Mafia-Boss Whitey Bulger Der Pate von Boston

Sein Leben war Hollywood zwei Kinofilme wert: James Whitey Bulger zählte zu den meistgesuchten Gangstern der Welt und war 16 Jahre lang nicht zu fassen. Beim Aufstieg zum Mafiaboss hatte ihm ausgerechnet das FBI geholfen.

DPA/ Boston Police Department

Von


James Whitey Bulger lauerte im Schatten der Bäume. Als sein Opfer nach Hause kam, sprang er aus seinem Versteck und würgte Debrah Davis so lange, bis sie leblos zusammensackte. Debrah musste sterben, weil sie wusste, dass Mafiaboss Bulger, der "Pate von Boston", ein unglaubliches Geheimnis hatte. Er arbeitete als Informant fürs FBI.

Die "Winter Hill Gang"
REUTERS

Die "Winter Hill Gang"

James Whitey Bulger kontrollierte die Stadt von einem Schnapsshop im Hafenviertel aus: Er wachte über den Drogen- und Waffenhandel, das Geschäft mit Wucherkrediten, das Glücksspiel. Den Aufstieg zum Chef der legendären Winter Hill Gang, einer mafiaartigen Bande überwiegend irisch-amerikanischer Krimineller, schaffte er mithilfe eines Freundes aus Kindertagen: John Connolly, Agent beim FBI. Als dieser 1994 in Rente ging, landete Bulger auf der "Top-Ten-Fahndungsliste" der US-Sicherheitsbehörde - als zweiter Mann hinter Osama Bin Laden. Die Anklage warf ihm 19 Morde vor.

Hollywood hat das Leben des Gangsters nun realitätsnah verfilmt. Johnny Depp spielt Bulger im Film "Black Mass" verblüffend echt, Joel Edgerton den Part des korrupten Komplizen Connolly.

Zwei Jungs, zwei Wege

Die echten Gangster wuchsen im irischen Armutsviertel von Boston auf. James Whitey Bulger und John Connolly wollten dem Elend entkommen, wählten aber unterschiedliche Wege - die später zu einem gemeinsamen Schicksal wurden. Der 1929 geborene Bulger lernte als Jugendlicher die Härten des Bandenkriegs kennen, schloss sich der Winter Hill Gang an und raubte Bankfilialen aus. Wegen seiner fast schlohweißen Haare riefen die Cops ihn "Whitey". Der ernsthaftere John Connolly , elf Jahre jünger, träumte hingegen von einem Rechtsstudium und einer Karriere als FBI-Agent. Zum ersten Mal trafen sich beide in einem Eisladen, Bulger spendierte dem jüngeren Connolly ein Eis.

Bei einem Überfall wurde Whitey Bulger 1956 gefasst und landete auf der Gefängnisinsel Alcatraz. Sein Zorn und seine kriminelle Energie wurden dort womöglich erst richtig wach: Die Haftzeit verkürzte er mit der Teilnahme an staatlichen LSD-Experimenten in einem Geheimprogramm der CIA. Sie bescherten ihm schlaflose Nächte, Halluzinationen, Albträume: "Oft wache ich von einem Schrei auf und merke, dass ich selbst schreie", schrieb er in privaten Notizen, die hinter Gittern entstanden und später entdeckt wurden.

Als er 1965 entlassen wurde, ähnelte er einem Kampfhund, den man scharf gemacht hatte. Sein Ziel: Er wollte zum Chef der Winter Hill Gang aufsteigen. Nun kam John Connolly ins Spiel. Der Junge aus dem Nachbarhaus arbeitete inzwischen beim FBI. Beide verabredeten einen Deal.

Der Pate und der Prinz

Bulger versorgte Connolly mit Insiderwissen über die italienische Mafia und seinen Intim-Gegner Luigi "Baby Shanks" Manocchio - im Gegenzug genoss er Protektion bei seinen Geschäften. Fortan lieferte Bulger Informationen über unliebsame Konkurrenten, die Connolly dann hinter Gitter brachte. So stieg der Informant selbst zum Boss der Gang auf und schuf sein eigenes kriminelles Imperium.

Connolly genoss bald den Ruf eines "Super-Cop"; die Zerschlagung der Mafia im Revier rechnete man ihm zu. Im Büro ließ er sich selbstgefällig "Prinz" rufen. Derweil stieg Bulger zum Paten von Boston auf und galt beim FBI, dafür sorgte Connolly, als V-Mann mit sauberer Weste, den man zum Dinner traf und sympathisch fand.

Auch Connollys Boss John Morris erlag Bulgers Charme. Man traf sich privat, tauschte Geschenke aus. Einmal soll Morris von Bulger 7000 Dollar in einem silbernen Champagnerkübel als kleine Aufmerksamkeit angenommen haben. Das wirkte: Sobald Zweifel an Bulger aufkamen, betonten Connolly und Morris auf geradezu groteske Weise seine Verdienste bei der Zerschlagung der Cosa Nostra und vertuschten seine Morde. Ins Gefängnis wanderten andere. Bulgers Morde blieben ungestraft. Etwa ein Dutzend FBI-Leute waren in seine Doppelrolle eingeweiht und spielten mit.

Bulger selbst war ein zwanghafter Kontrollfreak. Er war charismatisch, liebte es, Menschen zu manipulieren, Frauen verfielen seinem Charme. Fotos zeigen ihn mit getönter Sonnenbrille und Ledermantel. Manche sahen ihn gar als Robin Hood von Boston, der an die Armen dachte - trotz seiner Brutalität: So starben ein Millionär und ein Bauarbeiter zufällig im Kugelhagel. Und Bulger erwürgte Debrah Davis mit bloßen Händen, weil sie als Geliebte eines seiner Komplizen herausgefunden hatte, dass Bulger FBI-Informant war. Der Dokumentarfilm "The making of a monster" rekonstruiert diesen Mord.

14,3 Millionen im Lotto

Die Staatspolizei allerdings schonte Bulger nicht. Sie verwanzte sein Büro, einen Schnapsladen in der Old Colony Avenue. Doch die Überwacher hörten kein verdächtiges Wort - John Connolly hatte Bulger zuvor gewarnt. Also erfuhren die Cops nur Belanglosigkeiten über Spirituosen und Liköre, während Connolly sich auf der Terrasse eines 400.000 Dollar-Hauses sonnte, einen Diamantring am Finger.

Als FBI-Mann Connolly schließlich in Rente ging, waren die paradiesischen Zustände für Bulger passé. Die neue Generation wollte ihn nicht länger als V-Mann und plante, ihn hochzunehmen. Doch der gewissenhafte Connolly gab ihm einen letzten Tipp - und der Jugendfreund floh.

FBI-Fahndung nach Whitey Bulger
REUTERS

FBI-Fahndung nach Whitey Bulger

Von 1994 an war Bulger auf der Flucht vor dem FBI - 16 Jahre lang, mit falschen Pässen und Unmengen Geld auf geheimen Konten. Was ihm beim Untertauchen half: 1991 hatte er ganz regulär im Lotto gewonnen, 14,3 Millionen Dollar musste die Staatliche Lotterie an den Verbrecher auszahlen.

So wie Connolly seine Rente genoss, lebte auch Bulger mit seiner Freundin unerkannt im Rentnerparadies Santa Monica. Getarnt als Ehepaar Gasko fütterten sie eine Straßenkatze und kauften Shampoo im 99-Cent-Shop. Im Apartment 303 eines Sozialbaus hatten sie rund 800.000 Dollar in der Wand versteckt und ein Arsenal von etwa 300 Waffen gehortet, darunter Maschinengewehre.

Bulgers Leben war mittlerweile sogar verfilmt worden; Jack Nicholson spielte 2006 in "The Departed" einen von ihm inspirierten Gangster - während Bulger noch immer unentdeckt war. Das FBI richtete eine "Bulger Task Force" ein, doch das Katz-und-Maus-Spiel mit dem früheren Informanten wurde zunehmend peinlich.

Heiße Spur: die Brustimplantate der Partnerin

2008 produzierte die ratlose Bundespolizei zudem eine denkwürdige Verwechslung im deutschen Fernsehen. Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" strahlte für das FBI ein Amateurvideo aus, auf dem Bulger mit seiner Freundin zu sehen war - vermeintlich. Prompt meldete sich ein aufgelöstes Rentnerpaar, das sich im sizilianischen Taormina im Urlaub erkannt hatte und irrtümlich ins Visier des FBI geraten war. Das ZDF musste sich entschuldigen.

Im Fahndungsaufruf war zu lesen, dass Bulger den Betablocker Atenolol brauche, "bibliophil" sei, sich gern in Bibliotheken aufhalte und über Militärgeschichte und "True Crime" lese. Man wusste auch, dass er Tiere liebte. Doch zu schnappen war er erst durch einen ungewöhnlichen Hinweis: die Brustimplantats-Nummern seiner Partnerin Catherine, die zur Kontrolle häufiger Schönheitskliniken aufsuchte.

Nach Verfolgung dieser Spur wurde Bulger am 22. Juni 2011 in seiner Wohnung festgenommen, mit 81 Jahren musste er in Haft. Als man ihm seine Anklagepunkte vorlas, sagte er: "Ich kenne sie alle." Noch einmal sorgte er einmal für eine Pointe: Drei High-School-Mädchen schrieben ihm ins Gefängnis und fragten, wie er auf sein Leben blicke. James Whitey Bulger, der Junge aus dem Armutsviertel, antwortete: "Mein Leben war dumm, ich habe es verschwendet. Wenn sich Verbrechen für Euch lohnen soll: Werdet Juristen."

Außer ihm wurde auch John Connolly von einem Gericht verurteilt - wegen "Mordes mit bedingtem Vorsatz" bekam er 40 Jahre hinter Gittern. James Whitey Bulger erhielt zweimal lebenslänglich. Während er sitzt, sollen einige beim FBI nachts immer noch von seiner Verfolgung träumen.


Neuer Mafia-Thriller "Black Mass" (mit Johnny Depp): Johnny kahl, Film schal



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peter Lustig, 15.10.2015
1.
Ich habe schon viel über Santa Monica gelesen und habe da auch ein paar Jahre gelebt und man kann das auf viele Arten beschreiben aber Rentnerparadies habe ich noch nie gehört.
Sven Goddon, 15.10.2015
2. Santa Monica?
Da wurde das Rentnerparadies Miami, Florida wohl mit Santa Monica, California verwechselt.
Christian Schüpf, 15.10.2015
3.
.. da könnte durchaus etwa dran sein ;-) das system von grundauf kennen ...und dann nach seinen wünschen manipuieren. ich fand der schröder und seine Clique hatten das ganz gut drauf. rechtlich war da wenig angreifbar. für die Clique hat es sich bekanntlich gelohnt.
Steffen Eilers , 16.10.2015
4. Palm Springs
Dass jetzt Santa Monica auch ein Rentnerparadies ist, ist mir neu.
Martin Wenkhausen, 16.10.2015
5. Vielleicht Palm Springs?
Santa Monica ist eher jung und schick, die Rentner der oberen Mittelklasse lassen sich eher in Palm Springs nieder, wenn sie im südlichen Kalifornien bleiben wollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.