Jahresrückblick Juli 2008 Der mörderische Psychiater

Jahresrückblick Juli 2008: Der mörderische Psychiater Fotos
AFP

Die ganze Welt fahndete nach ihm, doch er versteckte sich noch nicht einmal. Im Juli 2008 wurde Europas meistgesuchter Kriegsverbrecher gefasst. Zuvor lebte Radovan Karadzic mitten in Belgrad - scheinbar perfekt getarnt als Althippie und Quacksalber. Demnächst wird ihm der Prozess gemacht.

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    2.8 (167 Bewertungen)

Nein, in dieser Maskerade und Montur ist er nun wirklich nicht zu erkennen. Mit Haarknoten und schlohweißem Rauschebart kommt er daher, dieser Dr. Dragan David Dabic, freundlich den Panamahut lüpfend, ein Lächeln auf dem von gewaltigen Brillengläsern bewehrten Gesicht. Die internationalen Fahnder wähnen den einstigen Führer der bosnischen Serben irgendwo verborgen in einer Höhlenschlucht des Balkans, in einem orthodoxen Kloster. Oder als Exilant in Russland, wo man ihn mit Literaturpreisen geehrt hat. Aber der vom Haager Kriegsverbrechertribunal Gesuchte spaziert seelenruhig durch Belgrad.


Lesen Sie außerdem im einestages-Jahresrückblick 2008:

Januar 2008: Comeback nach brutalstmöglichem Crash

Februar 2008: Der Partypräsident

März 2008: 20 Sekunden Todesangst

April 2008: Der Vater, die Bestie

Mai 2008: Die erschütterte Großmacht

Juni 2008: "Wir sind nicht gut genug"


Er behandelt als Neuropsychiater Patienten in Arztpraxen und Kliniken, posiert als spiritueller Forscher, empfiehlt sich als Experte für Kräuter, fernöstliche Heilverfahren und Erektionsstörungen. Er schreibt Artikel für Fachzeitschriften, besucht Partys, hält Vorträge auf Kongressen, die das Fernsehen live überträgt. Niemand ahnt offenbar oder interessiert sich ernstlich dafür, wer hinter diesem Dr. Dabic steckt. Selbst die Frage nach seinem ärztlichen Diplom weiß er geschickt zu parieren mit einer herzergreifenden Geschichte: Das Dokument liege bei seiner geschiedenen Frau im fernen Amerika, und die rücke es aus Rache nicht mehr heraus.

Es muss Radovan Karadzic eine diebische Freude bereitet haben, alle Welt zu foppen. Als notorischer Spieler geht er groteske Risiken ein. Unweit seiner Zweizimmerwohnung in einem der Betonklötze des Vororts Novi Beograd genießt er regelmäßig seine Auftritte in der Stammkneipe "Luda Kuca", was schlicht "Irrenhaus" bedeutet.

An der Wand dort hängen Fotos serbischer Polit-Heroen, auch die von Ratko Mladic und Radovan Karadzic. Der Dr. Dabic sitzt stets gegenüber seinem eigenen, früheren Konterfei. Doch er lässt sich nichts anmerken.

Natürlich gibt es in der Serben-Metropole Belgrad einige, die um die wahre Identität dieses 63 Jahre alten Quacksalbers genau wissen. Sie arbeiten beim Geheimdienst, dessen Drahtzieher noch aus den Zeiten des Despoten Slobodan Milosevic stammen und die ihrem einstigen Kumpan Unterschlupf nebst falschen Papieren verschafften. Und die dann umschwenken, die ihn verraten und seine Festnahme am 21. Juli bekanntgeben, um sich Belgrads neuen demokratischen Regenten anzudienen. Der prowestlich orientierte Präsident Boris Tadic braucht nämlich dringend den spektakulären Erfolg der Auslieferung von Karadzic an das Den Haager Tribunal, um seinem Land den Weg in die Europäische Union zu ebnen.

Jetzt muss sich endlich jener Mann verantworten, der über Bosnien so viel Leid gebracht hat wie kaum ein anderer der politischen Hauptakteure. Dabei wird niemand behaupten können, der Psychiater Karadzic (Spezialgebiet: Neurosen und Depressionen) habe die Ziele zu verbergen gesucht, sollte er in eine politische Laufbahn als großserbischer Missionar wechseln.

Als im Oktober 1991 das bosnische Parlament in Sarajevo die Risiken und Chancen einer Abspaltung von dem auseinanderbrechenden Jugoslawien erörtert, erscheint Karadzic zu dieser Sitzung als Chef der Serbischen Demokratischen Partei und warnt die Versammelten wie die sprichwörtliche Seherin Kassandra. Eine Loslösung von Jugoslawien werde die drei Volksgruppen der Teilrepublik - Muslime, Serben und Kroaten - "in die Hölle führen" und die muslimische Bevölkerung "in die mögliche Auslöschung". Er sollte, das ist das Los der Kassandra, mit dieser Prophezeiung weitgehend recht behalten.

Erbarmungsloser Umgang mit Renegaten und Verachtung insbesondere für die Muslime, das sind Grundüberzeugungen im Glaubensbrevier des Radovan Karadzic. Als Teenager kommt der in Montenegro geborene Sohn eines Bauern und Schuhmachers nach Sarajevo, seinerzeit die kosmopolitischste Stadt im jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus des Marschall Tito. Das Multikulti-Zusammenleben mit Muslimen, katholischen Kroaten, Kommunisten und Juden behagt dem orthodoxen Neuzugang aus der Provinz nicht sonderlich.

Karadzic, der in den Siebzigern ein Jahr an der Columbia University in New York studiert, eröffnet mit seiner Frau Ljiljana, gleichfalls Psychiaterin, eine eigene Praxis, betreibt einen Telefonnotdienst für psychologische Beratungen, engagiert sich in der Umweltbewegung und wird einer der Mitbegründer der Grünen in Bosnien. Elf Monate verbringt er 1984 in Untersuchungshaft. Indes nicht aus politischen Gründen, wie er später behauptet, sondern weil er öffentliche Gelder veruntreut haben soll. Danach kümmert er sich als psychologischer Betreuer um Fußballspieler, veröffentlicht als Hobbypoet mehrere Gedichtbände, einen mit dem Titel "Verrückte Lanze".

Der Zerfall Jugoslawiens und die turbulenten Zeiten eines radikalen Umbruchs katapultieren den Psychiater in das Lager der Ultranationalisten. Er wird Vorsitzender der neugegründeten Serben-Partei. Die landet bei den ersten freien Wahlen in den jugoslawischen Teilrepubliken jedoch weit hinter der stärkeren muslimischen Partei von Alija Izetbegovic, weil die Serben in Bosnien und Herzegowina nur etwa 31 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Gleichwohl macht der extrem extrovertierte Serbenführer mit der graumelierten Haartolle weiter Karriere, der Romancier Dobrica Cosic öffnet ihm die Türen zu Belgrads Machthaber Milosevic.

Als im März 1992 in Sarajevo das von den Muslimen beherrschte Parlament nach einer Volksabstimmung die Unabhängigkeit ausruft, ist das für Karadzic "eine Kriegserklärung an die Serben". Seine Anhänger machen sofort mobil gegen diesen neuen Staat, wollen sich von den "Türken" nicht bevormunden lassen. Es kommt zu Schießereien in Sarajevo, Gefechten in der Umgebung. Karadzic verlegt seine Einsatzzentrale in die nahe Bergfeste Pale. Von dort aus dirigiert er die dreijährige Belagerung Sarajevos sowie die Vertreibung der Muslime aus den serbischen Siedlungsgebieten, die nunmehr in einer Art Sezession die Republika Srpska bilden, die Serbische Republik, mit Karadzic als ihrem ersten Präsidenten.

In diesem staatsähnlichen Gebilde sind Muslime und Kroaten nicht willkommen. Wo es sie gibt, müssen sie weichen. Tun sie es nicht, werden sie von serbischen Milizen mit Gewalt vertrieben oder ausgelöscht. Strategische Massaker vor allem an Muslimen im Zuge der sogenannten ethnischen Säuberungen gibt es im Norden und Osten Bosniens bereits im Frühjahr 1992, monströse Kriegsverbrechen mit Massenmorden vor allem im Drina-Tal von Foca bis Zvornik.

Es ist eine ganze Maschinerie, die hier die hoffnungslos unterlegenen, militärisch schlecht organisierten Verteidiger vertreibt: Einheiten der serbisch-bosnischen Territorialkräfte und Polizei, mehrere zehntausend Mann. Dazu rund 60.000 Soldaten und Offiziere der regulären jugoslawischen Bundesarmee, die kurzerhand die Uniformen wechseln und über Panzer, schwere Waffen, Flugzeuge verfügen. Außerdem etwa 35.000 Milizionäre und Wochenendkrieger aus dem serbischen Kernland. Zu ihnen gehören Kriminelle und Killertrupps, die die Schmutzarbeit verrichten, Häuser niederbrennen, Frauen vergewaltigen, Widerspenstige hinrichten.

"Der Geruch des Bluts hat sie zu Raubtieren werden lassen", wird Jahre später der Belgrader Staatsanwalt Vladimir Vukcevic über seine Landsleute sagen. Hunderttausende Muslime werden vertrieben, in Internierungslagern gefoltert oder getötet. Mehr als zwei Drittel des Territoriums sind bald in serbischer Hand, das von der internationalen Gemeinschaft verhängte Waffenembargo schadet insbesondere den Muslimen.

Wie einst Nero das brennende Rom besang, rezitiert Karadzic in Pale eigene Gedichte während der Kanonade seiner Truppen auf Sarajevo und kredenzt Besuchern Sliwowitz zu kruden Rechtfertigungsslogans. "Dies ist ein Bürgerkrieg, in dem jeder jeden hasst", räsoniert er, "wir Serben nehmen nur den Siedlungsraum, der uns zusteht."

Das tut Karadzic im Zusammenspiel mit seinem Militärchef Mladic mit unerbittlicher Konsequenz. Friedensangebote internationaler Vermittler weist er brüsk zurück, lässt stattdessen Blauhelme vorübergehend als Geiseln nehmen, wird in seinen Interviews immer schriller. Niemand werde den Serben eine Lösung aufzwingen können, dröhnt er bei einem Trip zur Genfer Jugoslawien-Konferenz und schwadroniert, er sehe kein Problem darin, "sich auf dem Schwarzmarkt Nuklearwaffen zu beschaffen".

Die Welt schaut zu, wie Bosnien verblutet, erklärt dann aber sechs von den Serben belagerte Städte zu "Schutzzonen", in denen Uno-Friedenstruppen stationiert werden. Zu diesen eingekesselten Enklaven gehört Srebrenica mit etwa 50.000 Bewohnern und Flüchtlingen. Den Muslimen dort müsse das Leben "unerträglich" gemacht werden, weist Präsident Karadzic im März 1995 seine Streitkräfte an. Vier Monate darauf erobern Mladics Truppen die Stadt, es kommt zum größten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine Uno-Einheit von 600 holländischen Dutchbat-Soldaten lässt die Schutzbefohlenen im Stich. Die Blauhelme geben keinen Schuss ab, als die serbische Soldateska auch hier zur Rache schreitet und nach Selektionen mit dem Morden beginnt.

Etwa 8000 muslimische Jungen und Männer werden verschleppt, in den Tagen darauf in der Umgebung exekutiert und in Massengräbern verscharrt. Hauptakteur bei diesem Abschlachten ist General Mladic, aber Karadzic wird schwerlich beweisen können, von diesen Greueltaten nichts gewusst zu haben. Ein Vorwurf, der indes auch die Uno, die Nato und die EU trifft, weil sie alle den Sturm der Serben auf Srebrenica nicht stoppten und den Völkermord danach nicht verhinderten.

Erst nach Srebrenica greift die internationale Gemeinschaft ein. Luftschläge der Nato zwingen die Serben zum Einlenken und wieder an den Verhandlungstisch. Belgrads Milosevic ist nun wichtigster Partner des vom US-Sonderbeauftragten Richard Holbrooke durchgepaukten Abkommens von Dayton. Es führt de facto zur Zweiteilung des Landes und zu einer Legalisierung der Serbischen Republik. Allerdings ohne Karadzic an der Spitze. Der Psychiater, den Milosevic schon mal einen "besoffenen Pokerspieler" nennt, wird als Politiker nicht mehr gebraucht. Er verschwindet, weiterhin beschützt von einer kleinen Privatarmee, in der Versenkung, weil er vom Kriegsverbrechertribunal mit internationalem Haftbefehl gesucht wird.

Sonderlich eifrig sucht allerdings niemand nach ihm. In Anlehnung an ein berühmtes Balkan-Wort Bismarcks sagt der damalige Nato-Generalsekretär Javier Solana, die Ergreifung von Karadzic sei nicht das Leben eines einzigen Soldaten der Sfor-Friedenstruppe wert. Auch Kommandeure wie US-Admiral Leighton Smith räumen im Nachhinein ein, den Gesuchten nicht verfolgt zu haben. Solche Eingeständnisse nähren den Verdacht, es könne etwas dran sein an der Erklärung, mit der Karadzic bei seinem ersten Erscheinen im Haager Gerichtssaal aufwartet: dass ihm seinerzeit von Holbrooke gleichsam in einem Gentlemen's Agreement Schutz vor Verfolgung durch das Tribunal zugesichert worden sei, wenn er sich aus dem politischen Leben vollständig zurückziehe. Holbrooke bestreitet solch einen Deal vehement, doch es gibt prominente Zeitzeugen, serbische wie muslimische, die versichern, es habe solch eine Vereinbarung gegeben. Die ehemalige Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte behauptet, sowohl US-Präsident Bill Clinton als auch sein französischer Amtskollege Jacques Chirac hätten Karadzic gedeckt und seine Verhaftung blockiert.

Wenige Tage vor Karadzics Festnahme in Belgrad werden am 13. Jahrestag des Massakers von Srebrenica auf dem Friedhof der Gedenkstätte wieder Opfer beigesetzt. Deren Überreste fanden sich in Massengräbern und konnten mit aufwendigen DNA-Analysen endlich identifiziert werden. Diesmal sind es 308 von grünem Stoff umhüllte Holzsärge. Sie tragen Zettel mit den Namen und Geburtsdaten der Gefundenen. Der Jüngste war 15 bei seiner Hinrichtung, der Älteste 84 Jahre alt.

Zwei neue Gräberreihen sind am Hügel hinter der Gedenkstätte ausgehoben worden, bei deren Einweihung der Mufti von Sarajevo als oberster Würdenträger der bosnischen Muslime flehte: "Mögen die Tränen der Mütter zum Gebet werden, damit Srebrenica nie wieder geschieht - niemandem und nirgendwo."

Radovan Karadzic schweigt vor dem "Nato-Gericht", wie er das Haager Tribunal nennt, zunächst zu allen Anklagepunkten. Der bärtige New-Age-Guru ist nun wieder in die Rolle des seriös wirkenden Mediziners geschlüpft, adrett gekleidet und mit Leidensmiene. Das Tribunal wird seine letzte Bühne sein, und er wird sie sicherlich noch zu dem einen oder anderen Großauftritt nutzen.

Doch nach dem Urteil dürfte es einsam um ihn werden, wird es kein Publikum mehr geben, das er beeindrucken könnte. Nicht auszuschließen, dass der mörderische Psychiater und Spezialist für Depressionen dann selbst seinem Leben ein Ende bereitet.

Olaf Ihlau

Zum Weiterlesen:

SPIEGEL SPECIAL "Jahres-Chronik 2008 - Der Rückblick". Darin finden Sie viel weitere spannende Geschichten aus dem Jahr 2008. Jetzt am Kiosk oder im SPIEGEL Shop


Artikel bewerten
2.8 (167 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen