Mysteriöser Tod eines US-Ministers Der Sonderling im Pentagon

James Forrestal war der erste US-Verteidigungsminister. Kurz nach seinem erzwungenen Rücktritt vor 65 Jahren stürzte er aus dem Fenster eines Sanatoriums. Bis heute wird über seinen Tod spekuliert - Selbstmord oder Mord?

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Schwester Dorothy Turner drehte ihre letzten Runden. Die meisten Patienten im Naval Medical Center, dem Krankenhaus der US-Marine vor den Toren Washingtons, schliefen längst. Doch dann, um 1.45 Uhr, hörte Turner zwei dumpfe Geräusche. "Als sei jemand aus dem Bett gefallen", gab sie später zu Protokoll.

Gefallen, ja - aus dem Bett, nein: Durch ein Fenster im 16. Stock des Turmbaus sah Turner tief unten einen leblosen Körper liegen, gestürzt aus offenbar großer Höhe. Um den Hals hatte er einen Bademantelgürtel geknotet.

"Mein Gott", dachte sie sich, "ich hoffe nicht, dass das einer von meinen ist."

Die Identität des Toten war schnell ermittelt. Der Mann war ein Patient der neurologischen Abteilung. Doch nicht irgendeiner: Es handelte sich um James Vincent Forrestal - den ersten Verteidigungsminister der USA. Forrestal war erst zwei Monate zuvor, am 28. März 1949, abrupt zurückgetreten und kurz darauf wegen "Erschöpfung" in das Sanatorium eingeliefert worden.

65 Jahre später ist Forrestal kaum mehr als eine Fußnote: vergessen, verdrängt, vertuscht. Der Flugzeugträger, der seinen Namen trug, ist verschrottet, Forrestals Karriere längst getilgt aus dem Gedächtnis Amerikas - und sein mysteriöser Fenstersturz bis heute ungeklärt.

War es Selbstmord - oder Mord? Und was hatte der Fall mit dem angeblichen Ufo zu tun, das 1947 in New Mexico entdeckt worden sein soll?

Ein Friedensminister

Forrestals Schicksal ist eines dieser obskuren Geheimnisse, die die US-Geschichte sprenkeln, ohne je mythischen Rang zu erreichen. Dabei enthält es alle Bestandteile eines Thrillers: globale Verwicklungen, schillernde Charaktere - und den Geruch höchstamtlicher Verschleierung.

Seine Bronzebüste wacht stoisch über eine Pforte des Pentagon, als "spontane Ehrung seiner dauerhaften Errungenschaften", wie der Historiker James Carroll in seinem kritischen Bestseller "House of War: The Pentagon and the Disastrous Rise of American Power" beschreibt. Doch nur wenige wüssten noch, wie sehr Forrestal die heutige Militärmacht USA geprägt habe. "Er spukt durch diesen Ort."

Nach den Vorstellungen von Harry Truman sollte Forrestal ein Friedensminister sein. 1947 schaffte der US-Präsident das Amt des Kriegsministers ab und ernannte Marinechef Forrestal zum allerersten Secretary of Defense. Eher widerwillig zog der ins damals noch neue Pentagon um, den riesigen Betonbunker jenseits des Potomac River.

Komischer Kauz

Forrestal, Sohn irischer Immigranten, hatte seine Laufbahn an der Wall Street begonnen. Seine militärische Erfahrung beschränkte sich auf ein paar Jahre als Marineflieger im Ersten Weltkrieg. Die Front sah er damals aber nie.

Präsident Franklin Roosevelt machte Forrestal 1940 zum Marinestaatssekretär, 1944 wurde er Marineminister. Ein Jahr später war er bei der legendären Schlacht um die Pazifikinsel Iwojima zugegen. Zu deren Ende hissten sechs Marineinfanteristen ein Sternenbanner, was zum ikonischen Kriegsfoto jener Zeit führte.

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Forrestal sorgte freilich für Irritation: Als er die Flagge als Souvenir für sich beanspruchte, war der Kommandeur des Bataillons so empört, dass er die Szene mit einer zweiten Flagge nachstellen ließ, um das Original zu wahren.

Forrestal hatte immer schon den Ruf eines Sonderlings. Zeitgenossen beschrieben ihn als besessenen Workaholic, als streitlustigen und "emotional unsicheren" Einzelgänger.

Diese Charaktereigenschaften kamen ihm erst recht in die Quere, als Truman ihn 1947 ins Pentagon beförderte. Dort warteten enorme Herausforderungen: Forrestal musste den US-Kriegsapparat demobilisieren und zugleich fürs neue Schlachtfeld positionieren - den Kalten Krieg. Es kam Schlag auf Schlag: Berlin-Blockade, Marshall-Plan, Palästina-Krieg, Nato-Gründung.

"Der gefährlichste Mann Amerikas"

Forrestal und Truman stritten vor allem um den US-Militärhaushalt: Der Minister, ein flammender Antikommunist, forderte Abermilliarden mehr, als der Präsident zu bewilligen bereit war.

Prominente Journalisten schlugen sich auf Trumans Seite. Sie begannen eine bitterböse Verleumdungskampagne gegen Forrestal, streuten Gerüchte über seinen Geisteszustand, über düstere Krankheiten, Amtsunfähigkeit. Forrestal, erklärte der Kolumnist Drew Pearson, sei "der gefährlichste Mann Amerikas".

1949 zwang Truman seinen ungeliebten Minister zum Rücktritt. Ein anschließendes Gespräch mit seinem Rivalen, Luftwaffenchef Stuart Symington, soll Forrestal so verstört haben, dass er in starr verkrampfter Haltung in seinem alten Büro vorgefunden wurde. Der Inhalt des Gesprächs wurde nie bekannt.

Nach Selbstmorddrohungen und paranoiden Äußerungen - jemand im Weißen Haus habe es auf ihn "abgesehen" - begab sich Forrestal in psychiatrische Behandlung. Er landete im Naval Medical Center, wo er unter anderem einer Insulinschocktherapie unterzogen wurde.

"Mentale Depression"

Nach seinem Tod kam das Wort Selbstmord im Untersuchungsbericht nicht vor. Die "New York Times" schlussfolgerte dennoch, Forrestal habe versucht, sich mit dem Bademantelgürtel am Fenster zu erhängen.

Schnell blühten Verschwörungstheorien. Forrestal sei ermordet worden - von KGB-Agenten, von CIA-Agenten, von Mossad-Agenten. Auch Forrestals Bruder Henry glaubte an Mord. Etliche Buchautoren widmeten sich dem Fall, alle gelangten zu unterschiedlichen Ergebnissen, keiner hatte ein plausibles Motiv.

Die genauen Umstände seiner Entlassung und Einlieferung in die Marineklinik wurden nie geklärt. Manche vergleichen Forrestals Tod mit dem des tschechoslowakischen Außenministers Jan Masaryk nur etwa ein Jahr zuvor. Masaryk war im März 1948 leblos vor dem Fenster seines Prager Dienstsitzes aufgefunden worden. Die genauen Umstände seines Todes wurden nie geklärt. Andere ziehen Parallelen zum Fall von Frank Olson, einem CIA-Mitarbeiter und Experten für biologische Kriegsführung, der 1953 durch einen Sturz aus einem New Yorker Hotelfenster starb.

Die abenteuerlichste Erklärung bezieht sich auf ein berühmtes Ereignis in der Wüste New Mexicos: Dort fiel im Juni 1947 nahe des Ortes Roswell ein mysteriöser Flugkörper vom Himmel - ein Ufo, so die Legende. Bis heute halten sich Gerüchte, der Fall werde von der US-Regierung vertuscht. Forrestals Name taucht auf einer Liste angeblich Eingeweihter auf. Wurde er zum Schweigen gebracht?

Das Pentagon hält sich in Forrestals offizieller Biografie auffallend bedeckt: "Er verließ sein Amt am 28. März 1949", steht da, "und starb weniger als zwei Monate später tragisch."

Zurück ließ Forrestal ein handschriftliches Gedicht aus der Sophokles-Tragödie "Ajax", das schnell als Abschiedsbrief interpretiert wurde. Es dauerte dann aber fast ein halbes Jahr, bis ein interner Ermittlungsausschuss Forrestals gewaltsames Ende auf "mentale Depression" zurückführte.



insgesamt 4 Beiträge
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Peter Boots, 28.03.2014
1. Leider wird nicht erwaehnt...
... dass Forrestal mit dem Republikanischen Praesidentschafts Kandidaten Thomas Dewey nicht lange vor der 1948 Wahl darueber sprach Verteidigungsminister im vermeintlichen Kabinett Dewey's zu werden -- Harry Truman's Chancen auf eine Wiederwahl waren zu dem Zeitpunkt als hoffnungslos bezeichnet. Wenn man das in betracht nimmt, zusammen mit den widerspruechlichen Ansichten des Verteidigungsbudget's, erklaert sich die erzwungene Abtretung leicht. Uebrigens, wieviel traegt die Nennung eines Kriegsschiffs nach Forrestal zu einer 'Vertuschung' bei? Auch wer erinnert sich heute noch an die Namen der US Verteidigungsminister zwischen Forrestal und Robert McNamara?
Harald Kühn, 30.03.2014
2. Solche Verschwörungstheorien sind mir unheimlich...
"Schnell blühten Verschwörungstheorien. Forrestal sei ermordet worden - von KGB-Agenten, von CIA-Agenten, von Mossad-Agenten." Diese Behauptung ist recht erstaunlich, denn zum Zeitpunkt von Forrestals Tod gab es den Mossad beispielsweise noch gar nicht, der wurde über ein halbes Jahr nach dessen Tod überhaupt erst gegründet. Die entsprechenden Verschwörungstheoretiker hätten also irgendwelche magischen Zukunftsvisionen gehabt haben müssen. ;-) Der KGB wiederum wurde sogar erst 5 Jahre später gegründet, aber das kann man vielleicht noch mit irgendwelchen "Vorgänger-Organisation"-Ungenauigkeiten erklären. War es vielleicht eher der Autor dieses Artikels, der diese konkreten Verschwörungstheorien einfach mal erfunden hat?
Peter Boots, 30.03.2014
3. Intern ist dieser Artikel sowieso nicht uebereinstimmend
Erst einmal "Nach Selbstmorddrohungen und paranoiden Äußerungen - jemand im Weißen Haus habe es auf ihn "abgesehen" - begab sich Forrestal in psychiatrische Behandlung" -- und dann "Die genauen Umstände seiner Entlassung und Einlieferung in die Marineklinik wurden nie geklärt." Was ist es nun, das eine oder das andere? _ _ _ _ _ _ Und dann noch eine Verschwoerungsthese die der Autor selbst beigesteuert hat: "Es dauerte dann aber fast ein halbes Jahr, bis ein interner Ermittlungsausschuss Forrestals gewaltsames Ende auf "mentale Depression" zurückführte." SECHS Monate fuer eine Ermittlung??? Da MUSS ja etwas faul an der Sache sein.
Graziella Caruso, 31.03.2014
4. Wenn ich mich recht erinnere...
...war der Herr (nach Tim Weiner "Legacy of Ashes- History of CIA") schwerst Alkohol abhängig, da kommen solche tragische Unfälle schon mal vor.
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