Japanische Baubewegung Hausen in der Doppelhelix

Operation Luftschloss: In den Sechzigern traten in Japan junge Architekten an, um der Baukunst neues Leben einzuhauchen. Gefeiert wie Popstars, nahmen sich die Metabolisten die Natur zum Vorbild. Die Bio-Baumeister entwarfen Wohngiganten, schwimmende Städte - und sogar die erste Disko des Landes.

Kiyonori Kikutake/Taschen Verlag

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Im Frühling des Jahres 1945 standen ein zehnjähriger Junge und sein Vater in einem weitläufigen Trümmerfeld. Es waren die Reste der japanischen Metropole Nagoya. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs hatten amerikanische Bomberstaffeln immer wieder Luftangriffe gegen die viertgrößte japanische Stadt geflogen. Mehr als 100.000 Gebäude wurden dabei zerstört, ganze Bezirke und die meisten historischen Bauten dem Erdboden gleichgemacht.

"Die 230 Jahre alte Geschichte verschwand über Nacht", erinnerte sich der Junge mehr als 60 Jahre später. Sein Vater, ein Architekt, habe damals gesagt: "Wir müssen die Stadt ganz von vorne aufbauen."

Der Idee, Städte vollkommen neu zu errichten, sollte der Junge sein gesamtes Leben widmen. Kisho Kurokawa wuchs zu einem der einflussreichsten Baumeister Japans heran. Doch es reichte ihm nicht, Städte einfach nur wieder aufzubauen. Er wollte das Konzept Stadt vollkommen neu denken - und schloss sich einer Gruppe japanischer Architekten an, die nach dem Krieg ebenfalls beschlossen hatten, beim Planen und Bauen neue Wege zu gehen. Sie nannten sich Metabolisten.

"Die letzte Bewegung, die die Architektur veränderte"

Ihren Namen entlieh die Gruppe, die sich 1960 mit einem 89-seitigen Manifest auf der World Design Conference in Tokio vorstellte, nicht ohne Grund der Biologie. Wie der Stoffwechsel sich den Bedürfnissen eines Organismus anpasst, sollten ihre Bauten sich den Anforderungen der Gemeinschaft, die in ihnen lebt, anpassen. Sie übertrugen den Lebenszyklus von Geburt, Wachstum, Zerfall und Wiederaufbau auf den Wohnraum.

So entstanden Entwürfe von Einfamilienhäusern, die sich bei Familienzuwachs oder nach dem Auszug der Kinder beliebig durch Wohnelemente erweitern oder verkleinern lassen sollten. Nach demselben Prinzip erdachten sie aber auch ganze Städte. Etwa die Helix City, die Kurokawa 1961 entwarf. Eine gigantische Struktur, deren von Verkehrsadern durchzogenes Gefüge sich an der erst acht Jahre zuvor entdeckten Doppelhelixform der DNA anlehnte. Je nach Bedarf sollten diese riesenhaften Spiralen wachsen oder schrumpfen und so bis zu 10.000 Menschen beheimaten. Wohnraum sollte in Form von Plug-in-Houses geschaffen werden, vorgefertigten Modulen, die einfach in die Rahmenkonstruktion eingefügt oder herausgelöst werden können.

Die abgehobenen Theorien sollte die Architekten-Gang in Japan zu Popstars machen. Die schillernste Figur war Kisho Kurokawa, der mit gerade einmal 26 Jahren das jüngste Gründungsmitglied der Gruppe war. Er designte mit der "Space Capsule" in Tokio die erste Disco Japans. Der charismatische Redner und Workaholic veröffentlichte Zeit seines Lebens mehr als hundert Bücher, Lifestyle-Magazine rissen sich um Interviews mit ihm, und er hatte über Jahre eine wöchentliche Show im japanischen Fernsehen, in der er aktuelle Ereignisse kommentierte.

Rem Koolhaas, heute einer der einflussreichsten Architekten der Welt, bezeichnet die Gruppe als "die letzte Bewegung, die die Architektur veränderte" und widmete ihr nun den Band "Project Japan - Metabolism Talks...". Der berühmte Niederländer selbst führte in den letzten Jahren gemeinsam mit dem Schweizer Kurator Hans-Ulrich Obrist Gespräche mit einigen der wichtigsten Protagonisten des Metabolismus.

Eine Ästhetik, die auf Bewegung basiert

"Europäische Schönheit war für die Ewigkeit geschaffen", erklärt Kurokawa in seinem Gespräch mit Koolhaas und Obrist. Den altehrwürdigen Prunkbauten der westlichen Welt wollten sie "eine neue Ästhetik, die auf Bewegung basiert", entgegenstellen.

Obgleich ihre Visionen radikal waren, verstanden sich die Metabolisten nicht als klassische Vertreter der Moderne, die alles Alte wegfegen wollten. Im Gegenteil: Ihre Ideen wurzelten tief in japanischen Bautraditionen, in denen Veränderung und Unbeständigkeit seit Jahrhunderten eine Rolle spielten. So diente etwa das höchste Heiligtum des Landes, der Ise-Schrein, als Inspirationsquelle der Metabolisten. Die weitläufige Anlage besteht aus zwei Hauptschreinen und 125 Nebenschreinen, ein riesiger Komplex, der seit 1200 Jahren existiert - und alle 20 Jahre abgerissen und vollkommen neu errichtet wird. Das nächste Mal im Jahr 2013. Oder auch die im 17. Jahrhundert entstandene Katsura-Villa, über die Kurokawa sagt, sie ein wichtiges Vorbild für die Metabolisten, weil der Komplex in den 150 Jahren nach seinem Bau zweimal erweitert wurde und "in jeder Phase sagten die Menschen, er sei von vollkommener Schönheit".

Wer die Entwürfe der Metabolismus-Megastädte betrachtet, erkennt schnell, dass es ihnen nicht nur um Schönheit gegangen sein kann. Die alles überragenden Konstruktionen, in die sich standardisierte Wohnkapseln einfügen, wirken heute, als stammten sie aus einem düsteren Science-Fiction-Film, in dem das Individuum nicht mehr viel gilt.

Städte auf dem Ozean

Mit ihren hochaufragenden Entwürfen oder ganzen Städten auf Stelzen reagierten sie aber auch auf die klimatischen Bedingungen in Japan. Jeden Frühsommer beginnt in dem Inselstaat die Taifun-Saison, in der das Land regelmäßig von verheerenden Fluten heimgesucht wird. Der größte Taifun in der Geschichte Japans tobte 1959, nur ein Jahr vor der Gründung der Metabolisten. "Der Ise-Bucht-Taifun zerstörte viele Städte", erinnert sich Kurokawa, "und ich war in einer von ihnen." Als er ein zweites Mal erlebte, wie sich eine Stadt in kurzer Zeit in Trümmer auflöste, erkannte er, dass sich eine neue Architektur in Japan diesen Umweltbedingungen anpassen müsse.

Auch für die beengten Verhältnisse des kleinen Landes boten die Metabolisten Lösungen an, die nicht nur durch schiere Höhe den Luftraum eroberten, sondern auch das Meer: etwa die Entwürfe von Kiyonori Kikutake, der mit Marine City und Ocean City Entwürfe für schwimmende Städte vorlegte.

Verwirklicht wurden von den kühnen Entwürfen dennoch wenige. Auch deshalb, weil die Baukosten für viele der Luftschlösser für den Otto Normalverbraucher unerschwinglich gewesen wären. Ein Plug-in-House für eine Person etwa hätte ungefähr so viel gekostet, wie ein ganzes Einfamilienhaus.

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Das wohl prominenteste Relikt des Metabolismus ist der Nakagin Capsule Tower in Tokio. An dem 13-stöckigen, rostroten Doppelturm sind 144 graue Module angebracht, die, jeweils mit lediglich einem kleinen Bullauge ausgestattet, nicht nur entfernt an Schiffscontainer erinnern, sondern tatsächlich in einem Werk für diese Transportbehältnisse gebaut wurden. Jeder der Würfel misst gerade einmal 2,3 mal 3,8 mal 2,1 Meter, die als Wohn- oder Büroraum genutzt werden.

Ein wenig einsam steht der 1972 fertiggestellte Kapselturm heute in Ginza, dem Vergnügungsviertel von Tokio. Ein gestrandetes Raumschiff zwischen gleichförmigen Bürogebäuden.



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