Vorbild für Bond-Schurke Der echte Goldfinger

Inspiration für einen Bösewicht und auch noch stolz darauf: Charles W. Engelhard wurde in den sechziger Jahren zu einem der mächtigsten Goldproduzenten der Welt. Ein dreister Trick machte den beleibten Lebemann steinreich - und zum Vorbild für den Bond-Gegenspieler Goldfinger.

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Lässig, mit einer Hand in der Tasche tritt der Bösewicht Auric Goldfinger an den goldenen OP-Tisch heran, auf dem er seinen Widersacher James Bond hat festschnallen lassen. Ein Laserstrahl beginnt sich zwischen Bonds Füßen in den Tisch zu fressen und wandert langsam nach oben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auch den Top-Agenten zerteilt. Mit einem sinnierenden Blick betrachtet Goldfinger das schmelzende Edelmetall. "Das ist Gold, Mr. Bond", sagt er. "Mein ganzes Leben war ich verliebt in seine Farbe, seinen Glanz, seine göttliche Schwere. Ich mache jedes Geschäft, das meinen Vorrat aufstockt."

Der Offenbarungseid des Bösewichts gehört zu jedem Bond-Streifen. Der Zuschauer soll schließlich wissen, warum er die halbe Welt in Brand setzt. Bei Goldfinger liegt die Sache allerdings noch etwas anders. Denn sein Bekenntnis verweist ins wahre Leben. Als der Film 1964 in den Kinos anlief, kam bald der Verdacht auf, dass der goldbesessene Auric Goldfinger kein reines Phantasieprodukt war. Zeitschriften wie das "Forbes Magazin" oder die "New York Times" waren sich sicher, dass einer der damals einflussreichsten und mächtigsten Industriellen der Welt der Filmfigur Pate gestanden hatte: Charles W. Engelhard.

Die Parallelen zwischen Goldfinger und Engelhard waren auch offensichtlich. Der Goldhandel hatte Engelhard, ähnlich wie Goldfinger, groß gemacht. Skrupellos nutzte er sämtliche Schlupflöcher, die ihm das Gesetz bot. Auf dem Zenit seiner Macht herrschte er über ein gigantisches Minenkonglomerat und zählte zu den größten Goldproduzenten weltweit. In gewisser Weise war auch er dem Gold verfallen.

Den Umgang mit Edelmetallen hatte Engelhard von kleinauf gelernt. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sein Vater einen gigantischen Konzern aufgebaut, der auf die Verarbeitung von Edelmetallen spezialisiert war. Der alte Engelhard war einer der ersten, der das industrielle Potential von Gold, Platin und Silber erkannte - und damit ein kleines Vermögen machte. Er belieferte nicht nur Juweliere, sondern auch die chemische Industrie, die Edelmetalle wie Platin als Katalysatoren verwendete oder als Glühdrähte in die Glühbirnen einbaute. Auch Gold fand industrielle Verwendung: beispielsweise in Mikroschaltkreisen.

Absurde Geschäftsidee

Der junge Engelhard startete seine Unternehmerkarriere bereits als reicher Erbe. Doch er wollte noch mehr erreichen. Ende der vierziger Jahre ging er nach Südafrika und baute dort ein Goldexport-Geschäft auf. Die Geschäftsidee erschien zunächst absurd, denn Gold wurde damals weder frei gehandelt, noch durfte es exportiert werden. Engelhard behalf sich daher mit einem Trick und nutzte ein Schlupfloch, das ihm das Gesetz bot: Er schmolz das Gold ein, machte daraus Schmuck, Statuen und Figuren und führte sie als Kunstgegenstände aus. Denn die unterlagen keinerlei Export-Beschränkungen. Am Bestimmungsort wurde das Gold dann wieder eingeschmolzen und in Barren gegossen.

In diesen Jahren lernte Engelhard auch den Bond-Autor Ian Fleming kennen. 1949 eröffnete der damals 32-Jährige das Geschäftskonto seines Goldhandels bei der Bank Robert Fleming & Co., dem Großvater des Schriftstellers. Über ihn sind sich die beiden mehrfach begegnet. Offensichtlich hat Fleming der Trick mit dem Einschmelzen derart beeindruckt, dass er die Geschichte sofort schriftstellerisch verarbeitete. Goldfinger bedient sich im Film genau desselben Tricks, um sein Gold über die Landesgrenzen zu schmuggeln: Die Karosserie seines Rolls Royce beispielsweise ist aus purem Gold. Offiziell bestätigte Fleming aber nie, dass Engelhard seine Inspirationsquelle war.

Auf Augenhöhe mit dem Diamanten-König

"Es war ein recht profitables Geschäft", resümierte Engelhard Jahre später in der "New York Times". Tatsächlich war es weit mehr: Es war der Beginn einer großen Gold-Karriere in Südafrika. Über Jahre betrieb Engelhard seinen halblegalen Handel und kaufte sich parallel in etliche südafrikanische Goldminen ein. Erst als 1954 in London der Goldmarkt wiedereröffnete und Goldbarren wieder frei gehandelt werden durften, stellte er sein Geschäftskonzept um und verzichtete auf das aufwendige Einschmelzprozedere. 1958 gründete er die American-South African Investment Company, die an der New Yorker Börse gelistet war und ausschließlich in südafrikanische Goldminen investierte, die damals rund 80 Prozent des weltweiten Goldbedarfs bedienten.

Innerhalb von zehn Jahren hatte sich Engelhard zu einem der weltweit größten Goldproduzenten hoch gekämpft. Wer ins Goldgeschäft einsteigen wollte, kam an Engelhard kaum vorbei. Plötzlich stand er auf Augenhöhe mit Wirtschaftsgrößen wie dem südafrikanischen Diamantenkönig Harry Oppenheimer, der ihm 1961 prompt eine Kooperation vorschlug. Gemeinsam gründeten sie die Investmentgesellschaft Rand Selection Corp., die Beteiligungen an Gold-, Kupfer- und Kohleminen und einigen Industrieunternehmen hielt. "Als ich anfing, hätte ich das nie für möglich gehalten. Ich kannte niemanden und musste drei Wochen warten, um überhaupt einen Termin beim Chef der südafrikanischen Bergbaukammer zu bekommen", erinnerte er sich 1963.

Der Vergleich mit Goldfinger schien Engelhard nicht zu stören. Im Gegenteil: Er amüsierte sich sogar darüber. Er soll öfter erzählt haben, dass eine seiner Stewardessen an Bord eines seiner vielen Privatjets tatsächlich Pussy Galore hieß, so wie das Bond-Girl, das 007 vor Goldfinger rettet. Einmal tauchte er sogar auf einer Party in einem gelb-orangenen Pullover im Goldfinger-Stil auf, heißt es.

Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg ging der gesellschaftliche einher, den Engelhard ausgiebig zelebrierte. Er besaß 250 Rennpferde und mehrere Rennställe in England, Südafrika und in den USA, er legte sich eine gewaltige Kunstsammlung zu und stattliche Anwesen, die auf der ganzen Welt verteilt waren: Florida, Maine, Manhattan, England, Südafrika, Italien, Kanada. Mit seiner schönen Frau und seinen fünf Töchtern jettete er durch die Welt: Weihnachten in Johannesburg, Ostern auf dem Familiensitz Cragwood in New Jersey und im Sommer ein bisschen Europa. "Er lebt wie ein indischer Maharadscha, der mit seinem Gefolge majestätisch von Haus zu Haus reist", schrieb die "New York Times" 1963.

Die Engelhards waren die Lieblinge der High Society. Egal, ob in Südafrika, London oder den USA: In ihrem Haus verkehrte nur die Top-Prominenz - darunter Jackie und John F. Kennedy, der Duke of Windsor und Harry Oppenheimer, der damals einer der reichsten Männer der Welt war. Die Klatschpresse hofierte das glamouröse Paar. Regelmäßig wurde Jane Engelhard zu den zehn am besten angezogenen Frauen in den USA gewählt. Und selbst in der "Vogue" war die Society-Lady zu sehen - abgelichtet von Starfotograf Horst P. Horst.

"Maximaler, moralisch vertretbarer Profit"

Was weniger zu dem glamourösen Image passte, war: Engelhard war süchtig nach Cola und griff, wann immer es ging, zur Flasche. Seine kontinuierlich wachsende Leibesfülle hatte vermutlich auch damit etwas zu tun. Selbst äußerlich hatte er also Ähnlichkeit mit Goldfinger. Doch im Gegensatz zu der fanatischen Filmfigur behielt er stets die Bodenhaftung. Vom Goldfieber gepackt, will Goldfinger die in Fort Knox gelagerten Goldreserven der USA radioaktiv verseuchen und dadurch entwerten, um den Wert seines Goldvorrats zu erhöhen. Das internationale Währungssystem ist bedroht. Also wird Bond auf den gewitzten Goldschmuggler angesetzt.

Engelhards unternehmerisches Motto fiel dagegen vergleichsweise bescheiden aus: "Maximaler, moralisch vertretbarer Profit." Auf jeden Fall fuhr er besser damit als Goldfinger, der - wie es sich für den Bösewicht im James-Bond-Film gehört - vollkommen ruiniert wird und am Ende stirbt. Engelhard war 1950 mit einem Vermögen von 20 Millionen US-Dollar gestartet. Als er 1971 im Alter von gerade einmal 54 Jahren an einem Herzinfarkt starb, hinterließ er seiner Frau und seinen fünf Kindern das Zwölffache: insgesamt 250 Millionen US-Dollar.



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Volker Blochwitz, 15.10.2012
1.
Es sollte vielleicht nicht unerwähnt bleiben, dass Goldfinger nur im Film die Idee hatte, die Goldreserven radioaktiv zu verstrahlen. In der Buchvorlage Flemings wollte er sie schlicht stehlen und zwar mit Hilfe der amerikanischen Unterweltbosse, die im Film dran glauben müssen. Die Bond-Drehbücher müssen natürlich um einiges spektakulärer sein, das ist auch gar kein Makel.
Ralf Bülow, 15.10.2012
2.
Es sollte außerdem beachtet werden, dass es einen realen Mr. Goldfinger gab, der Ian Fleming bekannt war, nämlich der ungarisch-englische Architekt Ernö Goldfinger, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Ern%C5%91_Goldfinger
Johann Meier, 16.10.2012
3.
>Es sollte vielleicht nicht unerwähnt bleiben, dass Goldfinger nur im Film die Idee hatte, die Goldreserven radioaktiv zu verstrahlen. In der Buchvorlage Flemings wollte er sie schlicht stehlen und zwar mit Hilfe der amerikanischen Unterweltbosse, die im Film dran glauben müssen. Die Bond-Drehbücher müssen natürlich um einiges spektakulärer sein, das ist auch gar kein Makel. Warum erwähnen sie es dann?
Markus Wolf, 18.10.2012
4.
>Es sollte vielleicht nicht unerwähnt bleiben, dass Goldfinger nur im Film die Idee hatte, die Goldreserven radioaktiv zu verstrahlen. In der Buchvorlage Flemings wollte er sie schlicht stehlen und zwar mit Hilfe der amerikanischen Unterweltbosse, die im Film dran glauben müssen. Die Bond-Drehbücher müssen natürlich um einiges spektakulärer sein, das ist auch gar kein Makel. In diesem Fall nicht spektakulärer, sondern ausnahmsweise realistischer: der im Roman geschilderte Diebstahl würde - nach Prüfung durch die Filmproduzenten/-autoren - ganze drei Wochen dauern. Die radioaktive Verseuchung durch eine schmutzige Bombe war eine Lösung dieses logischen und logistischen Problems.
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