Jahrhundert-Katastrophe Drei Minuten Armageddon

Jahrhundert-Katastrophe: Drei Minuten Armageddon Fotos
AP

Es war der verheerendste Vulkanausbruch des 20. Jahrhunderts: Am 8. Mai 1902 verwüstete eine glühende Aschewolke die Karibikinsel Martinique. 30.000 Menschen starben - doch schuld daran war nicht der feuerspeiende Mont Pelée. Sondern ein verbissener Wahlkampf. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
    4.9 (11 Bewertungen)

Der Himmel über den Palmen von St-Pierre im Westen der Karibikinsel Martinique war pechschwarz im April 1902. Seit Wochen quoll dunkler Rauch aus dem Mont Pelée, der 1400 Meter über der Hafenstadt thronte. Die Bewohner hatten sich irgendwie damit arrangiert, genau wie mit dem Ascheregen. Doch die finsteren Vorzeichen mehrten sich: Bäche lagen plötzlich trocken. Bauern fanden ihre Tiere tot auf den Weiden. Und in den Straßen des "Paris der Karibik", wie St-Pierre genannt wurde, hing der Gestank fauler Eier. Es schien, als hätte mitten im Paradies die Apokalypse begonnen.

Am 23. April dröhnten Explosionen vom Gipfel herunter. Wenig später kroch eine vielbeinige Armee aus den Wäldern heran: Käfer, Waldameisen und riesige, giftige Hundertfüßer flohen die Hänge hinunter. Feldarbeiter gerieten in Panik, als die Insekten an ihren Beinen hochkrochen und sie bissen. Doch das war nur die Vorhut: Hunderte Schlangen folgten, darunter hochgiftige Grubenottern. Rund 50 Menschen und 200 Tiere starben durch ihre Bisse. Die Bürger St-Pierres versuchten, in das benachbarte Fort-de-France zu fliehen, aber auf der Straße dorthin wurden sie von bewaffneten Truppen aufgehalten, die sie auf Geheiß des Gouverneurs zurückschickten. In St-Pierre, so erklärte er, sei es absolut sicher.

An Christi Himmelfahrt, dem 8. Mai 1902, wurden die 30.000 Bewohner St-Pierres Opfer des verheerendsten Vulkanausbruchs des 20. Jahrhunderts. In wenigen Minuten verschwand die Stadt fast vollständig vom Erdboden. Kaum jemand überlebte, der von der Katastrophe hätte berichten können - und denen, die entkamen, fehlten oft die Worte: Kurze Zeit später, so der "Observer" 2002, fand man das Segelschiff "Rodham", das knapp dem Vulkanausbruch in St-Pierre entkommen war. Das Deck war voller Vulkangestein und Asche, die Crew entweder tot oder im Sterben. Auf die Frage der Beamten, wo sie herkämen, stammelte der Kapitän nur: "Von den Toren der Hölle."

"Die Sicherheit ist vollkommen gewährleistet"

Womöglich wäre es nie so weit gekommen ohne Louis Mouttet. Mouttet war erst kurz zuvor als Gouverneur der französischen Kolonie eingesetzt worden. Er liebte die Karibik und sah den Posten auf Martinique als Höhepunkt seiner Karriere. Nur eines trübte die Freude: Die politische Ordnung der Insel, seit Jahrhunderten in der Hand weißer Kolonialherren, geriet ins Wanken. 1899 war erstmals ein Schwarzer zum Senator Martiniques gewählt worden, Amédée Knight. Seine sozialistische Radikale Partei forderte, der Gouverneur solle künftig frei gewählt werden. Natürlich konnte diese Vorstellung Mouttet nicht behagen. Dummerweise schienen die Sozialisten beste Chancen zu haben, auch die Wahl, die am 11. Mai auf Martinique stattfinden sollte, zu gewinnen.

Nachdem Mont Pelée zu beben begonnen hatte, bangte Mouttet, die Angst vor dem Vulkan könnte die wohlhabenden französischen Kolonisten von Martinique vertreiben - die eingeschworenen Gegner der sozialistischen Partei. Wären sie am 11. Mai nicht da, wäre die Wahl so gut wie verloren. Also traf sich Mouttet, so rekonstruiert es der Geologe Vic Camp von der San Diego State University, mit Andréus Hurard, dem Herausgeber der örtlichen Tageszeitung "Les Colonies", und überredete ihn, die Gefahr herunterzuspielen.

"Les Colonies" bemühte sich nach Kräften, die konservativen Leser zu beruhigen: Gegenüber negativen Schlagzeilen, etwa den Aschemassen und Felsbrocken, die Siedler am Hang des Mont Pelée unter sich begruben, zeigte man vornehme Zurückhaltung. Am 27. April fand eine kleine Bürgergruppe im Étang-Sec-Nebenkrater einen von Schwefeldunst verhangenen See aus silbriger Flüssigkeit und einen riesigen Aschekegel, der kochendes Wasser spuckte. Alle Silberstücke an ihrem Körper, von Knöpfen über Ketten bis zu Münzen in ihren Taschen, liefen matt an. Doch als sie Hurard von ihren unheimlichen Beobachtungen erzählten, ließ der sich zehn Tage Zeit, bevor er sie veröffentlichte.

Als am 5. Mai schließlich eine Lawine kochenden Schlamms etliche Menschen tötete, schickte Mouttet ein wissenschaftliches Komitee auf den Vulkan, um die Lage einzuschätzen. Es berichtete: "Die Sicherheit von St-Pierre ist vollkommen gewährleistet." Der einzige "Wissenschaftler" des Komitees war jedoch ein örtlicher Lehrer gewesen. Und so war ihnen die V-förmige Kerbe im Krater, die direkt auf St-Pierre zeigte, auch gar nicht aufgefallen. Mouttet gab die beschwichtigenden Ergebnisse bekannt, ließ sicherheitshalber aber auch bewaffnete Wachtrupps auf der Straße aus der Stadt patrouillieren, die alle Flüchtlinge wieder zurückschicken sollten.

Durch die Straßen lief brennender Rum

Aufgrund der Beteuerungen Mouttets über die Sicherheit von St-Pierre waren sogar Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern gekommen, um hier Schutz zu suchen. Und so lebten in der Stadt nicht mehr nur 20.000, sondern rund 30.000 Menschen, als am 8. Mai die Katastrophe geschah.

Es war 7.59 Uhr am Morgen, die Kirchenglocken läuteten zum Himmelfahrtsgottesdienst, als ein ohrenbetäubendes Brüllen sie plötzlich übertönte. Die Spitze des Vulkans schien förmlich zu explodieren. Eine gigantische, glühende Wolke aus über 700 Grad Celsius heißer Asche, Gestein und Gas raste mit mehr als 450 Metern pro Sekunde den Hang hinunter. Um 8.02 Uhr schickte ein Telegraf die letzte Nachricht aus St-Pierre an den Nachbarort Fort-de-France: "Lauft!" Dann erreichte die Lawine das Dorf. Mit der Wucht eines brennenden Tornados fegte sie Bäume und Häuser weg. Dicke Steinmauern wurden zu Geröll zerfetzt, Stahlträger verbogen, eine drei Tonnen schwere Statue wurde von ihrem Sockel gerissen und flog 16 Meter weit durch die Luft. Binnen Sekunden war die Stadt ausgelöscht.

Die Hitze der Glutwolke entzündete überall Feuer. Tausende Liter Rum in der Lagerhallen der Destillen explodierten, Bäche brennender Flüssigkeit liefen durch die Straßen ins Meer hinab. Selbst dort war keiner sicher: Die Druckwelle fegte über das Wasser hinweg und ließ nur zerfetzte, brennende Wracks zurück. Noch heute ist der Grund der Bucht vor St-Pierre übersät von den Schiffen, die an jenem Tag dort ankerten. Die Stadt war einem Phänomen zum Opfer gefallen, das erst durch den Ausbruch des Mont Pelée entdeckt wurde: Der Geologe Alfred Lacroix taufte es "nuée ardente" - eine "brennende Wolke".

Überlebende als Zirkusattraktion

Kaum einer der 30.000 Bewohner St-Pierres entkam dem Inferno. Der Schuhmacher Léon Compère-Léandre erlitt schwerste Verbrennungen und schleppte sich mit letzter Kraft zum Sterben ins Bett. Aber nach einer Stunde erwachte er wieder in seinem brennenden Haus. Sein Lebenswille erwachte, und er rettete sich sechs Kilometer weit bis in den Nachbarort.

Die kleine Havivra Da Ifrile war vor dem Ausbruch an einem Nebenkrater vorbeigekommen. Sie hatte Rauch und Flammen darin gesehen und drei Menschen, die zu fliehen versuchten und wie tot umfielen. Sofort rannte sie zum Strand, griff das Boot ihres Bruders und versteckte sich in einer Höhle, in der sie mit Freunden oft Pirat gespielt hatte. Das Letzte, woran sie sich später erinnerte, war das Zischen des Meeres und wie der Wasserspiegel plötzlich zur Decke der Höhle stieg. Stunden später wurde sie drei Kilometer vor der Küste gefunden, bewusstlos in ihrem verkohlten Boot treibend.

Das sonderbarste Schicksal aber widerfuhr dem 25-jährigen Häftling Louis-Auguste Cyparis. Die Gründe, aus denen er sich an jenem Morgen in Haft befand, sind nicht eindeutig geklärt: Von einem Ausbruchsversuch, einer Schlägerei, sogar einem Mord ist die Rede. Fest steht: Sein Kerker war der sicherste Ort in ganz St-Pierre. Meterdicke Mauern und eine schwere Tür, über der sich nur ein schmaler Schlitz befand, trennten ihn von der Außenwelt. Von dem Ausbruch bekam er nur ein Grollen mit, dann schoss heiße Luft und Asche in seine Zelle. Er urinierte auf seine Kleidung und versuchte, den Luftschlitz damit zu verstopfen, scheiterte aber. Cyparis hielt den Atem an, um nicht die sengende Luft zu inhalieren, spürte brennende Schmerzen am ganzen Körper. Dann ebbte die Hitze ab. Drei Tage lang schrie er um Hilfe, bevor Rettungstruppen ihn befreiten.

Nach seiner Genesung wurde Cyparis begnadigt und startete eine neue Karriere auf dem Festland. Als "einziger Überlebender von St-Pierre" tourte er mit dem berühmten Barnum & Bailey Circus durch Amerika - und verbrachte den Rest seiner Tage hinter Gittern: Tag für Tag saß er in einer Nachbildung seiner Kerkerzelle auf Martinique und erzählte, wie er die Apokalypse von St-Pierre überlebt hatte.

Artikel bewerten
4.9 (11 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Mark Hartrampf 09.05.2012
Eine gigantische, glühende Wolke aus über 700 Grad Celsius heißer Asche, Gestein und Gas raste mit mehr als 450 Metern pro Sekunde den Hang hinunter. Sollte eher 450 km/h heissen. Pyroklastische Ströme und Glutwolken können m.W.n keine Überschallgeschwindigkeit erreichen.
2.
Thomas Kraft 09.05.2012
Was man daraus lernen kann ist, Politikern nicht zu trauen!
3.
Matthias Beck 10.05.2012
>Eine gigantische, glühende Wolke aus über 700 Grad Celsius heißer Asche, Gestein und Gas raste mit mehr als 450 Metern pro Sekunde den Hang hinunter. > >Sollte eher 450 km/h heissen. Pyroklastische Ströme und Glutwolken können m.W.n keine Überschallgeschwindigkeit erreichen. Eine Glutwolke kann sehr wohl 1000 km/h erreichen. Sie ist ja viel gashaltiger als ein pyroklastischer Strom.
4.
Carsten Beck 11.05.2012
>Eine Glutwolke kann sehr wohl 1000 km/h erreichen. Sie ist ja viel gashaltiger als ein pyroklastischer Strom. 1000 km/h liegen unterhalb der schallgeschwindigkeit. sollten glutwolke / pyroklastischer strom sich schneller fortbewegen als der schall, würde man sie vor ihrem eintreffen jedenfalls nicht hören. mfg, carsten
5.
Kai Heinrich 11.05.2012
Weitere Fotos gibt es hier: http://digitalcollections.smu.edu/cdm4/browse.php?CISOROOT=/lat
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH