Tennis-Flegel John McEnroe King of Queens

Er war einer der größten Tennisspieler und ein noch größerer Rüpel, immer gut für einen Instant-Wutanfall. Jetzt wird John McEnroe 60. Sein Mundwerk ist so legendär wie seine epischen Duelle mit Björn Borg.

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Nach 21 Minuten und 47 Sekunden schlägt Björn Borg am 5. Juli 1980 einen Volley ins Netz. Der denkwürdigste Tiebreak in der Geschichte von Wimbledon ist zugunsten seines Finalgegners beendet.

John McEnroe befindet sich bereits in einer anderen Sphäre. Soeben hat er zum Ende des vierten Satzes sieben Matchbälle gegen den besten Rasenspieler aller Zeiten abgewehrt und den Tiebreak mit 18:16 für sich entschieden. Bei diesen Ballwechseln für die Ewigkeit ließ das Publikum jede britische Zurückhaltung fahren und tobt jetzt wie in einem Rockkonzert statt im ehrwürdigen All England Lawn Tennis and Croquet Club.

"Als der letzte Punkt gespielt war", erzählte John McEnroe, "hatte ich eine Art außerkörperliches Erlebnis. So ein intensives Gefühl hatte ich nachher nie wieder. Das war der größte Moment meines Lebens." Den Satz hat er gewonnen. Aber noch nicht das Match - der Kampf zog sich über fast vier Stunden und gilt heute als eines der größten Tennisspiele aller Zeiten.

Zu dieser Zeit ist McEnroe 21 Jahre alt. Geboren in Wiesbaden, wo McEnroe Senior als Air-Force-Soldat stationiert war, wächst der älteste von drei Söhnen im New Yorker Stadtteil Queens auf. Der Vater ist Anwalt, die Kindheit behütet, John entwickelt früh ein besonderes Ballgefühl. Als der Eineinhalbjährige im Central Park mit dem Tennisschläger auf einen Plastikball eindrischt, fragt eine Passantin den Vater: "Ist das ein kleiner Junge oder ein Liliputaner?"

Der kleine Junge macht sich später auch als Quarterback beim Football und als Fußball-Mittelstürmer einen Namen, Tennis aber liegt ihm noch mehr. 1971 sieht er als Balljunge bei den US Open den nur drei Jahre älteren Björn Borg. Das Wunderkind führt mit 15 die Junioren-Weltrangliste an.

Vulkan gegen Eisberg

Was McEnroe am meisten beeindruckt: Mit seinen langen Haaren, hautengen Fila-Klamotten und dem markanten Stirnband begeistert Borg die Kerle und lässt die Mädchen schmachten. Daheim in Queens hängt sich John-Boy ein Poster des Schweden ins Zimmer.

Sieben Jahre später messen die beiden sich im Halbfinale der Stockholm Open erstmals. Borg, längst ein Superstar, hat dreimal in Folge Wimbledon gewonnen, zweimal die French Open, trägt noch immer die coolsten Klamotten. "Ice-Borg" ist sein Spitzname, weil er Spiele und Turniere mit beinah unheimlicher Selbstbeherrschung dominiert.

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John McEnroe: "Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!"

Lockenkopf McEnroe wirkt wie das komplette Gegenteil: ein brodelnder Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann - wegen Entscheidungen der Schieds- und Linienrichter genauso wie wegen hustender Zuschauer oder offenbar unerträglich lauter Regieanweisungen in Kopfhörern von Kameraleuten.

In Wimbledon ist der fluchende Wüterich besonders negativ aufgefallen. In diesem Epizentrum der Tennis-Spießbürgerlichkeit zählt Etikette mehr als ein sauberer zweiter Aufschlag. Sportreporter Ian Wooldrigde bescheinigt ihm den "Charme eines HJ-Führers". Und weil McEnroe bei einem Turnier eine unters Stadiondach geflatterte Taube sehr erzürnt, verpasst ihm der "Daily Express" den Spitznamen "SuperBrat" - Super-Göre. So ist er mit nicht mal 20 Jahren also schon als Bad Boy der Szene verschrien.

"Ihr zwei seht aus wie Pickel an einem Baum!"

Und dieser böse Bube besiegt vor den Augen der schwedischen Königsfamilie den blonden Superhelden Borg, sein Idol, glatt in zwei Sätzen und gewinnt am Ende gar das Turnier. In Stockholm verliert Borg zum ersten Mal gegen einen jüngeren Spieler. Für John McEnroe ein Aha-Erlebnis: "Ich wusste, wenn ich Borg schlagen konnte, dann konnte ich auch alle anderen schlagen." 1979 gewinnt er die US Open gegen seinen Kumpel Vitas Gerulaitis und ist damit jüngster Sieger der Turniergeschichte.

Einen so talentierten Spieler hat diese Sportart selten gesehen. Noch werden die Tennisbälle per Holzschläger bearbeitet, das Spiel ist langsamer als heute, aber gefühlvoller und raffinierter. McEnroes Ballgefühl und seine sensationellen Reaktionen machen ihn zum unberechenbaren Gegner.

Arthur Ashe, Wimbledon-Sieger von 1975, sagt: "Bei Borg hatte man immer das Gefühl, er bearbeitet einen mit dem Vorschlaghammer, während McEnroe mit einem Stilett vorgeht. Er versetzt einem kleine Stiche, mal hier, mal dort, bald fließt überall Blut, auch wenn die Wunden nicht tief sind. Und es dauert nicht lange, dann ist man verblutet."

So elegant seine Schläge, so radikal ungehobelt ist sein Verhalten. Im schicken Bostoner Longwood Club bespuckt er eine Zuschauerin, die nach einem Doppelfehler laut geklatscht hat. Bei seinen ersten Wimbledon-Auftritten dimmt die BBC ihre Platzmikrofone - trotzdem hören die Zuschauer Dinge, die man hier noch nie vernommen hat ("Ihr zwei seht aus wie Pickel an einem Baum!").

"Titanischer Kampf gegen quälende Selbstzweifel"

Doch auf jeden empörten Buh-Rufer kommen mindestens zwei neue Fans. Den Boom der frühen Achtziger verdankt das Tennis auch den Zickereien der Super-Göre aus Queens. Zu einem "Daily Telegraph"-Leitartikel über McEnroes Auftritte schreibt ein Leser: "Ich finde alle seine Spiele im Fernsehen sehr unterhaltsam, und das ist mehr, als ich von seinen Vorgängern sagen konnte, bei denen ich vor der Kiste immer eingeschlafen bin."

McEnroe sagt dazu: "Mein Verhalten auf dem Platz hatte mehr mit der Art und Weise zu tun, wie es im Leben der Leute zugeht. Es ist ein extrem frustrierendes Spiel. Wir alle erleben jeden Tag Situationen, in denen man losbrüllen möchte." Und 1985 in einem SPIEGEL-Interview: "Ich will immer das perfekte Match spielen, aber weil das nicht geht, bin ich wütend auf mich selbst."

Sein Biograf sieht "eine Perfektionssucht, die normale Menschen nicht begreifen". Und niemand hat die legendären McEnroeschen Ausraster literarischer analysiert als der preisgekrönte Guardian-Journalist Tim Adams in seiner großartigen Tennisstudie "Being John McEnroe": "Jeder Ball, selbst seine gefühlvoll gespielten Volleys, war gewissermaßen das Ergebnis eines titanischen inneren Kampfes gegen quälende Selbstzweifel."

Das Wimbledon-Finale 1980 ist ein Stück Sportgeschichte. Nach Satz vier sind die Zuschauer fix und fertig von diesem unglaublichen Tiebreak. "Ich habe ja schon eine Menge gesehen", raunt BBC-Kommentator John Barrett, "aber so etwas noch nie." Tim Adams schreibt: "Und nun folgt der Moment, der zu den denkwürdigsten in der Sportgeschichte überhaupt zählen muss."

Ganz großes Tennis

Im Entscheidungssatz schreitet Björn Borg scheinbar völlig gelassen an die Grundlinie; gar nichts deutet darauf hin, dass er soeben teils dramatisch sieben Matchbälle vergeben hat. Und der schwedische Eisberg gewinnt diesen fünften Satz mit 8:6, seine letzten fünf Aufschlagspiele gar zu Null. Es ist sein fünfter Wimbledon-Sieg in Folge - nach ihm wird das nur Roger Federer (2003 bis 2007) gelingen.

John McEnroe wird danach einer der erfolgreichsten Spieler der Achtzigerjahre. Er sammelt 77 Titel im Einzel, 78 Turniersiege im Doppel. Gerade sein rabiater Charme und die so schonungslos offen ausgetragenen Kämpfe mit den eigenen Zweifeln und Ängsten machen ihn zur Tennis-Ikone.

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Tim Adams:
Being John McEnroe

Matthias Fienbork

Berlin Verlag; 144 Seiten.

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1992 beendet er seine Profikarriere als Nummer 20 der Welt und spielt 1994 als Wildcard-Teilnehmer nochmals bei den Rotterdam Open, fliegt aber in der ersten Runde raus. Ein erstaunliches Comeback gelingt ihm fünf Jahre später, als er mit Steffi Graf das Mixed-Halbfinale in Wimbledon erreicht, aber nicht antreten kann, weil Graf sich lieber auf ihr Einzelfinale vorbereitet.

Und heute? Ist McEnroe kein Rentner: Immer noch spielt er auf der Seniors Tour, hat einen Namen als Tennis-Kommentator, war Daviscup-Kapitän der USA und hat sich - mit bescheidenem Erfolg - als Musiker versucht. Am Samstag wird John Patrick McEnroe Jr. 60 Jahre alt. "Zu meinem großen Leidwesen", schreibt er in seiner Biografie "Serious", habe ich der Welt nie zeigen können, wie viel Freude mir das Tennisspielen bereitet hat."


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Breston Legret, 16.02.2019
1. Genial
Der genialste Tennisspieler aller Zeiten. Leider habe ich ihn nie live erleben dürfen. Happy Birthday, Big Mac!
Matthias Pohl, 16.02.2019
2. Held meiner Jugend
Es stimmt, sein Ballgefühl war einzigartig und zum Teil auch völlig unorthodox. Aber mit seinen physischen Voraussetzungen würde er heute wohl kein Challengerturnier mehr gewinnen. Wenn man Typen wie Nadal gegen ihn sieht oder Schränke wie Raonic wirkt er wie ein Kind.
Jo Bayer, 18.02.2019
3. King of Queens
Beitrag Tiebreak? Doku-Redaktion, wofür werdet ihr eigentlich bezahlt?
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