Jack the Ripper Zeit für ausführliche Grausamkeiten

Jack the Ripper: Zeit für ausführliche Grausamkeiten Fotos
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Brutale Morde erschütterten vor fast 120 Jahren das viktorianische England - reihenweise meuchelte ein Unbekanner Prostituierte in den Slums von London. Sein letztes Opfer traf "Jack the Ripper" an einem Novembermorgen des Jahres 1888. Dann verschwand er spurlos, und die Theorien begannen zu blühen - bis heute. Von Gesche Sager

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Es war der Morgen des 9. November 1888, als ein Gehilfe ihres Vermieters Mary Jane Kellys Zimmer im Londoner Armenviertel Whitechapel betrat, um die Miete abzuholen. Doch was er fand, war der grausam verstümmelte Leichnam der jungen Prostituierten. Mary Jane Kelly war in der Nacht zuvor das fünfte und wahrscheinlich letzte Opfer des berüchtigten Serienkillers Jack the Ripper geworden.

Wie schon bei anderen Frauen vor ihr hatte der Täter sich nicht mit einem einfachen Mord begnügt, sondern mit chirurgischer Präzision den Körper seines Opfers auf eine Art und Weise verstümmelt, dass Tatortbeschreibungen seiner Morde auch Hartgesottenen den Atem stocken lassen. Und während Jack seine ersten Morde noch auf der Straße beging, brachte er Mary in ihrem Zimmer um. So hatte er genug Zeit und Ruhe für besonders ausführliche Grausamkeiten.

In den Berichten der Polizei ist von abgetrennten Körperteilen, abgezogener Haut, im Raum verstreuten Eingeweiden und ähnlichen Scheußlichkeiten zu lesen. Der Pathologe der Londoner Polizei brauchte sechs Stunden, um das makabere Puzzle wieder zusammenzusetzen. Und auch diesmal hatte der Täter ein "Souvenir" seines Opfers mitgenommen, nicht wie zuvor die Gebärmutter, diesmal war es das Herz.

Schlagzeilen mit dem Schlitzer

Es ist nicht nur die besondere Grausamkeit des Täters, die bis heute eine düstere Faszination von ihm ausgehen lässt, sondern vor allem der Fakt, dass er niemals enttarnt werden konnte. Nicht einmal die genaue Anzahl seiner Opfer ist bekannt. Lediglich die zwischen dem 31. August und 9. November 1888 begangenen Morde an den Prostituierten Mary Ann Nichols (teilweise auch bekannt als Polly), Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly lassen sich ihm ziemlich sicher zuordnen. Von etlichen weiteren Frauenmorden aus dieser Zeit vermuten Forscher, sie könnten vom gleichen Täter begangen worden sein.

Doch wer war der Täter? Während der Mordserie und auch noch danach gingen bei der Polizei und verschiedenen Zeitungen hunderte Bekennerschreiben ein - eines davon unterschrieben mit "Jack the Ripper". Ein Name, der sich hervorragend für Schlagzeilen eignete. Die Zeitungen stürzten sich mit Begeisterung auf die Geschichten über den blutrünstigen Serientäter mit dem eindrücklichen Namen. Ripperologen, Hobbyforscher in diesem gruseligen Kriminalfall, gehen heute davon aus, dass das Schreiben, das dem Täter einen Namen gab, von dem Reporter Joseph Barnett verfasst worden war.

Fest steht das sexuelle und misogyne Motiv des Täters, das in der Wahl der Opfer und der Verstümmelung ihrer Genitalien deutlich wird. Die Tat zerrte die zutiefst verquere Sexualmoral des viktorianischen Englands ans Licht. Denn mit seinem gestörten Verhältnis zu Frauen und zur Sexualität stand der Täter nicht alleine da. Während seine bürgerlichen Zeitgenossen die Höherentwicklung des Menschen durch Fortschritte in Technologie und Vernunft sahen, glaubten sie zugleich fest an einen ursächlichen Zusammenhang von Sexualität und Geisteskrankheiten.

Das "Monster" in unserer Mitte

So erforschte zu dieser Zeit Sigmund Freud in Wien den Zusammenhang der Triebe und Phobien der Menschen. Seine Theorie wurde im SPIEGEL 36/1988 vom Autor auf die kurze Formel gebracht: "Sexualität macht krank, und kranke Sexualität kann Monster gebären."

Die Enttarnung von Jack the Ripper wurde zum Politikum, vor allem als die Verdächtigungen weg vom Milieu der Verarmten, Huren und Zuhälter und bis in die bürgerliche Gesellschaft reichten. Unruhe machte sich breit, es könnte "einer von uns" sein. Forschungen zufolge könnte die Polizei sogar die Identität des Täters gekannt, sie aber, um das "von Sozialisten verhetzte Proletariat nicht noch rebellischer zu machen", vertuscht haben. Zudem könnten Mitglieder der Oberschicht darin verwickelt sein, die man schützen wollte.

So protestierte etwa Anfang 1889 Albert Bachert, ein Mitglied des Whitechapeler Bürgerschutz-Komitees, gegen die wieder reduzierten Polizeistreifen in dem Viertel. In seinem Nachlass fand sich später ein Schriftstück, in dem er schrieb, ihm sei auf seine Beschwerde hin ein Schwur der Verschwiegenheit abgenommen und berichtet worden, die Polizei sei sich sicher, dass Jack the Ripper tot sei, da man seine Leiche aus der Themse gefischt habe.

War der Ripper ein Lehrer?

Den Ripper-Forschern Martin Howells und Keith Skinner zufolge ist der wahrscheinlichste Täter demnach der Lehrer einer Eliteschule für Jungen, John Druitt. Er wurde offenbar mit dem Erwachsensein nicht fertig und flüchtete sich in die Schule und den Sportunterricht. Er verkehrte außerdem in einer Art exklusiven Studentenverbindung, in der sich junge Anwälte, die er aus seiner Zeit in Cambridge und vom Cricketspielen her kannte, sowie ältere Herren und Gönner der Gesellschaft trafen. In dem homophilen Freundeskreis, dessen Mitglieder sich "die Apostel" nannten, verkehrte unter anderem auch der englische Thronfolger Prinz Albert Victor.

Die einzige Frau, die bei John Druitt offenbar keinen Widerwillen erregte, war seine Mutter, die in einem Londoner Heim für Geisteskranke lebte. Sie in ihrem Zustand zu sehen war entsetzlich für Druitt, trotzdem besuchte er sie oft. Um von seiner Wohnung zu ihrem Heim, dem "Brooke Asylum" zu gelangen, musste er das Armenviertel Whitechapel durchqueren. Demzufolge kannte er die Tatorte der Morde. Eine Gegend, in der verarmte und vom Alkohol betäubte Prostituierte umhertorkelten, die - nach Howells und Skinner - Druitt an den Zustand seiner Mutter erinnerten und seine starke Bindung an sie in Hass umschlagen ließen.

Am 30. November, drei Wochen nach dem letzten Mord, wurde Druitt fristlos entlassen. Bei einem anerkannten Lehrer wie ihm war zu dieser Zeit der wahrscheinlichste Grund dafür eine homosexuelle Handlung mit einem Schüler.

"Syphilitische Gehirnerweichung"

Druitt wurde am 1. Dezember zum letzten Mal gesehen. Als sein Bruder einige Tage später die Wohnung durchsuchte, fand er ein Papier, auf dem Druitt über seine Furcht schreibt, so enden zu können wie seine Mutter. Zu diesem Zeitpunkt lag er bereits mit Steinen beschwert tot in der Themse - auf der Höhe eines Grundstücks, auf dem die Apostel gern zu Feierlichkeiten und konspirativen Treffen zusammenkamen.

Wurde Druitt, der ein guter Schwimmer war, von seinen Freunden dort ertränkt? War es - wie die Polizei behauptete - Selbstmord und der Täter vielleicht doch ein anderer? Oder gab es wohlmöglich mehrere Täter?

1970 behauptete der Arzt Dr. Thomas Stowell, der englische Thronfolger Prinz Albert Victor sei Jack the Ripper gewesen. Stowell zufolge litt der Prinz, der 1892 mit nur 28 Jahren an einer Lungenentzündung starb, unter "syphilitische Gehirnerweichung" und hätte die Opfer in einem unzurechnungsfähigen Zustand getötet und verstümmelt. Das ist allerdings unwahrscheinlich, da der Prinz zumindest für zwei der Morde ein Alibi hat: Er befand sich zur Tatzeit in Schottland - auf Wildschweinjagd.

Der Ripper ist Pop

Den vorerst letzten großen Rummel um den "Schlitzer" löste die Kriminalschriftstellerin Patricia Cornwell aus. Sie behauptet in ihrem 2002 erschienenen Buch "Portrait of a Killer: Jack the Ripper, Case Closed", der deutsche Maler Walter Sickert sei der Täter. Sie hatte in seinen Gemälden, von denen sie mehrere für ihre Untersuchungen kaufte, die Tatorte der Ripper-Morde wiedererkannt. Zudem verglich sie Briefe des Malers mit angeblichen Ripper-Briefen und kam zu dem Schluss, dass Jack the Ripper niemand anders als Walter Sickert gewesen sein konnte.

Den Hass der Sickert-Anhänger zog sie aber vor allem auf sich, als sie eines seiner Gemälde zerschnitt, um DNS-Spuren oder sogar das Blut der Opfer zu finden. Letzten Endes konnten jedoch sowohl die Sickert-Forscher als auch die Ripperologen über ihre Thesen nur den Kopf schütteln, Sickert befand sich zur Zeit der Morde überhaupt nicht in London.

Jack the Ripper ist inzwischen ein Teil der Popkultur. Etliche Filme haben ihren Teil zum Mythos beigetragen. So spielte 1976 Klaus Kinski den irren Serienmörder, während sich 1988 Michael Caine und 2001 Johnny Depp als Inspektoren auf die Jagd nach Jack the Ripper machten.

Bis heute, mehr als hundert Jahre nach diesen und noch viel grausameren Verbrechen, bleibt die Identität des Täters im Dunkeln, die Faszination des Mythos Jack the Ripper ebenso ungebrochen. Die Gräber der Opfer sind heute in London beliebte Touristenattraktionen.

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1.
Wolfgang Meier 13.06.2008
Hallo Leute, die Identität des sogen. Jack the Ripper ist seit Jahren aufgeklärt - geradezu zweifelsfrei. In den 1990er Jahre kamm hierüber sogar eine ZDF-Dokumentation, in der die aktuellen Ermittlungs-Ergebnisse referiert und bewertet wurden. Insofern erstaunt es mich, daß immer wieder behauptet wird, man wüßte bis heute nicht, wer der Täter gewesen sei. Man weiß es - allerdings sind einige Journalisten offenbar nicht in der Lage, sich gründlich zu informieren.
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