Jahresrückblick: Februar 2008 Der Partypräsident

Jahresrückblick: Februar 2008: Der Partypräsident Fotos
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Es klang wie ein Märchen: Power-Präsident Nicolas Sarkozy freite im Februar Pop-Prinzessin Carla Bruni. Viele Franzosen halten die Ehe des Promi-Paares noch immer für einen schlechten Scherz - auch wenn Madame jetzt flache Schuhe trägt und ihrem Gatten "fünf oder sechs Gehirne" attestiert. Von Stefan Simons

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Im grünen Saal, dort, wo sich sonst die Honoratioren der Regierungspartei UMP zum politischen Stelldichein versammeln, treten die Frischverliebten im Beisein von rund zwei Dutzend Freunden und Familienmitgliedern vor den Bürgermeister des 8. Arrondissement. "Die Braut trug weiß und sah wie immer zauberhaft aus", weiß François Lebel hinterher über die 20-Minuten-Zeremonie zu berichten. Nur dreieinhalb Monate nach seiner Scheidung von Cécilia, 50, ist Nicolas Sarkozy, 53, wieder im Hafen der Ehe vor Anker gegangen. Doch der Gipfel des privaten Glücks paart sich mit dem Absturz in der öffentlichen Popularität.


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Schon bald nach seinem triumphalen Wahlsieg von 53,06 Prozent hat sich der Präsident in den Augen seiner Landsleute als besessener Egozentriker entlarvt, ein Politiker, dem das eigene Liebesleben offenbar wichtiger ist als das Allgemeinwohl der Franzosen. Und mit der gleichen Intensität, mit der er erst seine Landsleute faszinierte, verfolgen ihn nun heimlicher Hohn und offener Spott - von Kabinettskollegen, Parteianhängern und Mitarbeitern inklusive.

Mehr als hundert Bücher über den Präsidenten haben alle biografischen Details ausgelotet - seinen familiären Hintergrund als verwöhnter mittlerer von drei vaterlos aufgewachsenen Brüdern, seine frühe, umtriebige Karriereplanung, seinen skrupellosen, ehrgeizigen Willen zur Macht. Nichts bleibt ausgespart in dem ständig wachsenden Literatur-Konvolut, das noch immer für satte Auflagen sorgt: der anmaßende Führungsstil, der ruppige Umgangston, die zappelige Körpersprache, die Vorliebe für leichte TV-Kost.

Und natürlich widmen sich die Medien Sarkozys Neigung zu Luxus, seinem Buhlen um die Nähe zu Reichen und Superreichen, seinem Umgang mit Promis aus Pop- und Showbusiness - und seinem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht.

"Obsessive Sarkose", "Sarkonoia", ja sogar "Sarkomanie" nennt Psychiater Serge Hefez in seinem jüngsten Buch die nationale Faszination für den obersten Repräsentanten der Republik. Das Objekt der millionenfachen Neugier mag sich bisweilen darüber mokieren, in Wahrheit steckt der Staatschef selbst hinter dieser publizistischen Strategie.

Der Einzug in den Elysée - ein Glamour-Spektakel mit Gattin Cécilia und den Kindern - suggeriert die glückliche Familie, modern, locker, vielleicht sogar Frankreichs neue Kennedys. Der inszenierte Tabubruch - ein Präsident, der im verschwitzten T-Shirt die Stufen zum Palast hinaufspurtet - signalisiert Energie. Bisweilen gibt es auch Risse im Propaganda-Firnis: die Siegesfeier im Kreis der Bosse, der Malta-Urlaub auf der Yacht von Milliardärsfreund Vincent Bolloré oder die Sommerfrische im US-Nobelferienort Wolfeboro, 22.000 Euro die Woche, bezahlt von reichen Bekannten.

Und dann die ostentative Vorliebe für Rolex, Goldkettchen und Ray-Ban-Sonnenbrillen, das alles entlarvt Sarkozy als Politiker, der mit der Attitüde des Neureichen Macht und Mammon genießt. Ein Sozialaufsteiger, gierig nach Glitzerkram wie die Stars des HipHop: Sarkozy wird "Präsident bling-bling".

Für die Sorgen seiner Landsleute hat der "Präsident der Kaufkraft" (Wahlslogan) bald keine Zeit mehr. Frankreich erlebt massive Streiks gegen die Rentenreform, der Staatschef ist unterwegs zum EU-Gipfel in Lissabon - da wird bekannt, dass Cécilia die Scheidung erwirkt hat. Nach elfjähriger Ehe verlässt sie den Präsidenten für einen anderen Mann - Nicolas Sarkozy ist tief getroffen. Die persönliche Niederlage erschüttert den Stolz eines Machos, der seine Lebensgeschichte stets als Modell einer selbstgemachten Karriere dargestellt hat.

Sarkozy reagiert nach seinem ganz eigenen Muster: Gleich nach der Scheidung ist er wieder auf Freiersfüßen. Und mit der systematischen Arbeitswut, mit der er sonst politische Fragen angeht, macht er sich auf Brautschau. Fortan häufen sich im Elysée die Gruppenbesuche mit Damen, doch fündig wird "Speedy Sarko" erst beim Dinner eines Freundes. Neben zwei Paaren ist dort als "Blind Date" eine gewisse Carla Bruni geladen, Sängerin, Ex-Model mit bewegter Vergangenheit, politisch eher links. Trotzdem ist es, so Gastgeber Jacques Séguéla, "Liebe auf den ersten Blick: Vom ersten Moment an hat es geknistert, das habe ich sofort gemerkt".

Vielleicht liegt es auch daran, dass die neue Flamme des Präsidenten seiner Ex-Gattin zum Verwechseln ähnelt; nur zehn Jahre jünger ist die Tochter einer französischen Konzertpianistin und eines italienischen Unternehmers, die in Frankreich aufwuchs. Auch Carla, deren vorangegangene Liebhaber "keine Dummköpfe" waren, zeigt sich von ihrer Eroberung beeindruckt. "Fünf oder sechs Gehirne" entdeckt sie bei Nicolas und alle "bemerkenswert durchblutet". Schon am folgenden Abend kommen sich die beiden Promis in Carlas Junggesellenwohnung näher - "unter dem Glasdach im Schlafzimmer ..."

Um die präsidiale Romanze publik zu machen, wechselt Sarkozy von der freudlosen Realität des französischen Winters in die Kunstwelt von Disneyland bei Paris: Der schmachtende Staatschef und die Musikerin turteln vor der märchenhaften Weihnachtsparade mit Mickymaus. Sarkozy legt das Gebaren eines liebestollen 18-Jährigen an den Tag, selbst bei der Papstaudienz im Vatikan kann er sich den Blick auf sein Handy nicht verkneifen.

Eine volksnahe Präsidentschaft "frei von Komplexen" hat Sarkozy versprochen, doch der unverfrorene Bruch mit allen Traditionen stößt gerade den ländlich-bürgerlichen Wählern sauer auf: Sarkozys beinahe obszöne Zurschaustellung von Trophy-Woman Carla - die präsidialen Finger am Hosenbund der weiblichen Eroberung -, für ältere Franzosen passt derart testosterongetriebenes Gehabe nicht zu Position und Rolle des Präsidenten als oberster Repräsentant der Republik. "Er hat psychologisch den Elysée verlassen", zitiert "Le Monde" eine Stimme aus dem Umfeld des Staatschefs.

Zum Jahresauftakt stürzt Sarkozys Beliebtheit auf die negative Rekordmarke von 41 Prozent. "Die Kassen sind leer", bekennt der Staatschef obendrein, und das Eingeständnis klingt wie ein politischer Offenbarungseid. Da hilft es nicht, dass er seine Beziehung verteidigt ("Es ist ernst") und beinahe hilflos nachschiebt: "Auch ein Präsident hat ein Recht auf privates Glück." Und das, immerhin, wird Anfang Februar durch die juristische Form der Vermählung legalisiert.

Zur alten Form findet Sarkozy freilich noch nicht zurück, die Umfragen sind miserabel, die Nerven dünn. Während der Landwirtschaftsmesse reagiert der Staatschef auf den Affront eines Besuchers, der ihm den Handschlag verweigert, vollkommen überzogen: "Hau ab, du Idiot" - und tritt damit erneut eine Debatte über die eigene Amtstauglichkeit los. Die politische Bescherung folgt bei den Kommunalwahlen im März - Sarkozys Lager erfährt eine empfindliche Niederlage.

Da kommt es zupass, dass Elizabeth II. zum Staatsbesuch lädt - mit der frisch angetrauten Carla Bruni-Sarkozy. Diesen ersten großen Auftritt in London erledigt sie mit Bravour: Tags zuvor von Londons Yellow Press als freizügiges Fotomodell vorgeführt (Illustration inklusive), erobert sie die Briten im Handstreich. Während Gatte Nicolas beim Candle-Light-Dinner auf Schloss Windsor steif durch die königlichen Gemächer stolziert, mimt die sprachbegabte Carla mühelos die charmante, weltoffene Präsidentengattin - die perfekte Andeutung des Hofknickses inklusive.

"Le nouveau Sarkozy est arrivé", lobt die Elysée-nahe Presse wie bestellt, so als handelte es sich um einen neuen Jahrgang aus dem Beaujolais. In Wahrheit hält der vornehm staatstragende Gestus nur einige Wochen: Konfrontiert mit weiteren demoskopischen Hiobsbotschaften, schaltet Sarkozy wieder auf "Kampagnen-Modus" - eine Dauerfolge von hektischen Staatsbesuchen und diplomatischen Terminen in Paris, tägliche Auftritte an der Heimatfront, bei Bio-Bauern und Fabrikarbeitern, Visiten bei Unternehmen, Universitäten oder Parteifreunden in der Provinz.

"Rekordpräsident", resümiert die Presse das erste Jahr der Regentschaft Sarkozy: 88 offizielle Reisen, davon 38 ins Ausland; 29 besuchte Länder. Dazu private Abstecher nach Malta, Jordanien, Südafrika, Marokko und in die USA. Sarkozy spult 104 Reden ab, trifft sich 50-mal mit Staats- oder Regierungschefs, erscheint bei 17 Beerdigungen, 16 Ordensverleihungen und 2 Fußballspielen. Das Jahr zwei zeigt Sarkozy genauso rast- und ruhelos - schon wegen der französischen EU-Ratspräsidentschaft.

Trotz dieser Hyperaktivität ist die politische Bilanz durchaus gemischt. Statt durch soliden Professionalismus bleibt die Politik durch amateurhaftes Nachbessern, durch Widersprüche und Eifersüchteleien gekennzeichnet. Selbst Parteifreunde rügen den Narzissmus Sarkozys, seine Missgunst gegenüber Premier François Fillon und die Machtkämpfe im Kabinett. Die Dauerfehden zwischen Regierung, Ministerien und Elysée lassen den Staatschef immer wieder als überraschend schwache Figur erscheinen - trotz aller lautstarken Führungsansprüche. "Präsident sein", hat Sarkozy einmal einem Freund anvertraut, "das ist schwer."

Carla mag da der einzige Trost bleiben. Ihre eigene Karriere als Sängerin lenkt ab von den wenig optimistischen Aussichten für Frankreich. Der Start ihres neuen Albums "Comme si de rien n'était" (Als wäre nichts gewesen) am 12. Juli wird vorübergehend zum Hit des Sommerlochs, schon weil die 14 Songs der Titel wegen - "Sünde des Verlangens", "You belong to me" - zum Tiefgründeln einladen: Sie klingen so, als versuche die First Lady die Franzosen mit dem Präsidenten zu versöhnen. Der Verkauf der CD bleibt am Ende jedoch weit hinter den Erwartungen zurück.

Stefan Simons

Zum Weiterlesen:

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