Kurioser US-Regent Der Kaiser von Amerika

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Er erklärte den US-Kongress für aufgelöst und korrespondierte mit der Queen: 1859 krönte Joshua Norton sich selbst zum Kaiser der Vereinigten Staaten. Als Norton I. lebte er mehr als 20 Jahre in San Francisco - und wurde von seinem Volk innig geliebt. Doch die Polizei lehrte er das Fürchten. Von Marc von Lüpke

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Es war der wohl ungewöhnlichste Befehl, den er in seiner Karriere erhielt: Im Januar 1860 wurde General Winfield Scott, Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, angewiesen, mit seinen Truppen zum Kapitol in Washington zu ziehen. Dort sollte er "unverzüglich mit dem nötigen Nachdruck die Hallen des Kongresses räumen". Der Befehl kam von höchster Stelle. Kein Geringerer als Norton I., "von Gottes Gnaden Kaiser der Vereinigten Staaten und Schirmherr von Mexiko", hatte ihn ausgesprochen. Der Grund dafür verstand sich eigentlich von selbst: Da die USA ja einen ehrlichen und gerechten Kaiser hätten, sei der Kongress als Hort der Korruption schlicht überflüssig.

General Scott ignorierte den Befehl ebenso wie die Abgeordneten in Washington. Es hatte sich offenbar noch nicht bis in die ferne Hauptstadt herumgesprochen, was am 17. September 1859 in San Francisco geschehen war.

Der Herausgeber des "San Francisco Bulletin" hatte von einem Bekannten einen Brief in die Hand gedrückt bekommen. Dieses Schreiben enthielt zwar nur wenige Zeilen. Diese hatten es aber in sich: "Den Wunsch einer großen Mehrheit vorwegnehmend, erkläre und ernenne ich, Joshua Norton, ehemals Algoa Bay (Südafrika), und nun seit neun Jahren und zehn Monaten San Francisco, Kalifornien, mich selbst zum Kaiser dieser Vereinigten Staaten." Belustigt von der Proklamation druckte das Blatt die Nachricht auf der Titelseite ab. Damit waren die Vereinigten Staaten von Amerika eine Monarchie - zumindest in der Phantasiewelt ihres Regenten Joshua Norton.

Ladenbesitzer, Reisspekulant, Phantasie-Kaiser

Vermutlich am 17. Januar 1811 erblickte das künftige Staatsoberhaupt der USA im englischen Priors-Lee das Licht der Welt. Dort war Joshua Abraham Norton zwar nicht in ein adliges, aber doch in ein schon bald wohlhabendes Haus geboren worden. 1820 wanderte die Familie nach Südafrika aus. Als Kaufmann vertrieb Nortons Vater Schiffs- und Seemannsbedarf und erwarb so ein kleines Vermögen.

Im Alter von 38 Jahren machte sich Joshua Norton mit 40.000 Dollar im Gepäck nach San Francisco auf. In Kalifornien tobte gerade das Goldfieber. Doch im Unterschied zu vielen anderen verzweifelten Glücksrittern traf der spätere Phantasie-Kaiser hier eine überaus rationale Entscheidung: Er machte einen Laden auf und verkaufte den Goldgräbern die entsprechende Ausrüstung. Zugleich spekulierte er waghalsig auf dem damals boomenden Immobilienmarkt: San Francisco wuchs in den Jahren 1848 und 1849 rasant: Binnen eines Jahres schnellte die Einwohnerzahl der Stadt - dem Goldrausch sei Dank - von 900 auf über 25.000. Norton machte ein Vermögen, bis er sich mit peruanischem Reis verspekulierte und bankrottging.

Norton verschwand zunächst im Armenviertel, bis er am 17. September 1859 seine bald stadtbekannte Ernennung zum Kaiser verkündete. Der selbsternannte Herrscher hatte nur Gutes im Sinn - und regierte flott drauflos: "Ich beordere zum 1. Februar kommenden Jahres sämtliche Vertreter der Unionsstaaten in die städtische Music Hall, um dortselbst solche Gesetzesänderungen durchzuführen, welche geeignet sind, die Übel zu beseitigen, unter denen das Land leidet." Ob dem Aufruf tatsächlich ein Auftritt folgte, ist allerdings nicht überliefert. Dass tatsächlich Delegierte anreisten, darf jedoch bezweifelt werden.

Regent mit eigener Währung

Norton I. machte dennoch weiter. Und kümmerte sich dabei auch um Details: Höchstpersönlich nahm er die Straßen von San Francisco in Augenschein. Auf diesen Inspektionsgängen teilte der Kaiser Lob und Tadel aus. Persönlich wies er etwa den Direktor der Straßenbahn-Gesellschaft an, eine Schraube gegen ein sicheres Exemplar auszutauschen.

Vielleicht lag es an seiner freundlichen Art, die dafür sorgte, dass die Menschen ihm zuhörten, vielleicht war es aber auch sein Respekt einflößendes Erscheinungsbild: Norton I. paradierte in einer prächtigen Uniform mit goldenen Schulterstücken durch die Straße. Auf dem Kopf einen Zylinder aus Biberfell, an seiner Seite Bummer und Lazarus, zwei Straßenhunde, die er adoptiert hatte.

Wie sehr das Volk seinen Kaiser liebte, wurde 1867 klar. Als ein Polizist Norton I. wegen Stadtstreicherei und des Verdachts auf Geisteskrankheit verhaftete, ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit. Die Zeitungen riefen die Bevölkerung zum Aufstand auf. Doch die Sache endete für beide Seiten glimpflich: Der Polizeichef entließ Norton und entschuldigte sich, der Kaiser verzieh huldvoll diesen Hochverrat. Als Ausgleich salutierten die Polizisten zukünftig, wenn sie Norton begegneten.

Die Beliebtheit des Kaisers machte dem bettelarmen Regenten sein Leben auch sonst erheblich angenehmer: In Restaurants, die sich mit dem Satz "Hoflieferant Seiner Kaiserlichen Majestät, Kaiser Norton I." schmücken durften, speiste er kostenlos. Als die kaiserliche Uniform eines Tages verschlissen war, spendierte ihm die Stadt eine neue. Schließlich war Norton in seinem speziellen Aufzug längst eine Berühmtheit, die sogar Touristen anzog. Der Kaiser zeigte sich erkenntlich für die Kleiderspende: Er sandte den Mitgliedern des Stadtrates einen Adelsbrief.

Wie es sich für einen echten Monarchen gehört, gab er Banknoten mit dem eigenen Konterfei heraus, die tatsächlich akzeptiert wurden. Fast alle Händler in San Francisco nahmen Nortons Kunstgeld. Die Noten verkauften sie an Touristen und Sammler weiter.

Denkmal von Mark Twain

Unterdessen druckten die Zeitungen eifrig weiter Nortons Proklamationen und Erlasse ab. Anfangs nur aus Spaß, doch tatsächlich gab Norton I. dem Volk, das nicht seins war, eine Stimme. So sollte die Anordnung zur Auflösung des Kongresses von 1860 die dort von vielen Bürgern vermutete Korruption bekämpfen. Als Lokalpatriot untersagte er zudem bei Geldstrafe die "Benutzung des fürchterlichen Begriffs Frisco" anstelle von San Francisco. Und mehr noch: 1872 befahl Norton den Bau einer Brücke über die San Francisco Bay, um seine Metropole mit der Stadt Oakland zu verbinden. Den Bau erlebte Norton I. allerdings nicht mehr. Erst in den dreißiger Jahren wurde tatsächlich eine Brücke errichtet, die Oakland Bay Bridge.

Ob Norton I. ein armer Irrer oder ein gewiefter Selbstdarsteller war, dessen skurrile Auftritte ein Geschäftsmodell zur Selbstvermarktung waren, darüber stritten sich die Bürger San Franciscos. Auch ein berühmter Zeitgenosse machte sich Gedanken über den Geisteszustand Nortons. Mark Twain lebte in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Nachbarschaft des Kaisers, der in einem heruntergekommenen Haus ein winziges Zimmer bewohnte.

Während andere später meinten, dass der Kaiser unter Schizophrenie litt, hielt Twain Norton für einen famosen Schauspieler - und machte ihn unsterblich: Der "König" in "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" ist Norton nachempfunden. In dem Literaturklassiker schreibt der Autor in Anlehnung an Norton: "Er schien geradezu zum Schauspieler geboren zu sein. Wenn er ganz bei der Sache und gut aufgelegt war, dann war es fabelhaft anzusehen, wie er sprach und sich bewegte."

Briefe an die Queen von England

Auch europäische Regenten kamen zumindest mittelbar in den Genuss von Nortons Auftritten. Königin Victoria von England, der deutsche Kaiser oder auch der französische Präsident - sie alle erhielten Post aus San Francisco. 1876 besuchte der brasilianische Kaiser Dom Pedro II. die USA und Nortons Heimatstadt. Der südamerikanische Regent bewies, dass Norton längst über die Grenzen der USA hinaus bekannt war. Der echte Kaiser wollte den selbsternannten unbedingt persönlich treffen. Im edlen Palace-Hotel begegneten sich die Monarchen und parlierten eine Stunde lang miteinander.

Am 8. Januar 1880 schließlich endete Nortons Regentschaft. Als er wie so häufig zwischen seinen Untertanen durch die Straßen streifte, fiel er plötzlich tot um. Am nächsten Tag titelte der "San Francisco Chronicle" betroffen: "Der König ist tot." Knapp sechs Dollar und ein französischer Franc von 1828 hinterließ er, sein Begräbnis sollte dennoch eines Kaisers würdig sein. Edle Spender sammelten, um den Herrscher in Ehren zu verabschieden. Bis zu 30.000 Menschen sollen seinen Sarg zum Friedhof begleitet haben. Den Grabstein zierte in goldenen Lettern die Inschrift: "Norton I. Kaiser der Vereinigten Staaten und Schirmherr von Mexiko".

Ob der verblichene Monarch in der Tat nur eine Rolle spielte oder sich wirklich für einen Kaiser hielt, wird sich niemals klären lassen. Fest steht aber: Wenn es sich um ein Schauspiel gehandelt hat, war er die einzige würdige Besetzung.

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insgesamt 15 Beiträge
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1.
thomas huber 03.04.2013
Mark Twain lebte u.a. im 19. Jahrhundert. Ansonsten ein sehr unterhaltender Artikel!
2.
Redaktion einestages 03.04.2013
Hallo Herr Huber, vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler im Text mittlerweile behoben.
3.
Berthold Beiter 03.04.2013
Bitte nicht vergessen: Morris/Goscinny - Lucky Luke "Der Kaiser von Amerika" MfG B.Beiter
4.
Jörg Kerber 03.04.2013
Was noch erwähnenswert wäre, dass in einem Band der Comic Serie "Lucky Luke" nämlich "Der Kaiser von Amerika", Norton I. gedacht wird. Die Geschicht spielt zwar nicht in San Fransisco, hat aber eben diese Norton I. als Inspiration.
5.
bantha food 03.04.2013
Christoper Moore hat ihm ein grandioses Denkmal geschaffen. "Der Kaiser" und die Hunde sind Figuren in etlichen seiner Bücher!
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