Jazzmusiker Eddie Rosner Herr der Tröte

Jazzmusiker Eddie Rosner: Herr der Tröte Fotos
be.bra Verlag

Das Leben des Jazzmusikers Adolf Rosner vereint die Schrecken des 20. Jahrhunderts: Er floh vor Hitler, wurde in der Sowjetunion ein Star und landete doch im Gulag. Am Ende war sein unerbittlichster Gegner aber die Deutsche Bürokratie. Von

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Adolf Rosner wollte eine Entschädigung für alles, was ihm in seinem unglaublichen Leben widerfahren war. "Schaden an Körper und Gesundheit, Schaden an Freiheit, Schaden an Eigentum oder Vermögen. Schaden im beruflichen Fortkommen", listeten seine Anwälte 1974 auf. In ihrem spröden Juristendeutsch bilanzierten sie damit eine Biografie, die wie kaum eine andere die wechselvolle Geschichte des vergangenen Jahrhunderts spiegelt - inklusive atemberaubender, manchmal aberwitziger Wendungen.

Am Ende, als er Hitler und Stalin überlebt hatte, den Konzentrationslagern der Nazis entgangen und aus dem Gulag entlassen war, da drohte er an einem unerbittlichen Gegner zu scheitern: der deutschen Bürokratie.

Der Jazzmusiker Adolf Rosner, vor hundert Jahren in Berlin geboren, flüchtete vor den Nazis durch ganz Europa und wurde in der Sowjetunion erst zum Superstar und dann zum Häftling. Die Details seines weithin unbekannten Lebens werden jetzt erstmals in einem Buch nachgezeichnet. Die Autoren, eine Osteuropa-Historikerin und ein Musikjournalist, messen Rosners Schicksal "paradigmatische Bedeutung für das 20. Jahrhundert" bei.

Im Eisenbahnwaggon auf Tour

Der gefeierte Trompeter lernte zunächst das Geigenspiel. Er sei "als 6-jähriges Wunderkind in das Sternsche Konservatorium aufgenommen" worden, notierte Rosner. Als Jugendlicher trompetete er sich dann durch die Berliner Tanzlokale, schon bald mit bekannten Bands. Er war ein Virtuose, aber auch ein Showtalent, ein Unterhaltungskünstler mit musikalischen Taschenspielertricks: eine Trompete links, eine Trompete rechts, mit diesem Doppelspiel beeindruckte er manche Zuhörer.

Doch "als Jude und Jazzmusiker, als doppelt Verfolgter also", wie es in dem Buch heißt, hatte Rosner keine Zukunft in Deutschland. "Von der Hitlerjugend wurden mir die Rippen und die rechte Kniescheibe gebrochen und 4 Zähne zerschlagen", berichtete er und sagte voller Sarkasmus: "Es war nicht hilfreich, ein Jude zu sein, der Negermusik spielt, selbst wenn man Adolf hieß."

Adolf nannte er sich bald nicht mehr, wegen seines Namensvetters, sondern Ady oder Adi und - nach einigen turbulenten Jahren in diversen europäischen Ländern - schließlich Eddie Rosner. Da hatte es ihn 1939 auf der Flucht vor den Nazis in die Sowjetunion verschlagen, wo aus dem Einwanderer bald ein Superstar wurde. In eigenen Eisenbahnwaggons tourte er mit seiner Band durchs Riesenreich, in schwarzen oder weißen Smokings entfachten seine Musiker die Begeisterung für die neuen Töne.

Privatkonzert für Stalin

Nur einmal, in Sotschi, musste Rosner in einem scheinbar leeren Saal spielen. Erst im Nachhinein erfuhr er, wer im Dunkeln zugehört hatte: Josef Stalin. Die Vorführung habe ihm gefallen, soll der Diktator bekundet haben. Doch das nutzte Rosner nichts mehr, als die Repressionen begannen. Acht Jahre lang musste er im Gulag bleiben, wo er tat, was er konnte: Trompete spielen. "Ich habe gemacht, was ich immer mache - ich habe dirigiert, Musik komponiert, Arrangements geschrieben", berichtete er. Nach seiner Freilassung 1954 zog er nach Moskau. Der "Zar des sowjetischen Jazz", wie er genannt wurde, feierte wieder Erfolge, genoss Privilegien und erlebte mancherlei Abwechslung: Benny Goodman kam vorbei, als er in Moskau zu Besuch war, und in einem sowjetischen Film durfte Rosner eine Nebenrolle spielen, ausgerechnet einen Nazi in Uniform.

Ein schillerndes Leben war es immer noch, aber die große Zeit Rosners ging nun zu Ende. In den sechziger Jahren ergrauten seine Haare und verblasste sein Ruhm. Rosner wollte weg, und wieder spielte die große Politik in sein Leben. Die Beziehung zwischen den USA und der Sowjetunion besserten sich, US-Präsident Richard Nixon kam 1972 vorbei, bald darauf wurde Rosners Ausreiseantrag in die USA stattgegeben. Die Reise führte über Berlin, Rosner war erstmals seit fast vier Jahrzehnten in seiner Heimatstadt, und er blieb.

Natürlich versuchte er sein Glück wieder als Musiker, einen Keller am Kurfürstendamm baute er zum Club "Gamasche" um, doch das Publikum blieb aus. Rosner kämpfte ein letztes Mal, nicht mehr auf der Bühne, sondern vor Gericht. "Rosners unermüdliches Drängen, seine Rechte gegenüber den Behörden in der geteilten Stadt durchzusetzen, waren tatsächlich mühsam", urteilen die Buchautoren und beklagen "die unflexible Handhabung seiner Anträge durch die Gerichte in West-Berlin". Der Musiker bekam nicht, was er wollte, aber schließlich erhielt er eine Rente, 697 Mark im Monat. Lange lebte er nicht mehr. Adolf "Eddie" Rosner, Jazzmusiker und Jahrhunderttrompeter, starb 1976 an einem Herzinfarkt.

Zum Weiterlesen:

Gertrud Pickhan, Maximilian Preisler: "Von Hitler vertrieben, von Stalin verfolgt. Der Jazzmusiker Eddie Rosner". be.bra Verlag, Berlin 2010, 168 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Hoffmann Alexander 20.09.2010
Das hört sich ja äußerst interessant an: Jazz in der Sowjetunion... Und dann auch noch ein aus Deutschland geflüchteter jüdischer Trompeter. Ich hätte nicht erwartet, dass es so etwas gab. Hmm, dann ist es wohl an der Zeit, diese Bildungslücke zu schließen. Hat das Buch schon jemand gelesen?
2.
Ralf Bülow 20.09.2010
1999 entstand bereits ein Dokumentarfilm "The Jazzman from the Gulag" über Rosners Leben, der anschließend auch einmal in Berlin zu sehen war.
3. Addy Rosner
Klaus Huckert 14.04.2014
Mittlerweile gibt es eine DVD zu diesem Thema. "Le jazzman du Goulag" in Französisch. Ich bespreche gerade diesen Film. Näheres ab ca. 1.Mai 2014 auf www.jazzimfilm.de Das oben aufgeführte Buch ist übrigens hervorragend recherchiert und geschrieben. Absolut lesenswert!!!
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