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07. April 2008, 14:34 Uhr

Jimi Hendrix im Star-Club

"Das Konzert meines Lebens"

Gitarre spielen mit der Zunge! Die Frauen juchzten, als hätte der Mann auf der Bühne seine geblümten Hosen heruntergelassen. Von Jimi Hendrix' erstem Gig im Hamburger Star-Club 1967 schwärmt Sabine Reichel noch heute.

Ich ging vor ein paar Jahren in ein "WOM"-Geschäft in Berlin. Ich tue das öfter mal, denn ich bin immer noch musikverrückt, auch wenn ich nicht mehr als zehn CDs im Jahr kaufe. Es ist wie das Täter-Tatort-Syndrom - ohne dass ein Verbrechen begangen wurde. Ich muss immer wieder zur Musik. Es beruhigt mich, von Tausenden von CDs umgeben zu sein.

Die Augen gesenkt, ging ich schnell an den Promotion-Attrappen für Mariah Carey, Celine Dion und Enya vorbei, um meine Laune nicht zu verderben, und brachte mich dann kurz in der Jazz-Abteilung bei Billie Holiday und John Coltrane in Sicherheit. An diesem Tag gab es ein spezielles Angebot mit einem Jimi Hendrix CD-Set, und ich steuerte mit einem glücklichen und nostalgischen Lächeln darauf zu wie auf eine alte Freundin, die ich zuletzt bei einer Anti-Vietnam Demo gesehen hatte.

Jimi, the Master, Jimi, der außer Bob Dylan und den Beatles - und ganz früher Elvis - der Einzige ist, bei dessen Musik sich mir die Haare an den Armen aufstellen. "Hey Joe" hieß der erste Song. Das Jahr 1967 kehrte zurück - und es war, als zöge mir jemand den Teppich unter den Füßen weg. "Pscht! Sei ruhig! Wer ist das?", brüllte ich, als ich Jimi zum ersten Mal im Radio hörte. Jimi Hendrix, schöner Name, woher kam das Fabelwesen? Aus dem All? Das Element der Überraschung hat mich nie verlassen, so oft ich Jimi höre.

"Mein Idol. Der Größte. He's the man!"

Da stand ich also wehmütig lächelnd vor den CDs, und sah mit Befriedigung, dass ich so ziemlich alles von Jimi hatte - als LPs, in einer Kiste bei meiner Schwester im Keller. Ein junger Mann wieselte auf mich zu. "Kann ich Ihnen helfen?" fragte der etwa 22-Jährige und sah mich so an, wie man eine erwachsene Frau ansieht, deren Verbindung mit Jimi vielleicht nicht auf den ersten Blick klar ist. Ich musste grinsen: "Nein, mein Sohn, wohl kaum", dachte ich. Er sah so aus, wie sehr viele junge männliche Wesen heute: androgyn, schmal, absichtlich ungewaschene Haare leicht nach vorne gekämmt, Hosen mit ausgestellten Beinen, ein Polyesterhemd mit halbem Arm, das mehrere modische schwarze Tätowierungen asiatischen Ursprungs am Arm entblößte.

"Was ist bloß mit den Seejungfrauen, den Herzen mit Flügeln, den Schwalben, den Ankern und den Hulamädchen passiert?", dachte ich kurz, bevor ich "Nee, danke", sagte. Vielleicht wollte ich angeben, vielleicht wollte ich testen, ob ich noch ein Gespräch mit mir fremden jungen Leuten auf die Beine stellen kann - oder vielleicht wollte ich nur mal kurz sein, was ich musikalisch noch war: eine 20jährige, die ganz aufgeregt ist, wenn sie an der Musik von Jimi Hendrix vorbeikommt.

Jedenfalls fragte ich: "Stehst Du auf Jimi?" und hoffte, dass es sich nicht zu tantenhaft anhörte. Bingo! Das war der Eisbrecher. Seine Augen leuchteten, er nickte: "Mein Idol. Der Größte. He's the man!", brach es aus ihm heraus, dann stopfte er sich nervös das gruselige Hemd hinten in die Hose. Ich spürte ihn in mir hochsteigen, den Triumph der späten Jahre. "Du wirst es wahrscheinlich nicht glauben, aber ich habe Jimi mehrere Male 'live' gesehen", sagte ich. Ungläubiges Starren. Er schüttelte leicht den Kopf und meinte grinsend: "Ehrlich? Wo?"

Als hätte er seinen Penis aus der Hose geholt

Ich wunderte mich, dass er nicht "Wann?" fragte, aber dann fiel mir ein, dass Jahreszahlen absolut nichts bedeuten, wenn Du unter 40 bist. Dieser Junge war noch nicht mal geplant, als Jimi schon längst unter der Erde lag. "Im Star-Club - 1967", sagte ich, und machte eine effektvolle Pause - "er spielte an drei Abenden." Die Jahreszahl ist wichtig, denn scheinbar hatten damals von Jimi nur rund 30 Leute in Hamburg gehört, oder das Konzert war spontan in letzter Minute geplant gewesen, ich weiß es nicht mehr. Ich ging also mit meinem Freund in den fast leeren legendären Club in der "Großen Freiheit" - und erlebte das Konzert meines Lebens.

Wir standen direkt vor der Bühne. Ich habe so etwas noch nie gesehen, so einen Musiker, der spielte, als würde die Welt um ihn brennen. Er legte sich auf die Bühne und tat dann etwas so Wahnsinniges, das ich einfach nicht verstand. Er spielte mit der Zunge Gitarre! Ich schüttelte den Kopf, ich sah Jimi vor mir und weiß noch, wie wir alle aufschrieen, so als hätte er seinen Penis aus der Hose geholt.

"Wir tobten natürlich, und ich glaube, ihm gefiel das. Er spielte ziemlich lange", erklärte ich dem jungen Verkäufer. "Und wie spielte er?" - "Göttlich! Ein Revolutionär!" Seine Augen kriegten einen sehnsüchtigen Glanz. "Oh Mann, ich beneide Sie - echt." - "Kannst ruhig 'Du' sagen", bot ich ihm an. Wir waren jetzt Kumpels, alte Kameraden, Jimi-Fans, die mal alle in einer Art kulturellem Schützengraben zusammen waren.

In Amerika kannte ihn zunächst kein Schwein

"Und wie sah er aus? So wild angezogen und so - wie auf den Fotos?" - "Absolut. Buntes Tuch um die Stirn, irgendeine weinrote Samtjacke, geblümte Hosen, witzige Stiefel. Eben typisch britisch, Swinging London und so - da hat er ja angefangen. In Amerika kannte ihn ja am Anfang kein Schwein."

"Ach, wirklich?" Der junge Mann war dann doch überrascht. Ich dachte, das wusste jeder. 'Jimi Hendrix and the Experience' war eine britische Band. Noel Redding und Mitch Mitchell waren englische Jungs - und das sah man. Ich lachte kurz auf, ich war jetzt in meinem Element. Pop-Kulturträgerin und -Botschafterin der sechziger Jahre. Ich war nicht umsonst von 1966 bis 1968 Musikreporterin gewesen, die von den Türstehern in den "Star-Club" reingewinkt wurde.

Er war schwer beeindruckt, das sah ich. "Und war er unter Drogen?" Ich muss sagen, dass ich damals nicht allzu viel über Drogen wusste. Für mich wirkten die Musiker immer wie unter Drogen. Ich zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich." Die Geschichte war ja nicht zu Ende. Oh wie gern ich ihn quälte!

Einmal Jimi, das genügt

"Natürlich bin ich noch zu den anderen zwei Gigs gegangen, und weißt Du was? Der 'Star-Club' war plötzlich knallvoll. Irgendwie musste sich Jimi herumgesprochen haben", sagte ich. Er schüttelte den Kopf. Ich spürte seine Sehnsucht, seinen netten Neid. Sein Bedauern war echt. Ich glaube, ich hätte so geguckt, wenn mir einer als Zehnjähriger erzählt hätte, er hätte Elvis singen sehen.

In dem Moment steuerte ein modisch angezogener Typ, Mitte Zwanzig, gelb gefärbtes Haar, dummes Gesicht, auf uns zu. "Hey, habt ihr Jay-Z?" Er meinte sicher nicht mich. Der junge Mann nickte. "Vorne bei der Tür, wo die Neuerscheinungen stehen." Schwarze Rapper brachten uns beide in die unbarmherzige Realität zurück.

Ich hatte genug Nostalgie für eine Woche. Ich warf noch einen letzten Blick auf die Jimi Hendrix CDs und sein irgendwo auch liebes Gesicht. Er war so jung gewesen. "To be black in America", das bringt jeden um. Eigentlich wollte ich dem jungen Mann noch erzählen, dass ich ein Jahr später Jimi Hendrix in einem legendären Londoner Theater spielen hörte, und noch ein Jahr später in einem durchnässten Open Air Konzert in Fehmarn an der Nordsee. Aber vielleicht wäre das Overkill, vielleicht würde er es nicht glauben. Einmal Jimi "in one lifetime", das genügt.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

"Wie heißt Du?" fragte ich ihn. "Stefan." - "Ich bin Sabine." Unsere Hände streckten sich gleichzeitig entgegen. Man macht das doch heute gar nicht mehr, das Händeschütteln. Hatten wir einen Vertrag abgeschlossen, oder mehr einen Pakt besiegelt? War das eine kleine Brücke über die Schlucht zweier verschiedener Generationen? The bridge Jimi built?

Zufall oder Vorsehung, im WOM ertönte plötzlich Jimi wie auf Befehl für meinen Abgang. "Footprints dressed in red. And the wind cries Mary". Mein Lächeln hätte nicht glücklicher sein können, als ich summend "WOM" verließ und auf die Straße trat, ich spürte Stefans Blicke in meinem Rücken.

Oft habe ich den ehemaligen Kanzler Kohl von der "Gnade der späten Geburt" faseln hören, und mich darüber aufgeregt. Aber hier stand ich, leicht zitternd vor Stolz, Genuss und Dankbarkeit - als Augen-, Ohren- und Zeitzeugin, ein deutscher Ex-Hippie und dachte an das Privileg und das wertvolle Geschenk, endlich einmal zur richtigen Zeit geboren und am richtigen Ort gewesen zu sein.

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