Doppelgänger der Mächtigen Es kann nicht nur einen geben

Ist er's oder ist er's nicht? Doubles dienten als Schutzschilde für Diktatoren, Generäle und Politiker. Nur selten lüfteten sie ihr Geheimnis. Und manche schämten sich später für ihre Ähnlichkeit.

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Felix Gadschijewitsch Dadajew liebte das Tanzen. Nachdem Hitler-Deutschland 1941 die Sowjetunion überfallen hatte, tanzte Dadajew in einer Frontkonzertbrigade der Roten Armee. Als der Krieg Tschetschenien erreichte, musste er bei der Befreiung seiner Heimat helfen und wurde schwer verwundet. An seine Familie ging die Nachricht vom Tod des Soldaten.

Im Krankenhaus allerdings stellten die Ärzte fest, dass von sieben eingelieferten Opfern zwei Männer noch lebten, einer davon Dadajew. Die Behörden beließen es beim Totenschein. Denn als der 19-Jährige gesundheitlich wiederhergestellt war, wurde er ohnehin ein anderer.

Erst 2008 erzählte Dadajew der Zeitung "Komsomolskaja Prawda" seine Geschichte: wie er eines Tages ohne jede Erklärung auf einen Moskau-Sonderflug geschickt, in einer Datscha einquartiert und bewirtet wurde. Wie Sicherheitsoffiziere dem damals schmächtigen jungen Mann mit den dunklen Augen und kräftigen Brauen eröffneten, er werde künftig als Doppelgänger für Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili arbeiten - für Stalin, den gut 40 Jahre älteren Führer der Sowjetunion.

Spaß, Verwirrung oder Verleumdung?

Was Dadajew schilderte, fand in westlichen Medien kaum Beachtung und löste in Russland geteilte Reaktionen aus. Als "Unsinn" tat es Juri Shukow ab, führender Historiker an der Russischen Akademie der Wissenschaften und Autor mehrerer Stalin verherrlichender Bücher. Die Geschichte war tatsächlich erstaunlich, denn Dadajew war nicht irgendwer: Generalleutnant, "Held der sozialistischen Arbeit" und Professor an einer Moskauer Geheimdienst-Akademie, in Russland aber vor allem bekannt als grandioser Schauspieler und Entertainer, Humorist und Satiriker.

Berichte über Stalin-Doubles gab es seit den Fünfzigerjahren immer wieder. Doch sie blieben vage. Auch in vielen anderen Fällen wurde über die Echtheit einer bekannten Persönlichkeit gemutmaßt: Iraks Diktator Saddam Hussein etwa sagte man mindestens drei Doppelgänger nach; auf einen falschen Saddam fiel womöglich der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider rein. Auch Saddams Sohn Udai betrieb das Verwirrspiel, behauptete dessen Doppelgänger Latif Yahia. Spekulationen hatte es auch schon zu Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß gegeben - und natürlich zu Hitler selbst.

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Monty, Hitler, Saddam: Echt oder falsch?

Fast nie wurde bekannt, wann ein Double tatsächlich im Einsatz war - und wer es war. Denn die Auftraggeber wollten verhindern, dass überhaupt jemand von der Existenz eines optischen Stellvertreters erfuhr.

Diese Ungewissheit nährte Verschwörungstheorien, die auch umgekehrt propagandistisch eingesetzt wurden: um die Echtheit einer Person infrage zu stellen und so den politischen Gegner zu diskreditieren. Solche Erfahrungen mussten der gesundheitlich angeschlagene russische Präsident Boris Jelzin wie auch US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton machen.

Manchmal indes wird eine Trickserei im Nachhinein tatsächlich bekannt.

Der falsche General

Am 27. Mai 1944 landete auf der britischen Halbinsel Gibraltar ein Flugzeug der Royal Air Force. Offiziere salutierten dem Mann, der aus der Maschine stieg: General Bernard Montgomery. Jedenfalls glaubten das alle. Der Mann, der wie "Monty" aussah, sich wie Monty bewegte und auch wie Monty grüßte, war jedoch Leutnant Clifton James, Mitarbeiter der Lohnbuchhaltung. Wenige Wochen zuvor hatte ihn ein Überraschungsanruf aus dem Kriegsministerium erreicht.

James, im Zivilberuf ein wenig bekannter Schauspieler, war aufgefallen, als er in einem Soldaten-Varieté Montgomery imitierte. Nun fragte man ihn, ob er Interesse habe, in Ausbildungsfilmen der Armee mitzuwirken und weiter an Haltung, Stimme, Gewohnheiten seines Vorbildes zu arbeiten. Der Filmdreh erwies sich als Vorwand, wie James bald erfuhr - seine wahre Rolle sollte die eines Köders sein.

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Der vorgetäuschte Gibraltar-Besuch Montgomerys galt nicht den britischen Soldaten. Es war eine Show für feindliche Agenten, die man unter den spanischen Arbeitern identifiziert hatte. Das Kalkül der Briten: Solange das deutsche Oberkommando Montgomery am Mittelmeer glaubte, ginge es nicht von einer baldigen Invasion in der Normandie aus - wie sie der echte General zur gleichen Zeit vorbereitete.

Auch nach dem Krieg blieb das Täuschungsmanöver zunächst geheim. Clifton James musste unterschreiben, sein Leben lang zu schweigen. Erst nachdem ein Militärberater die Aktion in den eigenen Lebenserinnerungen erwähnte, durfte auch James seine Memoiren schreiben. Titel: "Ich war Montys Double". Ein größeres Publikum erfuhr davon erst durch die Verfilmung 1958 - und James bekam endlich eine Hauptrolle. Sogar zwei: Er durfte sich und Montgomery spielen.

"Mit Wissen und Zustimmung Stalins"

Bei Felix Dadajew dauerte es viel länger, bis er sich als Double outete. Das große Lexikon der "Soldaten des 20. Jahrhunderts", herausgegeben vom russischen Verteidigungsministerium, versammelte zahlreiche Biografien von Weltkriegsveteranen. Im Kapitel über Dadajew stand nun:

"Und noch ein einzigartiger Punkt in der Biografie des Felix Gadschijewitsch: Im Jahr 1996 wurde die Geheimhaltung darüber aufgehoben, dass der Schauspieler lange Zeit in der Wochenschau erschien als … Double J. W. Stalins. Dies geschah natürlich mit dem Wissen und der Zustimmung Josef Wissarionowitschs. Mit einer erstaunlichen Ähnlichkeit mit dem Führer verlas Dadajew Reden und imitierte seine Stimme."

Selbst nach dieser Aktenfreigabe schien Dadajew nicht erpicht darauf, seine Geschichte bekannt zu machen. Erst 2007 veröffentlichte er ein Buch mit Gedichten, Satiren und Essays, das auch Erinnerungen an Begegnungen mit legendären Persönlichkeiten enthält - und fast beiläufig die Stalin-Episode.

Felix Dadajew, so erzählte er, hatte schon in seiner Jugend große Ähnlichkeit mit Stalin; man hänselte ihn deshalb und rief ihn "Soso", Stalins Spitzname. "Ich tat so, als würde es mich ärgern, aber im Herzen war ich stolz auf die Ähnlichkeit mit dem großen 'Vater der Völker'!"

Sehr überrascht war er nicht, als man ihm 1943 diese spezielle Aufgabe antrug: Elf Kilo musste er zulegen und sich einer aufwendigen Schminkprozedur unterziehen. Und der Altersunterschied zu Stalin? "Ich habe so viel erlebt, erlitten, dass ich viel älter aussah, als ich war. Bin früh gereift."

Man habe ihm Filmmaterial von Stalin-Auftritten vorgespielt und ihn angewiesen, Gesten und Mimik, Gang und Stimme zu imitieren. Monatelang trainierte Dadajew, überwacht von Offizieren der Geheimpolizei.

Angst vor Attentaten

Sein Job war es, sich als falscher Stalin durch die Stadt fahren zu lassen, Rundfunkreden zu verlesen oder bei langwierigen Zeremonien auf der Tribüne zu stehen, etwa bei einer Parade auf dem Roten Platz. Er sollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken, damit der echte Diktator unbehelligt blieb.

Stalin hatte panische Angst vor Verschwörungen und Attentaten. Dadajew erinnerte sich etwa an die Teheraner Konferenz von 1943; dort besprachen die drei Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition die Kriegs- und Nachkriegsplanung. Der sowjetische Auslandsgeheimdienst berichtete von deutschen Attentatsplänen auf Stalin, US-Präsident Roosevelt und den britischen Premier Churchill.

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Ausschnitt aus "Stalins Tod - das Ende einer Ära", Doku von 2013


Dadajew war zumindest in dieser Situation nicht in Gefahr und sein Auftrag bereits erledigt, nachdem er in Moskau ins Auto gestiegen und zum Flughafen gefahren war - unterdessen sei Stalin schon in Teheran gewesen.

Auch ohne Anschläge war der Job nicht frei von Risiken: Übertrieb er seine Darbietung vor den stets präsenten Augen des Geheimdienstes, konnte sie wie eine Parodie wirken. Dadajew war wohl nicht der einzige Stalin-Doppelgänger, er selbst vermutete drei weitere. Einer davon, nur als Rashid bekannt, starb 1991 im Alter von 93 Jahren.

Dem großen Altersunterschied zu Stalin und der eigenen robusten Gesundheit verdankte Dadajew, dass er die Jahrzehnte der Geheimhaltung überlebte. Rühmen wollte er sich mit seiner Rolle auch danach nicht. Der jugendliche Stolz auf die Ähnlichkeit war längst passé.

In einer Dokumentation über das Ende der Stalin-Ära, 60 Jahre nach dem Tod des Diktators in der ARD ausgestrahlt, trat Dadajew als Zeitzeuge auf. "Als ich erfahren habe, wie viele Menschen unter Stalin gestorben sind, habe ich meine Meinung über ihn geändert: Ich habe meinen Bart abrasiert", sagte er. "Ich wollte nicht, dass etwas an mir an Stalin erinnert."

insgesamt 2 Beiträge
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Cornelia Blodau, 23.03.2017
1. Totally looks like...
In der Fotostrecke "Promi-Doppelgänger" fehlt der zugeschneite Gartengrill, der aussieht wie Karl Lagerfeld. Der beste Doppelgänger ever! http://cheezburger.com/2779522816
Tilmann Jörg, 24.03.2017
2. Mir fehlen ...
... die beiden Deutschen Marius Müller-Westernhagen und Wotan Wilke Möhring, keine Frage, dass Möhring irgendwann in der Biografie Westernhagens die Hauptrolle einnehmen wird.
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