Tod eines Schlangenforschers "Das ist ein verfluchter Krait!"

Als die Schlange zubiss, kannte Joe Slowinski ihr tödliches Gift. Eine Kette höchst unglücklicher Umstände verhinderte die Rettung des hemdsärmeligen Biologen - es lag auch am 11. September 2001.

Brian Armstrong

Von Susanne Wedlich


Wer als Schlangenforscher Karriere machen möchte, muss Courage beweisen. Wer eine lange Karriere als Schlangenforscher plant, muss zugleich extreme Vorsicht walten lassen. Der amerikanische Herpetologe Joe Slowinski starb während einer Forschungsreise im Norden Burmas am Biss eines Kraits. Ein Moment der Unachtsamkeit löste eine Katastrophe aus, die der Ort, die Zeit, die Weltlage und vor allem Slowinskis Glaube an die eigene Unverwundbarkeit erst ermöglichten.

Für amerikanische GIs hielten die Regenwälder Vietnams viele Schrecken bereit. So erzählten sich die Soldaten auch von einer schwarz-weiß gestreiften Schlange, deren Biss dem Opfer nicht mehr als zwei Schritte vor dem Tod erlaube.

Der Mythos der "two-step snake" mag übertrieben sein, Zurückhaltung ist dennoch unbedingt angeraten. Denn der Krait ist die giftigste Landschlange außerhalb Australiens und kann mit genug Toxin zubeißen, um zwei Dutzend Männer zu töten.

"Das ist ein verfluchter Krait", erkannte Joe Slowinski, 38, im Moment, als die Schlange zubiss. Keiner wusste das besser als er, vor gut 20 Jahren ein aufsteigender Star am Herpetologen-Himmel, Experte für asiatische Giftschlangen mit einem Faible für Kraits.

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Forscher Joe Slowinski: "Ich bin der König der Schlangen"

Wie kam es zu der fatalen Begegnung? Burma war lange vom Rest der Welt abgeschnitten und bot Wissenschaftlern die seltene Chance auf nahezu unerforschtes Neuland. Hier hoffte Slowinski auf den Nachweis, dass Kraits deutlich vielfältiger sind als bislang angenommen.

Im Jahr 2001 wollte er bei einer großen Expedition in Burmas abgelegenen Norden zudem bis zu 150 bislang unbekannte Amphibien- und Reptilienarten identifizieren. Es wäre ein gigantischer Coup gewesen für den unkonventionellen Herpetologen. In der Biografie "The Snake Charmer" von Autor Jamie James bezeichnet ihn ein ehemaliger Kollege und Freund als trinkfesten "Schlangen-Freak" mit extremem Enthusiasmus, allerdings auch mit einer gewissen Nachlässigkeit.

Tiere auf Forscherjagd

Slowinski pflegte sein Image als Naturbursche aus Kansas mit der Bierdose in der Hand, der sich als brillanter Biologe etabliert, obwohl oder gerade weil er sich nicht an die Regeln hält - ob nun im Umgang mit hohen oder mit hochgefährlichen Tieren. Selbst vor wichtigen Geldgebern präsentierte er seine Forschung lieber in Knitter-T-Shirt und Shorts als im Anzug, auch als Kurator an der renommierten California Academy of Sciences in San Francisco.

Weniger Schrulle als gefährlicher Leichtsinn war seine Angewohnheit, auch giftigste Schlangen bevorzugt mit bloßen Händen zu packen. Die meisten Herpetologen minimieren den Direktkontakt, indem sie die Tiere mit Haken oder anderen Greifwerkzeugen fangen und auf Distanz halten. Slowinskis Hemdsärmeligkeiten aber festigten seinen Ruf in der Schlangenforschung, die lange als exklusive Domäne harter Männer galt.

Auch ohne Macho-Gehabe gehören Bisse hier zum Berufsrisiko, enden aber selten tödlich. Robert Mertens etwa, vormaliger Direktor des Frankfurter Senckenberg-Museums, starb 1975 am Biss einer vermeintlich zahmen Kap-Vogelnatter, die er mit der Hand fütterte. In seinem Tagebuch soll er dies als angemessenen Tod für einen Herpetologen bezeichnet haben. In der Schlangenforschung wurde sein Ende ebenso zur Legende (siehe Fotostrecke) wie Slowinskis tödliche Expedition.

Im Herbst 2001 trafen sich 16 Wissenschaftler unter Slowinskis Leitung in Burma, um Reptilien und Amphibien zu untersuchen, ebenso Insekten, Fische, Vögel, Säuger und Pflanzen. Von Anfang an stand die Expedition unter einem schlechten Stern. So hatte sich die burmesische Verwaltung nicht an Absprachen gehalten; es fehlten unter anderem medizinisches Equipment und ein Arzt als Begleiter der Forschungsreise.

"Ich bin der König der Schlangen!"

Trotz aller Bedenken ließ Slowinski die Gruppe mit ihren rund 130 einheimischen Trägern wie geplant aufbrechen - in ungeplant miserable Zustände. Der Monsun verwandelte die Wege in Schlammbahnen. Malaria-Moskitos, Sandfliegen sowie aggressive Bienen und Wespen setzten den Forschern zu. Dazu krochen Horden von Blutegeln über den Boden und lauerten im Gebüsch, auf der Suche nach einer Blutmahlzeit.

Einzig die Schlangen ließen sich kaum blicken. Die Enttäuschung der Forscher, ihr Erfolgsdruck und die tiefe Erschöpfung ließen schnell Konflikte aufbrechen. Slowinski aber trieb das Team in der Hoffnung auf bessere Jagdgründe immer weiter voran, bis die Expedition wegen Überflutungen im Dörfchen Rat Baw strandete. In einer der langen Nächte mit zu viel Rum brüllte er seinen Frust in die Dunkelheit: "Ich bin der König der Schlangen!"

Womöglich ein wenig verkatert machte er sich am nächsten Morgen daran, eine am Vortag gefangene Schlange zu untersuchen. Das schwarz-weiß gestreifte Jungtier war ein Krait - oder etwa nicht? Die harmlose Art Dinodon septentrionalis imitiert die Warntracht des vielgebänderten Kraits so perfekt, dass manchmal selbst Experten genau hinsehen müssen. Ein Mitarbeiter reichte Slowinski den Sack mit dem Reptil mit den Worten: "Ich glaube, es ist ein Dinodon."

"Ihr werdet für mich atmen müssen"

Eine Grund- und Überlebensregel der Herpetologie - wie auch des gesunden Menschenverstandes - besagt, potenziell giftige Schlangen nicht unbesehen zu packen. Dennoch steckte Joe Slowinski im morgendlichen Dämmerlicht seine rechte Hand einfach in den Sack. Und zog sie sofort wieder zurück. Eine dünne Schlange hatte ihre Zähne tief in seinem Fleisch vergraben. Er wusste sofort, womit er es zu tun hatte: "That's a fucking krait."

Giftschlangen können zur Warnung auch ohne Toxin zubeißen, und die Spuren des Bisses waren mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Sollte Slowinski also Glück gehabt haben? Die Hoffnung schwand, als nach einer Stunde seine Hände zu kribbeln und zu zucken begannen. Mit ruhiger Stimme erklärte er den Kollegen, wie das Neurotoxin nach und nach sein Nervensystem und damit die Muskeln lahmlegen würde, angefangen von den Augenlidern bis zu den Stimmbändern und Extremitäten.

Im Endstadium ist auch der Atemapparat stillgelegt, das Opfer erstickt in kurzer Zeit. "Ihr werdet für mich atmen müssen", sagte Slowinski. Erst nach 48 Stunden hätte das Gift seinen Körper wieder verlassen.

Der Stress dieser schlecht organisierten Expedition mag den impulsiven Forscher zu einem katastrophalen Moment der Unachtsamkeit verleitet haben. Nach dem Biss aber verhinderte eine Verkettung außergewöhnlich unglücklicher Umstände jeden Rettungsversuch.

11. September: Keiner ging ans Telefon

Wie sollte Slowinski beatmet werden? Ein passendes Atemgerät hatte das mangelhaft ausgerüstete Team nicht dabei; zu einer Klinik konnte der Patient nicht transportiert werden. Drei Männer liefen deshalb zu Fuß zu einer mehrere Stunden entfernten Militärbasis, um einen Helikopter anzufordern. Sie informierten auch die amerikanische Botschaft, die ein medizinisch ausgestattetes Flugzeug kommen lassen wollte, um Slowinski vom Helikopter zu übernehmen und zu versorgen.

Der Hubschrauber durfte wegen der schlechten Sicht im engen Tal von Rat Baw aber gar nicht erst starten, derweil wartete die fliegende Notfallklinik auf eine Anzahlung von Slowinskis Institut in Kalifornien. In San Francisco ging aber keiner ans Telefon. Denn an diesem 11. September 2001 blickte die ganze Welt auf die rauchenden Trümmer des World Trade Centers in New York, alle öffentlichen Einrichtungen waren aus Angst vor weiteren Terrorattacken geschlossen.

Unterdessen wurde Joe Slowinski mehr als 20 Stunden durch Mund-zu-Mund-Beatmung am Leben gehalten. "Ich will sterben", schrieb er einmal auf einen Zettel und kommunizierte sonst per Zeh. Einmal wackeln hieß Ja. Zweimal wackeln hieß Nein. Vielmals wackeln hieß, dass er bitte nur von Frauen beatmet werden wolle.

Einen Tag nach dem Biss starb Slowinski. Minuten später traf eine Nachricht im Camp ein: Der Helikopter war nun unterwegs.

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Rolf Elmar Hofmeister, 03.05.2017
1. Völlig unprofessionell
Und auch völlig verantwortungslos. Von der mangelhaften Planung und medizinischen Ausstattung der Expedition gar nicht erst zu reden. Mit professioneller Beatmung wäre der Mann leicht zu retten gewesen. Gerade und besonders in Asien trifft man auf höchst giftige Schlangen, die meist, aber nicht immer zu den Giftnattern (Elapidae) gehören. Die giftigsten davon kommen in Australien und Neuginea vor. Aber natürlich gibt es (außerhalb Ozeaniens !) in Asien auch Vipern (Viperidae) mit den Unterfamilien Grubenottern (Crotalinae) und echten Vipern (Viperinae). Gerade letztere Unterfamilie verursacht mit den Sandrasselottern (Gattung Echis) und Russels Viper (Daboia russellii) die häufigsten Todesfälle. Sich diesen Schlangen ohne geeignetes Equipment (Schlangenhaken, mechanische Greifer, beides an langen (!) Stangen) zu nähern, ist in höchstem Masse fahrlässig. Die Frage nach der giftigsten Landschlange außerhalb Australiens ist hingegen nicht so einfach zu beantworten. Auch die chinesische Nasenotter (Deinagkistrodon acutus), eine Grubenotter, tötet sehr schnell. Und das gilt auch für die Insellanzemotter (Bothrops insularis) auf der nur 43 Hektar großen Insel Queimada grande im Atlantik vor Brasilien. Auch auf Neuginea gibt es hochgiftige Elapiden, z.B. den Taipan (Oxyuranus scutellatus, nach dem Inlandtaipan die zweitgiftigste Landschlange)) oder die "Ikaheka" (Micropechis ikaheka), letztere mit einem muskelzersetzenden Toxin. Und seit kurzer Zeit ist bekannt, dass die in Ostasien beheimatete blaue Bauchdrüsenotter (Calliophis bivirgata) ein Neurotoxin produziert, das jenem der Kegelschnecken in der Lethalität um nichts nachsteht. Die Giftdrüsen dieser Schlange sind riesig und ziehen sich durch den halben Körper. Aber auch sog. Trugnattern mit opistoglypher Bezahnung können tödlich sein. Das gilt für die afrikanische Boomslang (Dispholidus typus), für die im Beitrag genannte Vogelnatter (Thelotornis capensis), aber auch für die Ostasiatische Tigernatter (Rhabdophis tigrinus, in Japan "Yamakagashi" genannt), die in Gefangenschaft aber ungiftig ist, da sie ihr Gift aus Giftfröschen bezieht, von denen sie sich in der Natur ernährt.
Stefan Hemmer, 03.05.2017
2. Ungeplant miserable Zustände ...
... wie Monsun, schlammige Wege, Malaria-Moskitos, Sandfliegen, aggressive Bienen und Wespen, Blutegel - im südasiatischen Dschungel. Echt jetzt?
Gerd Blessing, 03.05.2017
3. Ein Giftschlangenexperte, der...
...ohne Ansehen der Schlange blind und schutzlos in einen Sack mit derselben greift? Das ist ein Widerspruch in sich. Da hat die Evolution mal wieder erbarmungslos zugeschlagen. Survival oft he mentally Fittest.
Gerd Blessing, 03.05.2017
4. Ein Giftschlangenexperte, der...
...ohne Ansehen der Schlange blind und schutzlos in einen Sack mit derselben greift? Das ist ein Widerspruch in sich. Da hat die Evolution mal wieder erbarmungslos zugeschlagen. Survival oft he mentally Fittest.
Thomas Schmidt, 03.05.2017
5. Der Artikel
ist genauso schlecht wie damals in der GEO - so etwa Anfang 2005. Oder ist es sogar derselbe?
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