Jazzlegende Paul Kuhn "In meinem Kopf spukte der Jazz herum"

Jazzlegende Paul Kuhn: "In meinem Kopf spukte der Jazz herum" Fotos
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Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: der 83-jährige Musiker Paul Kuhn über seine frühe Liebe zu Jazz, Schlager und großen Autos. Von

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KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Kuhn: Ziemlich genau sogar. Damals war gerade der Krieg zu Ende, ich ging auf das Konservatorium in Wiesbaden, und meine Eltern hofften, ich würde klassischer Konzertpianist werden. Aber mein Herz gehörte der Unterhaltungsmusik, und in meinem Kopf spukte der Jazz herum, den wir im Nationalsozialismus nicht hören durften. Nach dem Krieg bin ich dann mit meiner Combo in den amerikanischen Clubs aufgetreten, ein Traum!

KulturSPIEGEL: Wie haben Sie den Nationalsozialismus erlebt?

Kuhn: Ehrlich gesagt, habe ich davon nicht allzu viel mitbekommen. Ich habe ein musisches Gymnasium in Frankfurt besucht, die Nazis haben begabte junge Menschen gefördert. Am Montag wurde die Flagge gehisst, am Wochenende wieder eingeholt, das war es eigentlich.

KulturSPIEGEL: Woher kam zu dieser Zeit die Liebe zum Jazz?

Kuhn: Wir hatten damals natürlich kaum Jazzplatten, ich habe mit einem guten Freund heimlich BBC gehört, ganz leise und mit der Bettdecke überm Kopf. Damals spielte Glenn Miller in England, die BBC übertrug das Konzert. Ich war begeistert, diese künstlerische und geistige Freiheit, eine Art Erweckungserlebnis. Das wollte ich auch tun, unbedingt!

KulturSPIEGEL: Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie kein Konzertpianist wurden?

Kuhn: Sie haben mich immer unterstützt. Ihnen war wichtig, dass ich mein Musikstudium und meine Arbeit ernst nehme. Außerdem ging es unserer Familie nicht gut, wir waren ausgebombt, mein Vater, ein Croupier, war ohne Arbeit.

Meine Eltern waren froh, dass ich mit der Musik Geld verdiente.

KulturSPIEGEL: In Ihrer langen Musikerkarriere stand nicht immer der Jazz im Mittelpunkt.

Kuhn: Nein, leider nicht. Das Publikum wollte oft einfach etwas anderes hören. Schon in den amerikanischen Clubs mussten wir auch Lieder wie "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren" spielen. Als dann wieder Radio- und Fernsehsender in Deutschland gegründet und die ersten Platten aufgenommen wurden, hat mich ein Produzent erwischt, und ich musste deutsche Schlager

singen. Das hat mir nicht so geschmeckt. Vor allem, da ich mir im Jazz schon einen Namen gemacht hatte und viele Jazzfans mir das übel­nahmen. "Aus dem hätte was werden können, jetzt singt er Schlager und Bierlieder", hieß es.

KulturSPIEGEL: Haben die Bierlieder mehr Geld eingebracht als der Jazz?

Kuhn: Sicher. Ich erinnere mich, dass nach dem Jazzfestival Frankfurt, auf dem ich gefeiert worden war, der Organisator mit einem ­großen Buick nach Hause fuhr, und ich konnte mir nur die Straßenbahn leisten. Das sollte sich ändern, ich wollte auch so einen Wagen. Das habe ich erreicht, mit Hilfe der Tanzmusikplatten und des Fernsehens. Als Leiter der SFB Bigband Berlin hatte ich dann zwölf tolle Jahre.

KulturSPIEGEL: Die Achtziger waren schwierig für Sie, die Bigband wurde aufgelöst, Ihr Plattenvertrag gekündigt, Ihre TV-Show floppte, Ihre Ehe scheiterte. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?

Kuhn: Damals habe ich die Orientierung verloren, ich war ja mehr als ein Jahrzehnt mit dem SFB verheiratet gewesen. Meine jetzige Frau hat mir dann sehr geholfen, sie hat mich mit Peter Alexander zusammengebracht, der eine Tourband suchte.

KulturSPIEGEL: Sie sind mit 83 Jahren weit jenseits des Renteneintrittsalters und spielen noch Konzerte. Was lässt Sie weitermachen?

Kuhn: Die Musik gibt mir die Energie dazu. Seit Mitte der Neunziger bin ich mit meinem Jazz-Trio unterwegs, genau genommen habe ich mir den Traum vom Jazz

erst in den letzten Jahren wirklich erfüllt. Meine Auftritte machen mich glücklich. Ich mache weiter, bis der liebe Gott mir beim Klavierspielen auf die Finger klopft und sagt: "Jetzt reicht's!"

Das Interview führte Jörg Böckem

Paul Kuhn geht ab 2. April 2012 wieder mit Max Greger und Hugo Strasser in der Originalbesetzung der Swing-Legenden auf Tournee; der Vorverkauf hat gerade begonnen. Karten unter www.semmel.de


Das Interview erschien im aktuellen KulturSPIEGEL :

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