Flüchtlingsschicksal Geburtshelfer der demokratischen Presse

Aus Wien floh John Boxer vor den Nazis nach New York. Als US-Offizier trug er nach Kriegsende entscheidend zum Aufbau einer freien Presse in Westdeutschland bei. Josef Königsberg erinnert sich an seinen Freund, der Theodor Heuss zum ersten deutschen Zeitungsherausgeber nach 1945 machte.


Bei einer Wanderung im schweizerischen Engadin traf ich Anfang der achtziger Jahre einen außergewöhnlichen Mann. Für diese zufällige Begegnung bin ich auch drei Jahrzehnte später noch dankbar, denn John Hans Boxer wurde zu einem meiner engsten Freunde. Wir verstanden uns auf Anhieb und spürten gleich die Seelenverwandtschaft – vielleicht verband uns das ähnliche Schicksal, das wir in Jugendtagen ertragen mussten. Beide sind wir jüdischer Herkunft und waren den Schikanen und Verfolgungen der Nazis ausgeliefert.

John war jahrelang ein gern gesehener Gast meiner Familie, die Gespräche mit ihm werden uns immer in Erinnerung bleiben. Er imponierte uns mit seinem unbeschreiblich großen Wissen und seinem scharfen analytischen Verstand. Wir erfreuten uns an seinem Humor, den witzigen Bemerkungen und seinen mit Temperament vorgetragenen Erzählungen. Als Kritiker meiner literarischen Werke gab er immer eine kompetente und vor allem auch ehrliche Meinung ab.

Als Spross einer liberalen jüdisch-christlichen Familie wurde John 1916 in Wien geboren. Sein Vater leitete die größte Wiener Frauenklinik, und so wuchs John mit den Privilegien des Großbürgertums auf. Kunst und Kultur wurden ihm von Kindesbeinen an vermittelt, er besuchte die besten Schulen, dank eines britischen Kindermädchens wurde er zweisprachig erzogen.

Im Laufe seiner Jugend lernte er weitere Fremdsprachen, von denen er sechs nahezu perfekt beherrschte. Er liebte das Theater über alles und wollte Bühnenarchitekt zu werden. Nach seiner Matura begann er ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Wien, musste jedoch nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich nach London fliehen. Dort erhielt er mit Hilfe des Flüchtlingskomitees ein Stipendium zur Weiterführung seines Architekturstudiums.

Riskante Flucht über London nach Nordamerika

Sein Vater wurde kurze Zeit später in seiner Praxis von SS-Polizisten verhaftet. Johns mutiger Mutter gelang es, durch Kontakte zu einer Wagner-Sängerin, die wiederum enge Beziehungen zu Nazi-Größen hatte, den Vater elf Monate später frei zu bekommen. Die Familie wanderte daraufhin in die USA aus. John blieb zunächst in London, doch die Bombenangriffe der Deutschen auf die englische Hauptstadt machten ein Weiterstudium kaum mehr möglich. Unter abenteuerlichen und lebensgefährlichen Umständen gelang es ihm, per Schiff nach Montreal und von dort aus nach New York zu gelangen, wo seine Eltern und der Bruder in bereits erwarteten.

Das Überleben in der Metropole war schwierig. John lebte mit seiner Familie, die sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, in einer Zweizimmerwohnung. Im Dezember 1943 wurde er in die amerikanische Armee eingezogen. Aufgrund seiner Ausbildung als Architekt wurde er der Ingenieur-Abteilung der U.S.-Army zugeteilt. Die harte Grundausbildung fand in einem primitiven Ausbildungslager im winterlich verschneiten Gebirge der Cascade Mountains in Oregon statt. Nach seiner Einbürgerung wurde John an die Ingenieur-Offiziersschule in Virginia versetzt. Oftmals geriet er dort in Konflikt mit dem rassistischen Denken seiner Vorgesetzten, die ihm rieten, den Umgang mit Schwarzen zu meiden, sollte er in der Armee verbleiben wollen.

Kurz nach dem Ende seiner Offiziersausbildung wurde er mit seiner ersten großen Aufgabe betraut. Er sollte von deutschen Kriegsgefangenen Informationen über in Deutschland noch vorhandene soziale Einrichtungen zwecks Wiederaufbaumöglichkeiten nach Kriegsende in Erfahrung bringen. Es gab nur wenige, die dem freundlichen und mitfühlenden Amerikaner die Auskunft verweigerten.

Ehemalige Nazi-Verfolgte sollten neue Zeitungen leiten

Im Januar 1945 wurde John nach Europa beordert. Seine erste Station war Paris, danach ging es über Luxemburg nach Frankfurt. In der fast völlig zerstörten Stadt wurde an einigen Fronten noch hart gekämpft. Von Frankfurt aus kam John nach Wiesbaden, wo er erfuhr, welche Pläne die amerikanische Regierung nach dem Krieg für Deutschland vorsah.

Mit Hilfe eines neuen Nachrichtenwesens sollte ein demokratisches, freies Deutschland aufgebaut werden. Johns Aufgabe war es, Menschen mit Erfahrung im Pressewesen zu suchen, die während des Naziregimes Arbeitsverbot hatten oder aufgrund von politischen oder rassistischen Gründen verfolgt wurden und somit nichts mit den nationalsozialistischen Umtrieben zu tun hatten.

Als erstes fand er nach Hinweisen des Geheimdienstes in Kassel eine Rotations-Druckmaschine, die noch funktionsfähig war. Auf dieser Maschine wurde die erste deutsch-amerikanische Zeitung gedruckt wurde - die "Neue Zeitung". Chefredakteur war der Schriftsteller Hans Habe.

Nach dieser Mission sollte John für die amerikanische Zone in Deutschland die Übernahme der Medienkontrolle durch die amerikanische Nachrichtenbehörde vorbereiten. Auf der Suche nach geeigneten Leuten, die gemäß den Richtlinien der amerikanischen Besatzer neue Zeitungen gründen konnten, fand John den Kontakt zu Josef Eberle. Der kritisch-liberale Journalist war wegen seiner politischen Einstellung und seiner Ehe mit einer Jüdin im KZ Dachau interniert. Gemeinsam mit zwei weiteren Anti-Nazis erhielt Eberle die Lizenz für die Gründung der "Stuttgarter Zeitung".

Künftige F.A.Z.-Chefs im Schwarzwald aufgespürt

Johns unglaublicher Spürsinn führte ihn zu einer Gruppe früherer Mitarbeiter der von Hitler requirierten und in "Völkischer Beobachter" umbenannten "Frankfurter Zeitung", die sich vor den Nazi-Verfolgern an einem geheimen Ort im Schwarzwald versteckt gehalten hatten. Unter ihnen war Benno Reifenberg, der von 1925 bis 1930 das Feuilleton der "Frankfurter Zeitung" geführt hatte. Er sagte nur allzu gern zu, mit zwei weiteren Lizenznehmern seine alte Zeitung unter dem Namen "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("F.A.Z.") wieder erscheinen zu lassen.

Um weitere vertrauenswürdige Personen zu finden, machte John sich auf den Weg nach Heidelberg. Dort traf er Theodor Heuss, ehemaliger Redakteur und Abgeordneter des Deutschen Reichstags von 1930 bis 1933, der als Autor von der Bücherverbrennung 1933 betroffen war. Ihn wollte er als Lizenzträger für eine Zeitung in Heidelberg gewinnen. John wusste Heuss nach anfänglichem Misstrauen von seiner lauteren Absicht zu überzeugen. Zur Feier des Tages wurde eine Flasche Wein aus dem Keller geholt, die Heuss und seine Frau Elli für den Tag bestimmt hatten, an dem der Alptraum des Dritten Reiches beendet sein würde. Zu Dritt stießen sie auf den Neuanfang an.

Theodor Heuss wurde der erste Zeitungsherausgeber nach 1945. Das Ehepaar Heuss hielt die Jahre darauf einen engen Kontakt zu John, der auch zur feierlichen Ernennung von Theodor Heuss zum ersten Regierungspräsidenten der deutschen Bundesregierung eingeladen war.

Bestechungsversuche zwecklos

John reiste durch das gesamte vom Krieg stark zerstörte Westdeutschland. In Bremen traf er auf der Suche nach geeigneten Lizenzträgern auf die Besitzer und Verleger einer Zeitung, die vor der Machtergreifung Hitlers gegründet wurde und dann mit den Nazis kooperierte. Man versuchte John davon zu überzeugen, dass der damalige Besitzer auch weiterhin die Zeitung verlegen sollte. Das musste John jedoch ablehnen, da ein ehemaliger Nazi-Kollaborateur keine neue demokratische Zeitung leiten könne. Die Verlege wollten John dann bestechen, indem sie ihm 49 Prozent der Aktien anboten. Damit er keine Schwierigkeiten mit der amerikanischen Behörde bekäme, könnten diese auch auf den Namen eines Angehörigen eingetragen werden. John war jedoch ein integrer Mann, der seine Überzeugung niemals für Geld verraten hätte.

Neben einem hohen Maß an Kreativität besaß er ein äußerst gutes Gespür für Menschen und ein besonderes kommunikatives Talent. Sein scharfer Verstand und sein Durchsetzungsvermögen ließen ihn die gewünschten Ziele erreichen. So gelang ihm im Laufe der Zeit die Lizenzierung einer großen Anzahl von Zeitungen und Verlagen in ganz Westdeutschland. Er war maßgeblich am Aufbau einer freien und demokratischen Presse in Deutschland beteiligt.

Später wurde ihm vom US-State Department die Leitung eines amerikanischen Projektes zum Wiederaufbau Deutschlands übertragen – dem McCloy Fund. Auch hier brachte er sich mit seiner ganzen Person ein. Neue Berufsschulen wurden gegründet, ebenso mehrere Mütterheime, deren Sponsorin Elli Heuss war. Spitäler wurden gebaut und bedeutende Bauwerke restauriert.

Nach einem einjährigen Aufenthalt in den USA entschied sich John, gemeinsam mit seinem Bruder nach Europa zurückzukehren. In Zürich gründeten sie die Firma Boxerbooks, die eine Gruppe englischsprachiger Verlage vertrat. Seine Geschäftsreisen führten ihn rund um den Globus, und er lernte viele interessante Persönlichkeiten kennen.

Nach einem erfüllten Leben starb John Hans Boxer im Mai 2009 im Alter von 92 Jahren. Kurz zuvor erhielt ich einen Brief von ihm – wie immer schwungvoll mit Füllfederhalter in türkisfarbener Tinte geschrieben. Es war sein Abschiedsbrief.



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