Josef Mengeles Gebeine Der Schädel des Bösen

Als "Todesengel von Auschwitz" war Josef Mengele berüchtigt für bestialische medizinische Experimente. Was vom KZ-Arzt übrig blieb, dient heute zur Ausbildung junger Mediziner - ein Besuch an der Universität von São Paulo.

AP

Von , Rio de Janeiro


Professor Muñoz hütet eine besondere Rarität. Jahrelang hatte er sie in einem tonnenschweren Tresor im Gerichtsmedizinischen Institut verwahrt. Als er vor einigen Jahren umzog, nahm er sie mit und holt sie ausnahmsweise zu Vorlesungen aus dem Versteck: "Ich will nicht, dass sie zu einer Touristenattraktion wird."

Daniel Romero Muñoz wacht über die Gebeine von Josef Mengele.

Muñoz ist Direktor der Gerichtsmedizinischen Abteilung der Medizinischen Fakultät der Universität von São Paulo und erklärt Studenten anhand des Schädels des Nazi-Verbrechers, wie man einen Menschen anhand seiner sterblichen Überreste identifiziert. "Mengeles Knochen sind das perfekte Demonstrationsobjekt für angehende Gerichtsmediziner", schwärmt der brasilianische Wissenschaftler.

Im Jahr 1985 waren Mengeles Gebeine exhumiert worden, nach der Identifizierung wurden sie nicht wieder begraben: "Damit hätten wir sonst eine Wallfahrtstätte für Neonazis geschaffen", glaubt Muñoz.

"Wenigstens als Toter erweist er der Wissenschaft einen Dienst"

Bis vor drei Jahren hatte er die Knochen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verwahrt. Dann entdeckte er, dass sich der Mengele-Schädel hervorragend als Unterrichtsmaterial eignet. Moralische Bedenken plagen ihn nicht: "Mengeles historische Rolle interessiert mich nicht, ich sehe ihn unter rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten." Die Familie des Toten habe sich nie bei ihm beschwert, ebensowenig Nachkommen der Opfer. Muñoz: "Wenigstens als Toter erweist Mengele der Wissenschaft einen Dienst."

Dafür sind ausgerechnet die Nazis verantwortlich. Wären Hitlers Bürokraten nicht so pedantisch gewesen - Schädel und Knochen des "Todesengels von Auschwitz" würden wohl weiter in einem Safe verstauben. Doch die Musterungsbehörde hatte 1938 ein detailliertes anatomisches und medizinisches Profil erstellt, bevor der junge Arzt in die SS eintrat. Neben der Kriegstauglichkeit überprüften die Mediziner der Nationalsozialisten auch, ob ihr damals 27-jähriger Kollege aus dem bayerischen Günzburg den Anforderungen eines "Ariers" genügte. Sie vermaßen seinen Schädel, beschrieben seine Haare, analysierten den Körperbau, verglichen die Länge der Beine.

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Josef Mengeles Gebeine: Was vom Auschwitz-Arzt übrig blieb

Zwei Jahre später meldete sich Mengele zur Waffen-SS, wurde erst Truppenarzt und dann von Mai 1943 an KZ-Arzt in Auschwitz. Bei der Barbarei der Nazis im größten deutschen Vernichtungslager agierte er mit herausragender Grausamkeit - bei der "Selektion" an der Rampe, dabei bisweilen Opernmelodien pfeifend, und mehr noch durch bestialische Experimente an Gefangenen.

Oft tötete er Menschen nur, um ihre Körper anschließend zu obduzieren. Er war besonders berüchtigt wegen seiner Zwillingsforschung an Kindern wie Erwachsenen. So verpasste Mengele den Opfern Injektionen mit Krankheitserregern oder Gift und ermordete, nachdem ein Zwilling gestorben war, auch den anderen, um beide Leichen zu vergleichen. Nur wenige Zwillingspaare überlebten.

Gut drei Jahrzehnte auf der Flucht

Nach Kriegsende tauchte Mengele in Europa unter falschen Namen unter, bis er 1949 über eine der "Rattenlinien" nach Südamerika floh. Jahrelang lebte er völlig unbehelligt als Geschäftsmann in Argentinien, wo Nazis willkommen waren, und versteckte sich wie Adolf Eichmann in Buenos Aires. 1956 fühlte er sich so sicher, dass er zum Skiurlaub in die Schweiz reiste. Die deutsche Botschaft stellte ihm sogar einen Pass unter seinem eigenen Namen aus.

Erst 1959 wurde ein deutscher Haftbefehl erlassen, der israelische Geheimdienst setzte sich auf Mengeles Spur - und verfehlte ihn 1962 knapp. Jahrzehntelang suchte der Mossad ihn vergebens und versuchte noch 1983, ihm eine Falle zu stellen. Was die Israelis nicht wussten: Mengele war bereits vier Jahre zuvor unter dem Namen Wolfgang Gerhard bestattet worden.

Zuletzt hatte er bei der deutschstämmigen Familie Bossert in Brooklin gelebt, einem Stadtviertel von São Paulo. Die Bosserts waren die letzte Station seiner Flucht über Argentinien und Paraguay nach Brasilien. Sie wussten, um wen es sich bei ihrem Gast, den sie Besuchern als "Senhor Pedro" vorstellten, in Wirklichkeit handelte.

Im Alter von 68 Jahren starb Mengele in Bertioga, einem Ausflugsort an der Atlantikküste. So war Josef Mengele am 7. Februar 1979 mit seiner Gastfamilie an den Strand gefahren. Er galt als guter Schwimmer, wahrscheinlich ereilte ihn im Meer ein Schlaganfall - er hatte bereits wenige Jahre zuvor einen erlitten. Wolfram Bossert eilte dem Ertrinkenden noch zu Hilfe, kam jedoch zu spät, fast wäre er selbst gestorben.

Noch im Grab mit falschem Namen

Beigesetzt wurde der Tote auf dem Friedhof vom Embu bei São Paulo. Denn dort hatte Mengeles Freund Wolfgang Gerhard ein Doppelgrab gemietet. Mengele wurde neben Gerhards Mutter begraben.

So setzte der NS-Kriegsverbrecher das Verwirrspiel mit falschen Namen noch über seinen Tod hinaus fort. Der österreichische Anwalt Wolfgang Gerhard hatte ebenfalls in Brasilien gelebt und war einige Jahre zuvor nach Österreich zurückgekehrt, wo er starb. Er hatte Mengele in Brasilien vorübergehend aufgenommen und ihm eine Gastfamilie vermittelt. Seinen brasilianischen Ausweis hatte Gerhard vor seiner Abreise Mengele überlassen, der das Foto austauschte und so eine weitere Identität bekam.

Mengele und Gerhard pflegten regen Briefwechsel. Darauf stieß die deutsche Staatsanwaltschaft bei Gerhards Anwalt und informierte die brasilianische Polizei, die daraufhin das Haus der Bosserts überwachte und sie schließlich zu ihrem verstorbenen Gast befragte. Bossert gestand, dass der als "Wolfgang Gerhard" Bestattete in Wahrheit Mengele war.

Sechs Jahre nach seinem Tod wurde die Leiche exhumiert. Übrig waren nur ein Haufen Knochen, der Schädel und Kleidungsreste, nach zehn Tagen war das Skelett rekonstruiert. Der junge Gerichtsmediziner, der 1985 das Untersuchungsteam leitete, war Daniel Romero Muñoz. "Mengele war in demselben Hemd, derselben Hose und Unterhose begraben worden, die er am Strand getragen hatte", berichtet der 71-jährige Professor.

"Ich habe gezielt nach Widersprüchen gesucht"

Die Amerikaner hatten das Mengele-Dossier nach dem Krieg sichergestellt und überließen es nun den brasilianischen Gerichtsmedizinern. "Noch nie habe ich einen Toten auf den Tisch bekommen, dessen Vorgeschichte so gut dokumentiert war", sagt Muñoz. Das machte Mengele zu einem exemplarischen Fall für die Gerichtsmedizin - und bewog den Professor, die Knochen als Unterrichtsmaterial zu nutzen.

Entscheidend für die Identifizierung war die Musterungsakte von 1938, die ein US-Polizist nach São Paulo brachte. "Er hatte den Koffer mit dem Dokument mit Handschellen an sein Gelenk gefesselt", so Munoz, der zur Begutachtung ins US-Konsulat musste, weil die Akte "nur auf amerikanischem Boden geöffnet werden durfte". Deutsche und amerikanische Spezialisten sowie ein Beobachter des Simon-Wiesenthal-Zentrums standen den Brasilianern als Berater zur Seite.

Muñoz analysierte zunächst die Knochenreste, verglich seine Erkenntnisse dann mit Mengeles Musterungsunterlagen sowie Fotos, Kleidungsstücken und privaten Dokumenten. "Ich habe gezielt nach Widersprüchen gesucht" - doch alle Besonderheiten des Leichnams passten zu den Akten über Mengeles Krankengeschichte. Am Ende blieb kein Zweifel, dass es sich tatsächlich um den KZ-Arzt von Auschwitz handelte.

Muñoz stieß auf kuriose Details: "Mengeles Schädel ist flacher als der eines Kaukasiers, er entspricht der Schädelform der Asiaten." Das war 1938 auch den Musterungsärzten aufgefallen. Muñoz hat dafür eine einleuchtende Erklärung: "Mengele stammte offenbar von den Hunnen ab, die haben in Mitteleuropa ihre Gene hinterlassen."

Keine Zweifel an der Identität

Das "dünne, leicht gewellte kastanienfarbene Haar", wie in Mengeles Musterungsunterlagen beschrieben, fand sich auch an seinen Überresten. Zwischen den oberen Schneidezähnen klaffte eine Lücke; Mengele litt als junger Mann unter einer chronischen Sinusitis und häufigen Zahnabszessen. Mangels Antibiotika leitete er den Eiter per Metallnadel ab, die er in den Gaumen bohrte. "Dazu braucht man medizinische Fachkenntnis", so Muñoz.

Rätsel gab den Gerichtsmedizinern ein Auswuchs an der Hüfte auf. Offenbar hatte der Tote irgendwann einen Beckenbruch erlitten, der Knochen war schlecht verheilt. Muñoz: "Aus einem Polizeibericht aus Auschwitz ging hervor, dass Mengele sich im Konzentrationslager bei einem Motorradunfall an der Hüfte verletzt hatte." Wegen einer Schuheinlage humpelte er nicht, "sein rechtes Bein war kürzer als das linke".

Zwei Zähne schickte Muñoz Jahre nach der Exhumierung zur DNA-Analyse an ein englisches Labor, das die Erkenntnisse der Brasilianer bestätigte. Selbst die skeptischen Nazi-Jäger des Wiesenthal-Zentrums waren überzeugt: Der Tote von Embu - es ist der "Todesengel von Auschwitz".

Zehntausende schickte der sadistische Mediziner einst in den Tod und nannte Menschen, die er quälte und ermordete, "meine Meerschweinchen". Heute dienen ausgerechnet seine Überreste der Ausbildung künftiger Mediziner. Nur ein Rätsel um Mengele ist weiterhin offen: Wo genau verwahrt der Professor die Gebeine? Aus Sicherheitsgründen äußere er sich dazu nicht, sagt Munoz. "Ich will nicht, dass sie Dieben in die Hände fallen."

insgesamt 2 Beiträge
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Claus-Stephan Merl, 05.04.2018
1. Das ist ...
... eine durchaus passende Volte der Geschichte. So wird Mengele selbst zum medizinischen Forschungsobjekt und ihm eine ehrenvolle Bestattung verwehrt. Leider nützt das keinem seiner Opfer.
Hilde Schneiderhan, 06.04.2018
2. Ein Widerspruch
16. März 1911 in Günzburg; † 7. Februar 1979 in Bertioga, Brasilien Im Alter von 78 Jahren starb Mengele in Bertioga.
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