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John-Sinclair-Erfinder Rellergerd "So platt wie in der Bibel steht das auch bei mir"

Autor Helmut Rellergerd: "Vielleicht liegt da ein Vampir drin" Fotos
imago

Unter dem Pseudonym Jason Dark schrieb er mehr als 2000 Geschichten rund um den Geisterjäger John Sinclair. Nun wird Helmut Rellergerd 70. Hier spricht er über das Schreiben am Fließband, die Geburt seines Helden und ihre gemeinsame Liebe zur Currywurst. Ein Interview von

Guten Tag, Herr Rellergerd. Wir haben 14 Uhr. Was haben Sie bis jetzt gemacht?

Aufgestanden, Radio an. Und nach dem Frühstück habe ich mich an die Schreibmaschine gesetzt. Eine alte Olympia Monica. So ein Kunststoffding. Computer habe ich mal versucht. Ging aber nicht. Ich brauch die Maschine.

Woran arbeiten Sie gerade?

An einem neuen John-Sinclair-Heft. "Miss Magic", Heft Nummer 1917. Es geht um eine Druidin, deren Körper voller wundersamer Zeichen ist. Ich bin auf die Idee gekommen, als ich die Oper "Norma" von Vincenzo Bellini gehört habe. Die Callas hat die gesungen. Norma ist ja auch eine Druidin. Dazu musste ich einen Roman schreiben.

1917 Hefte, 312 Taschenbücher. Können Sie sich nach all dem eigentlich noch an Ihre allererste Geschichte erinnern?

Die habe ich bei der Bundeswehr geschrieben. Das war 1966, da war ich 21. Andere haben gesoffen abends. Ich habe diesen Roman geschrieben: "Ein Satan lässt Chicago zittern".

Worum ging es darin?

Das weiß ich gar nicht mehr. Der ist nie gedruckt worden. Der Bastei-Verlag hat ihn mir wieder zurückgeschickt. Den nächsten haben sie aber genommen. Da dachte ich, ich sei ein Star.

Waren Sie nicht?

Von wegen. Erst mal wurde wieder alles abgelehnt. Sechs Jahre vergingen. 1972 hab ich zu meiner Frau gesagt: "Ich fang jetzt mal wieder an zu schreiben." Einen Krimi für die Serie Cliff Corner. Den wollte der Lektor. Und ich hab ihm die anderen drei, die zuvor abgelehnt worden waren, gleich mitverkauft. Da konnten wir uns auch mal eine Waschmaschine leisten. Noch im gleichen Jahr fing ich bei dem Verlag als Redakteur an. Da lebte der alte Luebbe noch, und es hieß: "Wir brauchen Gruselromane." Also schrieb ich ein Heft und setzte es auf wie Jerry Cotton. Ohne Verbrecher, dafür mit Werwölfen und Zombies. Damals lief die Serie "Die Zwei" mit Roger Moore als Brett Sinclair. Darum nannte ich meinen Scotland-Yard-Ermittler John Sinclair.

Die Geburt einer Legende!

Na ja, den ersten Roman haben sie mir um die Ohren gehauen. Am liebsten hätten sie den in den Papierkorb geworfen. So was Unseriöses. Zombies aus dem Grab. Aber sie hatten keinen anderen Autor. Also wurde er gedruckt. Und verkaufte sich irre. Ich habe dann jeden Monat einen Roman geschrieben. Und die liefen alle besser als die anderen Romane, die zwischendurch erschienen. Und 1978 bekam John Sinclair seine eigene Serie.

Sie schreiben von Beginn an unter dem Pseudonym Jason Dark. Wie ist es dazu gekommen?

In den Siebzigern brauchte man ein englisches Pseudonym als Gruselautor. Jason habe ich auch aus einer Fernsehserie - "Jason King". Den konnte meine Frau nicht leiden. Ich wollte sie ein bisschen ärgern, also habe ich mich nach ihm benannt. Für meine Enkelkinder bin ich heute der Opa Jason.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag seit 1978 verändert?

Eigentlich überhaupt nicht. Ab halb acht oder acht Uhr sitze ich jeden Tag bis mittags an der Maschine und hacke. Früher ging es nach dem Essen weiter. Das mache ich heute nicht mehr. Seit einem halben Jahr habe ich ein paar Co-Autoren. Meine Frau hat gesagt: "Vier Hefte im Monat sind zu viel." Heute schreibe ich nur noch zwei oder drei. Das hat die Leser natürlich sehr geärgert. Aber mein Gott, ich kann mich ja auch nicht vervielfältigen. Ich brauche auch mal Zeit für die Familie. Oder für einen Urlaub. Im Herbst möchte ich endlich mal nach England fahren. Da war ich ja bis jetzt noch nie.

Klingt ein bisschen nach Karl May. Sie sind nie dagewesen, erzählen aber einem Millionenpublikum davon? Woher nehmen Sie die Inspirationen zu Ihren Geschichten?

Ich kann einfach aus einer Mücke einen Elefanten machen. Ich geh mit meiner Frau spazieren. Da sehe ich, wie aus einem Haus ein Sarg getragen wird. Zack: "Vielleicht liegt da ein Vampir drin." Oder wir steigen in den Zug und mit uns eine Nonne. Hinter ihr steht ein merkwürdig aussehender Mann, und ich sag zu meiner Frau: "Stell dir mal vor, der rammt ihr jetzt ein Messer in den Rücken."

Wie gehen Sie bei fast 2000 Heften eigentlich sicher, dass Sie so etwas nicht wiederholen?

Es gibt zum Glück Lexika zu John Sinclair. Eins von Ausgabe 1 bis 1000. Dann noch eins von 1000 bis 1500. Da steht alles drin. Da schaue ich auch selbst oft nach. Würde sich was wiederholen, dann gäbe es Prügel. Natürlich ist alles schon mal dagewesen seit den griechischen Tragödien. Einer meiner Kollegen, der am Computer schreibt, kopiert einfach immer bestimmte Situationen in seine Texte rein. Sonnenuntergänge, Mondaufgänge. Ein Tastendruck und die sind wieder im Text. Ich aber schreibe alles immer wieder neu. Selbst wenn ein Vampir aus einem Sarg steigt.

Sie schreiben zwei bis drei Hefte pro Monat. Jeweils 65 Seiten. Wie sieht der Prozess aus?

Es gibt die sogenannte Einplanung. Das heißt, ich muss immer zwölf Hefte im Voraus schreiben. Ich bekomme Titelbilder geschickt, schau mir die an und denke mir einen Titel dazu aus. Den gebe ich durch an den Verlag und schreibe dann einen Roman dazu.

Wenn Sie drauflos schreiben, wissen Sie dann auch, wie es ausgeht?

Nee, deshalb gibt es auch so viele Zwei- und Dreiteiler. Das merke ich dann immer erst beim letzten Satz. Ganz am Anfang steht dafür immer eine alte Regel: Der erste Satz muss sitzen. In dem Buch, an dem ich gerade schreibe, lautet er: "Von einem Augenblick zum anderen war alles anders." Bumms. Ja, was war anders? Da liest man weiter.

Welchen Einfluss hat das Weltgeschehen auf Ihre Romane und auf John Sinclair?

Wenn man Sinclair von Anfang an liest, ist das schon auch Zeitgeschichte. Als sich Reagan und Gorbatschow damals in Island getroffen haben, war John Sinclair auch da. Und die Ghuls. Der Fall der Berliner Mauer, der 11. September, das kam alles in meinen Büchern vor.

Hat das etwas mit Ihrem Erfolg zu tun? Dass Ihre Helden im Jetzt leben?

Bestimmt. Sinclair ist so was von normal. Das sagen besonders die weiblichen Leser. Nachvollziehbar, lässt man mal die Zombies weg. Da hat man dann keinen Superhelden. Sondern jemanden, der auch weinen kann.

Wer liest eigentlich Ihre Bücher?

60 Prozent sind Frauen. Ein Hammer, oder? Das hat einen einfachen Grund: Meine Romane sind nicht so brutal. Vom normalen Handwerker über den Studenten bis hin zum Rechtsanwalt oder Pfarrer, das sind meine Leser. Sogar ein Bischoff hat mich mal angerufen. Es geht ja auch um das alte Thema Gut gegen Böse. Da berufe ich mich ja auf die Genesis, wo es heißt: "Der Erzengel Michael kommt und schickt den Teufel in die Hölle." So platt, wie das in der Bibel steht, steht das auch bei mir.

Was haben Sie eigentlich mit Ihrer Romanfigur gemeinsam?

Ich esse gerne Currywurst. Das macht Sinclair auch, wenn er nach Deutschland kommt. Und wenn ich erkältet bin, dann ist Sinclair auch erkältet. Früher sahen wir uns mal ähnlich. Jetzt bin ich ja ein alter Sack mit fast 70. Sinclair ist ja immer 35 geblieben. Der altert zwischen den Zeilen.

Sie haben sich mittlerweile beim Schreiben etwas eingeschränkt. Hat Sinclair Sie erschöpft?

Ich dachte schon, dass ich irgendwann ausgebrannt wäre. Vor allen Dingen, als ich noch vier Hefte und ein Taschenbuch im Monat geschrieben habe. Das war aber überhaupt nicht so. Mir ist alles so zugeflogen. Dafür kann ich kein Auto reparieren. Ich hab noch nicht mal einen Führerschein. Einen Nagel in die Wand hauen kann ich auch nicht. Das macht dann meine Frau.

Oder ihr Held im Roman.

Ja, der kann das.

Er hat es ja nicht nur ins Hörspiel und aufs Papier, sondern sogar ins Fernsehen geschafft.

Ach, das war aber totaler Schwachsinn. Die haben mir gesagt: "Wir produzieren Trash." Und dann hatten die trotzdem noch so viele Zuschauer bei dem Piloten. Da durfte ich keinen Hauptdarsteller aussuchen. Nix. Da hat der Verlag nur Scheiße gemacht. Hat sich alles aus der Hand nehmen lassen.

Finanziell hat sich das doch bestimmt trotzdem gelohnt. Nach dem Erfolg auf allen Kanälen müssen Sie längst Millionär sein.

Ja, bin ich auch. Lire-Millionär. Nee, als Heftroman-Autor sind Sie am Arsch. Für ein Heft gibt es 1400 Euro. Und da geht noch mal was für den Agenten ab. Reich sind andere geworden.

Trotzdem, dieses Vermächtnis nimmt Ihnen keiner mehr weg. Wissen Sie schon, wie Sie Ihren Helden abtreten lassen wollen?

Der kommt besoffen aus einem Pub, übersieht 'nen offenen Gulli und ist tot.

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
Christian Lieb, 22.01.2015
Ich lese die Hefte nicht, mir haben es die Hörspiele aus irgendeinem Grund angetan. Erfrischendes Interview mit jemandem, der trotz Erfolgs scheinbar normal geblieben ist und sich auch über Trash freuen kann.
2. In der Bibel?
Ulrich Hartmann, 22.01.2015
"Da berufe ich mich ja auf die Genesis, wo es heißt: "Der Erzengel Michael kommt und schickt den Teufel in die Hölle." So platt wie das in der Bibel steht, steht das auch bei mir." Nur: Das steht so gar nicht in der Bibel, schon gar nicht in Genesis. Die Stelle aus Offenbarung 12, die Herr Rellergerd wohl meint, ist alles andere als platt.
3. Ich war ein wenig erschrocken,
Hendrik Wessel, 22.01.2015
als ich darüber nachdachte, wann ich "John Sinclair" zum ersten Mal in der Hand hielt. Das muss so 33 Jahre her sein, und meine Schulkollegen hielten mich für etwas seltsam... Irgendwie erfreulich ist aber, dass ich seitdem dem Gedruckten treu geblieben bin - eine gute Geschichte muss weder einen bekannten Autor hinter sich haben, noch von Kritikern gelobt oder gar empfohlen worden sein. Meistens möchte ich einfach nur unterhalten werden. Bücher sind für mich ein kleiner Schatz. Ich bringe es nicht über's Herz, auch nur ein Buch zu verkaufen oder zu verschenken. Was den Geschmack für Geschichten angeht habe ich mich wahrscheinlich nur wenig weiter entwickelt, aber man kann auch niemandem sein Lieblingessen ausreden. ;) King, Crichton, Follet & Pratchett haben in den letzten Jahren meine Regale gefüllt - den "Herr der Ringe" habe ich mit 12 zum ersten Mal gelesen. Eine Menge Fülltext. Mein Enkel hat mit 13 schon beim aktuellen TV-Programm Schwierigkeiten... Irgendwas läuft hier falsch.
4. ???
Christian Förster, 22.01.2015
.. der guckt sich ein Cover an und schreibt dazu den Roman?
5. John Sinclair.....
Viktor Meyer, 22.01.2015
...neben dem Großimperator Perry Rhodan, ein weiter "Held" meiner Jugend und die Hefte im Dutzend verschlungen. Versuche PR und JS zu verflimen hat es ja gegeben, aber bis heute waren das alles Rohrkrepierer. Wahrscheinlich hat jeder Leser irgendwie eine andere Welt und Persönlichkeit dieser Helden im Kopf und daher funktioniert wohl auch keine Adaption als Film oder Fernsehserie ,obwohl die Geschichten wie gemacht dafür sind.
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