Handballlegende Jo Deckarm wird 65 Und Joachim lächelte

Bei der WM 1978 wurde Joachim Deckarm zum Handballhelden - und bald darauf ein Pflegefall. Am Samstag feiert er seinen 65. Geburtstag beim deutschen WM-Spiel in Köln. Die Geschichte einer Rückkehr ins Leben.

Sammlung Eggers

Es gibt dieses geradezu majestätische Foto von Joachim Deckarm, das ihn als Prototyp eines Handballers beschreibt.

Er setzt gerade zum Wurf an: Deckarm, mit viel Tempo am Gegenspieler Lajos Pánovic vorbeigerauscht, ist in den Torkreis gesprungen, sein gestreckter Körper schwebt über dem Geschehen - nun scannt er die Stellung des Torwarts. Das Foto stammt aus dem Halbfinalhinspiel im Europapokal der Pokalsieger der Saison 1978/79 aus der Dortmunder Westfalenhalle, gegen Bányász Tatabánya aus Ungarn.

Und dann ist da dieses andere Foto von Joachim Deckarm, das die Welt des Handballs schockierte und veränderte. Es zeigt den Hünen bewusstlos und hilflos am Boden. Seine Augen sind stark geschwollen, der Physiotherapeut des VfL Gummersbach untersucht ihn, ein anderer hält seinen Kopf. Deckarm hat nach einem heftigen Sturz auf den Betonboden schwere Gehirnquetschungen erlitten. Der damals wohl beste Handballer der Welt, eine Säule der Weltmeistermannschaft von 1978, ringt nach einem Zusammenprall mit Lajos Pánovic um sein Leben. Es ist ein Foto aus dem Rückspiel am 30. März 1979 in Tatabánya.

Deckarm 1979
Sammlung Eggers

Deckarm 1979

Mit beiden Bildern hat sich Joachim Deckarm wie kein anderer Handballer in das Gedächtnis der Deutschen gebrannt: mit seiner famosen Überlegenheit als Sportler im aufblühenden westdeutschen Handball Mitte der Siebzigerjahre. Und mit diesem Unfall, der den Modellathleten in ein 131-tägiges Koma stürzte und aus ihm im Alter von 25 Jahren einen Invaliden machte.

Damit begann Deckarms "zweites Leben". Sein Kampf in der Rehabilitation nahm er nach dem Motto "Ich kann, ich will, ich muss" an.

Geburtstagsfeier - mit 19.000 Fans

Am Samstag wird Deckarm, einer der größten Handballer der Geschichte, 65 Jahre alt. Er feiert wie immer im Kreis seiner Freunde: Die Weltmeister, die am 4. Februar 1978 gegen die Sowjetunion das Wunder von Kopenhagen vollbrachten, besuchen ihn in Gummersbach, wo er seit einigen Monaten in einem Seniorenheim wohnt. Und am Abend fahren sie zusammen auf Einladung des Deutschen Handballbundes zum WM-Hauptrundenspiel Deutschland gegen Island.

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Handballer Joachim Deckarm: Der Sturz des Hünen

"Ich werde vorher noch mit einem Friseur zu ihm gehen, damit er gut aussieht", juxt Ex-Bundestrainer Heiner Brand, einer seiner engsten Freunde. Deckarm dürfte von den 19.000 Fans herzlichst begrüßt und gefeiert werden.

Seine tragische Karriere ist vielen noch lebhaft in Erinnerung. Begonnen hatte sein Aufstieg im Saarland. Früh deutete sich an, dass da ein großer Sportler heranwächst.

"In den letzten zehn Jahren habe ich kein derartiges Handballtalent mehr gesehen", sagte 1971 Bundestrainer Werner Vick, nachdem Deckarm das erste Mal in der B-Auswahl spielte. "Er könnte im Zehnkampf seinen Weg machen", meinte Zehnkampf-Europameister Werner von Moltke, damals Trainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Zuvor hatte der 1,93 Meter große Deckarm bei den deutschen Jugendmeisterschaften im Hochsprung die zwei Meter geschafft.

"Goldarm" und Schrecken der DDR

Obwohl sein Vater Leichtathlet war, entschied sich Deckarm, jüngster von vier Brüdern, für Handball. 1970 wechselte er von seinem Jugendverein TV Malstatt zum 1. FC Saarbrücken und ging drei Jahre später nach dem Abitur zum großen VfL Gummersbach. Obwohl Deckarm bei den Blau-Weißen zunächst auf Linksaußen spielen musste, weil der damalige Star Hansi Schmidt den halblinken Rückraum für sich beanspruchte, reifte er rasant zum Weltklassespieler.

Sein erstes Länderspiel absolvierte er im Dezember 1973 gegen Rumänien (20:16), kurz vor der so desaströsen WM 1974 in der DDR. Viele Experten waren danach überzeugt, dass dieser Absturz hätte verhindert werden können - wenn Bundestrainer Horst Käsler nicht im ersten WM-Spiel gegen Dänemark auf Deckarm verzichtet hätte. Denn in allen weiteren WM-Partien spielte der "Goldarm", zu dem ihn der "kicker" erhob, schon mit seinen Gegnern.

Unter Vlado Stenzel, ab 1974 Bundestrainer, war Deckarm von Beginn an eine absolute Führungsfigur. "Joachim ist der ideale Handballspieler", rühmte Stenzel ihn nach der bald legendären Olympia-Qualifikation in Karl-Marx-Stadt. Denn die verlief dramatisch: Die Bundesrepublik verlor das Rückspiel im März '76 zwar mit 8:11 gegen die favorisierte DDR, hatte aber das Hinspiel überraschend mit 17:14 gewonnen - und qualifizierte sich wegen der mehr erzielten Tore. Im Hinspiel, dem wohl besten Spiel in Deckarms Karriere, gingen neun der 17 Tore auf sein Konto, im Rückspiel fünf von acht.

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Handballhelden mit Schnäuzer: Weltmeister und was aus ihnen wurde

Der "Kalte Krieg im Handball" - es war Deckarm, der mit der DDR-Abwehr teilweise Katz und Maus spielte und half, dieses historische Duell zu gewinnen. "Noch nie" habe man "einen so begabten und intelligenten Spieler" gehabt, überschlug sich der DHB mit Lob.

"Joachim war damals der einzige Spieler, der aus dem Rückraum mit individuellen Aktionen Tore machen konnte", sagt Mitspieler Heiner Brand. "In wichtigen Spielen hat er immer seine Klasse bewiesen." Und da waren viele wichtige Spiele beim VfL Gummersbach: Dreimal holten sie mit Jo Deckarm die Meisterschaft, zweimal den Pokal, 1974 den Europapokal der Landesmeister, als Deckarm das entscheidende Tor machte.

Auch im WM-Finale von 1978 brillierte er, trotz gerade überstandener Grippe, mit sagenhafter Spielübersicht und sechs Toren. Und er machte seinem Namen alle Ehre, als Deckarm den letzten, entscheidenden Block setzte, mit dem das Team den Ausgleich der Sowjetunion verhinderte und so den Titel holte. Als kompletter Handballer warf er nicht nur Tore am Fließband, sondern verteidigte auch famos.

"Welle der Hilfsbereitschaft"

Auch nach solchen Triumphen blieb Jo Deckarm bodenständig und fair. Nie ließ er sich provozieren oder protzte, beteuerten die, die mit ihm spielten. "Ein echter Kumpel, nie überzogen, nie überheblich", so Kurt Klühspies aus der Weltmeistermannschaft von 1978.

Umso größer war das Entsetzen, als dieser feine Sportler 1979 so schwer verunglückte, dass er zum Pflegefall wurde und sogar das Sprechen neu erlernen musste. Die Vorbildfunktion, die Deckarm stets auf dem Platz demonstriert hatte, bewies er auch nach diesem Schicksalsschlag. Er steckte einfach nicht auf. Mit Hilfe vieler Menschen, insbesondere seines Jugendtrainers Werner Hürter, schaffte er es zurück ins Leben.

Bereits im November 1980 beschaffte ein Benefizspiel vor mehr als 11.000 Zuschauern Geld für Deckarms Pflege. Sogar aus der Sowjetunion kamen Stars geflogen. "Es gab eine große Welle der Hilfsbereitschaft", erinnert sich Brand an den Moment, als Deckarms Unfall den Kalten Krieg im Handball kurz überwand.

Meine Freunde, die WM-Helden

Die Reha dauerte eine kleine Ewigkeit, aber die Geduld zahlte sich aus. Nach Jahren konnte Deckarm wieder deutlich sprechen, Rechenaufgaben lösen, Balladen rezitieren. Seine Lebensfreude kehrte zurück. Man sah ihn wieder mit einem breiten Lachen neben seinen Freunden. "Handball wird immer zu meinem Leben gehören", sagt er gern.

Im Herbst 2018 siedelte Deckarm von Saarbrücken nach Gummersbach um, auf Wunsch seines Bruders und Betreuers Herbert. Im Oberbergischen war er zuvor mehrfach im Urlaub gewesen, wie Brand berichtete. "Dabei haben wir festgestellt, wie gut ihm die Zeit an alter Wirkungsstätte tut und wie positiv sich diese Aufenthalte auf seine Entwicklung ausgewirkt haben." Handball war sein Leben - und die Erinnerung daran hält ihn am Leben.

So fühlt sich Deckarm immer noch am wohlsten im Kreis der Weltmeister von 1978, die sich jedes Jahr treffen. Beim letzten Mal verbrachten die gealterten Helden ein paar Tage in einem Seehotel nahe Großwallstadt, fast alle kamen: Brand, Klühspies, Jimmy Waltke, Arnulf Meffle, Claus Fey, Trainer Stenzel. Nach dem Abendessen stand ihr Kapitän Horst Spengler auf und hielt eine bewegende Rede, während im Hintergrund die TV-Bilder vom Finale gegen die Sowjetunion lautlos über einen Bildschirm flimmerten.

Spengler sprach natürlich von dem Spiel ihres Lebens. Aber noch mehr davon, wie eng diese Mannschaft bis heute als Gemeinschaft zusammenhält. "Dieses Miteinander ist etwas, was für mich sehr wertvoll ist", sagte er ergriffen, Tränen übermannten ihn.

In der Mitte dieser verschworenen Gruppe saß der Mann, ohne den der WM-Triumph von 1978 unmöglich gewesen wäre: Joachim Deckarm. Und er lächelte.

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Seite 1
Jens-Ulrich Stegmann, 19.01.2019
1. Herzlichen Glückwunsch
Es war die Weltmeisterschaft 1978 die mich, als damals 10jährigen, so gebannt hat und dann zum Handball gebracht hat. Dann der Schock dieses tragischen Unfalls. Vor kaum einer anderen Lebensleistung hatte und habe ich mehr Respekt. Herzlichen Glückwunsch Jo Deckarm.
Harry Huber, 19.01.2019
2. Alles Gute Jo
So offensiv wie bei Jo Deckarm kann und sollte man mit dem tragischen Unfall eines Sportlers umgehen. Andere große Sportler mit einer Kopfverletzung werden leider von ihrem Umfeld abgeschottet. Jo Deckarm hat Glück gehabt, dass niemand der Meinung war, dass er mit Behinderung und dem Sprachvermögen eines Kindes nicht in die Öffentlichkeit darf.
Jo Klingone, 19.01.2019
3. Gänsehaut
Der Artikel -toll recherchiert übrigens- erzeugt Gänsehaut. Unvergessen der Morgen, als im Radio die Nachricht vom Unfall Jo Deckarms kam. Ich als Gummersbacher konnte es einfach nicht fassen und auch 40 Jahre später kommen die Emotionen wieder hoch. Umso schöner zu lesen, dass sich seine Freunde heute noch so wunderbar um ihn kümmern. Alles Gute, Jo Deckarm!
Ralph-Michael Rummel , 19.01.2019
4. Alles Gute zum Geburtstag!
Ein wunderbarer Beitrag und eine gelungene Würdigung eines grossen Sortlers. Alles Gute zum 65. Geburtstag, Joachim! Du bleibst unvergessen.
Annaluisa Dorsten, 19.01.2019
5. Wieso spielten die auf Betonboden?
Das hätte unser Sportlehrer in der Schule nie zugelassen.
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