Jean Seberg Die Schöne, die Panther und das FBI

Sie verkörperte die Unschuld, doch sie hatte mächtige Gegner. Da Jean Seberg die Black Panther unterstützte, geriet die Schauspielerin 1969 ins Visier des FBI. Die Agenten zerstörten ihre Karriere - und ihr Leben.

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Am 8. September 1979 melden Nachrichtensprecher auf beiden Seiten des Atlantiks den Tod der Schauspielerin Jean Seberg. Die 40-Jährige wurde tot in ihrem Wagen gefunden, geparkt im schicksten Viertel von Paris. In ihrer Hand ein Zettel: "Verzeih mir, ich kann nicht länger leben mit meinen Nerven." In ihrem Blut 7,8 Promille Alkohol plus Schlafmittel. Seit neun Tagen liegt ihr nackter Körper auf der Rückbank.

Suizid? Assistierter Selbstmord? Mord? Fans, Kollegen und Journalisten auf der ganzen Welt spekulieren. Warum ist sie nicht schon bei 6 Promille ins Koma gefallen? Wieso hat sie niemand vermisst? Feuilletonisten schreiben zornige Anklageschriften und fordern eine Aufklärung der genauen Umstände, die sie in den Tod trieben. Denn Seberg fühlte sich nicht nur seit Jahren von Rassisten, der Klatschpresse und dem FBI verfolgt. Sie war es auch.

Eine unter Tausenden

Der Albtraum zu dem ihr Leben am Ende geworden war, hatte einst wie ein Märchen begonnen: Am 13. November 1938 wird Jean Dorothy Seberg als Tochter einer Apothekerfamilie geboren, wächst im idyllischen Städtchen Marshalltown, Iowa, auf. In der Highschool spielt sie Schultheater, wird mit 17 Jahren für die Hauptrolle in Otto Premingers Film "Die Heilige Johanna" ausgewählt - aus 18.000 Bewerberinnen.

Der Film floppt, ebenso das darauffolgende "Bonjour Tristesse". Doch Seberg behält die streichholzkurzen Haare, zieht nach Frankreich und wird trotzdem ein Star. In Jean-Luc Godards "Außer Atem" spaziert sie als Zeitungsverkäuferin die Champs Elysées entlang, einen Stapel "New York Herald Tribunes" unter dem Arm und steigt auf zur Kultfigur der Sechzigerjahre. Der Nouvelle-Vague-Klassiker wird zum Höhepunkt ihrer internationalen Filmkarriere. Zwar arbeitet sie weiterhin mit Branchengrößen wie Jean Paul Belmondo, Burt Lancaster oder Clint Eastwood, dreht aber eher mittelmäßige Filme. Die größten Schlagzeilen über sie stehen nicht in den Feuilletons.

Denn Seberg ist nicht nur Schauspielerin, Ehefrau des berühmten französischen Schriftstellers Romain Gary und Mutter seines Sohnes, sondern auch Aktivistin. Schon als kleines Mädchen engagiert sie sich für benachteiligte Menschen, tritt mit 13 Jahren der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAAC bei. Später in Frankreich kämpft sie für die Rechte der Algerier, zurück in den USA schließt sie sich der Pazifistenbewegung an. Doch friedlich wird ihr Kampf nicht bleiben.

"Operation Love"

Als sie im frühen Herbst 1968 nach Los Angeles fliegt, sitzt neben ihr im First Class Abteil ein großer, schwarzer Mann mit breiten Schultern und Baseballkappe. Er erzählt ihr von den finanziellen Problemen seiner "Malcom X Montessori Schule", seinem Kampf gegen Rassenhass, für eine bessere Welt. Noch bevor die Maschine landet, hat Seberg ihm ihre Hilfe zugesagt.

Hakim Jamal, 37, einst verurteilt aufgrund versuchten Mordes, Ex-Junkie, wegen Opiummissbrauchs in Japan unehrenhaft aus der Army entlassen, ist ein entfernter Verwandter des 1965 erschossenen Bürgerrechtlers Malcom X. Jamal ist überzeugt, dass dessen Seele in ihn übergegangen sei. Freunde sagen: Er hält sich für Gott.

Seberg glaubt seine Verschwörungstheorien, überweist unter dem Decknamen "Aretha" Tausende Dollar für seine Schule und andere Belange. Sie führt ihn ein in die High Society von Kalifornien, London und Paris, auch wenn er bei Dinnerpartys Gewehre trägt wie andere Handtaschen. Einem Reporter gegenüber nennt sie ihr Engagement "Operation Love": Sie wolle den Schwarzen zeigen, dass nicht alle Weißen "blauäugige Teufel" seien. Im Gegenzug stellt Jamal sie der Führungsriege der Black Panther Party (BPP) vor.

Drohanrufe und vergiftete Katzen

Seberg wird zur Hauptunterstützerin der radikalen Bürgerrechtler. Ein Großteil ihrer Filmhonorare fließt von nun an auf die Konten der Black Panther, ihre Mietvilla in Kalifornien verwandelt sich in einen nächtlichen Zufluchtsort ganzer Aktivistenscharen. "Blutsauger und Parasiten" schimpft Ehemann Gary, überzeugt, dass seine Frau ausgenutzt wird. Seberg aber kauft und übergibt Gewehre, versteckt Angehörige der Bewegung vor der Polizei und beginnt eine Affäre mit dem Führungsmitglied Raymond "Masai" Hewitt.

Sebergs Einsatz für die BPP wird immer mehr zu Gefahr: Sie bekommt Drohanrufe und anonyme Erpresserbriefe, Autoräder lösen sich auf mysteriöse Weise, eines Tages liegen die Katzen vergiftet auf der Veranda. Es knackt beim Telefonieren verdächtig in der Leitung . Seberg flüchtet verängstigt zu Freunden. Wer steckte dahinter? Eifersüchtige Ehefrauen aus den Reihen der Aktivisten? Rassisten? Das FBI?

Die Akte Seberg

Seit Monaten spitzen sich die Unruhen zwischen schwarzen Aktivisten, Polizisten und rassistischen Gruppen zu. Bei blutigen Aufständen sterben Dutzende Menschen, Hunderte werden verletzt. FBI-Direktor J. Edgar Hoover erklärt die BPP zur "größten Gefahr für die innere Sicherheit der USA", er will sie zerstören. Schließlich bekennen die Bürgerrechtler sich nicht nur zum bewaffneten Kampf, sondern auch zu kommunistischen Ideen und einem ausschweifenden Sexleben.

Am 3. Juni 1969 beginnt das FBI deshalb eine "aktive, diskrete Investigation der Schauspielerin Jean Seberg, die schwarze Extremisten mit Geld und Aktionen unterstützt." In einem weiteren Report heißt es, mit dem Bezug auf die wechselnden Liebhaber der jungen Frau: "Jean Seberg is a sex pervert". Geheimdienste, US Army, CIA und die kalifornische Polizei werden aufgefordert, den Aufenthaltsort Sebergs stets dem FBI mitzuteilen. Das geht aus den Akten des Verfassungsschutzes hervor, die durch den erneuerten "Freedom of Information Act" 1974 publik werden.

Immer mehr Stars landen auf der Überwachungsliste des FBI, es reicht schon eine Unterschrift auf einer Petition für Bürgerrechte. Eine berühmte Sängerin wird von Hoovers Leuten mit einem Pornofilm erpresst, den sie Jahre zuvor gedreht hatte und eigentlich zerstören ließ. Hoover jedoch hat eine Kopie; die Sängerin beendet alle politischen Aktivitäten. Auch die nervlich angeschlagene Seberg werden die Verfassungsschützer mürbe machen. Es fehlt ihnen nur noch ein schmutziges Detail. Sie sollen es bald bekommen - durch ein Missverständnis.

"Ich musste gerade an dich denken..."

Im Frühjahr 1970 wird Seberg schwanger, weiß aber nicht von wem. Von ihrem Zweitwohnsitz in Paris aus telefoniert sie mit ihrem Ex-Geliebten, dem BPP-Funktionär Hewitt, und kommt auf das Thema zu sprechen. Das FBI hört mit und schließt daraus, dass der schwarze Aktivist der Vater sei. Die Agenten frohlocken: Jetzt müssen sie nur noch ein paar Wochen warten, bis der Bauch auch zu sehen sein würde.

Mit Zustimmung von Hoover persönlich setzen die Verfassungsschützer in Los Angeles im Frühsommer einen anonymen Brief auf, den sie an verschiedene Zeitungsredaktionen in Hollywood schicken:

"Ich musste gerade an dich denken. Dabei fiel mir ein, dass du ja bei mir noch immer etwas gut hast. Ich war vergangene Woche in Paris und traf dort Jean Seberg, die kriegt ein Kind. Ich dachte natürlich zuerst, es sei von Romain (Gary - d. Red.), aber sie erzählte mir im Vertrauen, der Vater sei... (Name vom FBI geschwärzt - d. Red.) von den Black Panthers... Ich dachte, da könntest du deinen Kollegen gegenüber die Nase vorn haben."

Die Klatschreporterin der "Los Angeles Times" beißt zuerst an und veröffentlicht das Gerücht in ihrer Kolumne, die von mehr als hundert Zeitungen übernommen wird. Auch das Nachrichtenmagazin "Newsweek" bringt die Story. Ein Schock für die sensible Seberg. Aus Verzweiflung schluckt sie eine Überdosis Schlaftabletten. Sie selbst überlebt den Selbstmordversuch, ihr Baby jedoch stirbt zwei Tage nach der Geburt. Bei der Beisetzung in Marshalltown liegt das Kind in einem offenen Sarg. Alle sollen sehen, dass es weiß ist.

"Die Verleumdung durch das FBI hat sie krank gemacht", sagt Ex-Mann Gary später. Seberg beginnt zu trinken, nimmt Pillen, hört Stimmen im Kühlschrank und schickt sich selbst Blumen. Die Rollenangebote werden immer weniger. Nach 1970 versucht sie siebenmal, sich das Leben zu nehmen, meistens am Todestag ihrer Tochter. Bis zu ihrem eigenen Tod acht Jahre später leidet Seberg an immer stärkeren Depressionen und Verfolgungswahn, im Flugzeug kommt sie einmal nackt aus der Toilette und schreit: "Das Flugzeug ist entführt! Man will mich töten!"

Das FBI hat damals seine Operation längst beendet, es hatte sein Ziel erreicht. Jean Seberg war keine Gefahr mehr.


Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen . Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hatten wir als Geburtstag von Jean Seberg den 13. November 1939 angegeben, es war aber der 13. November 1938. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Dragan Radulovic, 08.09.2014
1.
Danke für diesen Artikel. Sehr aufschlussreich.
Karl Käfer, 08.09.2014
2. Es
gibt für mich keinen Zweifel daran, dass FBI, CIA, NSA usw. ALLES dafür tun, um ihre Ziele zu erreichen. Egal wie abstrus diese Ziele auch sein mögen, egal wie verbrecherisch der Weg dorthin auch ist. Hier ist, auch von unabhängiger Medienseite, allergrößtes Misstrauen angebracht.
vorname nachname, 08.09.2014
3. Verstehe ich nicht
Weshalb sollte eine einigermaßen geistig gesunde schwangere Frau durch das Gerücht, das eigene Kind stamme nicht von X sondern von Y ab, in den Tod getrieben werden
Udolf Lunden, 08.09.2014
4.
Man könnte auch mal "COINTELPRO" nachschlagen. @Karl Käfer Unsere Geheimdienste wurden von den USA zusammen mit ehemaligen Nazis aufgebaut. Unsere Geheimdienste sind wahrscheinlich mehr Handlanger der Amerikaner aber die werden auch ihre eigenen Suppe kochen. Und das wird auch nicht gerade edelmütig sein.
Reinhard Hennig , 08.09.2014
5. Schöne alte neue Welt.
So wie FBI, NSA, CIA oder BND heute Leben zerstören, manipulieren und vernichten würden, wenn es ihnen opportun erschiene... Schöne alte neue Welt.
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