Judas-Priest-Sänger Rob Halford "Die Reißleine in letzter Sekunde gezogen"

Seine Stimme gehört zu den berühmtesten im Heavy Metal - seit fast einem halben Jahrhundert. Robert Halford über Bühnenoutfits aus dem Sexshop und seinen langen Kampf gegen die Drogen.

Fin Costello/Redferns

Ein Interview von


Zur Person
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    Robert John Arthur Halford wurde am 25. August 1951 in Sutton Coldfield, England geboren und wuchs im Arbeiterviertel Walsall in Birmingham auf. Durch seine Schwester Sue, die mit Bassist Ian Hill liiert war, kam Halford 1972 als Sänger zu Judas Priest. Die Gruppe gilt als eine der wichtigsten im Heavy-Metal. Ende der Siebzigerjahre erfand Halford den Metal-typischen Leder- und Nieten-Look. 1992 verließ er Judas Priest, um sich Soloprojekten zu widmen, 2003 kehrte er zur Band zurück. Tourdaten 2018: 19.6. Freiburg; 20.6. Mannheim; 28.7. Wien; 31.7. München; 2. bis 4.8. Wacken; 8.8. Dortmund.

einestages: Herr Halford, Sie und Ihre Judas-Priest-Kollegen stammen aus der britischen Stahlstadt Birmingham. Passender geht's ja nicht für eine Metal-Band. Beeinflusste das Umfeld ihre Musik?

Halford: Die Atmosphäre mit den riesigen Stahlwerken, den tristen Mietskasernen, dem ewig grauen Himmel scheint perfekt für Heavy Metal zu sein. Kein Wunder, dass der Stil hier Ende der Sechziger von Black Sabbath erfunden wurde.

einestages: Wie erlebten Sie Ihre Jugend in Birmingham?

Halford: Im Arbeiterviertel Walsall sind meine Wurzeln, ich bin dankbar, dass ich dort aufwachsen durfte. Ich bin in einer finanziell schwachen, aber intakten Familie großgeworden, die sehr einfache Bedürfnisse hatte - Dach überm Kopf, Essen auf dem Tisch, passt! Ich habe zu Hause viel Liebe erfahren, Respekt vor anderen und Ehrlichkeit spielten eine große Rolle. Mein Vater schuftete in einem Stahlwerk, mir war aber früh klar, dass mir eine andere Art von Schwermetall vorschwebte.

einestages: Vor einigen Jahren sind Sie nach Phoenix, Arizona gezogen. Hatten Sie genug vom grauem Himmel?

Halford: Ja! Ich habe das Glück, dass ich mir heute leisten kann, zu leben, wo ich möchte. In Phoenix scheint die Sonne und es geht entspannt zu. Ich mache dort Touren mit meiner Harley und besuche meinen Freund Alice Cooper, der um die Ecke wohnt. Aber den Kontakt zur Heimat habe ich nie abgebrochen. Ich liebe Birmingham und komme regelmäßig, um meine Schwester und meinen Bruder zu besuchen. Sie sind ja die einzigen, die ich noch habe. Meine Mutter Joan starb vor einem Jahr, Barrie, mein Dad, drei Jahre zuvor.

einestages: Auf der Bühne wirken Sie aggressiv. Wie sind sie privat?

Halford: Das genaue Gegenteil! Ich bin ein ruhiger Zeitgenosse. Wenn ich zu Shows fahre, ist das für mich wie zur Arbeit zu gehen. Und da gebe ich 100 Prozent. Das Schöne am Heavy Metal ist doch, dass die Konzerte eine Fantasiewelt bieten, zwei Stunden lang können wir alles rauslassen. Metal ist laut, es ist groß, es gibt Verstärkertürme, Laser, Feuer, Rauch. Wenn ich vor der Show mein Bühnenoutfit anlege, spüre ich eine wahnsinnige Energie und verwandle mich in einen anderen Menschen. Nur so kann ich es schaffen, gegen diesen imaginären Heavy-Metal-Drachen auf der Bühne zu kämpfen und ihn zu besiegen (lacht).

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Rob Halford von Judas Priest: Der "Metal God" und seine Priester

einestages: Am 6. Januar dieses Jahres waren sie 32 Jahre drogenfrei. Noch immer ein besonderes Datum für Sie?

Halford: Absolut! Die Drogen hätten mich fast das Leben gekostet. Ich habe dieses Jubiläum auf Instagram gepostet, weil ich es mit den Fans teilen wollte. Ich hatte Tausende Kommentare von Metalheads, die auch mit Drogen in Berührung gekommen sind. Manche waren gerade eine Woche clean, manche länger als ich selbst. Wenn jemand meint, Metal und Saufen gehören zusammen, halte ich das für absoluten Schwachsinn.

einestages: Warum sind Drogen im Rock'n'Roll so verbreitet?

Halford: Es ist ein großes Privileg, wenn man jeden Abend in ausverkauften Hallen auftreten darf. Und es ist schwierig, das mit dem Privatleben in Balance zu bringen. Die Achtziger waren wie eine einzige Party. Wir haben wie verrückt gekokst und gesoffen. Nach den Shows feierten wir bis zum Sonnenaufgang. Das war alles ganz normal - dachten wir zumindest. Aber am nächsten Abend mussten wir wieder auf die Bühne und ich fühlte mich beschissen. Meine Stimme klang scheiße, manchmal habe ich sogar den Text vergessen. Das war echt unangenehm. Das gefährliche an Drogen ist, dass sie Schäden anrichten, die du erst nicht wahrnimmst. Bei mir nahm die Sucht Mitte der Achtzigerjahre lebensbedrohliche Ausmaße an - ich habe die Reißleine in allerletzter Sekunde gezogen.

einestages: Also kein Mut-Antrinken vor Konzerten mehr?

Halford: Ich bin ein typischer Brite, ich trinke vor der Show immer eine schöne Tasse Tee.

einestages: Ziemlich unbritisch ist allerdings der Leder- und Nieten-Look im Heavy Metal, als dessen Erfinder sie gelten. Die Outfits sollen Sie damals im Sexshop gefunden haben.

Halford: Stimmt. Da gab es diesen Laden in London, in dem ich stundenlang stöberte und schließlich mit ein paar Leder-Chaps, Ketten, Handschellen und einer Bullenpeitsche rauskam. Die Verkäuferin war schwer beeindruckt (lacht).

einestages: Entspricht dieses Spielzeug Ihren privaten Neigungen?

Halford: (gespielt entrüstet) No!! Es sieht so aus, trifft aber nicht zu! Inspiriert hat mich dazu vielmehr Elvis Presley, der bei seinem legendären Comeback-Special 1968 diesen schwarzen Lederanzug trug. Er ist der ultimative Rebell.

einestages: Ihre Bandkollegen zogen damals outfittechnisch wohl nicht gleich mit?

Halford: Wenn ich heute alte Bandfotos betrachte, muss ich grinsen. Da stehe ich in der Mitte mit Leder und Ketten und neben mir Drummer Les Binks im Cowboyhemd und Gitarrist Glenn Tipton in einer silbernen Discojacke. Wir waren halt auf der Suche nach einem Look, der unserem Sound entsprach, aber das brauchte einige Zeit.

einestages: Ein gewisser Machismo ist ja verbreitet im Rock'n'Roll. In den frühen Achtzigern machten Sie und Ihre Kollegen heiße PR-Fotos mit einem blonden Model - in ziemlich eindeutigen Posen…

Halford: ...auf meiner Harley, in einem Hotelbett. Ja, ja. Solche Fotos wären heute streng verrrboooten (spricht deutsch). Die Bilder sind definitiv sexistisch und ich würde das auch nicht mehr mitmachen. Wir wollten aber in keinster Weise das weibliche Geschlecht herabwürdigen. Das Model, Penthouse-Pet Cheryl Rixon, ist bis heute eine gute Freundin.

einestages: Was sagen Sie zu den aktuellen Sex-Skandalen um Harvey Weinstein und Kevin Spacey?

Halford: Es spielt keine Rolle, ob es hier um hetero- oder homosexuelle Gewalt geht. Beides ist nicht tolerierbar. Die Schuldigen müssen in die Verantwortung genommen werden. Wichtig ist, dass keine Minderheit in Generalverdacht gestellt wird, was sexuelle Gewalt betrifft.

einestages: Spaceys Coming-out im Zuge gegen ihn erhobener Missbrauchsvorwürfe wurde in dieser Hinsicht kritisiert. Ihr eigenes Coming-out fand 1998 eher durch Zufall statt.

Halford: Während eines MTV-Interviews rutschte mir der Satz "Also, ich als schwuler Mann…" raus. Ich war selbst verdutzt, aber im Nachhinein war es das Beste, was passieren konnte. Mir fiel in diesem Moment eine Last von den Schultern, bis dahin hatte ich "in the closet" gelebt, außer guten Freunden, meiner Band und dem Plattenlabel wusste kaum jemand was über mein Privatleben - man konnte ja nicht wissen, wie darauf reagiert würde. Das hat mich belastet, und das war einer der Gründe, warum ich zu Drogen griff. Es war eine Flucht vor der Realität.

einestages: Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Outing gemacht?

Halford: Das Feedback war fantastisch. Meiner Karriere tat das Coming-out keinen Abbruch, Metal und Homo geht!

einestages: Ihre Songs vom neuen Album "Firepower" tragen Titel wie "Evil never dies", oder "Never the Heroes" - nur Fiktion oder politische Anspielungen?

Halford: Mit unseren Songs wollen wir sowohl das wahre Leben als auch Fantasiewelten darstellen. Judas Priest bietet seit jeher eine Form von Eskapismus aus dem Alltag. Wir beobachten die Welt und schreiben darüber, das ist auch mal politisch. Heavy Metal ist ein Ventil: Du willst bei einem Konzert deinen Ärger rausschreien und headbangen, dazu müssen die Texte passen.

einestages: Als beinharter Metalhead sollen Sie aber auch eine heimliche Vorliebe für Pop haben.

Halford: Ich bekenne mich schuldig (lacht). Als Musiker bin ich offen für vieles aus allen Genres. Manche Metal-Fans werden mich vielleicht für verrückt erklären, aber in meiner Sammlung finden sich Platten von Frank Sinatra, Tony Bennett, Michael Bublé, Barbra Streisand, Lady Gaga, auch von George Michael und Michael Jackson. Alles großartige Stimmen.

einestages: Ihre Stimme ist nun seit bald 50 Jahren eine der bekanntesten im Metal. Aber erst 2017 wurde Judas Priest nominiert für die Rock And Roll Hall Of Fame. Am Ende hat es nicht geklappt. Enttäuscht?

Halford: Klar. Man hat das Gefühl, dass Metal vom Gremium als minderwertig angesehen wird - trotz der Millionen Fans. Ich denke schon, dass Judas Priest für diese Ruhmeshalle qualifiziert sind. Früher oder später kommen wir auch rein, ich hoffe nur, dass wir dann noch auf die Bühne klettern können, um zu rocken.

Am 12. Februar 2018 gab der an Parkinson erkrankte Judas-Priest-Gitarrist Glenn Tipton bekannt, aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Band-Tour im selben Jahr teilzunehmen. Das Gespräch mit Rob Halford fand vor dieser Bekanntgabe statt.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
peter baetz, 20.02.2018
1. wer
rock'n'roll in seiner härteren form mag, ist in birmingham garantiert richtig aufgehoben: steve gibbons band oder, wie oben erwähnt, judas priest (melodiöseres gabs übrigens - in brumbeat city - auch reichlich ...). und dann waren da noch die unsterblichen "peaky blinders" (movie) ...
x c, 20.02.2018
2.
Painkiller ist eine Blaupause des Heavy Metal und die Reifeprüfung für Gitarristen. Der Song war mal komplett in der Guitar transkribiert - heftig auch der Gesang, Bass und Schlagzeug.
Peter Rosenstein, 20.02.2018
3.
Judas Priest, die Band, die mich neben Black Sabbath und Iron Maiden in den Siebzigern zum Metal gebracht hat. Rob Halfort, dieses Vier-Oktaven-Monster, dessen Stimme ich gerne hätte. Und Metal, wo es egal ist, ob jemand homo- oder heterosexuell ist. Ich liebe es und vielen Dank, Rob!
Marc Oliver Burkhardt, 20.02.2018
4. Danke!
Judas Priest haben mein Leben verändert! Ich war 14, als Painkiller erschien. Diese Gitarren! Diese Soli! Dieses absolut geile Geschrei! Oft nach der Schule im Bett gelegen und nebenher gehört. Dabei häufig in eine Art Halbschlaf abgerutscht, wo ich mich dann die Songs spielend auf der Bühne gesehen habe. Die Enttäuschung nach dem aufwachen, daß es nur ein Traum war, hat mich ca. ein Jahr später selbst zum E-Gitarre spielen gebracht. Und dann gab es nichts anderes für mich... Priest sind nicht nur eine Band für mich, sie sind ein Teil meiner selbst! Ich liebe diese Band!!!
Martin Martin Franzkowiak-Meesin, 20.02.2018
5. Stimmt
Klasse Typ mit geiler Stimme, offen und humorvoll. Metal und Homo geht? Klar doch, Rob!
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