J. M. Keynes und der Frieden von Versailles Der Prophet von Cambridge

Genie, Bohemien, Kassandra: Der britische Ökonom John Maynard Keynes sagte 1919 die Katastrophe voraus, in die der Vertrag von Versailles führte. Er kündigte als Regierungsberater, schmähte US-Präsident Wilson als Trottel und schrieb auf, was passieren würde - das Pamphlet machte ihn sofort berühmt.

Von Hauke Janssen


Als im Oktober 1929 die große Aktienblase an der Wall Street platzte, stürzte die Weltwirtschaft in einer langen Abwärtsspirale scheinbar ausweglos dem Untergang entgegen. Einer nutzte die Krise als einzigartige Chance: Der britische Ökonom John Maynard Keynes nahm sie zum Anlass, eine Revolution in der Volkswirtschaftslehre auszurufen: aktive staatliche Nachfragepolitik. In der aktuellen Wirtschaftskrise kehrt Keynes Theorie in das Zentrum der Diskussion zurück. Wer aber war der Vielzitierte? Wie lautete seine Botschaft?

Keynes Karriere begann nicht als Ökonom, sondern als Dandy im Umkreis Londoner Literaten. Im Stadtteil Bloomsbury trafen er und einige Freunde sich vor dem Ersten Weltkrieg im Haus der Geschwister Virginia und Vanessa Stephen - erstere sollte als Virginia Woolf eine weltberühmte Schriftstellerin werden. Die Bloomsbury-Gruppe führte das Leben einer intellektuellen Boheme. Auf der Suche nach dem Guten im Leben teilte man literarische, künstlerische, auch politische Interessen - und pflegte nebenbei einen provozierend offenen sexuellen Umgang, in alle Richtungen. Neben Virginia Woolf, Vanessa Bell und Keynes gehörten illustre Zeitgenossen wie Lytton Strachey, E. M. Forster und Robert Fry zum engeren Kreis.

Der Professorensohn aus Cambridge, geboren 1883, war in offener, intellektueller Atmosphäre groß geworden. Seine Mutter Florence gehörte zu den ersten Frauen, die in Cambridge studierten und brachte es bis zur Bürgermeisterin der alten Universitätsstadt. Der Vater John Neville lehrte Ökonomie und arbeitete in der Verwaltung der Universität. Der kleine John Maynard seinerseits war ein schlagfertiger Junge, der es gelegentlich am gebotenen Respekt fehlen ließ. Keynes durchlief die typische Elite-Ausbildung: Eton School, dann das renommierte King's College in Cambridge, wo er Mathematik, klassische Philologie und etwas Wirtschaft studierte, bei dem berühmten Ökonomen Alfred Marshall.

Pazifist im Kriegseinsatz

Nach dem Studium wurde Keynes zunächst Beamter im "India Office", also in der Kolonialverwaltung. Doch 1908 kehrte er als Dozent für Ökonomie nach Cambridge zurück und promovierte ein Jahr darauf mit einer mathematischen Arbeit zur Wahrscheinlichkeitstheorie. Bereits 1911 avancierte der erst 28-Jährige zum Herausgeber des "Economic Journal", einer der weltweit führenden Fachzeitschriften.

Dann kam 1914 der Erste Weltkrieg - und ausgerechnet der erklärte Pazifist Keynes wurde im Schatzamt zuständig für Kriegsfinanzierung. Seine Freundin Virginia Woolf fürchtete, Keynes sei nun "für die Menschheit verloren". Der Intellektuelle verweigerte sogar demonstrativ den Dienst an der Waffe - das Schatzamt allerdings hatte ihn ohnehin unabkömmlich gestellt. Anders als andere Zeitgenossen, etwa der Philosoph Bertrand Russell, stand Keynes nicht vor der Frage, ob er im Kampf für seine Überzeugung auch ins Gefängnis gehen würde.

Nach der deutschen Kapitulation im November entsandte das Finanzministerium Keynes zu den Friedensverhandlungen nach Versailles. Sehr schnell verlor er dort die Illusion, dass es zu einem gerechten oder doch zu einem wirtschaftlich vernünftigen Frieden kommen würde. Und er zog die Konsequenz: Keynes quittierte den Job. Er zog sich in das Landhaus von Freunden zurück und schrieb im Sommer 1919 ein gnadenloses, dabei brillantes Pamphlet mit dem Titel "Die ökonomischen Konsequenzen des Friedens". Das Buch erschien noch 1919 - und machte Keynes schlagartig berühmt.

Warnung vor dem europäischen Bürgerkrieg

Fasziniert verschlangen Leser auf der ganzen Welt das Büchlein, das unübersehbare fachliche Souveränität mit einem eleganten, manchmal empörend herablassenden Stil verband. Im klaren Licht der Keynes'schen Analyse wurde US-Präsident Woodrow Wilson als ein mit der "Moral eines protestantischen Geistlichen" ausgestatteter, "unerfahrener Tor" geschildert, der zwar "von edlen Absichten beseelt", aber "ohne Geisteskraft" sei - und bei den Verhandlungen in Versailles ohne Chance gegen den zynischen französischen Regierungschef Georges Clemenceau und den britischen Premier David Lloyd George, seinen eigenen Regierungschef, den Keynes als "schmeichelnde femme fatale" ohne "Charakter und Grundsätze" porträtierte.

Inhaltlich legte Keynes' Abhandlung glasklar dar, warum der Frieden scheitern musste: Deutschland, so der Autor, werde die auferlegten Reparationen nur aufbringen können, "wenn es seine Einfuhr vermindert und seine Ausfuhr vermehrt und dadurch einen Überschuss erhält, der für Zahlungen an das Ausland verfügbar ist". Eine Senkung deutscher Importe war praktisch nur zu Lasten der europäischen Nachbarn möglich, die aber wirtschaftlich auf ihre Exporte nach Deutschland angewiesen waren. Eine Erhöhung der deutschen Exporte wiederum setzte voraus, dass andere Länder die deutsche Waren auch verstärkt abnahmen, also billige deutsche Waren in Milliardenhöhe eigene Produkte wegkonkurrieren ließen.

Die Bereitschaft dazu war nicht eben ausgeprägt. Keynes befürchtete deshalb angesichts der intensiven wirtschaftlichen Verflechtungen Mitteleuropas, dass der Versailler Vertrag den ganzen Kontinent ruinieren würde. Prophetisch sah er einen europäischen Bürgerkrieg kommen, vor dem "die Schrecken des vergangenen Deutschen Krieges verblassen werden und der, gleichgültig wer Sieger ist, die Zivilisation und den Fortschritt unserer Generation zerstören wird". Wegen seiner als Unkenrufe empfundenen, fortdauernden Mahnungen verpasste ihm Virginia Woolfs Ehemann Leonard 1931 den Spottnamen "Keynessandra".

"Langfristig sind wir alle tot"

Das "furiose Pamphlet", so die Historikerin Dorothea Hauser, war zugleich eine Werbeschrift für das Programm einer europäischen Integration. Keynes lieferte mit seinem Vorschlag einer US-Anleihe für den Wiederaufbau die Blaupause für ein Hilfsprogramm, wie es Westeuropa schließlich in Form des Marshallplans zugute kommen sollte - nachdem sich der Kontinent in einem weiteren Weltkrieg ein zweites Mal zerfleischt hatte.

In den zwanziger und dreißiger Jahren pendelte Keynes geschäftig zwischen Cambridge, London und seinem Landsitz Tilton in der Grafschaft Sussex. Er reduzierte seine Lehrverpflichtungen, gewann als Spekulant Millionen an der Börse, war ein gesuchter Ratgeber und Redner sowie ein gefürchteter Publizist. Er fehlte selten bei gesellschaftlichen Anlässen, sammelte eifrig Bilder und Bücher, förderte das Theater wie die Künste - und heiratete 1925 zum Erstaunen nicht nur seiner männlichen Freunde die russische Ballerina Lydia Lopokowa.

Wie nebenher veröffentlichte Keynes brillante Studien zur Geldtheorie wie den "Tract on Monetary Reform" (1923) und "Treatise on Money" (1930). Im "Tract" findet sich das wohl bekannteste aller Keynes-Zitate: "Langfristig sind wir alle tot." Ein anderes Zitat erscheint heute besonders aktuell: "Die Ökonomen machen es sich zu leicht, wenn sie uns in stürmischen Zeiten nur sagen können, dass, nachdem der Sturm lang vorüber ist, der Ozean wieder ruhig sein wird." Das war auf jene Zeitgenossen gemünzt, die auch in Krisenzeiten nur die Hände in den Schoß legen und auf die Selbstheilkräfte des Marktes hoffen wollten.

Die Krankheit des Kapitalismus

Aber erst Keynes' berühmteste Schrift, die "General Theory of Employment, Interest, and Money" von 1936, ließ die klassische Vorstellung eines Gleichgewichts bei Vollbeschäftigung konsequent hinter sich. Der Normalzustand, "in dem sich unser wirkliches Sein abspielt", so Keynes, ist ein Übergang zwischen nie erreichten Gleichgewichtspositionen. Die Botschaft hieß: Der Kapitalismus ist instabil, die freie Marktwirtschaft kann aus sich selbst heraus keine Vollbeschäftigung garantieren. Aber es gebe Mittel, so Keynes, diese "Krankheit zu heilen".

Der Stammvater der Ökonomen, der schottische Moralphilosoph Adam Smith, hatte Ende des 18. Jahrhunderts seine Lehre vom "Wohlstand der Nationen" auf dem Dogma errichtet, dass "jeder Verschwender ein Feind der Allgemeinheit, jeder sparsame Mensch dagegen ihr Wohltäter" sei. Keynes hielt dagegen eine Lobrede auf die Verschwendung: "Private Laster" verwandelten sich in "öffentliche Wohltaten", so sein Gegenentwurf - denn der Wohlstand eines Landes beruhe nicht auf Sparsamkeit, sondern auf Konsum. Hier zog der Wissenschaftler Keynes Nutzen aus der Lebenserfahrung des Privatmannes Keynes, indem er zeigte: Die Lösung liegt nicht in den sterilen viktorianischen Tugendpredigten - sondern im guten Leben der Boheme von Bloomsbury.

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Henning Anacker, 09.07.2009
1.
Endlich mal ein vernünftig geschriebener Artikel.
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