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Jetset damals Badeland der Bierprinzessin

Jetset damals: Badeland der Bierprinzessin Fotos
Katja Sebald/Gemeinde Bernried

Liebe, Last und Luxusleben: Als erste Amerikanerin verfiel 1911 eine superreiche Brauereierbin dem Charme des Starnberger Sees. An den Ufern der mystischen Todesstätte von Märchenkönig Ludwig II. inszenierte Wilhelmina Busch ihren schrillen Alltag mit weißen Pfauen und hemmungslosen Fressorgien. Von

"Nehmen wir heute den Maybach, den Cadillac, den Mercedes oder den Borgward?" Wilhelmina Busch, die Tochter des amerikanischen "Bierkönigs" Adolphus Busch, besaß in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur das erste Auto im kleinen Ort Bernried am Starnberger See, sondern gleich vier Luxuskarossen. Ihr erster Ehemann aber, der Geheimrat und Konsul Eduard August Scharrer, fuhr auch gerne mit einer sechsspännigen Kutsche durchs Dorf, ein Stallbursche musste dazu trompeten und ein Nachreiter "absichern". Eine imposante Szenerie, die es seit Ludwig II. am Starnberger See nicht mehr gegeben hatte.

Wilhelmina Busch wusste die landschaftlichen Schönheiten des Starnberger Sees zu schätzen, der bereits damals die "Badewanne" der Münchner war, knapp 20 Kilometer südlich der bayerischen Landeshauptstadt. Schon Kaiserin Sisi, die übrigens nur in den Schmacht-Filmen der fünfziger Jahre ein zweites s im Namen trägt, hatte oft am Seeufer geweilt und den grandiosen Blick auf die Alpen genossen. Dem Reiz des geschichtsträchtigen Gewässers, in dem 1886 der bayerische Märchenkönig Ludwig II. zu Tode gekommen war, konnte man sich offenbar nur schwer entziehen. Adelige und Industrielle, Künstler und Kunstliebhaber, Reiche und Schöne pilgerten an den früheren Würmsee. Manche blieben - wie Wilhelmina Busch.

Die junge Amerikanerin aus der Brauereidynastie Anheuser-Busch, ihrerzeit Nummer 8 auf der Millionärsliste des Kaiserreichs, kam 1911 bei einem Jagdausflug durch Bernried und kaufte sich dort gleichsam im Vorbeifahren ein - bis ihr in Bernried zuletzt mehr als 750 Hektar Grund gehörten, was ziemlich genau der Hälfte des Gemeindegebiets entsprach. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ließ sie sich das Schloss Höhenried erbauen - und residierte dort wie die "last Queen of Bavaria", so die Einschätzung ihrer amerikanischen Gäste.

Schrilles Luxusleben

Die schöne "Minnie" wurde 1884 als jüngstes Kind von Adolphus Busch aus Kastel bei Mainz geboren. Der Begründer des weltweit größten Brauereiunternehmens war 1857 nach St. Louis ausgewandert und zu einem der reichsten Amerikaner seiner Zeit geworden. Als 22-Jährige heiratete Minnie den schneidigen deutschen Hopfenhändler Eduard August Scharrer. Sie ging zu "Eddy" nach Deutschland und führte im kleinen beschaulichen Bernried ein schrilles Luxusleben, das sie mit ihrer Drei-Millionen-Dollar-Apanage aus dem väterlichen Vermögen finanzierte. Glücklich aber wurde sie in diesem Dauerurlaub am Starnberger See trotz ihres unermesslichen Reichtums und trotz ihrer insgesamt drei Ehemänner wohl nicht.

Schon bei ihrem ersten Besuch gefiel Wilhelmina Busch der Bernrieder Park mit seinen schon damals mächtigen Bäumen. Sie beschloss, sich hier niederzulassen, und kaufte erst einmal eine feudale Villa an der Seeshaupter Straße. Auf der breit geschwungenen Freitreppe und im gut 40.000 Quadratmeter großen Garten tummelten sich schon bald hundert weiße Pfauen, weshalb dieser erste Wohnsitz "Pfauenvilla" genannt wurde.

Die "Gnädigste" hatte zwar das Geld mit in die Ehe gebracht, das Sagen hatte aber der großspurige Herrenreiter Scharrer. Er fädelte mit dem Geld seiner Frau allerhand Geschäfte ein, längst nicht alle waren von Erfolg gekrönt. Angeblich überwies er auch einem gewissen Adolf Hitler eine ansehnliche Summe zur Unterstützung von dessen hochfliegenden Plänen. Der spätere Diktator soll "ziemlich scharf auf ihre Dollars" gewesen sein, erzählt man sich noch heute im Ort über das Verhältnis von Hitler zu Wilhelmina Busch.

Leiden, lieben, essen

Schließlich wurde Eddy Generalkonsul des Königreichs Bulgarien und ging seinen Leidenschaften als Jäger und Reiter nach. Weil er sich schon zum Frühstück zwei Pfund Speck mit zehn Eiern braten ließ, verfettete er zusehends. Das aber hielt ihn nicht davon ab, sich im Münchner Parkhotel, das er mittlerweile ebenfalls gekauft hatte, eine Geliebte zu halten. Als ihm die "Gnädigste" auf die Schliche kam, warf sie Eddy in hohem Bogen hinaus und reichte die Scheidung ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Scharrers unter anderem das Hofgut Bernried, das Gut Adelsried, die Schwaige Höhenried, weite Teile des Bernrieder Parks und riesige Waldflächen gekauft. Sie waren ins Höhenrieder Gutshaus umgezogen und hatten sich nun vollends dem Wohlleben ergeben. Die kinderlose Wilhelmina sammelte Puppen, exotische Tiere und seltene Pflanzen, ihr Mann züchtete Pferde und spielte Schach - und beide wurden dicker und immer dicker. Am Ende war Minnie selbst für bayerische Verhältnisse exorbitant voluminös.

Schon bald nach der im großen Stil gefeierten silbernen Hochzeit tauschte Minnie ihren Eddy gegen den wesentlich jüngeren Dr. Carl Borchard aus, den sie kurz nach dem Tod Scharrers heiratete: Sie war 49, ihr Neuer gerade 30. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs verwirklichte sich Minnie einen Traum und ließ sich das Schloss Höhenried bauen. Mit den neuen Machthabern in Deutschland arrangierte sie sich dabei ebenso geschickt wie mit ihrem schon wieder lästig gewordenen zweiten Ehemann: 1941 wurde die Ehe geschieden. Die letzten Kriegsjahre verlebte die dicke Wilhelmina in der Schweiz - und brachte von dort Ehemann Nr. 3 mit nach Höhenried: Den Texaner Samuel Edison Woods, der dann auch zeitweilig amerikanischer Generalkonsul in München war.

Beide führten auf Schloss Höhenried ab 1948 ein feudales Leben - mit mehr als hundert Angestellten. Der bayerische Kronprinz Rupprecht lud das Paar zum Tee auf die Roseninsel ein. Dorthin schipperten Minnie und Sam natürlich mit ihrem eigenen Schiff - es war die größte je für den Starnberger See gebaute Motorjacht. Dieser Ausflug muss den texanischen Farmerssohn sehr beeindruckt haben, denn wenig später beschloss er, zwischen dem Teehaus und dem südlichen Ufer des Bernrieder Parks mit schwerem Gerät eine breite Rinne ausheben zu lassen - für eine zweite Insel im See. Doch in diesem Fall intervenierten die Alteingesessenen und bremsten den Tatendrang. Weil aber die Bagger schon mal da waren, ließ Sam wenigstens fünf "Mississippi-Weiher" ausheben. Ganz in der Nähe dieser Weiher im Höhenrieder Park steht heute das "Museum der Phantasie", ebenfalls ein ehrgeiziges Projekt eines tatkräftigen Mannes - eine Schöpfung von "Das Boot"-Autor Lothar-Günther Buchheim.

Minnie und Sam aber sind längst in Höhenried beerdigt. Beide starben kurz hintereinander Anfang der fünfziger Jahre an den unausweichlichen Folgen ihres Luxuslebens. Und beide ruhen in einem pompösen Marmorsarkophag mit der Aufschrift "Love never ends" - allerdings jeder in seinem eigenen.

Zum Weiterhören:

Hörbuch von Katja Sebald, gelesen vom Schauspieler Christian Tramitz: "Sommerfrische am Starnberger See - Eine KulturKreuzfahrt in zwölf Stationen", Kulturverlag Starnberg

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Ralf Bülow, 06.12.2009
Beim "Borgward" am Anfang muss sich Autorin Katja Sebald verhört haben, da es diese Marke zur Kaiserzeit noch nicht gab. Vielleicht gelüstete es Wilhelmina Busch nach einem Automobil der US-Firma Packard.
2.
Michael Thelen, 06.12.2009
Leider konnte die "Bierprinzessin" wohl kaum vor dem Ersten Weltkrieg einen Borgward waehlen und auch lange danach nicht, die Firma wurde erst 1929 gegruendet.Auch mit dem Maybach sah es schlecht aus, Fahrzeuge wurden erst in den Zwanzigern produziert. Schade, das die Verfasserin sich nicht die Muehe gemacht hat hier besser zu recherchieren und wenn schon in der Einleitung solche Fehler auftauchen, dann macht das Weiterlesen keinen Spass mehr!
3.
Peter Kurze, 06.12.2009
"Nehmen wir heute den Maybach, den Cadillac, den Mercedes oder den Borgward?" Das ist bitter, wenn der Spruch schon vor dem 1. Weltkrieg fiel. Maybach baute seinen ersten Wagen nämlich erst 1922 und Borgward kam mit PKWs 1931 auf den Markt. Borgwards Kleinwagen besaßen auch nur drei Räder, 200 cm³ und hörten auf den Namen "Goliath Pionier". Sie waren von Luxuswagen so weit entfernt, wie ein Traktor vom Porsche.
4.
Katja Sebald, 06.12.2009
Natürlich haben Herr Kurze, Herr Thelen und Herr Bülow Recht, dass die zeitliche Einordnung des Fahrzeugparks so nicht stimmen kann. Die Quellen sind in diesem Punkt ungenau, deswegen ist der Fehler durchgerutscht. Sicher ist nach den Quellen, dass Wilhelmina Busch vor dem ersten Weltkrieg das erste Auto in Bernried am Starnberger See besessen hat. Die Nobelmarken kamen später dazu.
5.
Uwe Nägele, 07.12.2009
Ist doch nicht so dramatisch, wenn nicht alles perfekt ist. Das macht doch den Charme dieser Reihe mit aus. Immer diese Besserwisserei ...
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