Japan-Fotoschatz Samurai in Sepia

Japan-Fotoschatz: Samurai in Sepia Fotos
bpk/Geheimes Staatsarchiv, SPK/Carl Bismarck

Diese Fotos bieten einen sensationellen Blick auf das historische Japan: Historiker haben Aufnahmen einer preußischen Delegation aufgespürt, die um 1860 auf Fernost-Mission war. Zu sehen sind hohe Würdenträger, aber auch das ganz normale Alltagsleben. Von Sonja Blaschke

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Der Sturm zieht vor dem Morgengrauen auf und schüttelt die preußischen Matrosen aus ihren Kojen und Hängematten. Sie sind nur noch zwei Tage von ihrem Zielort entfernt. Der Schoner "Frauenlob" ist auf dem Weg nach Tokio, doch das Schiff wird Japans Hauptstadt nicht erreichen. "Morgens um vier Uhr bekamen wir sehr schlechtes Wetter, so dass der Schoner bald aus Sicht kam", beschreibt Seekadett Karl von Eisendecher die Szene von der Dampfcorvette "Arcona" aus, dem stabilen Begleitschiff der "Frauenlob". "Gegen acht Uhr wehte ein Orkan." Die hölzernen Masten und die Takelage des Schoners sind zu schwach, sie zerbersten.

"Der Wind änderte in acht Stunden 16 Striche (180 Grad), dadurch entstand eine furchtbare, ganz unregelmäßige See", erinnert sich Eisendecher. Um zwölf Uhr ist alles vorbei, "und die See legte sich so schnell, wie ich bis jetzt nie gesehen. Den Schoner konnten wir nicht sehen." Die Tausende Seemeilen lange Reise der "Frauenlob", finanziert von Spenden deutscher Frauen, findet am 2. September 1860 im kalten Nordwestpazifik ein Ende.

Der Verlust des Schoners war nur einer von vielen Rückschlägen für die rund 800 Mann starke Japan-Mission unter der Leitung des 44-jährigen Graf Friedrich Albrecht zu Eulenburg, dem ehemaligen Generalkonsul von Antwerpen. Auch ihr Ziel, im Auftrag des 1834 gegründeten deutschen Zollvereins Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsverträge mit Japan abzuschließen, sollte sie nur ansatzweise erreichen. Doch die "Eulenburg"-Mission war auch erfolgreich, denn sie brachte einen Schatz mit nach Hause: die ersten Fotos aus einem mysteriösen, abgeschotteten Land, das man in Europa nur aus Erzählungen kannte.

1400 Fotos wurden in Japan gemacht, schätzt der britische Fotografie-Historiker Sebastian Dobson. Er ist der Mann, der den Bilderschatz gehoben hat - fast 150 Jahre nach dem Ende der "Eulenburg"-Mission.

"Da schlägt einem das Herz höher!"

Rund 50 Fotos hat Dobson seit Beginn seiner Suche 2003 der Mission zuordnen können. Den entscheidenden Hinweis auf einen ganzen Schwung davon entdeckte er in einem Bericht von Eulenburg ans Außenministerium. Darin erwähnte dieser ein Päckchen mit Fotos eines vor Ort neu angestellten Fotografen – John Wilson. Doch bevor es ans Ziel kam, nahm es einem Umweg über die deutsche Botschaft in London, "vermutlich weil damals die Post über London in Europa verteilt wurde". Dann landete es in einem preußischen, später in einem ostdeutschen Archiv. Erst mehrere Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wurde es mit Eulenburgs Bericht im Geheimen Staatsarchiv wiedervereinigt. "Es sah so aus, als sei das Päckchen seit 1861 nicht geöffnet worden", sagt Dobson, "da schlägt einem das Herz höher!"

Vornehmlich sollte die Eulenburg-Mission zwar Vor-Ort-PR für den in Japan noch unbekannten Zollverein und dessen 29 Mitgliedstaaten machen, doch zum Tross des Grafen gehörten auch Naturforscher, Künstler - und Fotografen. Denn ein weiteres Ziel der Reise war es, das Mysterium Ostasien wissenschaftlich zu dokumentieren. Zum Glück blieb die für die damalige Zeit hochmoderne Fotoausrüstung vom Sturm unversehrt, sie befand sich auf den verbliebenen drei Schiffen.

Das Equipment bestand aus sechs Kameras, darunter zwei großformatigen, drei mittleren und einem Vorläufer der dreidimensionalen Bildbetrachtung, Fotochemikalien, Zelten, die als Dunkelkammer dienten - und 2500 Glasplatten.

Häuser und Landschaften, Samurai und Würdenträger

Auch 1400 Fotos sind angesichts des technischen Aufwands eine enorme Zahl: Denn jedes Motiv musste erst auf eine der Glasplatten und dann mit Silbernitrat auf mit Eiweiß (Albumin) vorbehandeltes Papier übertragen werden. Weil die Belichtung um die zehn Sekunden dauerte, wurde Menschen mit Halsklemmen beim Stillstehen geholfen: "Die sahen aus wie Folterwerkzeuge, eine Art Metall-Stativ mit einer verstellbaren Klemme um den Hals", sagt der 45-jährige Dobson.

Wurden Fotos damals meist im Studio aufgenommen, gelangen in Japan auch einige improvisierte Aufnahmen, zum Beispiel in einem Teehaus in Oomori nördlich vom Ankerplatz in Yokohama. Einige der Kadetten vom Schiff "Thetis" hatten es auf ihren Spazierritten entdeckt und oft besucht. Umringt von japanischen Teehausmädchen im Kimono wurden sie "Gegenstand einer hübschen Fotografie, ein Beispiel des Anschlusses von Jung-Deutschland an Jung-Nippon", fand der Zeichner Wilhelm Heine.

Die Werke in Sepia zeigen Häuser und Landschaften, Samurai und Würdenträger, aber auch das einfache Volk beim Verrichten täglicher Arbeiten. Die Fotos wurden nicht zu kommerziellen Zwecken gemacht, sondern fungierten als Gedächtnisstützen für die Künstler der Delegation, Albert Berg und Wilhelm Heine. Diese übernahmen sogar Menschen in bestimmten Posen eins zu eins in ihre Werke.

Enttäuscht reist die Delegation weiter nach China

Die Fotografie war damals noch jung. Die Veröffentlichung des "Daguerrotypie"-Verfahrens 1839 gilt als Geburtsstunde. Jung war auch der offizielle Fotograf der Expedition, der 20-jährige Carl Bismarck, der, so Dobson, "wenig Erfahrung im Fotografieren hatte und als langsam galt". Warum wurde er dann engagiert? "Er war der uneheliche Sohn von Graf Eulenburg mit einem 15-jährigen Mitglied der Bismarck-Familie", erklärt der Fotohistoriker süffisant.

Als "Handlanger" für den unerfahrenen Bismarck-Spross war August Sachtler eingestellt worden, der eigentlich ein Gastgeschenk, den Telegrafen der Firma Siemens & Halske, vorführen sollte. Sachtler leitete später eines der erfolgreichsten Fotostudios in Singapur. Einen weiteren Fotografen, den US-Amerikaner John Wilson, stellte die Delegation für knapp drei Monate vor Ort an. Dobson vermutet, dass die beiden den Großteil der Aufnahmen in Japan machten.

Fast fünf Monate blieben die Preußen in Japan. Erst am 24. Januar 1861, vor genau 150 Jahren, wurden die völkerrechtlichen Verträge unterzeichnet, jedoch nur zwischen Japan und Preußen, nicht mit dem Zollverein. Enttäuscht reiste die Delegation weiter zu den nächsten Etappen, China und Siam (Thailand). Dorthin möchte Dobson eines Tages den Spuren Eulenburgs folgen, der nach seiner Rückkehr aus Asien preußischer Innenminister wurde.

Doch vorerst gebe es in Japan noch viel zu entdecken: "Es muss irgendwo ein Foto von dem berühmten Samurai Saigo Takamori geben." Saigo ging als "letzter Samurai" in die Geschichte ein, die Hollywood-Star Tom Cruise zu einem Film inspirierte, und starb 1877 unter ungeklärten Umständen. Da die erste japanische Daguerreotypie schon zwanzig Jahre vorher entstand, war genug Zeit, den Samurai vor die Linse zu kriegen. Aber vielleicht behagte diesem die Sache mit den Halsklemmen nicht. Oder er wollte nicht in der Mitte stehen. "Denn", erklärt Dobson, "die Japaner glaubten früher: Wer in der Mitte steht, stirbt zuerst!"

Geklärt ist hingegen, was aus dem jungen Seekadetten Eisendecher wurde. Der Mann, dem die detaillierten Schilderungen von Bord der "Arcona" zu verdanken sind, machte Karriere. Rund 15 Jahre nach seinem ersten Japan-Abenteuer kehrte er als Ministerresident und Generalkonsul nach Tokio zurück.

Mit Geschichtsprofessor Sven Saaler von der Tokioter Sophia Universität stellt Dobson derzeit ein 400-seitiges Buch mit dem Titel "Unter den Augen des Preußen-Adlers" zusammen. Darin werden visuelle Quellen von Mitgliedern der Eulenburg-Mission reproduziert. "Es ist interessant, das damalige Edo (so der alte Name Tokios) durch die Augen der Preußen zu sehen", findet Dobson. Ihn freue besonders die Einbeziehung des Englischen bei der dreisprachigen Veröffentlichung, "weil über die Eulenburg-Mission außerhalb des deutschen Sprachraums kaum etwas bekannt ist". Das Buch ist gleichzeitig der Beitrag der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) zur Feier von 150 Jahren deutsch-japanischer Freundschaft noch bis Herbst 2011.

Zum Weiterlesen:

Sebastian Dobson, Sven Saaler: "Unter den Augen des Preußen-Adlers: Lithographien, Zeichnungen und Photographien der Teilnehmer der Eulenburg-Mission in Japan 1860-1861", ludicium-Verlag, März 2011, 400 Seiten.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Karl Schillinger, 24.01.2011
Die gezeigten historischen Fotografien sollten nach meiner Meinung so schnell wie möglich reproduziert werden, da sie sich in Auflösung befinden und bald nicht mehr sichtbar sind. Da ich mich seit 40 Jahren mit alten Fotografien beschäftige, ist mein Ratschlag kostenlos.
2.
Helmut Tönnies, 24.01.2011
Das scheinen sogar 3D Fotos ( Stereo-Fotografie) dabei zu sein, die mann/frau mit einem Doppelglas betrachten kann. Wäre interessant das mal zu testen. Ich habe vor 20 Jahren solche Bilder vom Absturz der Hindenburg mal reproduziert. Da gab es einmal ein Zeitschrift die sich damit beschäftigt hatte!
3.
Hannes Birnbacher, 25.01.2011
>Das scheinen sogar 3D Fotos ( Stereo-Fotografie) dabei zu sein, die mann/frau mit einem Doppelglas betrachten kann. Wäre interessant das mal zu testen. Ich habe vor 20 Jahren solche Bilder vom Absturz der Hindenburg mal reproduziert. Da gab es einmal ein Zeitschrift die sich damit beschäftigt hatte! Sind sie. Wenn Sie sich das Doppelfoto per Rechtsklick herunterladen und in Ihrem Bildbetrachter etwas verkleinern, können Sie mit etwas Schielen die dreidimensionale Darstellung auch ohne Glas erleben.
4.
Ulrich Kuhlmann, 25.01.2011
>Das scheinen sogar 3D Fotos ( Stereo-Fotografie) dabei zu sein, die mann/frau mit einem Doppelglas betrachten kann. < Scheint so. Stereoskop oder wie es hieß. Ich habe noch ein solches Gerät mit einem Fotoalbum. Berge in Österreich.
5.
Henry Ge, 25.01.2011
Sehr schöne Bilder. Heute kann jeder in den nächsten Flieger und mit seiner Digicam die tollsten Bilder machen, aber wenn man dann solche Aufnahmen aus so einer vergangenen Zeit sieht, ist das schon eine ganz andere Ebene. Hat mich gefesselt. Kurzer Hinweis bezüglich des Kommentars "Allerdings ist kein Ort und keine Stadt namens Ozi in Japan bekannt." - ich würde davon ausgehen, dass es eine frühere Transkription eines Ortes ist, den man heute als "Oji" übersetzen würde, und da gibt es durchaus einige Kandidaten?
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