war für Fabio Roscioli, so der Name des jungen Manns, 1983 mit seinem Lied "Dolce Vita" ein Traum in Erfüllung gegangen. Nach einem abgebrochenen Architekturstudium und einigen Versuchen als Schauspieler hatte er eigentlich nur einen Keyboarder für seine Band gesucht. Er erinnert sich: "Dadurch traf ich Pierluigi Giombini. Und der hatte diesen Song 'Dolce Vita' geschrieben." Von dem Musikbusiness habe er damals überhaupt keine Ahnung gehabt, doch als er unter dem Künstlernamen "Ryan Paris" Dolce Vita aufnahm, änderte sich alles: Die Platte verkaufte sich mehr als fünf Millionen Mal. Über Nacht wurde der Italiener mit dem französischen Namen zum Star - vor allem in Deutschland.

Etliche musikalische Quereinsteiger aus Italien schafften in den frühen achtziger Jahren einen plötzlichen Durchbruch in den deutschen Charts. Etwa die ligurische Schönheitskönigin Sabrina Salerno, die mit freizügigen Outfits und Hits wie "Sexy Girl" das Klischee der heißblütigen Südländerin bediente. Oder der Diplomatensohn Paul Mazzolini, der als "Gazebo" den Smoking tragenden italienischen Weltmann gab und "I like Chopin" säuselte. Mit süßlichen Synthesizer-Melodien und simplen Beats aus dem Drumcomputer prägten sie einen neuen, völlig synthetischen Sound, der als "Italo-Disco" Musikgeschichte schreiben und zum Vorgänger der Trance- und House-Musik werden sollte.

Raumschiff im Wohnzimmer

Ermöglicht worden war diese Invasion der Amateurmusiker durch technische Neuerungen: Anfang der Achtziger waren die ersten auch von Normalsterblichen bezahlbaren Synthesizer erschienen - etwa der Korg Polysix oder der Yamaha DX7. Gleichzeitig hatte die Firma Roland mit dem TR-808 den ersten auch für Privatanwender bezahlbaren Drumcomputer auf den Markt gebracht. Für Hobbymusiker wurde ein Traum wahr: Mit den neuen Technikspielzeugen konnte plötzlich jeder zu Hause Musik komponieren und aufnehmen - ohne aufwendige Studiotechnik und eine Band. So manches Wohnzimmer verwandelte sich so in ein provisorisches Tonstudio und wurde dabei so mit Elektronik vollgepackt, dass es anmutete wie ein Raumschiffcockpit.

Dieses Ambiente passte perfekt zum futuristischen Sound des neuen Musikstils: Ausschließlich mit synthetischen Klängen produziert, wirkten die Songs künstlicher und glatter als die der vorangegangenen Funk- und Disco-Ära. Hinzu kam der Umstand, dass viele der neuen Wohnzimmer-Musikproduzenten einfach nicht singen konnten und aus der Not eine Tugend machten: Bands wie die Lectric Workers ("Robot is Systematic") oder Kano ("I'm Ready") sangen oder sprachen ihre Texte einfach durch einen Vocoder-Effekt, der ihre Stimmen wie die eines Roboters klingen ließ. Die Texte waren dadurch kaum noch zu verstehen. Was manchmal wohl auch besser so war.

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Dolce-Vita-Pop: Sonne, Strand und Carbonara

Denn gesungen wurde auf Englisch, weil das als cool galt - egal, ob man die Sprache nun beherrschte oder nicht. Das Ergebnis verschwand in manchen Fällen - wie bei dem Italo-Pop-Playboy Gary Low - unter einem so dicken italienischen Akzent, dass es kaum noch zu verstehen war. Oft aber hörte man leider nur zu gut, was gesungen wurde: "Living with a synthesizer/cold as repeat", sang etwa Gazebo in "Love in Your Eyes". Fancy behauptete derweil in "Slice Me Nice": "I'm a cake that wants to be baked!" Und Sun La Shan trällerte: "Inoky is very find! Great performance: Look, is like dance!" Aber um Texte ging es hier schließlich nicht - sondern ums Tanzen. Und getanzt wurde zum Italo Disco bald in ganz Europa. Dank eines Mannes namens Bernhard Mikulski.

Ein Kaiser namens Mikulski

Mikulski stammte nicht aus Rom, Turin oder Venedig, sondern aus dem hessischen Merenberg: 3000 Einwohner, eine Handvoll Fachwerkhäuser, eine Burgruine - urdeutsche Gemütlichkeit statt Dolce Vita. Und doch sollte es 1983 zur musikalischen Hauptstadt Italiens werden - mit Mikulski als Kaiser. Der war in den Sechzigern als Produzent und Mitinhaber der Plattenfirma CBS tätig gewesen, dann aber ausgestiegen, um gemeinsam mit seiner Frau Christa sein Glück mit der Plattenladenkette Pop Shop zu versuchen, die hauptsächlich billige Importschallplatten vertrieb. Das Geschäft (mit den importierten Platten) lief so blendend, dass die Mikulskis nach einigen Jahren einen Großhandel eröffnen konnten.

So gut sogar, dass Bernhard Mikulski 1971 schließlich mit einem eigenen Independent-Plattenlabel ins Geschäft einstieg: "Pop-Import Bernhard Mikulski". Wie der Name des Labels bereits andeutete, nahm Mikulski vor allem Künstler aus dem Ausland unter Vertrag, um sie in Deutschland bekannt zu machen. Darunter besonders viele unbekannte Disco-Acts aus Italien wie Mito, Advance oder Amin Peck. Um ihre Songs in Deutschland unter die Leute zu bringen, stellte er 1983 einen Sampler zusammen und suchte nach einer Überschrift, einem Markennamen, der die deutschen Käufer neugierig auf die italienischen Bands machen würde. Er nannte die Platte schließlich "The Best of Italo-Disco Vol. 1".

Das Konzept elektronischer italienischer Tanzmusik war zwar nicht neu - schon seit den späten siebziger Jahren hatten Musiker aus dem Süden unter verschiedenen Sammelbegriffen wie "Rock Elettronico", "Balli da Discoteca" oder "Spaghetti Dance" Platten veröffentlicht. Doch erst unter Mikulskis Etikett "Italo-Disco" sollte sich ihre Musik als eigenes Genre in Europa durchsetzen: Die Platte fand reißenden Absatz, und Mikulski konnte kaum so schnell neue "Italo-Disco"-Sampler veröffentlichen, wie sie gekauft wurden. Bis ins Jahr 1991, in dem mit "The Best of Italo Disco Vol. 16" der letzte Sampler der Reihe veröffentlicht wurde, sollte der neu erfundene Musikstil zum Zugpferd des Labels werden.

Atombomben und Carbonara

Schnell war ganz Deutschland im Italien-Fieber: Man schwofte zu "Paradise mi amor" von Vanilla, grölte mit zu "Vamos a la playa" von Righeira, ohne zu bemerken, dass das Lied von den Folgen einer Atombombenexplosion handelte oder sich zu wundern, warum auf spanisch gesungen wurde, und glotzte im Video zu "Boys" Sabrina auf die spärlich verhüllten Brüste. Italienisch zu klingen, wurde zum Inbegriff der Coolness im deutschen Popgeschäft und brachte auch deutsche Musiker unter Zugzwang. So beschloss die deutsche Rockband Spliff, ihren Song "Heiße Würstchen und 'ne Coca Cola" umzutaufen in "Spaghetti Carbonara e una Coca Cola" - und landete damit prompt auf Platz fünf der deutschen Charts.

Die deutsche Poplandschaft brachte selbst immer mehr Musiker hervor, die den Italo-Disco-Stil nachahmten: Caroline Catherina Müller unter dem Pseudonym "C.C. Catch", der Münchner Manfred Alois Segieth als "Fancy" und ein Hamburger namens Dieter Bohlen mit seiner Band Modern Talking. Obwohl diese Bands oft unter den Begriffen Euro Disco oder Discofox liefen, um sich von der Masse der Italo-Disco-Acts abzugrenzen, benutzten sie doch exakt den gleichen Retortensound, der Italo Disco ausmachte - simple, stampfende Rhythmen aus dem Drumcomputer, einfache Akkordfolgen und mit halbgarem Englisch zusammengezimmerte Texte, die eigentlich eh keiner bemerkte, weil sie nur Beiwerk zum Beat waren.

Und genau das führte schließlich zum Ende des Italo-Disco-Booms: Wozu brauchte man überhaupt Gesang, wenn man nur tanzen wollte? Weshalb mussten noch Musiker wie Dieter Bohlen mit Gitarren auf der Bühne herumhampeln, wenn die Musik komplett synthetisch war? Die Antwort auf diese Fragen lautete: Techno. Mit diesem Wort beschriftete 1982 der Frankfurter Andreas Tomalla erstmals die Alben mit instrumentaler Elektro-Tanzmusik in seinem Plattenladen. "Technoclub" nannte er zwei Jahre später dann auch seine eigene Veranstaltungsreihe im Frankfurter "No Name"-Club. Und als "Techno" bezeichnete er schließlich die Platten, die er ab 1988 unter dem Künstlernamen "Talla 2XLC" herausbrachte. Auf einem kleinen Label aus dem hessischen Merenberg.



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Markus Breidbach, 28.04.2010
1.
Ja, ja, eine oft verlachte Epoche, die nach jahrelangem Dornröschenschlaft in den krachigen 90ern seit dem Anfang des neuen Jahrtausends wieder die Relevanz erfähft, die ihr gebührt. Und wohl nicht mehr aus den Geschichtsbüchern elektronischer Musik zu streichen sein wird. Welch' eine Genugtuung. ITALOMASTER
Peter Flusser, 29.04.2010
2.
Wie sagt der Italiener? Vamos a la Playa! Ganz genau! :D
Robert Bernnat, 30.04.2010
3.
Ein besonders cleverer Schachzug aus dem Hause zyx-Records des Herrn Bernhard Mikulsky waren die "Italo-Boot-Mixes". Auf Singles oder Maxis wurde Discostampf bereits bekannter Interpreten mit unbekannten Künstlern gemischt welche dadurch auch bekannt wurden. Mehre dieser Mixes schafften es immerhin in die Top 10.
Frank Weger, 08.08.2010
4.
http://www.youtube.com/watch?v=Jjg4HnEVHJ4 valerie dore.... italo disco hate schon was, zumindest für uns 60er jahrgänge ich such heut noch nach den Valerie Dore maxis von The Bight und Get Closer....auf vinyl natürlich
Knut Roettger, 05.12.2013
5.
Wie schön zu sehen, daß meine Platten so langsam wieder interessant werden. Da werden allerbeste Erinnerungen wach. Habe seit '82 - seit ich zur Konfirmation meine gute alte "Schneider Power Pack" Anlage bekommen habe - intensiv 12" Vinyl gesammelt und mein ganzes Taschengeld zum ProMarkt geschleppt. Besonders stolz war ich natürlich immer dann, wenn ich am Wochenende in der Disco eine neue Platte gehört hatte, den Titel und Interpreten irgendwie 'rausgefunden hatte, und sich die Scheibe dann endlich zuhause auf meinem Dual drehte. Schnell noch eine Cassette eingelegt, und das neue Stück gleich erstmal aufgenommen - ab damit in den Walkman und am anderen Morgen in der Schule direkt den Kumpels vorgespielt. "Hast Du schon die Neue von Martinelli gehört - haben sie am Wochenende im Arena gespielt..." Martinelli's "Cenerentola" habe ich als neon-grüne transparente 12" Maxi-Single - definitiv ein Highlight meiner Sammlung! Viele der Cover, die im Bericht gezeigt werden, finden sich auch in meinen Regalen - war schon 'ne geile Zeit... Der Vollständigkeit halber sei hier unbedingt noch Mal Sondock's Hitparade erwähnt - unabdingbare Quelle wertvoller Informationen über neue Platten. http://www.mal-sondock.de/cms/ Was war noch gleich Ei-Pott und MP3??? Da sag' ich doch nur: "Abi '87!"
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