Hilfsschurken bei James Bond Zweite Garde, erste Sahne

Sie zerbeißen Stahlkabel, werfen Killermelonen, schlingen ihre tödlichen Schenkel um James Bond: Seit 007 erstmals in Aktion trat, bedrängen ihn die Schergen seiner Widersacher. Eine Huldigung an das Böse aus der zweiten Reihe.

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Wuchtig trifft der Hieb ihn ins Gesicht. Doch statt sich vor Schmerzen im Staub zu winden, lächelt der Mann in Hemd und Hosenträgern nur. Seine Zähne glänzen. Agent 007 verzieht gequält das Gesicht, reibt sich die Faust - und schaut weinerlich hinauf. Denn der Unverwundbare überragt ihn um gut drei Köpfe. Und in seinem Gesicht glitzert etwas, das mehr einer Schrottpresse ähnelt als einem menschlichen Mund.

Als Roger Moore 1977 zu seinem dritten Einsatz als Superagent James Bond in "Der Spion, der mich liebte" aufbrach, traf er auf diesen Berg von einem Mann: Richard Kiel, 2,17 Meter hoch. Fortan sollte ihn jeder nur noch als "Jaws" kennen. Unter diesem Namen hatte Steven Spielberg zwei Jahre zuvor einen mörderischen weißen Hai aufs Kinopublikum losgelassen. Für ihren neuen Film hatten sich die Bond-Macher für einen Widersacher entschieden, der seine Opfer ebenfalls mit dem Gebiss traktierten sollte.

Dabei war der Beißer, so hieß "Jaws" im Deutschen, gar nicht der große Schurke, sondern nur der Handlanger des größenwahnsinnigen Industriellen Stromberg, gespielt von Curd Jürgens. Damit stand er in einer Reihe mit anderen Schergen an der Seite von Superbösewichten, die nach der Weltherrschaft strebten. Denn diese Oberschurken waren zwar meist mit bösartigem Genie gesegnet, aber an Schlagkraft fehlte es ihnen.

Mordlust mit Melone

Bereits in "007 jagt Dr. No" sah sich Bond-Darsteller Sean Connery mit den "Three Blind Mice" konfrontiert: Diese Auftragskiller tarnten sich als Blinde, um ihren Opfern aufzulauern. Und das irre Genie Auric Goldfinger konnte sich stets auf "Oddjob" verlassen. Einen stummen Killer, der seine Melone mit rasiermesserscharfer Klinge in der Krempe durch die Luft sausen ließ, um jeden aus dem Weg zu räumen, der Goldfinger stoppen wollte.

In eben dieser Tradition stand auch der Beißer - als enger Vertrauter eines Hauptganoven, mit einer besonders bizarren tödlichen Waffe, während all die anderen willigen Helfer sich leichthin vom Spion Ihrer Majestät über den Haufen schießen lassen mussten. Oft gaben ihre Namen auch ihre Funktion wieder: "Mr. Stamper" stampfte gern auf Fingern herum. "Oddjob" erledigte die Drecksarbeit. Und "Xenia Onatopp" schwang sich auf die Opfer und kopulierte sie zu Tode.

Dass Richard Kiel den Job als Nummer-zwei-Schuft in "Der Spion, der mich liebte" ergatterte, verdankte er vor allem seiner Größe. Ursprünglich war der 1,96 Meter große Will Sampson für die Rolle vorgesehen. Der Muskogee-Indianer war 1975 als "Häuptling" in "Einer flog übers Kuckucksnest" bekannt geworden. Dagegen schlug sich der ehemalige Mathematiklehrer Kiel als Nebendarsteller durch. Doch zwei entscheidende Vorteile hatte er: Er war 21 Zentimeter größer als Sampson - und hatte ein Jahr zuvor bereits in "Trans-Amerika-Express" einen Schuft mit auffälligem Gebiss gespielt.

An den Drehorten in Kairo und auf Sardinien wiederholte der Hüne dieses Martyrium für seinen großen Auftritt im Bond-Film. Immer wieder brauchte Kiel Drehpausen, weil seine Mundprothese starke Würgeanfälle auslöste. Kaum eine Minute konnte der Beißer das Metallgebiss im Mund behalten, bevor ihn der nächste Brechreiz plagte. Wenigstens war seine Rolle stumm angelegt.

Doch die Strapazen lohnten sich. Später erinnerte sich Richard Kiel daran, wie das Testpublikum regelmäßig in Jubel ausbrach, als sein Alter Ego in der letzten Szene aus der versenkten Schaltzentrale von Bösewicht Stromberg wieder auftauchte. Somit war klar: Der Beißer hatte die Auseinandersetzung mit James Bond überlebt.

Schurken für die Ewigkeit

Die Begeisterung der Kinozuschauer blieb nicht folgenlos. Als erster und einziger Scherge bekam Kiel einen zweiten Auftritt im nächsten Abenteuer mit Roger Moore. In "Moonraker" durfte er erneut einem Größenwahnsinnigen zur Hand gehen, der diesmal die Menschheit auslöschen und den Planeten mit einer Auswahl von Topmodels bevölkern wollte. Zum Ende des Films stellt sich heraus, dass "Jaws" nicht unter diesen Auserwählten war; ihm fehlte es an der Traumfigur. Also schlug er sich auf Bonds Seite - und wurde endgültig selbst zum Helden.

Auch nach dem Abgang des Beißers blieben die Hilfsschufte wichtige Bestandteile aller James-Bond-Filme. Und immer haftete ihnen neben ihrer Komik auch eine bittersüße Note an. Nie waren sie diejenigen mit der großen Vision für das perfekte Verbrechen oder den Untergang der Menschheit. Stattdessen mussten sie stumpf und meist wortlos den Anweisungen ihrer bösen Herren Folge leisten. Nur um letztlich von Bond auf besonders ausgefallene Art umgebracht zu werden - lässiger Einzeiler inklusive.

Über die Jahre sind die Schergen selbst zu Pop-Ikonen geworden. Beißer, Oddjob und Co gibt es auch als Actionfiguren. Und in den "Austin Powers"-Filmen setzte der Komiker Mike Myers ihnen ein liebevolles Denkmal, als er in seinen Bond-Persiflagen ihre Absurdität noch steigerte. Ganz so überdreht wie in den Siebzigerjahren sind die Schurken aus der zweiten Reihe heute nicht mehr, doch selbst die ernsteren Bond-Filme mit Daniel Craig verzichten nicht auf sie.

Das Wichtigste am Schurkendasein, sagte Richard "Beißer" Kiel vor seinem Tod 2014 der Fanseite Universalexports.net, sei die Fähigkeit, "unterhaltsam zu sein, indem man Furcht einflößend ist, und gleichzeitig menschlich zu sein, indem man Eigenschaften wie Frustration und Entschlossenheit zeigt".

Zum Start des neuen 007-Abenteuers "Spectre" würdigt einestages die Schurken und Scherginnen der vergangenen 50 Jahre und ihren selbstlosen Einsatz für den Untergang der Welt.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Jan Küthmann, 05.11.2015
1. Beisser ist der Beste!
nuff said
Nils Broß, 05.11.2015
2. Ein schöner Artikel, aber...
...betreffs der Fotoserie möchte ich eine Kritik anbringen. Das Bild des 'Oddjob' zeigt weder Harold Sakata noch eine Szene aus 'Goldfinger' sondern Thunder Sugiyama in seiner Rolle als Oddjob-Parodie in 'Mad Mission 3 - Unser Mann von Bond Street'. Der dritte Teil der Hongkong-Actionfilmserie 'Mad Mission' war anteilig als Bond-Persiflage angelegt. U.a. spielten darin noch Richard Kiel und Peter Graves (in einer Selbstparodie seiner Rolle aus 'Mission Impossible') mit.
Thomas Külpmann, 05.11.2015
3. Falls die Namen
in Klammern die Schauspieler bezeichnen sollen, dann wird der Schurke "Renard" in "Die Welt ist nicht genug" von Robert Carlyle" gespielt...
Marko Kuhn, 05.11.2015
4. Ein wichtiger
In "Liebesgrüße aus Moskau" von 1963 gibt es neben der großartigen Lotte Lenya auch noch den nicht minder großartigen Robert Shaw als Killer Red Grant, für mich einer der besten und beeindruckensten "Hilfsschurken" der ganzen Reihe. Ach ja, zu Bild 19: Renard IST Viktor Zokas, in Klammern gehört der Name des Schauspielers Robert Carlyle.
Andreas Brünnert, 05.11.2015
5. Der Beißer ist Kult
oder wie sagte Drax in Moonraker: "Oh, wenn sie den bekommen können, wunderbar!"
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