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Arbeiterrechtsikone Joe Hill Barde des Klassenkampfs

Arbeiterrechtsikone Joe Hill: Barde des Klassenkampfs Fotos
Corbis

Joan Baez besang ihn, Gewerkschafter verehrten ihn, die US-Justiz richtete ihn als Mörder hin: Vor 100 Jahren wurde der singende Wanderarbeiter Joe Hill Opfer im Kampf für die Arbeiterrechte. Und zum unsterblichen Idol der Linken. Von

I dreamed I saw Joe Hill last night / Alive as you or me / Says I, "But Joe, you're ten years dead" / "I never died," says he

Als Joan Baez 1969 in Woodstock den "Song of Joe Hill" anstimmte, lag der berühmte singende Hobo Joe Hill in Wahrheit schon 50 Jahre unter der Erde. Hingerichtet für ein Verbrechen, das er wohl nie begangen hat, seine Asche über alle Kontinente verstreut und seine Lieder fest verankert im Kanon der Bürgerrechtsbewegung. Und doch: Auch Ende der Sechzigerjahre war Joe Hill noch immer eine Ikone der Linken.

Der Arbeiterführer, Folksänger, Minenarbeiter und Desperado schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts Songs, die auch ein Jahrhundert später noch erklingen, wenn es um den Kampf des kleinen Mannes gegen die Macht der Konzerne geht. Als man ihn 1915 in Salt Lake City hinrichtete, war Hill bereits ein Idol der US-Gewerkschaftsbewegung. Sein Tod aber machte seine Lieder zu zeitlosen Hymnen des Klassenkampfes.

Der Soundtrack zum Streik

Die Geschichte des Folksängers begann im Arbeiterviertel des schwedischen Gävle, wo Joel Emmanuel Hägglund am 7. Oktober 1879 als drittes von neun Kindern geboren wurde. Er war erst neun Jahre alt, als sein Vater bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam und er selbst in der Fabrik arbeiten musste. Wenig später erkrankte Joel an einer schweren Tuberkulose, die ihn an Hals und Gesicht entstellte.

Als 1902 auch die Mutter starb, beschloss er, sein Glück auf der anderen Seite des Atlantiks zu versuchen. Bei der Ankunft in Ellis Island war er 22 Jahre alt - und mittellos. Für ein paar Pennys am Tag reinigte er in den Migrantenvierteln von New York Spucknäpfe.

Doch bald kehrte er New York wieder den Rücken und reiste von Stadt zu Stadt, von Job zu Job, spielte Piano in Saloons oder half bei der Ernte. In Chicago setzte man ihn für den Versuch, seine Kameraden in einer Gewerkschaft zu organisieren, auf eine schwarze Liste. Um wieder einen Job zu finden, legte er sich einen neuen Namen zu: "Joe Hill".

Unter dieser neuen Identität traf er auf den Hafendocks von San Pedro, Kalifornien, auf eine Gemeinschaft, die bald sein Leben bestimmen sollte: Die Wobblies, eine angriffslustige Industriegewerkschaft, die seit ihrer Gründung fünf Jahre zuvor mit zahlreichen spektakulären Streiks auf sich aufmerksam gemacht hatte. Hill lieferte den passenden Soundtrack zu ihren Protesten. Er schrieb Songs über den Alltag der Migranten, Obdachlosen und Wanderarbeiter, über die Strapazen der Schienenleger und das harte Leben in den Kupferminen. Seine Lieder hielten Einzug in das "Little Red Songbook", eine Sammlung von Protestliedern, aus denen viele Arbeiter zum ersten Mal von Solidarität und Klassenkampf erfuhren.

Plötzlich Mordverdächtiger

Als sich 1911 Hunderte Wanderarbeiter der mexikanischen Revolution anschlossen, um den Diktator Porfirio Díaz zu stürzen, war der Protestsänger ganz vorn mit dabei: Bei der Schlacht um Mexicali erlitt er einen Streifschuss am Bein. Zurück in den Staaten wurde Joe Hill immer mehr zum Sprachrohr der Wobblies und reiste von Kampagnen in British Columbia zu Streiks in den Rocky Mountains.

Doch trotz wachsender Berühmtheit: Seinen Lebensunterhalt konnte er so nicht verdienen. Im Herbst 1913 heuerte er in den Silver King Minen in Utah an. Der Mormonenstaat war seit dem Sommer 1912 Schauplatz erbitterter Arbeitskämpfe. Die Wobblies besetzten Kupferminen, von den Kupferbossen angeheuerte Gangster überfielen Gewerkschaftsmeetings. Mittendrin Joe Hill: Er organisierte einen Streik bei der United Construction Company in Salt Lake City.

Dabei kam es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall: Zwei mit roten Halstüchern maskierte Männer stürmten den Krämerladen des ehemaligen Polizisten John Morrison und erschossen ihn. Morrisons Sohn traf jedoch einen der Flüchtenden mit einer Kugel. Die Ermittler vermuteten zunächst einen Racheakt hinter der Tat - denn die Täter hatten nichts gestohlen, aber gerufen: "We've got you now!" ("Jetzt haben wir dich!"). In den kommenden Tagen wurden zwölf Männer festgenommen: Übliche Verdächtige, ehemalige Verbrecher, die Morrison einst festgenommen hatte, und Männer mit unerklärlichen Schusswunden. Unter den Verdächtigen ist auch Joe Hill.

Der hatte sich kurz vor Mitternacht bei einem Arzt wegen eines Lungendurchschusses behandeln lassen. Hill erklärte, er habe die Verletzung bei einem Streit mit einem Nebenbuhler erlitten, seinem Zimmergenossen Appelquist. Der Arzt meldete den Fall der Polizei. Am nächsten Morgen stürmten Polizisten Hills Herberge und schossen dem noch vom Morphium sedierten Sänger in die Hand. Alle zwölf weiteren Verdächtigen, darunter vier andere Männer mit Schusswunden, wurden in den kommenden Tagen freigelassen. Die Polizei ermittelte nur noch in eine Richtung - Joe Hill.

"Trauert nicht! Organisiert euch!"

Der Fall wurde zu einem der größten Justizskandale der USA, von der Presse genau beobachtet. Als Indiz für Hills Schuld brachte man die Schusswunde vor, sein Schweigen, sowie ein rotes Halstuch, das man in seinem Zimmer gefunden hatte. Hill sagte, er habe die Arme über den Kopf gehalten, als er angeschossen wurde. Die Lage des Lochs in seinem Mantel, die zehn Zentimeter unter der Austrittswunde lag, stützte diese Version. Und hätte bei einem Durchschuss, wie Hill ihn erlitt, nicht eine Kugel im Laden zurückbleiben müssen? Die aber wurde nie gefunden. Hill hatte keinerlei Verhältnis zu Morrison, also kein Motiv. Doch dann ließ das Gericht den Brief des Polizeichefs von San Pedro verlesen, der Hill einst wegen Agitation festgenommen hatte: "Mir gelangte zur Kenntnis, dass Sie einen Joseph Hägglund wegen Mordes verhaftet haben", hieß es da. "Sie haben den richtigen Mann. Er ist gewiss ein unerwünschter Bürger."

Die Geschworenen brauchten nur wenige Stunden, um Joe Hill für schuldig zu befinden. Das Gericht verhängte die Todesstrafe.

Zehntausende Sympathisanten aus der ganzen Welt setzten sich für Hills Freilassung ein. Sie unterschrieben Petitionen und sandten sie an William Spry, den Gouverneur von Utah. Doch dessen Meinung stand fest: Der Fall helfe, die Straßen von "gesetzlosen Elementen und Wobbly-Agitatoren" zu reinigen, tönte er in der Presse. Sogar Präsident Woodrow Wilson unterstützte eine Wiederaufnahme des Prozesses. Vergebens: Die Hinrichtung wurde auf den 19. November 1915 festgesetzt. In einem letzten Brief an den Wobbly-Vorstand Bill Haywood schrieb Joe Hill: "Don't mourn. Organize!" ("Trauert nicht. Organisiert euch!"), ein Satz, der bis in die Gegenwart ein Leitspruch der Wobblies geblieben ist.

Der Beginn einer Legende

Am Morgen des 19. November wird Joe Hill auf den Hof des Sugar House Bundesgefängnisses geführt. Abgemagert, erschöpft und mit verbundenen Augen sitzt er auf einem Stuhl an der Gefängnismauer und lässt sich festbinden. Jemand heftet ein weißes Blatt Papier an seine Brust. Hill zappelt und versucht, sich von der Binde zu befreien, um dem Exekutionskommando in die Augen zu sehen.

"Achtung!", bellt ein Befehl über den Gefängnishof.

"Anlegen!" Die Soldaten legen ihre Gewehre an und zielen.

Und noch bevor sich das Kommando vernehmen lässt, schreit eine Stimme "Feuer!" in den Morgenhimmel. Joe Hill, der die Tuberkulose, die Schlacht um Mexicali und Schüsse in Bein, Brust und Arm überlebt hat, erbebt im Kugelhagel, dann hängt er leblos in seinen Fesseln. Das Kommando aber hat er selbst gegeben.

An seinem Begräbnis nehmen mehr als 30.000 Menschen teil. Seine Asche wird auf 600 kleine Briefumschläge verteilt und an Wobbly-Verbände auf der ganzen Welt verschickt. Am 1. Mai 1916, dem internationalen Tag der Arbeit, verstreuen seine Anhänger die Überreste ihres prominentesten Mitglieds in alle Winde. Es ist das Ende eines kämpferischen Lebens, zugleich aber der Beginn einer Legende: der Legende von Joe Hill.

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1. Erinnert
Wolf-Dieter Pfützenreuter, 04.09.2015
mich an Sacco und Vanzetti, deren Urteil mindestens sehr fragwürdig war.
2. Stolz auf den Spiegel
Thomas Lagershausen, 04.09.2015
So einen Artikel habe ich ja noch nie in der selbsternannten "freien" Presse gelesen. Mein Leben lang habe ich noch nie einen wohlwollenden Artikel über einen Menschen gelesen der sich für Rechte von Arbeitern einsetzt. Ich habe daraus meine Schlüsse über die Presse in einer Marktwirtschaft gezogen. Dieser atemberaubend schöne Artikel ist die legendäre Schwalbe die noch keinen Sommer macht. Trotzdem vielen Dank an den Autor für dieses Lehrstück an Aufklärung.
3. Auch heute gibt es solche Helden
Wolfgang Lang, 04.09.2015
in armen Ländern, aber wer schreibt im Postkapitalismus noch darüber?
4. an #2
Hans frans, 04.09.2015
Solche Artikel gibt es doch regelmäßig, vielleicht lesen sie auch nur an den falschen Stellen. Ihr Lob käme auch noch besser, wenn Sie auf das alberne Wort "Stolz" verzichtet hätten. Stolz können Sie nur auf eigene Leistungen sein.
5. Der Begriff Justizirrtum ist irreführend!
Michael Haller, 04.09.2015
Die haben sich ja nicht geirrt, sondern die wollten den ja auf Gedeih-und-Verderb verurteilen und umbringen, von daher kann von einem Irrtum ja keine Rede sein. Das war ja volle Absicht.
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