Josephine Baker in Berlin Gefeiert wie eine Göttin, begafft wie ein Tier

Sie trug kaum mehr als Federn und wackelte so virtuos mit dem Po, dass die Zuschauer in Schnappatmung verfielen: 1926 tanzte Josephine Baker erstmals in Berlin.

Lorenzo Ciniglio/Corbis

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In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Harry Graf Kessler war baff. Da stand sie, die wunderschöne Frau, nur wenige Meter von ihm entfernt - und war völlig nackt, bis auf einen winzigen roten Mullschurz.

Josephine Baker schien sich prächtig zu amüsieren bei der Party im Haus des Dichters Karl Vollmoeller am Pariser Platz: Eng umschlungen tanzte sie mit einer kleinen, hübschen Frau im Smoking - der Geliebten des Gastgebers. Stundenlang, ohne müde zu werden, glücklich wie ein Kind.

"Sie wird dabei nicht einmal warm, sondern behält eine frische, kühle, trockene Haut. Ein bezauberndes Wesen", schrieb Graf Kessler in seinem Tagebuch über die Begegnung mit Baker am 13. Februar 1926. Der Mäzen, Publizist und Diplomat war nicht allein mit seiner Begeisterung für das bisexuelle Tanzwunder aus Übersee: Berlin verfiel in kollektive Schnappatmung, als Josephine Baker, 19, im Nelson-Theater am Kurfürstendamm gastierte.

"Ihr Popo ist ein schokoladener Grieß-Flammerie"

Als aufstrebender Star der aus Paris importierten "Revue Nègre" war sie in der Silvesternacht 1925/26 erstmals in der deutschen Hauptstadt zu sehen. Mit entblößter Brust, am Leib wenig mehr als ein paar blaue und rote Federn, wirbelte Baker über die Bühne. Sie grimassierte, schielte, ließ ihr Becken kreisen. Mal stolzierte sie auf allen vieren, mal fiel sie in einen rasanten Charleston. Und wackelte so virtuos mit dem Hintern, dass die Zuschauer in Ekstase gerieten.

"Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grieß-Flammerie an Beweglichkeit", schrieb 1926 die Kulturzeitschrift "Der Querschnitt". Und der deutschnationale Journalist Adolf Stein über "dieses ganze Höllengelichter aus dem Urwald": "Die Füße trillern wie verrückt. Der Bauch zuckt im Vierundsechzigsteltempo und schnappt nach den Hüften. Der federgeschmückte Steiß hat sich selbständig gemacht und rotiert rasend wie Feuerwerk."

Das Phänomen Josephine Baker inspirierte deutsche Kritiker zu einem ganzen Zoo an Vergleichen. Adolf Stein verglich sie mit einer Ente, ein Journalist der "Berliner Börsenzeitung" mit einem Känguru und Fred Hildenbrandt, Feuilletonchef des "Berliner Tageblatts", mit einem "dunkelhäutigen Kolibri". Andere Autoren beschrieben sie als Schlange, Giraffe oder Affe.

"Triumph der Geilheit"

Kurz: Baker wurde als possierliches Tierchen stilisiert, das koloniale Sehnsüchte der Europäer nach Sinnlichkeit und Sex, nach Urwald und Exotik zu bedienen schien. In Wallung brachte das Publikum bei der "Negerrevue" besonders ihr "Danse Sauvage" ("wilder Tanz"), wenn Baker und ihr Bühnenpartner, der Senegalese Joe Alex, zu Trommelklängen einen hocherotischen Pas de deux zelebrierten.

"Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit", schrieb der französische Schriftsteller Pierre de Régnier. Mit jenem wilden Paarungsreigen, noch bevor sich Josephine Baker ab April 1926 den berühmten Gürtel aus 16 Plüschbananen um die Hüften band, war aus dem schlanken Mädchen über Nacht der erste schwarze Superstar geworden. Ein Sexsymbol, das wie kein zweites das Sinnbild der vergnügungssüchtigen wilden Zwanziger verkörperte. Und in Berlin den Nerv der Zeit traf.

"Mit den Hüften wackeln": Tänzerin Josephine Baker beim Auftritt in der "Ziegfeld Follies"-Revue im New Yorker "Winter Garden Theatre" (Aufnahme von 1936). Ihr Bananenröckchen hat sie gegen einen furchterregenden Stachelgurt getauscht, der gleichermaßen Becken wie Brüste umspielt. In ihren Memoiren von 1927...

...umschrieb sie ihre Vorliebe, den Hintern beim Tanz einzusetzen, so: "Es handelt sich nämlich darum, mit den Hüften zu wackeln, rechts herum, links herum, von einem Fuß auf den anderen, den Popo spielen zu lassen und mit den Händen zu wedeln. Seit einiger Zeit", so Baker, "wird der Popo zu sehr versteckt. Er ist aber doch da, der Popo. Ich wüsste auch nicht, was man ihm vorzuwerfen hätte!"

Misserfolg in der Heimat: Josephine Baker hoffte, mit ihrer bombastischen Broadway-Revue an die Pariser Erfolge anzuknüpfen - und wurde bitter enttäuscht. So schrieb das Magazin "Time", sie sei "nichts weiter als eine junge Schwarze mit etwas hervorstehenden Zähnen, ...

...deren Figur sich in jeder Nachtklubshow finden ließe und deren Gesang und Tanz außerhalb von Paris praktisch überall übertroffen werden dürfte" (in einem "Time"-Kommentar vom 10. Februar 1936).

Ein anderer Kritiker befand: Der Nacktheitskult und die "Devise Hoch-das-Bein sind nicht mehr gefragt!" Als Baker enttäuscht über den Misserfolg in ihrer US-Heimat das Schiff zurück nach Europa nahm, musste sie als schwarze Künstlerin im Unterdeck reisen. Ein Jahr später nahm sie die französische Staatsbürgerschaft an.

In keiner anderen Stadt, notierte Baker in ihren Memoiren, habe sie so viel Liebesbriefe bekommen, so viele Blumen und Geschenke: "Berlin, das ist schon toll! Ein Triumphzug. Man trägt mich auf Händen." Wo immer sie erschien, jubelten ihr die Menschen zu. Baker feierte die Nächte durch, entdeckte in Berlin, wie sie schrieb, "das beste Bier der Welt". Bei einem Kostümball kürte sie die schönste als Schwarze verkleidete Frau der Stadt, fuhr mit einem extravaganten Straußengespann durch die Straßen - und löste eine regelrechte Charleston-Hysterie aus.

Mit 13 zwangsverheiratet

Die oft unverhohlen rassistischen Kommentare der Kritiker schienen Baker, die später an der Seite von Martin Luther King gegen Diskriminierung kämpfte und überhaupt ein höchst ungewöhnliches Leben führte (siehe Fotostrecke), eher zu amüsieren. "Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn's um Schwarze geht", zitiert ihre Biografin Phyllis Rose sie. Staunend genoss Baker den Hype: "Ich bin von der Reaktion, die ich auslöse, so überrascht wie ein spielendes Kind, dessen Ball unversehens in einer Fensterscheibe landet."

Baker schien in jenen Winterwochen in Berlin vor allem eines zu sein: heilfroh, zu Ruhm und Reichtum zu gelangen und endlich die düstere Vergangenheit in den Slums von St. Louis, Missouri, abzuschütteln. Dort wurde sie 1906 geboren, als uneheliches Kind einer schwarzen Waschfrau und eines jüdischen Schlagzeugers, der sich bald nach der Geburt aus dem Staub machte. Dort musste sie schon mit acht Jahren als Dienstmädchen arbeiten, erlebte mit elf einen der schlimmsten Pogrome gegen Schwarze in der US-Geschichte, wurde mit dreizehn zwangsverheiratet.

In jungen Jahren hatte Baker schon so viel erdulden müssen, dass sie es mit Fassung trug, in Deutschland als Vorzeige-Schwarze mit "tierischem Grinsen" begafft zu werden; in ihr sei "das Negertum am reinsten", so ein Kommentar der "Berliner Börsenzeitung" vom 7. Januar 1926. In Berlin fühlte die Tänzerin sich sogar so wohl, dass sie kurz überlegte, ganz dort zu bleiben und nicht, wie vertraglich vorgesehen, nach Paris ans legendäre Revuetheater Les Folies Bergère zurückzukehren.

Als "Halbaffe" verfemt

Als der berühmte Regisseur Max Reinhardt der als "schwarze Venus" vergötterten Baker ein Engagement am Deutschen Theater anbot und sie zur Schauspielerin ausbilden wollte, gefiel ihr die Idee zunächst gut. Berlin erschien ihr noch prächtiger und elektrisierender als Paris, die Menschen fand sie lockerer und humorvoller. Doch dann legte das Varieté Folies Bergère 400 Francs mehr pro Vorstellung drauf - und Baker entschwand an die Seine. Zum Glück für sie. Denn bald wehte in Deutschland, und nicht nur dort, ein ganz anderer Wind.

Rassistische Proteste überschatteten Bakers große Europatournee Ende der Zwanzigerjahre: In der Wiener Paulanerkirche liefen drei Tage lang Sondergottesdienste zur "Buße für schwere Vorstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker". Rechte Gruppen demonstrierten in Wien gegen ihren als "obszön" geschmähten Auftritt; in Budapest flogen Stinkbomben ins Publikum; in Zagreb warfen ihre Gegner Knallkörper.

Im bieder-konservativen München wurde das Baker-Gastspiel 1929 gleich ganz verboten. In Berlin verfemten die aufkommenden Nazi-Blätter die Showdiva als "Halbaffen", Störtrupps der SA sprengten Vorstellungen.

Aufgewühlt kehrte Baker nach ihrer Tournee 1929 nach Paris zurück. "Ich bin schwarz, aber ich bin Französin", sagte die Tänzerin, die acht Jahre später die französische Staatsbürgerschaft annahm, in einem Interview, "es ist mein Land." Und: "das einzige, wo ein Mensch in Frieden leben kann".

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insgesamt 8 Beiträge
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lorietta cohn, 13.01.2016
1. Josephine Baker
Ich liebe sie Als Kind schwaermten meine Grosseltern von ihr und so lernte ich sie damit kennen.
D Brueckner, 13.01.2016
2. Wuerde mich mal interessieren...
...ob J. Baker seinerzeit in Berlin die Anita Berber getroffen hat.
Gerd Möller, 13.01.2016
3. Brille
ich bin mir völlig sicher, dass auch die Autorin dieses Artikels J. Baker in ihren diversen Kostümen und diversen Posen wie ein Tier im Zoo angegafft hätte. Was damals - vor 90 Jahren! - sensationell und exotisch war, ist heute alltäglich! Man sollte immer die jeweilige Brille für die entsprechende Zeit auf der Nase haben!
Claus Fries, 13.01.2016
4. Leopard?
Hallo SPON, der von ihnen erwähnte Leopard "Chiquita" (siehe Fotos) ist aber keiner, sondern ein Gepard.
Lydia Möbelstoff, 13.01.2016
5. Komischer Leopard
Vielleicht war ja Karneval und der Leopard hat sich als Gepard verkleidet?
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