Jagd auf Josef Mengele "Dus is er! Mir haben ihm gefunen, dem kleine Dreck!"

Josef Mengele war berüchtigt für barbarische Zwillingsexperimente. Jahrzehntelang suchte der Mossad den KZ-Arzt von Auschwitz - jetzt zeigen Akten, wie Israels Agenten nur knapp scheiterten.

AP

Von , Veronika Kormaier und


Im Juli 1962 kamen sie Josef Mengele ganz nah. Mossad-Agent Zvi Aharoni war auf einer Schotterstraße in Brasilien unterwegs zu einer Farm, auf der sich der "Todesengel von Auschwitz" versteckt halten sollte. Der Agent traf auf eine Gruppe von Männern. Einer davon sah aus wie der Gesuchte. Die Mitarbeiter in der Südamerika-Zweigstelle des Mossad waren zuversichtlich: Sie glaubten, nun könnten sie den berüchtigten KZ-Arzt bald nach Israel bringen und vor Gericht stellen.

"Dus is er! Mir haben ihm gefunen, dem kleine Dreck!", soll einer der Agenten auf Jiddisch ins Funkgerät geflüstert haben. Das berichtet der israelische Investigativ-Journalist Ronen Bergman, der Einsicht in die "Meltzer-Akte" - so der Deckname Mengeles beim Mossad - nehmen konnte und zahlreiche Interviews mit früheren Agenten führte.

Es kam damals anders. Die Zentrale in Israel gab keine Erlaubnis für den Zugriff: Man könne nichts tun, weitere Nachforschungen in der Nähe der Farm sollten unterbleiben, schreibt Bergman in der israelischen Tageszeitung "Yedioth Ahronoth". Für die beteiligten Agenten in Südamerika eine Enttäuschung.

Aber Mossad-Chef Issa Harel blieb hart. Wichtiger waren ihm zu dieser Zeit die aktuellen Gefahren für die Sicherheit Israels. Unter anderem sollte der Mossad sich auf das ägyptische Raketenprogramm konzentrieren. Ägypten war damals Hauptfeind Israels; es wurde bekannt, dass deutsche Wissenschaftler für die Ägypter an der Entwicklung von Kurzstreckenraketen arbeiteten. Sie sollten ausfindig gemacht und getötet werden.

Er pfiff Opernmelodien an der Rampe von Auschwitz

Die größte Chance, Mengele zu fassen, war damit verflogen. Drei Monate später wurde die Operation zwar in kleinerem Ausmaß wiederaufgenommen. Doch Mengele hatte die Farm verlassen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert dauerte die geheime Suche des Mossad nach Josef Mengele, dem berüchtigten Lagerarzt von Auschwitz, Verkörperung des Bösen. Doch er wurde nie gefasst, nie vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen. Wieso hat der Geheimdienst so versagt?

Die neuen Erkenntnisse aus einer mehr als 1000 Seiten umfassenden Akte zeigen, dass die Führungsebene des Mossad, getragen durch die Politik, andere Prioritäten setzte. Meir Amit, ab 1963 fünf Jahre lang Mossad-Chef, drückte es so aus: Er wolle aufhören, "Geister aus der Vergangenheit zu jagen". An dieser Haltung wurde über Jahre festgehalten, auch angesichts der zunehmenden Gefährdung des Landes durch palästinensische Terrororganisationen.

Fotostrecke

18  Bilder
Jagd auf Josef Mengele: "Mir hoben ihm gefunen, dem kleine Dreck!"

Indes wuchs die Enttäuschung innerhalb des Geheimdienstes, der viele europäische Juden und Nachkommen von Holocaust-Überlebenden beschäftigte. Denn durch Zeugenaussagen waren die Details über Mengeles Walten als KZ-Arzt in Auschwitz bekannt: Manche schickte er nach links, andere nach rechts. Und wenn Zwillinge in Auschwitz-Birkenau ankamen, war Mengeles Interesse besonders groß. Der KZ-Arzt zählte zu den schlimmsten Nazi-Verbrechern, er agierte besonders grausam, selbst für die Verhältnisse eines menschenverachtenden Regimes.

Barbarische Versuche an Häftlingen

Mengele, Jahrgang 1911, hatte sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und wurde im Mai 1943 Lagerarzt in Auschwitz. Wie alle Mediziner hatte er den Hippokratischen Eid geschworen, hatte gelobt, dem Wohl seiner Patienten zu dienen. Seine Zeit als KZ-Arzt nutzte er dazu, dieses Gelöbnis zu pervertieren.

An der Rampe selektierte Mengele Gefangene, oft dabei Opernmelodien pfeifend. Er entschied darüber, wer zur Zwangsarbeit ging und wer in den Tod. Zehntausende schickte er in die Gaskammern. Der Humangenetiker führte unmenschliche Experimente an KZ-Häftlingen durch: Amputationen ohne Narkose, Sterilisationen, Injektionen chemischer Substanzen ins Herz. Oft tötete er seine Opfer nur, um ihre Körper zu sezieren.

SPIEGEL TV Reportage über den Todesengel von Auschwitz
  • Die Dokumentation "Mengele - Jagd nach dem Todesengel" läuft am Donnerstag, 21. September 2017, um 20:15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Häufig waren Zwillinge die Versuchspersonen. Meist injizierte Mengele einem Zwilling Gift, Bakterien oder andere Krankheitserreger. Mengele und seine Helfer dokumentierten den Krankheitsverlauf genau. Der Versuchspatient hatte oft nur wenige Tage zu leben. Sobald er gestorben war, töteten Mengele und seine Helfer auch den anderen Zwilling mit einer Injektion ins Herz, um beide Leichen vergleichend zu obduzieren.

Etwa 1400 Zwillingspaare sollen bei diesen barbarischen Versuchen ermordet worden sein. Die Auschwitz-Überlebende Marta Wise, damals ein junges Mädchen, beschrieb ihre Begegnung mit Mengele im SPIEGEL:

"Wir bekamen Spritzen, mal von den Schwestern, mal von Mengele persönlich. Meine Schwester wurde krank. Dann sagten sie uns, wir würden am nächsten Tag nach Deutschland aufbrechen. Ich wollte meine Schwester nicht auf der Krankenstation zurücklassen. Also holte ich sie dort weg. Mengele erwischte mich. Er lächelte mich an und gab mir zwei Ohrfeigen. Er war immer am grausamsten, wenn er lächelte. Dann ließ er mich gehen. Er wusste ja, dass wir auf einen Todesmarsch gingen."

Nach dem Krieg wurde Mengele von den Amerikanern interniert, konnte aber als einfacher Kriegsgefangener durchgehen, weil er falsche Namen benutzte und keine SS-Tätowierung trug. Er verbrachte Jahre unerkannt in Europa, arbeitete monatelang als Knecht auf einem Bauernhof in Oberbayern. Schon damals fiel sein Name in mehreren Prozessen, doch die Amerikaner hielten ihn für tot.

Im Mai 1949 setzte er sich über Italien nach Buenos Aires ab. Bei der Flucht über eine der "Rattenlinien" halfen ihm laut Mossad-Akte ehemalige SS-Angehörige mit Verbindungen zum Roten Kreuz. In Argentinien lebte Mengele als Geschäftsmann. Die deutsche Botschaft vor Ort unternahm nichts gegen ihn. Und stellte ihm, als er sich von seiner ersten Frau scheiden ließ, sogar die Urkunde aus - unter seinem echten Namen.

Versorgt mit Geld aus Deutschland

Erst als 1959 ein deutscher Haftbefehl erlassen wurde, war die entspannte Zeit vorbei. Mengele musste erneut untertauchen. Im Mai 1960 fasste der Mossad den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Buenos Aires; er war als bürokratischer Kopf der SS für die Verfolgung und Deportation von cirka sechs Millionen Menschen verantwortlich. Er kam in Jerusalem vor Gericht und wurde 1962 hingerichtet.

Zuvor tat Eichmann kund, er habe Mengele mehrfach in Buenos Aires getroffen. Auch der berühmte Nazi-Jäger Simon Wiesenthal informierte den Mossad, dass Mengele in Argentinien sei. Der Geheimdienst glaubte, Mengele ganz dicht auf der Spur zu sein. "Wir machten seine Wohnung ausfindig und observierten sie", sagte der frühere Agent Rafi Eitan im israelischen Radio. Doch offenbar hatte sich Mengele bereits abgesetzt.

Er versuchte unter anderem in Kairo unterzukommen, sei dort jedoch nicht willkommen gewesen, schreibt die Tageszeitung "Haaretz". Später lebte er laut Mossad versteckt in Paraguay. Der Geheimdienst entwickelte teils abstruse Pläne, um wieder auf seine Spur zu kommen: So wurde etwa der deutsche Journalist Paul Limbach angeworben und auf Mengeles zweite Ehefrau angesetzt, die inzwischen nach Europa zurückgekehrt war. Doch der Versuch, die einsame Frau zu verführen, scheiterte.

Über all die Jahre erhielt Mengele aus Deutschland finanzielle Unterstützung von seiner wohlhabenden Familie. Als Geldbote fungierte Hans-Ulrich Rudel, so der Nazi-nahe Journalist Willem Sassen, den der Mossad 1961 anwarb. Über Rudel stießen die Agenten auch auf Wolfgang Gerhard: den Mann, der Mengele offenbar auf seiner Farm in Brasilien Unterschlupf gewährte. Dann sahen die Agenten Mengele auf der Straße - und verloren seine Spur, weil sie keine Freigabe für den Zugriff erhielten.

Hoffnung auf einen abgehörten Geburtstagsanruf

Erst als Menachem Begin 1977 Premierminister wurde, kümmerte sich der Mossad wieder stärker um den Fall Mengele. Um ihn aufzuspüren, wurden auf Begins Wunsch mehrere neue Einheiten gegründet. Unter anderem sollte der deutsche "Stern"-Journalist Gerd Heidemann dem Mossad bei der Suche in Südamerika helfen. Das führte zu nichts; später zählte Heidemann zu den Schlüsselfiguren im Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher.

Der Mossad zog sogar in Erwägung, den zwölfjährigen Sohn von Hans-Ulrich Rudel zu entführen: Wenn der Vater Mengeles Versteck nicht preisgeben würde, werde man das Kind töten, so der Erpressungsplan. Bevor er jedoch ausgeführt werden konnte, starb Rudel. Bei einer internationalen Kampagne bot man zudem eine Million Dollar für Informationen über Mengele - erfolglos.

Als Hoffnung blieb noch Mengeles Sohn Rolf in Berlin. Der 16. März 1983, gemeinsamer Geburtstag von Vater und Sohn, sollte zum Schlüsseldatum werden. Die Agenten hofften, der Vater würde den Sohn anrufen, um zu gratulieren. Das Verhältnis der beiden war kompliziert: Der Sohn hatte Mengele nichts über seine zweite Heirat erzählt und ihn damit, so der Mossad-Bericht, "bis in die Tiefen seiner Seele getroffen".

In monatelangen Vorbereitungen für die Abhöraktion arbeitete der Mossad mit einer Berliner Informantin, genannt "die Fee". Eine Wohnung in Mengeles Nähe sollte angemietet werden. Als keine zu finden war, gab Mossad-Chef Isaac Hofi den Auftrag, eine zu kaufen.

Dieses Appartement wurde zur Einsatzzentrale. Jeden Morgen entnahmen die Agenten aus Mengeles Briefkasten alle Post, öffneten sie, fotografierten alle Inhalte, legten sie zurück. Zwei Tage vor dem Doppel-Geburtstag gelang es den Agenten, im Haus von Mengeles Sohn eine Telefonüberwachung zu installieren. Der Plan: Nach dem Geburtstagsanruf sollte ein Agent Sohn Rolf anrufen, sich als Bekannter des Vaters ausgeben und erzählen, Josef Mengele sei schwer krank und brauche seine Hilfe. Man hoffte, Rolf würde sich dann mit einem Flugticket auf den Weg zum Vater machen.

"Die letzte Chance, ihn zu kriegen"

"Das war uns noch wichtiger als Israels Sicherheitsangelegenheiten", erklärt ein Mossad-Agent in der Zeitung "Yedioth Ahronoth", "es ging um eine offene Rechnung, die wir, die zweite Generation nach dem Holocaust, zu begleichen hatten. Es war die letzte Chance, ihn zu kriegen. Wir waren aufgeregt. Es ging um eine historische Verantwortung."

Was allerdings der Mossad damals nicht wusste: Mengele war bereits am 7. Februar 1979 beim Baden mit Freunden gestorben. Die Familie Bossert war dabei, als in Bertioga (Brasilien) ein Unwetter aufkam. Lieselotte Bossert und ihre Kinder konnten das Meer noch verlassen. Mengele soll um Hilfe gewinkt haben und sein Freund Wolfram Bossert noch versucht haben, ihn zu retten. Zu spät.

Mengeles Leiche wurde am 8. Februar 1979 auf einem brasilianischen Friedhof beerdigt - unter dem Namen Wolfgang Gerhard. Der alte Bekannte Mengeles war im Vorjahr gestorben, Mengele benutzte seine Identität.

Kein Zweifel, Mengele starb 1979

Von alldem ahnte der Mossad zunächst nichts. 1985 reiste gar ein Agent nach Kuba zu Fidel Castro und bat um Hilfe: Castro sollte seine Geheimdienste einsetzen, um Mengele in Südamerika zu lokalisieren; Israel würde sich dafür erkenntlich zeigen. Mossad-Leute trafen sich auch in Frankfurt mit deutschen und amerikanischen Agenten, um die Sache voranzutreiben.

Schließlich kamen die Agenten auf die Familie Bossert in Brasilien. 1985 verhörte der Mossad das Ehepaar, die alle Details zu Mengeles Tod berichteten. "Gerhards" Skelett wurde exhumiert. Ein israelischer Pathologe stellte fest, dass es sich um Mengele handelte, was ein DNA-Test im März 1992 bestätigte. Ein genetisches Profil von Rolf Mengele diente als Vergleichsmaterial.

Universität São Paulo: Heute dient Mengeles Schädel der Ausbildung brasilianischer Medizinstudenten (siehe Fotostrecke)
AP

Universität São Paulo: Heute dient Mengeles Schädel der Ausbildung brasilianischer Medizinstudenten (siehe Fotostrecke)

Mehr als 25 Jahre lang also suchte der Mossad nach Mengele. Und doch starb er als freier Mann - lange blieb er sogar unbehelligt. Erst sehr spät erhielt die Jagd nach dem "Todesengel von Auschwitz" wieder hohe Priorität. In einem geheimen, internen Dossier von 2007 analysierte der Mossad die Ursachen für das Scheitern der Suche: Man sei von falschen Annahmen ausgegangen, habe zu wenig Personal gehabt, zudem habe die Entschlossenheit gefehlt.

Der Journalist Ronen Bergman, selbst Sohn von Holocaust-Überlebenden, hält die damaligen Entscheidungen der Politik und der Mossad-Führung für richtig. Es sei reif und realistisch gewesen, sich auf die aktuellen Sicherheitsrisiken für den Staat zu konzentrieren, statt dem verständlichen Wunsch nach Sühne nachzugehen.

Für Menschen, die wie die heute 82-jährige Marta Wise die Begegnung mit Mengele überlebten, bleibt das Versagen des Mossad dennoch "enttäuschend und merkwürdig". Überrascht sei sie allerdings nicht - Mengele sei ein wahres Monster gewesen und immer auf alles vorbereitet; er hätte vor Gericht gestellt werden müssen, so Wise:

"Für die Überlebenden von Mengele ist es bitter, dass das nie passiert ist. Wir hatten auch gehofft, durch seine Erfassung Informationen zu bekommen. Aber er ist mit all seinen medizinischen Daten verschwunden. Und wir haben niemals herausgefunden, was genau er eigentlich mit uns gemacht hat."

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.