Joy Division in Köln Zwischenreich des Post-Punk

In einem kleinen Kölner Club spielte im Januar 1980 eine Band, die in Deutschland fast keiner kannte: Joy Division. Vier Monate später war Frontmann Ian Curtis tot - und die Gruppe plötzlich Pop-Legende. Michael Kloft über einen unvergesslichen Auftritt und Abgang.

Patrick Pappi Pearse

Wer den Raum heute für eine Feier mieten möchte, muss 275 Euro aufbringen. Der Club mit Namen "Basement" verheißt eine urige kölsche Atmosphäre. Hier soll Wolfgang Niedecken seinen Gitarristen Klaus Heuser gefunden haben, hier trommelte Tommy Engel. Die Krypta zum "Avrocke" unter der evangelischen Christuskirche in Köln hätte es somit immerhin zu einer Fußnote in der lokalen Musikgeschichte gebracht - wäre sie nicht für einen Abend zum Zwischenreich des Postpunk-Olymps avanciert. Es war der 15. Januar 1980, ein Dienstag, und in der Backsteingruft gastierte eine in Deutschland nahezu unbekannte Band, die bereits ein halbes Jahr später Pop-Legende ist - weil sich ihr Frontmann das Leben nahm.

Rückblende: Ian Curtis, Sänger der englischen Band Joy Division, ist Ende der siebziger Jahren 23 - und ein Zerrissener. Die Band hat es in Großbritannien zu einiger Bekanntheit gebracht, 70 Konzerte im abgelaufenen Jahr gegeben, ein Album und eine Single sind auf dem Markt. 1980 soll den Durchbruch in Europa bringen, eine Tour durch die Niederlande, Belgien und Deutschland macht den Anfang. Am 10. Januar stehen die Koffer gepackt im Wohnzimmer in der Barton Street in Macclesfield bei Manchester. Curtis hasst das Reisen, im Bandbus kann er seine Beine nicht ausstrecken. Nur Fliegen wäre noch schlimmer. Er beichtet seiner Frau Deborah nicht, dass er Annik mitnehmen wird, seine belgische Geliebte. Vor drei Tagen hat die Band ein paar neue Songs aufgenommen. Alle sind sich sicher: "Love will tear us apart" wird die nächste Single sein.

Unsicherheit, Verwirrung, Suche

Der erste Gig der Tour am 11. Januar in Amsterdam bringt eine große Enttäuschung. Zwar hatte im "Paradiso" schon Curtis' Idol Jim Morrison mit den Doors begeistert, doch der Laden ist nicht viel mehr als eine heruntergekommene ehemalige Kirche. Alle sind froh, als es vorbei ist. 1500 Fans pro Show hatten "Joy Division" im Jahr zuvor in London und Manchester - an den folgenden Tagen in Den Haag, Nijmegen und Antwerpen kommen gerade ein paar hundert, darunter sogar langhaarige Hippies.

Peter Bömmels erwartet ungeduldig das neue Jahrzehnt. Seit er weiß, dass Joy Division in die Stadt kommt, ist er ziemlich aufgeregt. Der 28 Jahre alte Maler hat gerade ein eigenes Atelier in Köln bezogen. Im Hinterhof der Mühlheimer Freiheit Nr. 110 träumen Hans-Peter Adamski, Jiri Dokoupil und er von einer großen Karriere wie einst die Expressionisten der "Brücke" und des "Blauen Reiter". Bömmels ist vom ersten Joy-Division-Album "Unkown Pleasures" fasziniert, für ihn eine der "vielsagendsten LPs der letzten Jahre". Stücke wie "She's lost control", "Disorder" und "I remember nothing", schreibt er Monate später in der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Spex", "sind präzise und gehaltvolle Gefühlsbilder der eigenen Unsicherheit, Verwirrung, Suche (...) die Angst, ausgelöscht zu werden, verfolgt zu werden (...) kalter Stahl, Fensterreihen, Neon (...) Erinnerung an Kind-Sein, Sehnsucht nach Freunden, zu Hause fremd sein, kalte Wut."

Die Musiker sind genervt. Auf ihrer langen Fahrt durch Belgien muss die Band in Antwerpen in einer billigen Absteige übernachten. Der Busfahrer hat große Mühe, die kleine Straße in Köln zu finden. Der Sänger ärgert sich über den schlechten Sound der letzten Konzerte - und jetzt soll er wieder in einer Kirche auftreten. Auf die Bühne des "Basement" passen gerade eben vier Leute samt Equipment, und das Backsteingewölbe fasst maximal 250 Fans. Die Initiative "Alternative Rock in Köln" nutzt den Jugendkeller unter der Christuskirche mit Genehmigung der Gemeinde für Konzerte.

Ernsthafte Botschaft

Die Eintrittskarte ist rosa mit kleinen Sternchen: Dienstag, 15.1. 20 Uhr, Joy Division, 6,50 Mark. GB steht klein in der Schleife des J. Vor ein paar Wochen spielte schon einmal eine Punkband aus England in der Herwarthstraße, doch Charge hinterließen keinen bleibenden Eindruck.

In gleißendes Licht getaucht wirkt der kleine Raum unter der Kirche noch sakraler. Eine Fangemeinde von etwa 150 jungen Leuten wartet auf den Beginn des Konzerts. Live soll die Band noch besser sein als auf Vinyl, erzählen Wissende wie Peter Bömmels, genial dilettantisch, aber mit Seele, nicht etwa ambitionierte Kunststudenten wie David Byrne von den Talking Heads, sondern einfach gestrickte Musiker mit einer ernsthaften Botschaft.

Verhaltene Synthesizerklänge von Bernard Albrecht (a.k.a. Sumner) eröffnen den Song "Atmosphere", Schlagzeuger Stephen Morris und Bassist Peter Hook geben den typischen Beat von "Joy Division" vor. Ian Curtis wirkt hinter dem Mikro wie ein Schuljunge, die Augen verraten seine Unsicherheit, seine Zerbrechlichkeit: "Walk in silence ..."

In Ekstase

Kaum ist das letzte "Don't Walk Away" verklungen, zerreißt das Intro des nächsten Songs die noch verhaltene Atmosphäre im "Basement" wie ein Blitz, und nichts ist mehr, wie es vorher war. "When routine bites hard, and ambitions are low", Ian Curtis singt die ersten Verse des Liedes, das ihn weit über den Tod hinaus unsterblich machen wird: "Love will tear us apart", die Hymne der Verzweiflung über das Ende einer Liebe. Der junge Musiker auf der Bühne, wundert sich Peter Bömmels in diesem Moment, singt das mit aller Liebe, die er aufbringen kann. Die Intensität des Augenblicks ist unbeschreiblich, auch ein damals 18 Jahre alter Gymnasiast aus Bonn speichert ihn ab für die Ewigkeit.

Ein Song folgt auf den nächsten, immer treibender, immer perfekter auf einander aufbauend: "These Days", "Insight", "She's Lost Control". Die Punks im Raum hüpfen den Pogo, sichtbar auch als zuckendes Schattenspiel auf den Wänden. Das Publikum "tanzte innen wie außen", erinnert sich Bömmels ein paar Monate später, es ist sein erster Artikel für die "Spex". "Ian Curtis, zappelnd, beschwörend, ständig mit den Armen rudernd, schreiend und dann wieder flüsternd, verkörperte die Seele der Gruppe, war ihr Brennpunkt." Eine unmerkliche Steigerung meint er in dem Konzert zu erkennen, "die weichen melancholischen Töne färbten sich zu hartnäckigen, widerspenstigen".

Eine Dreiviertelstunde lang treibt die Band das Publikum zur Ekstase: Das mächtige "Day of the Lords" erschüttert die Kirche in ihren Grundfesten. "Shadowplay", "Interzone", "Disorder". Es ist große existentielle Musik, nicht blanke Wut oder banale Oberflächlichkeit. Ian Curtis fängt die Spannung im Raum manchmal mit gleichmütiger, ruhiger Stimme auf oder schreit sie, wenn nötig, heraus: "Were will it end, where will it end."

"Die Musik ist keine Feier des Untergangs, schöne Dekadenz oder Koketterie mit Tod und Selbstzerstörung", schreibt Bömmels. Auch ihn hat die Nazi-Trommlerzeichnung auf einer frühen Single der Band verstört, der Name Joy Division soll sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen. All das sei harmlos, glaubt der Künstler, ein Spiel mit verbotenen Symbolen aus Lust an der Provokation.

Abbruch

Schon in seiner Schulzeit zeichnete Ian Curtis gerne Soldaten, er interessiert sich für Stil und Geschichte des "Dritten Reichs", doch wirklich fasziniert ist er von menschlichem Leiden, erinnert sich Ehefrau Deborah später: "Das ganze kulminierte in einer ungesunden Besessenheit für seelischen und physischen Schmerz." Seit die Ärzte Epilepsie bei ihm diagnostiziert haben, ist der Sänger noch unruhiger als sonst. Vor Publikum einen Anfall zu erleiden, ist ihm peinlich, die Angst hält ihn nicht davon ab, trotzdem alles zu geben.

Das Konzert in Köln ist auf dem Siedepunkt, als Joy Division ihre im Oktober 1979 erschienene Single anstimmen. Ian Curtis singt mit noch tieferer Stimme als sonst "Radio, live transmission". Plötzlich bricht der Sänger zusammen. Das Publikum reagiert zunächst ratlos, hält die verstörende Szene für einen Teil der Show. Erst als Rettungssanitäter auf die Bühne eilen, den sich Windenden hinausbringen, erkennt es den Ernst der Situation. Nach kurzer Zeit kehrt Curtis zurück, will unbedingt weiter singen. Die Band spielt "Atrocity Exhibition", doch dann ist das Konzert plötzlich vorbei.

Joy Division spielen noch weitere Konzerte in den Niederlanden und eines im Berliner Kantkino. Ende Januar kehrt die Band nach Manchester zurück. Am Vorabend einer Tournee durch die USA nimmt sich Ian Curtis am 18. Mai 1980 mit einem Strick das Leben. Ehefrau Deborah findet ihn in der gemeinsamen Küche. Die Band reformiert sich noch im selben Jahr als New Order. Peter Bömmels wird 1980 Mitbegründer der Musikzeitschrift "Spex" und macht als Künstler und Kunstprofessor Karriere.

Zum Weiterschauen:

Deborah Curtis, Matt Greenhalgh: "Control". 2007.

Die DVD erhalten Sie bei Amazon.

Zum Weiterlesen:

Peter Bömmels: "Joy Division - Ein Stück näher an was", Spex Nr. 1, September 1980.

Deborah Curtis: "Touching From A Distance - Ian Curtis and Joy Division", London 1995.

Mick Middles, Lindsay Reade: "Torn Apart - The Life of Ian Curtis, London 2006.



insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Jörn Hoos, 18.01.2010
1.
Ich möchte Teil einer Jugendbewegung gewesen sein... Und wenn jemand in der ersten Ausgabe der Spex etwas schreibt, ist klar, dass das sein erster Artikel in der Spex ist.
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