75 Jahre "The Hobbit" Der Zwergenaufstand

75 Jahre "The Hobbit": Der Zwergenaufstand Fotos
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Er kritzelte ein paar Worte auf einen Zettel - und schuf damit ein ganzes Universum: Vor 75 Jahren veröffentlichte J.R.R. Tolkien "Der Hobbit". Das Kinderbuch war der Grundstein für eine ganze Welt, die bis ins letzte Detail ausgefeilt war. Nur über ihren Schöpfer verriet sie kaum etwas. Von

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Es passierte in den frühen dreißiger Jahren, dass ein britischer Professor eine Notiz auf ein leeres Blatt Papier kritzelte, während er Arbeiten seiner Studenten korrigierte. "In a hole in the ground there lived a hobbit" - "in einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit". Anstatt diese Notiz einfach später zu entsorgen, beschloss J.R.R. Tolkien, zu ergründen, was denn ein Hobbit sei.

Es war der Urknall für ein ganzes Universum. Ein Paralleluniversum, das immer weiter wächst, in immer neue Dimensionen vorstößt.

Auf Tolkiens Kritzelei folgten viele Abende, an denen er seinen Kindern die Geschichte des gemütlichen, und doch aberteuerlustigen Bilbo erzählte und dabei das Wesen dieses einen und das der Hobbits im Allgemeinen ergründete. Und so kam es, dass eine gute Weile später, genau genommen am 21. September 1937, "Der kleine Hobbit" erschien. Ein Kinderbuch, und zwar ein sehr gelungenes.

Wenn wir ehrlich sind, wäre es inzwischen vielleicht trotzdem in der Versenkung verschwunden - wenn da nicht die Welt wäre, in der es spielt. Denn Tolkien schrieb nicht einfach nur dieses eine Kinderbuch und später den "Herrn der Ringe", er breitete einen kompletten von ihm erschaffenen Kosmos, Mittelerde, vor seinen Lesern aus - und begründete damit das Fantasy-Genre.

Die Geburtsstunde des Fantasy-Genres

Wer heute mit angeklebten Ohrenspitzen auf einem Live-Rollenspiel als Elfe durch den Wald läuft oder online einen Orc in "World of Warcraft" spielt, kann sich in gewisser Weise bei Tolkien für seine Pioniertat bedanken.

Mittelerde begleitete Tolkien von seiner Jugend an, sein gesamtes Leben lang feilte er an dieser Welt. So konnte sie gewaltige Ausmaße annehmen, mit einem Schöpfungsmythos, alten Mythen und seitenlangen Stammbäumen. Dabei mischte er eigene Ideen mit alten Quellen - so stammen etwa die Namen der Zwergentruppe im "Hobbit" direkt aus der nordischen Sagensammlung "Edda". Heute würde man den Sprachforscher, der bisweilen elfische Gedichte rezitierte, wahrscheinlich einen Nerd nennen.

Schon damals tauchte der Vorwurf auf, sein Weltenentwurf sei eskapistisch. Eine gewisse Tendenz, in die Phantasie zu flüchten, hatte Tolkien vielleicht. Auf jeden Fall beklagte er die "Rohheit und Hässlichkeit des modernen Lebens". Das Auenland, dieser wunderschön grüne und fruchtbare, von schrulligen, aber liebenswerten Typen bevölkerte Landstrich, lässt sich als ein idealisiertes England sehen - ohne störende Technik.

Ein langweiliges Leben?

Gleichzeitig lief es aber auch anders herum, Tolkien pflanzte einiges von seinem Leben in den Boden von Mittelerde. Die gruseligen, gigantischen Spinnenwesen etwa - wie Kankra, die Frodo beinahe tötet -, sollen darauf zurückgehen, dass Tolkien als kleines Kind von einer Tarantel gestochen worden war.

Man könnte darüber streiten, ob es viel über Tolkien zu erzählen gibt oder eigentlich nur sehr wenig. Ende der Siebziger wunderte sich die "Times", dass eine so faszinierende Biografie ("J.R.R. Tolkien" von Humphrey Carpenter) über Tolkien erschienen sei, wo der doch ein derart ruhiges Leben geführt hätte. Ruhig, aber offensichtlich nicht langweilig.

Tatsächlich ließe sich sein Leben kurz zusammenfassen: Im Ersten Weltkrieg musste Tolkien, da hatte er gerade die Schule abgeschlossen, an die Front. Nach einer schweren Verwundung endete seine Zeit als Soldat. Tolkien heiratete seine Jugendliebe, die er bereits als 16-Jähriger kennengelernt hatte, und zog mit ihr vier Kinder groß. Er entschied sich früh für eine Laufbahn an der Universität, lehrte in Leeds und später in Oxford. Auch nach seiner Pensionierung schrieb er weiter. "Ein Stift ist für mich das gleiche wie der Schnabel für die Henne", sagte er einmal, wie die "New York Times" in ihrem Nachruf auf Tolkien im September 1973 schrieb.

Auf der anderen Seite muss man vielleicht nicht bloß "Den kleinen Hobbit" und den "Herrn der Ringe", sondern auch "Das Silmarillion" und die weiteren, nach Tolkiens Tod veröffentlichten Werke und damit viele, viele Seiten lesen, um einen wirklich guten Eindruck von diesem Menschen zu gewinnen. Denn er blieb Mittelerde treu, sogar bis über seinen Tod hinaus.

Auf dem gemeinsamen Grabstein von J.R.R. Tolkien und seiner Frau Edith, die knapp zwei Jahre vor ihm gestorben war, stehen nicht nur ihre Namen. Sondern auch die von Luthien und Beren, dem großen Liebespaar aus dem "Silmarillion". Seine Ehefrau, seine Jugendliebe, war Tolkiens Vorbild für Luthien (und damit auch für deren Ururenkelin Arwen), die Schönste unter den Elfen. Das ist dann doch nicht so eskapistisch, sondern sehr romantisch.

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1.
Stefan Gies 24.09.2012
Der Hobbit war nicht der "Urknall" des Tolkien-Universums. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hat Tolkien seine Elbensprachen erfunden und Geschichten über die Wesen erdacht, die sie sprechen. In editierter und gekürzter Form wurden diese Geschichten 1977 von seinem Sohn Christopher unter dem Titel "Das Silmarillion" veröffentlicht.
2.
Tobias Wesselmann 24.09.2012
Aus der Bilderstrecke: "Das [dänische] Cover von 1980 mag die Heimat der Hobbits, das idyllische Auenland, darstellen." Nein, es ist natürlich nicht das Auenland. Zu sehen sind (u. a.) Fässer, die in einem Fluss treiben. Jeder, das das Buch gelesen hatte, sollte wissen, dass hier nicht das Auenland dargestellt ist -- sondern ein Ort, der weiter auf dem Weg zum Berg liegt.
3.
Patrick Pleischl 24.09.2012
Es sind keine Elfen, es sind Elben. Soweit mir bekannt ist hat Tolien da sehr viel wert drauf gelegt.
4.
Patrick Steiner 24.09.2012
Elben. Mit "b". Es war essentiell für Tolkien, dass es eben nicht um die kleinen Elfen mit Flügelchen geht. So etwas müsste bei einer Recherche zu Tolkien eigentlich auffallen.
5.
Patrick Steiner 24.09.2012
Auch, dass der Hobbit den Kosmos rund um Mittelerde begründet hätte stimmt so nicht - Tolkien begann seine Aufzeichnungen hierzu während des 1. Weltkrieges!
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