Plattenlabel Blue Note Wie zwei deutsche Emigranten dem Jazz eine Heimat gaben

It must schwing! Tanzen konnten Alfred Lion und Francis Wolff nicht - und leisteten dennoch den wichtigsten deutschen Beitrag zur Jazzgeschichte: Vor 80 Jahren gründeten die Berliner das legendäre Label Blue Note.

Getty Images/ Michael Ochs Archives

Am 6. Januar 1939 begrüßte ein Emigrant aus Deutschland zwei schwarze Musiker in einem Studio im Zentrum von New York. Der Berliner Alfred Lion hatte die Pianisten Albert Ammons und Meade Lux Lewis einige Wochen zuvor bei einem Konzert gehört. Nun ließ er die beiden Boogie-Woogie-Virtuosen in dem gemieteten Studio 18 Stücke einspielen. Es war die erste Produktion für eine neue Firma, die sich "Blue Note Records" nannte - und die Geburtsstunde des bedeutendsten Jazzlabels der Geschichte.

Zunächst aber ging es ums Überleben: Blue Note Records startete als wenig erfolgreiches Teilzeitunternehmen, Lion hielt sich mit Zusatzjobs über Wasser. Als er im Juni die Platte "Summertime" mit dem Sopran-Saxofonisten Sidney Bechet auf den Markt brachte, landete er überraschend einen Hit.

Nun konnte Lion sich komplett der Firma widmen, diesem "lucky label" mit dem richtigen Riecher für neue Trends und attraktive Interpreten. Sorgen machte sich Lion damals jedoch um seinen Schulfreund Francis Wolff. Der lebte noch immer in Berlin, wo die Lage für Juden nach der Reichspogromnacht im November 1938 immer bedrohlicher wurde.

Jazz genauso ernst genommen wie klassische Musik

Alfred Lion und Francis Wolff hatten 1925 als Gymnasiasten im Berliner Admiralspalast ein Konzert des schwarzen Pianisten Sam Wooding und seiner Showband erlebt und waren seither dem Jazz verfallen. Die beiden - damals hießen sie noch Alfred Löw und Frank Wolff - sammelten Platten, besuchten Bars und Tanzsäle, in denen ihre Lieblingsmusik gespielt wurde.

Nach Hitlers "Machtergreifung" gab es für die beiden Berliner Juden in Deutschland keine Zukunft mehr. Löw wanderte 1936 aus, Wolff folgte dem Freund drei Jahre später. Am 13. Oktober 1939 erreichte der gelernte Fotograf mit einem der letzte Passagierdampfer aus Nazideutschland New York.

Dort dokumentierte er mit seiner Rolleiflex zunächst jüdische Feste - und übernahm dann bei Blue Note die Buchhaltung, das Marketing und die Auslieferung von Platten. Zudem wurde Wolff künstlerischer Partner von Lion. "Francis war bei allen Sessions dabei", erinnerte sich Tonmeister Rudy Van Gelder. Er war Alfred Lion "absolut ebenbürtig, und musikalische Fragen wurden immer zwischen den beiden und den Musikern entschieden".

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Plattenlabel Blue Note: Wie zwei deutsche Emigranten dem Jazz eine Heimat gaben

Die schwarzen Musiker mochten die beiden Zugereisten aus Deutschland: Sie waren die ersten Labelchefs, die ihnen Probezeiten vergüteten. Vor allem aber nahmen die beiden Emigranten den Jazz genauso ernst wie klassische Musik.

Zwar bewegten sich Lion und Wolff ungelenk eckig, wenn sie zu Jazzsounds herumtänzelten. Was aber nicht bedeutete, dass sie kein Feeling für "Swing" mitbrachten: jene gefühlte rhythmisch-dynamische Spannung, die sich jeder Notenschrift entzieht und die neben der Improvisation das herausragende Element des Jazz ist. "It must schwing", ermunterte Alfred Lion die Musiker - sie amüsierten sich über seinen Akzent, fühlten sich jedoch besser verstanden als von jedem weißen Amerikaner.

Traum von einer Welt ohne Rassentrennung

Das herzliche Verhältnis zu den Flüchtlingen aus Deutschland erklären noch lebende Musiker im 2018 erschienenen Dokumentarfilm "It must schwing! The Blue Note Story" von Regisseur Eric Fiedler. Herbie Hancock, Sonny Rollins und Ron Carter sehen Parallelen in der Diskriminierung von Juden in Nazideutschland und ihrer Lage in Amerika.

In der Arbeit mit den deutschen Emigranten wurden die Schwarzen als gleichberechtigte Künstler respektiert - in der US-Gesellschaft hingegen ausgegrenzt. Bei Blue Note lebte man schon in den Fünfzigerjahren den Traum von einer Welt ohne Rassentrennung. Kein Wunder, dass die Plattenfirma ein Magnet für afroamerikanische Musiker wurde, darunter viele, die später als Jazz-Giganten Geschichte machten.

John Coltrane, Miles Davis, Quincy Jones, Thelonious Monk, Benny Golson, Wayne Shorter, Ornette Coleman - all sie arbeiteten in jungen Jahren mit dem Label. "Blue Note ist wie eine Heimat", sagt Herbie Hancock in Friedlers Film, "es ist der Ort, an dem meine Karriere begann."

Der wichtigste Blue-Note-Ort war eine Villa in New Jersey gegenüber von New York City. Dort hatte der Tontechniker Rudy Van Gelder ein modernes Studio eingerichtet, in dem legendäre Nachtsessions stattfanden. Lion und Wolff holte die Musiker nach ihren Gigs in Manhattan oder Harlem ab und brachten sie in den frühen Morgenstunden mit mehreren Taxis via Washington-Bridge über den Hudson nach New Jersey. Dort stärkten sich die Musiker mit Sandwiches und Getränken, bevor die Einspielungen für neue Platten begannen.

Francis der Blitz, Art der Donner

Im Studio in New Jersey entstanden nicht nur historische Tondokumente. "Francis Wolff und seine Kamera, die alle festhielt, waren fester Bestandteil jeder Session", schrieb Van Gelder in einem Bildband über "Blue Note Photography". Die Musiker mussten sich erst daran gewöhnen, dass Wolff ständig zwischen ihnen herumturnte. Mit der rechten Hand an der Kamera und der linken Hand hoch erhoben mit dem Blitzlicht wirke er wie die "Freiheitsstatue", flachsten sie. "Francis gibt hier den Blitz und Art (Blakey, der Schlagzeuger) den Donner."

Dem völlig auf seinen Job konzentrierten Tonkünstler Van Gelder wurde "erst mit der Zeit klar, dass Wolff Aufnahmen für die Plattenhüllen macht". Tatsächlich setzte Blue Note auch in diesem Bereich neue Maßstäbe. Der vom Bauhaus beeinflusste Designer Reid Miles verwendete die Fotografien für seine einzigartig gestalteten Blue-Note-Hüllen. Während andere Plattenfirmen Fotos von attraktiven Frauen ohne Bezug zur Musik bevorzugten, waren auf dem Cover von Blue Note Wolffs Fotos von den Musikern zu sehen.

Die erkannten bald, dass es Lion und Wolff nicht in erster Linie darum ging, viel Geld zu verdienen. Vielmehr wollten die beiden als engagierte Jazz-Liebhaber "wichtige Platten von wichtigen Künstlern produzieren" (so der Gitarrist Kenny Burrell).

Und das taten sie: Kein Label hat die Stilrichtung des Bebop mit Thelonious Monk, Bud Powell und dem jungen Miles Davis besser dokumentiert als Blue Note. Als später aus der Mischung von Bebop mit Soul-, Gospel- und Funk-Elementen der Hardbop entstand, hatten Lion und Wolf mit Art Blakey und Horace Silver dessen erfolgreichste Protagonisten unter Vertrag.

"Sie eroberten die ganze Welt"

Für seine Passion zahlte Alfred Lion einen hohen Preis: Die Ehe mit seiner Frau Lorraine zerbrach, weil er keine Kinder wollte. "Wir haben doch schon ein Baby - Blue Note", soll er Lorraine gesagt haben. Zwei Töchter hatte die willensstarke Amerikanerin später mit ihrem zweiten Mann Max Gordon, dem Besitzer des New Yorker Jazz Clubs Village Vanguard.

Lion und Wolf verkauften Blue Note 1965, als der Jazz vom Rock'n'Roll überrollt wurde. Lion verabschiedete sich in den Ruhestand, Wolff arbeitete noch eine Zeit lang für das Traditionslabel, das damals unter dem Dach des EMI-Konzerns vor sich hindämmerte. Er starb überraschend im Jahr 1971 - auf seinem Grabstein in New York steht "Friend of Alfred Lion". An den 1987 verstorbenen Lion wiederum erinnert eine 2012 eröffnete Brücke im Bezirk Schöneberg. Dort war der Blue-Note-Gründer 1908 in der Gotenstraße 7 geboren worden.

In der Erinnerung leben die beiden deutschen Emigranten vor allem unter den schwarzen amerikanischen Jazzmusikern, die im 20. Jahrhundert mit den Blue-Note-Machern arbeiteten. Quincy Jones, der Trompeter und Arrangeur, bekannt heute vor allem als Produzent von Michael Jackson, würdigt in Friedlers Film die historische Leistung von Alfred Lion und Francis Wolff: "Sie wussten einfach, was sie wollten und eroberten damit die ganze Welt."

Die NDR-Doku "IT MUST SCHWING! The Blue Note Story" wird am Dienstag, 08. Januar 2019 Abends ab 0:00 Uhr bis 1:50 Uhr ausgestrahlt.

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Seite 1
Jürgen Rech, 03.01.2019
1. Coltrane & Davis
Danke für diesen symphatischen Artikel. In der Fotoserie ist Ihnen leider ein Fehler unterlaufen: Bild 16 zeigt Miles Davis mit John Coltrane im Jahr 1960 in Chicago - und nicht mit Sonny Rollins.
Mark Verheijen, 03.01.2019
2. Sehr ähnlicher Artikel
Hat der Autor die Zeitschrift „dummy“, aktuelle Ausgabe mit dem Thema „Schwarz-weiߓ gelesen? Dieser Artikel liest sich sehr ähnlich und hat einen vergleichbaren Duktus. Auch die Anekdoten ähneln sich. Aber vielleicht ist es ja nur Zufall...
Vera Hahn, 04.01.2019
3. Sensationeller Film
"It must Schwing" ist eine großartige Hommage an die beiden Blue-Note-Gründer und für Jazzfreunde eine Delikatesse!
Walter Foerderer, 04.01.2019
4. Blue Note
Danke, die Sendung werde ich mir anschauen.
Papazaca, 06.01.2019
5. Blue Note war die Avantgarde des Jazz
Dieser Spruch " It must schwing" hört sich wirklich lustig an. Aber Blue Note steht letztlich für den Beginn der Avantgarde des Jazz mit Davis, Coltrane, Coleman, Monk und so Unbekannten wie Elmo Hope oder Herbie Nichols. Und die Plattencover vermitteln das. Das tragische an dieser Entwicklung: Der Jazz wurde eine Musik zum zuhören und war kaum noch tanzbar, Damit verlor er seine Bedeutung und wurde durch Doo-Woop und Rock abgelöst. Das ist dann vielleicht die Tragik von Blue Note und des avantgardistischen Jazz: Miles Davis, Coltrane und Ornette Coleman stehen für den letzten Höhepunkt des Jazz, von da ab ging es bergab. Der Jazz erreichte niemals mehr die Massen und den Erfolg wie in den Dreißigern und Vierzigern. Das ist sicher auch die Tragik von Blue Note. Interessant daran ist, das die Popmusik sich im Moment in eine ähnliche Richtung entwickelt: Auf der einen Seite tanzbare Musik von David Guetta, Rihanna und Kate Perry, die tanzbar ist aber sich auch gut für Supermärkte und Rolltreppen eignet. Auf der anderen Seite die eher anspruchsvollere Popmusik, die kaum noch tanzbar ist. Die lebt nur noch für Eingeweihte und Kenner auf Konzerten und im sollen Kämmerlein zuhause weiter. Auch für die Popmusik gilt inzwischen, was Zappa über en Jazz sagte: "Er ist nicht tot aber riecht schlecht".
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