Rockstar Jon Bon Jovi "Verwandt mit Sinatra? Ich lach mich tot"

Er war jung, laut und hatte die Haare schön: In den Achtzigerjahren rockte Jon Bon Jovi die Charts mit Hits wie "Livin' on a Prayer". Hier spricht er über seinen Laufburschenjob, kriminelle Manager und 35 Bühnenjahre.

AFP

Ein Interview von


Zur Person
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    Jon Bon Jovi, geboren am 2. März 1962 als John Francis Bongiovi in Perth Amboy (New Jersey), verkaufte mit seiner Rock-Band Bon Jovi 130 Millionen Alben und spielte vor über 34 Millionen Fans in 50 Ländern. Eine Zeitlang versuchte er sich auch als Schauspieler und engagiert sich mit der "Jon Bon Jovi Soul Foundation" für soziale Zwecke.

einestages: Mit 18 Jahren schnupperten Sie, als Kleinstadtjunge aus New Jersey, erstmals ins Rock-Business. Die Adresse 441, West 53rd Street in Manhattan spielte dabei eine besondere Rolle.

Bon Jovi: In den Power Station Studios machte ich meine ersten Gehversuche in der Musikbranche. Das umgebaute Kraftwerk gehörte Tony Bongiovi, einem Cousin zweiten Grades.

einestages: Hat Ihnen das den Einstieg erleichtert?

Bon Jovi: Ich kannte ihn kaum, aber eines Tages lud mein Vater ihn zum Abendessen ein und wollte von Tony als Musikproduzent wissen, ob ich überhaupt musikalisches Talent besitze. Dad war extrem kritisch, was meine Musikerpläne anging. Ich hatte ihm nach der Highschool klargemacht, dass ich weder aufs College gehen werde noch als Friseur arbeiten wie er. Gerade hatte ich meine Coverband Atlantic City Expressway aufgegeben und war bei The Rest eingestiegen.

einestages: Und wie fiel Tony Bongiovis Urteil aus?

Bon Jovi: Er meinte, die Band sei Schrott, aber ich hätte eine gute Stimme. Drei, vier Monate später fragte ich Tony, ob er nicht einen Job für mich hat. Hatte er: Ich wurde "Gopher" (von: go for) und abends hatte ich Zeit, um mit meiner Band in Bars aufzutreten. In den Power Station Studios war ich für 50 Dollar die Woche Laufbursche, habe Kaffee gekocht, geputzt, aufgeräumt. Und ich sah Cher, Madonna, Aerosmith, die Rolling Stones, Nile Rodgers und Chic, Bryan Adams - alle nahmen dort auf. Ich war auch live dabei, als David Bowie mit Queen den Hit "Under Pressure" einspielte. Hinter einer Glasscheibe beobachtete ich Freddie Mercury und David Bowie beim Singen. Mit den Musikern sprechen durfte ich nicht, nur Kaffee bringen.

einestages: Und trotzdem war es der Grundstein Ihrer Karriere?

Bon Jovi: Tony zahlte wenig, schenkte mir jedoch etwas Zeit im Aufnahmestudio. Die nutzte ich für ein Demo. Er half bei der Produktion meines Songs "Runaway" und organisierte Profimusiker, etwa Bruce Springsteens Keyboarder Roy Bittan, die Band Bon Jovi existierte ja noch nicht. Dafür wollte Tony Prozente an "Runaway". Die Nummer wurde später mein erster Hit, es hat sich für ihn gelohnt.

einestages: Danach starteten Sie mit Bon Jovi durch und feierten vor 30 Jahren Ihren Durchbruch mit dem dritten Album "Slippery When Wet". Es zählt heute zu den 50 meistverkauften Alben in den USA, mit Hits wie "Livin' on a prayer".

Bon Jovi: Anfangs wurden wir von den großen Plattenfirmen abgelehnt, gaben aber nie auf. Es war ein langer Weg, eine Wahnsinnszeit. Die erste Rockshow meines Lebens sah ich mit 15 in den Ferien am Lake Erie in Pennsylvania: ein Open-Air-Konzert mit den Doobie Brothers, Heart und Rush auf dem Footballfeld der Highschool. Ich war schwer beeindruckt. Viele Jahre später, 1987, spielte ich mit Bon Jovi auf der "Slippery When Wet"-Tour auf just diesem Feld… als Headliner!

einestages: Was hat es mit der "Pizza-Jury" auf sich, die oft mit dem Erfolgsalbum in Verbindung gebracht wird?

Bon Jovi: Als wir in einem Studio in New Jersey die Demos zu "Slippery" aufnahmen, hingen Kids in einer Pizzeria im selben Block ab. Wir kamen auf die Idee, ihnen unsere neuen Stücke vorzuspielen und uns so eine Meinung von außen einzuholen - ohne diese Kids wäre mancher Song nicht auf dem Album gelandet. Die Lokalpresse hat ein großes Ding daraus gemacht und schrieb über die "Pizza Pie Jury".

einestages: Werden Sie nostalgisch, wenn Sie auf die Achtzigerjahre zurückblicken?

Bon Jovi: Ich schau mir nie alte Videoclips an. Läuft mal einer im Fernsehen, denke ich mir: Wow, ist das echt schon 30 Jahre her? Irgendwie surreal. Was jetzt zählt, ist das Heute und Morgen. Die frühen Erfolgszeiten von Bon Jovi waren eine wunderbare, wilde, bunte Welt. Aber ich lebe nicht in der Vergangenheit und trauere ihr nicht nach.

einestages: Der kriminellen Energie Ihres Managers Doc McGhee verdanken Sie einen ganz besonderen Auftritt - hinter dem "Eisernen Vorhang".

Bon Jovi: Das "Moscow Music & Peace Festival" im August 1989, zu Zeiten von Glasnost und Perestroika, war wirklich ein besonderes Erlebnis. Lange war Russland No-Go-Area, der kalte Krieg hatte in Amerika Ängste vor den bösen Kommunisten geschürt. Und wir durften plötzlich das Lenin Stadion rocken. Es war abenteuerlich.

einestages: Erzählen Sie!

Bon Jovi: Ich hatte keine Ahnung, dass mein Manager Doc McGhee im Nebenjob Drogendealer war und damit seine Bands finanziert hat, also uns, Mötley Crüe und später die Scorpions. Eines Tages wurde er verurteilt, weil er ein Drogenkartell beim Schmuggeln von Marihuana unterstützt hatte. Ein Teil der Strafe war "Community Service". Da kam ihm die Idee zu einer Anti-Drogen-Kampagne mit Musikfestival. Doc hatte kurz zuvor Stas Namin kennengelernt, ein russisches Rock-Urgestein. Sie heckten den Plan für ein Friedens-Festival in Moskau aus. Das schlug Doc dem Richter vor, der willigte ein - und daraus wurde ein "Woodstock des Ostens".

einestages: Welche Eindrücke haben Sie aus Moskau mitgenommen?

Bon Jovi: Nach der Landung sahen wir am Flughafen jede Menge Kriegsbomber aufgereiht, ein ganz schön martialischer Anblick. Im Backstage-Bereich des Stadions betrieb die Militärpolizei mehr Aufwand für die Sicherheit des Hamburgerstandes, der vom "Hardrock Café" in London gesponsort war, als für die 200.000 Zuschauer oder für uns Bands. Aber die Menschen, die uns auf dieser Reise begegneten, waren sehr herzlich und friedlich. Beim Konzert wurde schnell klar, dass die Musik alle vereinte, Ost und West. Sogar die Militärpolizisten warfen ihre Schirmmützen in die Luft. Wir haben da kulturelle Barrieren eingerissen. Und wir mussten hinnehmen, dass uns die Scorpions bei ihrem Auftritt musikalisch eine Lektion erteilten: They kicked our asses! (grinst)

einestages: Inwiefern?

Bon Jovi: Das Publikum rastete komplett aus bei Nummern wie "Rock you like a hurricane" und "The Zoo". Die Scorps rockten wie die Hölle. Ich dagegen erzählte auf der Bühne nette Storys, die wohl kaum einer verstand, unsere Songs waren in Russland auch nicht so geläufig. Wir hatten einen ganz schweren Stand. Beim zweiten Konzert machten wir es besser. Ich schnappte mir frech die Schirmmütze eines Polizisten und stürmte damit auf die Bühne. Das kam ganz gut an.

einestages: Sie haben früh mit Hollywood angebandelt, aber schon seit einigen Jahren nicht vor der Kamera gestanden. Keine Lust mehr auf Film?

Bon Jovi: Es fing an mit dem Titelsong und einer Minirolle im Westernstreifen "Blaze of Glory". Nach fünf erfolgreichen Alben wollte ich einfach etwas Neues kennenlernen, allerdings nie in der Rolle eines Rockstars, stattdessen als Maler in "Moonlight & Valentino" oder als Leutnant im Kriegsdrama "U-571". Heute ist mir die Schauspielerei nicht mehr wichtig, damals hat sie mir geholfen, als Künstler zu wachsen. Einen Musiker habe ich nur einmal gespielt, 2011 in "New Years Eve" - weil mich Regisseur Garry Marshall darum bat und versprach: Du wirst im Film auch mit Halle Berry rummachen! Sie will, dass du diese Rolle spielst. Wow, okay, ich bin dabei! Als ich das zu Hause erzählte, habe ich high fives bekommen von meiner Frau, meiner Mutter und von meiner Tochter (lacht). Die finden Halle Berry auch toll. Nur sprang sie in letzter Sekunde leider ab.

einestages: Und wie haben Sie es zum Ehrendoktor gebracht, Dr. h.c. Bon Jovi?

Bon Jovi: Doppelt sogar! Ich habe zwei Ehrendoktorhüte, wegen meiner Charity-Arbeit. Mit meiner Frau Dorothea, die ich 1980 auf der Highschool kennengelernt habe, betreibe ich die Jon Bon Jovi Soul Foundation. Wir haben 500 Wohnungen und Häuser für Bedürftige gebaut, dazu zwei Restaurants mit einem Konzept, das es so noch nie gab: Gäste, die es sich leisten können, zahlen freiwillig etwas mehr. Und wer sich Restaurantessen normalerweise nicht leisten kann, zahlt nichts. Das kommt gut an. Bisher haben wir in beiden Läden über 50.000 Mahlzeiten verkauft. Bill Clinton hat mir gerade den "Clinton Global Citizen Award" verliehen - darauf bin ich ziemlich stolz.

einestages: Für Ihr neues Album "This House Is Not For Sale" sind Sie zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt. Es entstand wieder in der 441, West 53rd Street.

Bon Jovi: Die Power Station Studios heißen heute Avatar Studios. Es war ein Wahnsinnsgefühl, an den Ort zurückzukehren, wo vor 36 Jahren alles begann. Wir leben seit einiger Zeit in New York und nutzen unser Haus in New Jersey nur noch an Wochenenden. Mein Privatstudio, in dem die letzten Bon-Jovi-Alben entstanden sind, habe ich aufgegeben, es hat sich nicht mehr gerechnet.

einestages: Dieses Bon-Jovi-Album ist das erste ohne Gitarrist Richie Sambora. Haben Sie Ihren langjährigen Partner wirklich gefeuert?

Bon Jovi: Ein absolutes Missverständnis. Und ich stand deshalb bei unseren Fans als Buhmann da. Niemand hat Richie gefeuert. Er erschien einfach nicht mehr zur Arbeit. Er musste in den Drogenentzug - und kehrte nie wieder zur Band zurück. Ich habe seit dreieinhalb Jahren nichts von Richie gehört und ihn schließlich ersetzt, denn mit Bon Jovi muss es weitergehen. Ich hoffe, Richie schafft es, von Drogen und Alkohol wegzukommen.

einestages: Ihr voller Name lautet John Francis Bongiovi. Kürzlich hieß es, Sie seien blutsverwandt mit dem wohl berühmtesten italo-amerikanischen Sohn New Jerseys, Frank Sinatra, der ja ursprünglich Francis hieß. Stimmt das?

Bon Jovi: Ich lach mich tot, das ist totaler Quatsch. Mein Mittelname kommt von meinem Vater, John Francis Bongiovi Senior. Bei uns in New Jersey behauptet jeder zweite Italo-Amerikaner, mit Sinatra verwandt zu sein. Bin ich definitiv nicht. Leider.

insgesamt 9 Beiträge
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Peter Müller, 08.11.2016
1. absprung verpasst
Die Jungs von Bon Jovi klingen seit vielen Jahren mit jedem Lied gleich. Nichts Neues, pure Langeweile und Wiederholungen. Ein Schatten ihrer selbst. Sie hätten in Ehren abtreten können. So zerstören sie nur ihr eigenes Denkmal.
Achim von Oberstaufen, 08.11.2016
2. Das Orginal ist sogar noch besser.
Mit Runaway hat Bon Jovi seinen Durchbruch geschafft. Eine Radiostation hat mal das Orginal von der Band Intruder gespielt. Dort heißt der Song Runaway 2000 und den finde ich sogar noch besser als das Cover von Bon Jovi. Aber da sieht man, wie wichtig ein funktionierendes Netzwerk für den eigenen Erfolg ist. Ich fand Bon Jovi trotzdem gut, auch wenn er seinen Gitarristen fallengelassen hat. Er hat ihn Jahre nicht gesehen ? Warum hat er ihn nicht mal in der Entzugsanstalt besucht ?
Martin Gronek, 08.11.2016
3. zuletzt war das eher Country als Rock
aber das ist wohl auch normal, er ist über 50, sieht aus wie ein Lehrer und ist Multimillionär. Woher sollte die rebellische Rock Attitude noch kommen?
Sebastian Schweitzer, 08.11.2016
4. Under Pressure in Ney York?!
Vielleicht haben Bowie und Mercury mal in NY gefeiert, Under Pressure haben Queen und David Bowie jedenfalls in den Mountain Studios in Montreux, Schweiz geschrieben und aufgenommen. Nach so einer komischen Erinnerungslücke hab ich das Interview auch nicht mehr weiter gelesen.
Karen Debrowski, 08.11.2016
5. schlecht recheriert
Ich weiß ja nicht, mit wem hier das Interview geführt wurde. Der grund für Herr Samboras Ausstieg war jedenfalls nicht der Drogenentzug.
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