James Bond Jagd auf 007

Der berühmteste Held des Kalten Krieges war eine literarische Erfindung. Gegen James Bond wurden in Osteuropa fiktive "Kundschafter des Friedens" ins Feld geschickt.

Von Peter Münder

DPA

Das Sortiment teuflischer Tötungswerkzeuge reicht von raffinierter Nahkampfausrüstung bis zur handlichen Massenvernichtungswaffe - von zwei spitzen Dolchen, die auf Metallschienen aus den Spitzen schwarzer Damen-Stiefeletten ausfahren, bis zum silbrigen Zylinder einer Atombombe, der unscheinbar in einer grünen Munitionskiste mit Sowjetsternen und kyrillischer Aufschrift ruht.

Die Exponate der großen Londoner James-Bond-Ausstellung "For Your Eyes Only" im Imperial War Museum (noch bis 1. März 2009) erinnern an den populärsten Supermann des Kalten Krieges. Die Vita des Bond-Erfinders Ian Fleming (1908 bis 1964) zeigt, wie der Autor aus eigenen Erfahrungen als britischer Offizier schöpfte und wie eng auch in der Fiktion der Kalte Krieg an den vorausgegangenen Weltkrieg anschloss.

Als Angehöriger des Marine-Geheimdienstes erbeutete Fleming im Zweiten Weltkrieg in der Normandie eine deutsche Radaranlage, in Kiel kurz vor Kriegsende ein deutsches Einmann-U-Boot. Er war in Tanger, Algier und Lissabon im Einsatz und half in den USA, Pläne für den Aufbau des CIA-Vorläufers OSS zu entwickeln. Fleming schmiedete tollkühne Pläne, etwa den Absturz eines deutschen Kampfbombers im Ärmelkanal zu simulieren, um von den deutschen Rettern den Code für die Enigma-Chiffriermaschine zu erbeuten.

Flemings literarische Feindbildprojektion war zwar auf sowjetische KGB-Agenten und andere fremdartige Unholde fixiert. Der Entertainer Fleming entwarf seinen charmanten Flegel 007 aber auch als Lebemann mit einem Faible für Sarkasmus und Selbstironie. Solch spielerische Aspekte konnten die meisten Apparatschiks im Ostblock indes nicht goutieren. Nach dem weltweiten Siegeszug von 007 mobilisierten sie gegen den dekadenten "Bondismus" und Flemings satirische Überzeichnung brutaler KGB-Dumpfbacken.

Der in den Westen übergelaufene KGB-Agent Oleg Gordiewsky behauptete aber auch, dass seine Ex-Kollegen mit Neid und Frust auf die Sportwagen und Spezialwaffen reagierten, über die 007 verfügte. Der Ruf der Ost-Geheimen nach neuester Technik à la 007 wurde immer lauter. Das KGB soll deshalb vier Spezialabteilungen zur Entwicklung von Waffentechnik, Spezialgiften, Geheimschriften und Überwachungstechnik gegründet und alles darangesetzt haben, mit Bonds Hightech-Hexenmeister "Q" Schritt zu halten.

Die vom ostdeutschen Fernsehen 1973 als Gegenoffensive gegen 007 gestartete 16-teilige Serie "Das unsichtbare Visier" erwies sich in der DDR als Straßenfeger. Armin Mueller-Stahl glänzte in der Rolle des Stasi-Agenten Werner Bredebusch. Als "Kundschafter des Friedens" soll er eine von der BRD und der CIA unterstützte Organisation ausspionieren, die ehemalige Nazi-Größen nach Südamerika schleust, wo sie den Aufbau neuer Streitkräfte planen. Kundschafter Bredebusch bewältigt seine Mission mit untadeliger sozialistischer Moral.

Erfolgreichster Schöpfer kommunistischer Anti-Bond-Figuren war der russische Autor Julian Semjonow (1931 bis 1993). In "Die Würfel fallen in Moskau" agiert der clevere Agent Slawin im fiktiven südafrikanischen Staat Nagonia, wo Putschisten von der CIA unterstützt werden. Natürlich deckt Slawin die Machenschaften auf und entlarvt die kapitalistischen Drahtzieher. Semjonow schreibt spannend und unterhaltsam, sogar eine Prise Selbstironie hat er seinem Slawin gegönnt.

Verbiestert reagierten dagegen bulgarische Funktionäre auf den James-Bond-Kult. Sie setzten den linientreuen Auftragsschreiber Andrej Guljaschki (1914 bis 1995) auf 007 an. Wütend waren sie vor allem darüber, dass bulgarische Geheimdienstagenten in verschiedenen Bond-Thrillern als besonders tolpatschig karikiert wurden.

In "Zakhov gegen 07" soll der bulgarische Schlapphut einen sowjetischen Physiker beschützen, dem 07 wertvolles Forschungsmaterial abjagen will. Im Duell mit 07 erfüllt er seinen Auftrag, doch edelmütig, wie der Bulgare eben ist, lässt er den hoffnungslos unterlegenen West-Rivalen überleben. Übrigens war dem Autor im Kampf gegen 007 eine Null abhandengekommen, weil die Fleming-Erben juristisch gegen die 007-Vereinnahmung vorgegangen waren.

Leider tendiert die Spannung bei der Lektüre gegen null. Die zweifelhafte Gabe, Romane im Geist des Stalinismus und im Stil des romantisch verschwurbelten Heidedichters Hermann Löns zu verfassen, hatte Guljaschki schon mit dem 1953 auf Deutsch erschienenen Werk "MT-Station" demonstriert, das vom Klassenkampf handelt. Das Lob einer DDR-Rezension gipfelte in der Empfehlung: "Vor allem für die bäuerliche Bevölkerung und für alle politischen Funktionäre geeignet."

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Ralf Bülow, 07.08.2008
1.
Apropos Straßenfeger: Das war auch der DEFA-Agentenfilm "For Eyes Only" von 1963, in dem Alfred Müller als DDR-Bond einen Tresor mit Geheimakten aus einer westdeutschen CIA-Residentur entwendet. Das Drehbuch basierte auf Tatsachen, blies den realen Fall aber etwas auf, wie zum Beispiel hier geschildert: www.super-illu.de/kino-tv/_For_eyes_only__264708.html
Olaf Nyksund, 07.08.2008
2.
Naja, so ganz einseitig und öde war der "Ostblock" (war ja auch nicht wirklich ein "Block") auch nicht, wenngleich es sich um ein verbrecherisches System handelte - auch dort gab es Schriftsteller mit Witz. Ich kann nur von polnischer (Populär-)Literatur sprechen, die hatte gleich mehrere Bond-like Helden - teils gelungen, teils richtig übel. Gelungen: Pan Samochodzik Eine Mischung aus Superman, Indiana Jones und eben 007. Verbreitet in den 1970er. Protagonist einer ganzen Reihe gleichnamiger Romane von Zbigniew Nienacki. Eigentlich kein Geheimagent von irgendwas, sondern schlichtweg ein Kunsthistoriker, der in seiner Freizeit Legenden der Kunstgeschichte und Kultur nachgeht und dabei unversehens in meistens internationale Affären verwickelt wird - meistens wollen natürlich die ganz bösen westlichen Kunstliebhaber irgendwelche legendären Kunstwerke oder Dokumente (diese gern aus dem Zweiten Weltkrieg) aus der Volksrepublik bringen. Sein Spitzname, übersetzt: "Herr Kleinauto", stammt von seinem Auto, einem von einem Onkel (wer braucht denn schon einen Q) in ein häßliches Blechkleid notdürftig (Ostblock-Realität eben) verbastelten und mit Amphibienfähigkeiten ausgestatteten Ferrari 410. Der Wagen spielt in jedem Roman natürlich im entscheidenden Moment eine Schlüsserrolle bei Verfolgungsjagden. In einem der Romane wird unter anderem die Figur James Bond audrücklich und ausführlich besprochen, natürlich nicht ohne propagandistische Züge, aber auch nicht ohne Ironie - mit dieser war Pan S. durchaus ausgestattet, genauso wie mit gesunder Selbstironie. Das Wirkungsspektrum des Kunsthistorikers erstreckt sich zwischen der Masurischen Seeplatte und einem Schloß an der Loire (hier jagt er den Fantomas!). Die Bücher waren generell recht spannend, gleichzeitig jugendfrei und für Erwachsene geeignet - ganz Polen las sie, neue Folgen waren sofort ausverkauft, ältere längst aus Bibliotheken geklaut. Neben den ganzen Abenteuern wusste der Autor auch ganze Mengen an naturwissenschaftlichen und historischen Informationen hinein zu streuen, unter anderem über die Freimaurerei, Tempelorden, Kunstgeschichte insgesamt, inklusive Architektur, Malerei etc. -- aber auch - leider - hier und dort propagandageprägte, antigermanische Ressentiments. Der Autor gab sich später anderen, nicht mehr ganz jugendfreien, Literaturbereichen hin und konnte für sich die Ehre reservieren, den wohl ersten (soft-)pornographischen Roman im "Ostblock" offiziell zu veröffentlichen :-) Bei echten Agentenstories gab es da nicht allzu viel, die meisten Sensationsautoren flüchteten stattdessen gern in den Bereich von Science Fiction. Es gab auch einen Versuch, mittels einer Fernsehserie "Zycie na goraco" (übersetz etwa "Das pralle Leben") eine Art James Bond zu etablieren, das war Ende 1970er, die Serie floppte hoffnungslos, weil der adrette Hauptheld, der als "Friedenskämpfer" die ganze Welt immer wieder bereiste, einfach nur unfreiwillig komisch wirkte und die Handlung eine einzige Peinlichkeit darstellte. Die Serie war ein beliebtes Witzobjekt kurz vor dem August 1980 :)
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