Ausnahme-Athlet Jesse Owens Die Pistolenkugel von Ohio

Sechs Weltrekorde in 45 Minuten: 1935 feierte der US-Sportler Jesse Owens einen historischen Triumph. Ein Jahr später demütigte er bei den Olympischen Spielen in Berlin Hitler - doch zu Hause blieb er Opfer der Rassentrennung.

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Mit schmerzverzerrtem Gesicht stand Jesse Owens am Rand der Laufbahn in Ann Arbor, Michigan. Neben ihm sein Trainer Larry Snyder, der nur ungläubig den Kopf schüttelte. "Das ist es nicht wert, Jesse", erklärte der 38-Jährige seinem Schützling. Eigentlich sollte sich Owens jetzt für den Sprint warmlaufen. Snyder beschwichtigte: "Wenn du nicht laufen kannst, dann lass es bleiben."

Monatelang hatten die beiden auf diesen Tag hingearbeitet. Es war der 25. Mai 1935 und in Ann Arbor fand der größte Uni-Leichtathletik-Wettbewerb des Mittleren Westens in den USA statt. Owens galt als Trumpf seines Teams. Zumindest, bis er vor dem Turnier mit ein paar Uni-Freunden herumgetollt und dabei eine Treppe hinabgestürzt war. Gebrochen hatte er sich nichts, doch die Schmerzen im Rücken gingen einfach nicht weg.

Nur mit Mühe gelang es dem 21-Jährigen, seinen Trainer zu überzeugen, ihn wenigstens für das 100-Yard-Rennen aufzustellen. "Wenn das nicht klappt, höre ich auf, Coach", sagte er. 45 Minuten später ging Owens mit sechs Weltrekordtiteln vom Platz.

Vom Farmerssohn zum Sprint-Wunder

Drei Mal - im Weitsprung, im 220-Yard-Rennen und im 220-Yard-Hürdenlauf - stellte Owens an diesem Tag Bestwerte auf. Zugleich wurde er automatisch zum Weltrekordhalter im 200-Meter-Sprint und 200-Meter-Hürdenlauf erklärt - da diese Strecken kürzer waren als die beiden gelaufenen Yard-Distanzen. Und auch die 100 Yards lief Owens genauso schnell wie der damalige Weltrekordhalter Frank Wykoff.

Fünf Rekorde, einer eingestellt - und alles an einem Tag. So etwas war vor Owens noch keinem Menschen gelungen. Doch die US-Zeitungen hielten sich mit ihrer Berichterstattung zurück. 1935 galt der Triumph eines Afroamerikaners als wenig berichtenswert, selbst in den liberaleren Nordstaaten. Erst ein Jahr später sollte Owens' Name in aller Munde sein: als er bei den Olympischen Spielen in Berlin antrat - und Nazi-Deutschland mit vier Siegen blamierte.

Dass der 1913 in Alabama geborene James Cleveland Owens überhaupt eine Karriere als Leichtathlet beginnen konnte, hatte er seinem Sportlehrer zu verdanken. Charles Riley von der Fairmont Junior Highschool in Cleveland war immer auf der Suche nach jungen Talenten gewesen. Als er die Beine des schlaksigen Jesse sah, nahm er den damals 13-Jährigen in einer Pause zur Seite: "Wie würde es dir gefallen, Leichtathletik zu machen?"

Bis dahin hatte der Teenager Laufen als angenehmen, aber unwichtigen Zeitvertreib angesehen. Als jüngstes von zehn Kindern musste Owens nach der Schule arbeiten, um seine Familie zu unterstützen. Die Eltern, ehemalige Farmpächter aus Alabama, waren mit ihren Sprösslingen aus dem konservativen Süden nach Ohio gezogen, um in der Industriestadt Cleveland ein besseres Leben zu führen. Doch auch hier galten Schwarze als Bürger zweiter Klasse. Die USA steckten in der Weltwirtschaftskrise, Arbeit war knapp, und vor allem für Afroamerikaner bedeutete das, dass auch Kinder anpacken mussten, damit genügend Essen auf den Tisch kam.

Riley ließ nicht locker. Er überredete Owens, jeden Tag vor der Schule eine Stunde früher zu erscheinen, um zu trainieren. Dass ein Weißer sich Zeit für ihn nahm, imponierte dem Teenager. Dank Riley lernte Owens die Grundlagen des schnellen Laufens: gerader Oberkörper, Knie anziehen, Kopf freimachen. So gelang es Jesse schon als 15-Jährigem, 100 Meter in elf Sekunden zurückzulegen - einer Sprintzeit, wie sie erwachsene Spitzensportler liefen.

Boykott der Spiele?

Mit 18 Jahren schrieb Owens sich an der Ohio State University in Columbus ein. Zwar durfte er hier anders als an progressiven Hochschulen als Schwarzer nicht auf dem Campus wohnen, doch die Uni hatte einen guten Ruf als Leichtathletik-Schmiede. Statt auf das Jurastudium konzentrierte sich Owens aufs Laufen. Mit Erfolg: Sein neuer Trainer Larry Snyder ernannte ihn als ersten Afroamerikaner überhaupt zum Mannschaftskapitän. Er erhielt den Spitznamen "the Buckeye Bullet", zu Deutsch etwa "die Pistolenkugel von Ohio".

Nach dem Triumph von Ann Arbor galt Owens als gesetzt für die Olympischen Spiele in Berlin. Doch in den USA wurden Stimmen laut, die Olympiade zu boykottieren. Einige Kritiker argumentierten, die Diskriminierung der Juden in Nazi-Deutschland sei unvereinbar mit dem olympischen Geist. Letztendlich scheiterte der Boykott-Versuch - auch wegen des Einsatzes von US-Funktionär Avery Brundage, einem Hitler-Sympathisanten.

Viele Sportler hatten sich ebenfalls gegen ein Fernbleiben der USA ausgesprochen. Vor allem Afroamerikaner sahen es als Heuchelei an, gegen die Diskriminierung von Juden in Deutschland zu protestieren, während Rassentrennung in den USA zum Alltag gehörte. Owens, der anfangs für einen Boykott war, wurde von Trainer Snyder schnell zurechtgewiesen. Er argumentierte: Wenn ein Afroamerikaner in Berlin Gold gewinnen würde, wäre die Rassenideologie der Nazis widerlegt.

Vier Demütigungen gegen Hitler

Letztendlich erkämpfte Owens während der Olympiade vier Goldmedaillen: im 100-Meter-Lauf, im 200-Meter-Lauf, im Weitsprung und in der 4x100-Meter-Staffel. Für letztere war er eigentlich gar nicht vorgesehen, doch am Austragungstag ließ Sportfunktionär Brundage das Team auswechseln. Statt zweier jüdischer Läufer traten Owens und sein schwarzer Kollege Ralph Metcalfe an. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Brundage damit einer Bitte der Nazis entsprochen habe, die eher Afroamerikaner als Juden auf dem Siegerpodest sehen wollten.

Zu einem regelrechten Duell entwickelte sich der Weitsprung-Wettkampf, bei dem Owens gegen den Leipziger Athleten Luz Long antrat. Erst der letzte Sprung von 8,06 Metern sicherte Owens den Sieg. Long gratulierte ihm und führte ihn mit einem Arm um die Schultern vom Feld. Ein Freundschaftssymbol, das um die Welt ging. Owens schürte einen Mythos, indem er in späteren Interviews behauptete, erst Long hätte ihm den entscheidenden Tipp gegeben, wie er besser springen könnte.

Während Hitler zu Beginn alle siegreichen Sportler auf der Tribüne empfing und sich mit erfolgreichen "arischen" Teilnehmern unterhielt, soll er Owens keines Blickes gewürdigt haben. Dennoch war Berlin für die schwarzen US-Sportler eine positive Erfahrung. Anders als in den Vereinigten Staaten konnten sie hier mit ihren weißen Kollegen im gleichen Haus wohnen. Auf der Straße wurden sie um Autogramme gebeten. Nach seinen Siegen erreichten Owens Job-Angebote aus den USA. Doch als er dorthin zurückkehrte, war seine Sport-Karriere beendet.

Wettlauf gegen Pferde

Vor der Rückreise in die USA hatte das US-Olympia-Komitee eine Werbetour durch Europa geplant. Owens lief in Köln, Prag und Bochum vor Tausenden Besuchern aufs Feld. Doch als die Truppe nach Stockholm weiterreisen sollte, weigerte er sich. Die Unterkünfte waren mies, er selbst war erschöpft und hatte seine Frau lange nicht gesehen. Auf eigene Faust bestieg er mit Trainer Snyder ein Schiff nach New York. Wegen Vertragsbruches wurde er deshalb aus der Amateursportlerliga ausgeschlossen.

Plötzlich lösten sich die Job-Angebote in Luft auf. Und trotz seiner vier Goldmedaillen hatte Owens weiterhin mit Rassismus zu kämpfen: Um etwa zur Olympia-Siegesfeier ins New Yorker Hotel Waldorf Astoria zu gelangen, musste er den Warenaufzug benutzen. Und US-Präsident Franklin D. Roosevelt weigerte sich, die schwarzen Medaillengewinner im Weißen Haus zu empfangen. Es war Wahlkampf in den USA.

Um Geld zu verdienen, musste Owens nun in Wettläufen gegen Pferde auftreten und eröffnete eine Wäscherei. Die nächsten Jahrzehnte sollte er viele Jobs übernehmen, am meisten gefiel ihm jedoch die Arbeit als Sporttrainer für unterprivilegierte Kinder.

Anerkennung sollte er erst viele Jahre später erhalten, als sich die schwarze Bürgerbewegung in den USA durchsetzte. 1976, vier Jahre vor seinem Tod an Lungenkrebs, bekam Owens von Präsident Gerald Ford das höchste Abzeichen der USA verliehen, die Medal of Freedom. Die Feier fand im Weißen Haus statt, diesmal war auch er eingeladen.

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Wolfgang Quakernack, 25.05.2015
1. Olympiade
Dies ist keine Belehrung, sondern nur ein höflich gemeinter Hinweis auf einen sehr oft auftretenden Irrtum. Unter dem Begriff "Olympiade" versteht man nicht die "Olympischen Spiele", die alle vier Jahre stattfinden sondern den „Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen“.
Burkhard Häfner, 25.05.2015
2. Also,
ich bin weiß Gott, anders als offenbar Brundage, kein Freund des Gefreiten mit lustigem Bärtchen, aber wer in letzter Zeit die vielen Dokus über das Dritte Reich und das Ende des 2. Weltkrieges im Fernesehen gesehen hat, der weiß, daß glaubwürdige Augenzeugen, nämlich amerikanische Journalisten, Stein und Bein schwören, daß Hitler Owens persönlich gratuliert hat.
Marco Schmid, 25.05.2015
3. Wohl einer der herausragendsten Menschen, ...
dessen Füße diesen Planeten berührt haben. Jeder Schritt und Tritt war eine Würdigung dieser Welt.
Boris Billinger, 25.05.2015
4.
"Einige Sportreporter (...) griffen dabei auch auf rassistische Thesen zurück, dass Afroamerikaner generell längere Knochen oder stärkere Muskeln besitzen würden als weiße Sportler." Hihi, genau, das ist natürlich blanker Unsinn. Das Maximal Pigmentierte die Leichtathletik dominieren ist reiner Zufall. Eigentlich sind sie auch gar nicht dunkelhäutig. Das erscheint uns nur so, weil wir rassistisch unterdrückt und noch nicht richtig gegendert sind.
Friedrich Müller, 25.05.2015
5. In Owens Biographie steht...
Es wurde bzw. wird regelmäßig behauptet, daß Hitler, der bei einigen Wettkämpfen von Owens im Stadion anwesend war, ihm die Anerkennung für seine herausragenden Leistungen angeblich verweigert habe. In seiner Biographie schrieb Owens jedoch, Hitler sei aufgestanden und habe ihm zugewinkt. "Als ich am Kanzler vorbeikam, stand er auf, winkte mir zu und ich winkte zurück. Ich denke, die Journalisten zeigten schlechten Geschmack, als sie den Mann der Stunde in Deutschland kritisierten." Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, weigerte sich, Owens im Weißen Haus zu empfangen. Roosevelt steckte damals mitten im Wahlkampf und fürchtete sich vor den Reaktionen aus den Südstaaten, falls er Owens ehren sollte. Owens bemerkte dazu später: "Nicht Hitler hat mich brüskiert, sondern Franklin D. Roosevelt. Der Präsident hat mir nicht einmal ein Telegramm geschickt."
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