Jahresrückblick 2010 Agentin 90-60-90

Als Spionin ein Flop, als It-Girl top: Die russische Agentin Anna Chapman wird nach dem größten amerikanisch-russischen Spitzelaustausch seit Ende des Kalten Krieges in Moskau zum Medienstar. Die Affäre kommt Premier Putin und Präsident Medwedew zupass - sie lenkt von der Krise der Geheimdienste ab.

AP

Jahresrückblick 2010 - Juni

Noch auf den Polizeifotos, die unmittelbar nach ihrer Festnahme gemacht werden, sticht Anna Chapman unter ihren neun Agentenkollegen hervor. Alle sehen sie übernächtigt und niedergeschlagen aus: das unauffällige Vorstadtehepaar Michael Zottoli und Patricia Mills oder Wladimir Gurjew alias Richard Murphy, der über einen irischen Pass verfügt, obwohl er Englisch mit russischem Akzent spricht.

Einzig Anna Chapman kommt adrett daher wie in einer Internet-Kontaktanzeige. Über Nacht heben westliche Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften die Russin in den Rang einer neuen Mata Hari, einer Meisterspionin mit unwiderstehlichem Sex-Appeal. Selbst die angesehene "Washington Post" schwärmt von der 28-Jährigen mit der Wespentaille und der rot gefärbten Löwenmähne als einer Frau, "die sogar die frostigste Nacht im Kalten Krieg aufgewärmt hätte". Chapman wird zur Ikone des größten Agentenaustauschs zwischen den USA und Russland seit Ende des Kalten Krieges.

Schnell aber wird klar, dass ihre neun Kollegen nicht viel mehr sind als Hobbyspione und die vermeintliche Top-Agentin allenfalls das Talent einer Spitzel-Praktikantin hat.

Einen Tag vor ihrer Verhaftung trifft Chapman einen Mann, der sich als Mitarbeiter des russischen Konsulats ausgibt. Tatsächlich spricht sie mit einem FBI-Mann. Ohne Verdacht zu schöpfen, händigt sie dem Fremden ihren Laptop aus und bittet ihn, die technischen Probleme zu beheben, damit sie sich wieder reibungsloser mit ihren Kontaktleuten in Verbindung setzen kann.

Sie übersieht auch die anderen Agenten, die sie nach dem Treffen bis in einen Mobiltelefonladen verfolgen. Dort kauft Chapman ein neues Handy und gibt ihren Namen mit Irine Kutsov an, die Adresse mit "99 Fake Street" - "Ausgedachte Straße 99". Sie hätte einen anderen als einen russischen Namen nennen können und vor allen Dingen eine tatsächlich existierende Straße. Spionage aber, so scheint es, ist für die Frau mit den Model-Maßen nur ein Spiel, ein gut bezahlter Nebenjob mit Spesenkonto. In New York wohnt sie in Fußnähe zur Wall Street, figuriert als Gründerin und Chefin eines internationalen Immobilienportals, besucht vor allem aber teure Restaurants und exklusive Bars.

8500 Dollar rechnen zwei ihrer Agentenkollegen in Boston monatlich für Miete ab, dazu 2180 Dollar für Mietwagen und 160 für Telefon. "Ihr wurdet in die USA auf eine langfristige Mission geschickt", mahnt die Moskauer Zentrale, den eigentlichen Auftrag nicht zu vergessen. "Eure Bildung, euer Bankkonto, Auto, Haus - all das hat nur ein Ziel: die Hauptmission zu erfüllen, Verbindungen zu politischen Kreisen aufzubauen."

Chapman ist die Verkörperung einer Systemkrise

Nach Schätzungen Moskauer Experten hat die sich über ein Jahrzehnt hinziehende Undercover-Aktion mehrere Millionen Dollar verschlungen. Die Informationen aber, welche die Agenten lieferten, hätte auch ein talentierter Highschool-Absolvent zusammentragen können: das Lieblingsessen von Obama, die Entwicklung des Goldpreises.

Die Affäre wirft deshalb ein Schlaglicht auf die Zustände im größten Flächenstaat der Erde, in dem unter der Herrschaft des ehemaligen Auslandsaufklärers Wladimir Putin Ex-KGBler die wichtigsten Staatsunternehmen kontrollieren und Schlüsselfunktionen in der Regierung besetzen. Die meisten von ihnen haben sich von der kommunistischen Ideologie, der sie einst dienten, begeistert verabschiedet und privatisieren die Gewinne der Unternehmen, mit denen sie verbunden sind.

Anna Chapman, die in Luxus verliebte "Agentin 90-60-90", ist die Verkörperung dieser Systemkrise. Korruption und Kommerz drohen die russischen Geheimdienste zu zersetzen.

Zurück in Moskau, klagt sie gegenüber dem SPIEGEL, "nicht über die Straße gehen zu können, ohne erkannt zu werden", tut aber selbst alles dafür, sich zu vermarkten. Sie verdingt sich bei einer Bank und kündigt an, ein Buch schreiben zu wollen. Parlamentarier in ihrer Heimatstadt Wolgograd möchten sie zur Ehrenbürgerin machen, ihre frühere Schule widmet ihr ein Museum.

Auf dem Titelblatte der "Maxim"

Wladimir Putin empfängt sie und die anderen neun Agenten in seiner Residenz und singt mit ihnen alte Kampflieder. Das Treffen ist Putin, ehemals sowjetischer Spion in Dresden, vermutlich eine Herzensangelegenheit. Und Präsident Dmitrij Medwedew verleiht persönlich einen Staatsorden.

Dem militärischen Nachrichtendienst GRU, der auf 12.000 Mitarbeiter geschätzt wird und der neben dem Auslandsgeheimdienst SWR in fremden Ländern tätig ist, hat Putin eine hochmoderne neue Zentrale spendiert. 2006 brachte er im Parlament ein Gesetz durch, das es auch dem Inlandsgeheimdienst FSB erlaubt, im Ausland Spezialoperationen durchzuführen, insbesondere um Terroristen und Staatsfeinde zur Strecke zu bringen. Als Putin den ehemaligen Premierminister Michail Fradkow, auch er ein Veteran der Auslandsaufklärung, im Oktober 2007 in sein Amt als Chef des SWR einführte, definierte Putin "die Stärkung des industriellen und militärischen Potentials Russlands" als Hauptaufgabe - eine vornehme Umschreibung für Wirtschaftsspionage.

Obwohl die zehn zurückgekehrten Spione wenig Erfolge vorzuweisen haben, versichert ihnen Putin zum Abschied: "Ich bin sicher, dass Sie alle eine angemessene Arbeit finden und ein interessantes und erfolgreiches Leben führen werden."

Zumindest für Chapman trifft das zu. Eine US-Firma will sie für einen Pornofilm gewinnen. Natürlich ignoriert sie die Offerte. In Moskau aber steigt sie zum It-Girl auf. Leicht bekleidet und mit Waffe in der Hand posiert sie für das Titelblatt der russischen Ausgabe von "Maxim". Als eine Art Groupie für wichtige Männer taucht sie beim Start einer Rakete im Weltraumbahnhof Baikonur auf.

Der "elfte Mann" gerät in Vergessenheit

Der Hype um Chapman dient allen: In Amerika und im Westen halten die vielen Geschichten über die schöne Spionin die gewachsene Angst vor Russland lebendig. Das hilft, die mehrere Jahre dauernde, teure Überwachung des russischen Agentenrings durch das FBI zu rechtfertigen, obwohl die Ergebnisse allenfalls für eine Anklage wegen Geldwäsche und Verschwörung reichen. Hinweise auf gestohlene Staatsgeheimnisse, vertrauliche Präsidentenpapiere, neuentwickelte Waffen, Nato-Strategien - alles Fehlanzeige.

In Vergessenheit gerät auch der "elfte Mann", der mutmaßliche Agentenführer der festgenommenen Russen. Er nennt sich Christopher Metsos und entzog sich auf Zypern durch Flucht dem Zugriff seiner FBI-Verfolger. Oder ist er am Ende ein Doppelagent, der den Amerikanern seine russischen Spionagekollegen ans Messer lieferte? Ein zwölfter Verdächtiger wurde ebenfalls abgeschoben.

Moskauer Medien jedenfalls schweigen den Fall Metsos tot. Umso mehr ist über die schöne und verruchte Anna zu lesen. So vermeidet die Regierung eine Debatte über die sinkende Qualität der Geheimdienste, einst der Stolz des Kreml.

Die "Cambridge Five" etwa spionierten über Jahrzehnte erfolgreich in Großbritannien, das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg verriet Teile des amerikanischen Atombombenprogramms. Agenten der Sowjetbotschaft in Washington führten lange Jahre Aldrich Ames, der die CIA-Abteilung zur Abwehr sowjetischer Geheimdienste leitete, sowie Robert Hanssen, der beim FBI mit Gegenspionage beauftragt war.

Limousinen mit abgedunkelten Scheiben

Moskau verlor zwar den Kalten Krieg gegen den Westen, hatte aber an der Spitzel-Front die Nase vorn. Sowjetische Geheimdienstchefs von Tscheka-Gründer Felix Dserschinski, genannt der "Eiserne", über Stalins Bluthund Lawrentij Berija bis zu Jurij Andropow würden sich angesichts des Chapman-Kults nur wundern. Als unwahrscheinlich darf gelten, dass die Versager ihnen einen Agententausch wert gewesen wären, wie er am 9. Juli, nur zwei Wochen nach der Festnahme, in Wien über die Bühne geht.

Am Morgen landen eine russische Jak-42 und eine amerikanische Boeing 767 auf dem Wiener Flughafen Schwechat. Schwarze Limousinen mit abgedunkelten Scheiben fahren vor. Die zehn werden gegen vier in Russland inhaftierte mutmaßliche oder angebliche West-Agenten ausgetauscht.

Ein Austausch wie zu Zeiten des Kalten Krieges, nur dass die Leistungen der russischen Agenten einer Lachnummer glichen. Ein Moskauer Kommentator fühlt sich an einen Satz von Karl Marx erinnert, "dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce".



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