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Ghettospuren in Theresienstadt Letzte Lebenszeichen an der Wand

Spurensuche in Terezin: Zeichen an der Wand Fotos
WILDFISCH/ Roland Wildberg, Uta Fischer

Malereien, Verse, Graffiti: In Theresienstadt inhaftierte Juden hinterließen Hunderte Spuren, die von der Not und Verzweiflung in dem NS-Zwangslager zeugen. Fast 70 Jahre lang blieben sie verborgen - bis eine Stadtplanerin sie entdeckte. Von

Bevor Alfred Freund ermordet wurde, ritzte er eine verschlüsselte Botschaft in ein Festungstor des Ghettos: "AKB Mezina 628". Das Graffito offenbart die persönliche Nummer des Häftlings, der 1942 mit dem Transport AKB aus Budweis nach Theresienstadt gekommen war. Am 29. September 1944 wurde Alfred Freund, der Häftling mit der Nummer 628, von dort aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Das Ghetto Theresienstadt in Nordböhmen war für Alfred Freund, genau wie für Zehntausende andere Inhaftierte, eine Durchgangsstation auf dem Weg zu den Todesfabriken im Osten. Die in den Sandstein geritzten Buchstaben und Zahlen sind das letzte bekannte Lebenszeichen von Freund. Entdeckt wurde es im Jahr 2004 per Zufall - durch die Freilegung eines bis dahin militärisch genutzten Festungstors.

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NS-Ghetto Theresienstadt: Die Lüge vom "Vorzeigelager"
Wie Freund hinterließen noch zahlreiche weitere Lagerhäftlinge kleine persönliche Botschaften: Wandmalereien und Verse, Kritzeleien, Graffiti und kleine Gegenstände. "Ghettospuren" nennt Uta Fischer diese Relikte, die sie und ihre Mitarbeiter an mehr als 60 Orten innerhalb der Stadt, auf Dachböden, in Kellern, an Wänden und Kaminen, aufgespürt haben. "Ghettospuren" lautet auch der Name des Mammut-Projekts, das die 44-jährige Stadtplanerin und Journalistin angestoßen hat: die Sichtung und Dokumentation all dieser knapp 70 Jahre lang unentdeckt gebliebenen Zeugnisse jüdischen Lebens.

Gefängnis für mehr als 140.000 Juden

"Theresienstadt ist übersät mit Relikten aus der Zeit des Ghettos. Es ist mir nicht bekannt, dass es ein NS-Lager gibt, in dem eine solche Fülle vergleichbarer Hinterlassenschaften von Häftlingen existiert", sagt Uta Fischer. Gemeinsam mit einem deutsch-tschechischen Team von Autoren, Denkmalpflegern und Restauratoren haben sich Uta Fischer und der Autor und Fotograf Roland Wildberg der Sicherung dieser Spuren verschrieben.

Zwar beschäftigten sich zahlreiche Wissenschaftler in den vergangenen Jahren mit der düsteren Historie des Ghettos Theresienstadt, jener von hohen Mauern umgebenen, spätbarocken Festungsstadt, die von den Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1945 als Sammel- und Durchgangslager für mehr als 140.000 Juden missbraucht worden war.

Weitgehend unbekannt ist indes, dass in der nach dem Krieg erneut besiedelten Gemeinde Terezin - so der heutige Name für die rund eine Autostunde nördlich von Prag gelegene Kleinstadt - noch immer zahlreiche Spuren der NS-Häftlinge versteckt sind. Hinter jedem Fund verbirgt sich ein Mensch, eine Geschichte, ein Fragezeichen.

Grabhügel mit Kreuz, tränendes Herz

In Augenhöhe eines Kindes, an der Wand einer zwölf Quadratmeter großen Dachkammer, dokumentierten Fischer und ihr Team das Bild zweier Händchen haltender Marienkäfer, jeder von ihnen mit einem schwarzen Hut versehen: Wer war der Urheber der Zeichnung? Diente der Raum als Kinderzimmer? Insgesamt 15.000 Kinder waren in Theresienstadt gefangen - nur die wenigsten haben überlebt.

Ein Hinweis eines Bewohners führte Fischer auf einen anderen Dachboden, zu der Zeichnung eines Grabhügels mit Kreuz, daneben steht der tschechische Name "Vera Voborska". Im gleichen Raum malte ein Häftling ein von einem Pfeil durchbohrtes, tränendes Herz mit den Initialen "H" und "K" an die Wand. Wer war Vera Voborska, wem gehörten die Initialen des Liebespaars?

Und wer war der Autor des ebenfalls auf der Dachkammer gesichteten holländischen Verses, der sich über die Ungezieferplage im Ghetto beschwert? "O Wanze, o unheimliches Biest, was tanzt du die ganze Nacht auf mir herum", steht an der Wand zu lesen. Unweit davon zeichnete jemand die Prager Karlsbrücke an die Wand: Sehnsuchtsort zahlreicher in Theresienstadt inhaftierter Juden.

1,62 Quadratmeter pro Häftling

Noch tappt Fischer oft im Dunkeln, wenn es um die Urheber der Ghettospuren geht. Zahlreiche der an dem Festungstor entdeckten Graffiti indes, auf denen die Häftlinge ihre Namen, Initialen oder - wie im Fall Alfred Freunds - Transportnummern eingeritzt hatten, konnten bereits identifiziert werden. Um die Schicksale hinter den gesichteten Spuren ausfindig zu machen, appelliert Fischer auf der Website www.ghettospuren.de an Verwandte oder Freunde von Überlebenden des Ghettos.

Viele sind es nicht mehr, die noch Zeugnis über das unmenschliche Leben in Theresienstadt ablegen können, über jene, so der Historiker Wolfgang Benz, "Realität zwischen Hoffnung und Vernichtung, zwischen Täuschung, Illusion und Untergang." Auch wenn das NS-Zwangslager unter jüdischer Selbstverwaltung stand und laut Benz formal kein Konzentrationslager war, herrschten dort KZ-artige Bedingungen.

Nachdem die Nationalsozialisten die Bewohner von Theresienstadt vertrieben hatten, pferchten sie die aus der Tschechoslowakei, Deutschland, Österreich, Holland, Polen, Ungarn und Dänemark stammenden Juden in elenden Massenquartieren zusammen. Genau 1,62 Quadratmeter Fläche, so dokumentiert es ein Tätigkeitsbericht der jüdischen Selbstverwaltung, standen im August 1942 jedem Häftling zum Wohnen, Leben und Sterben zu.

Zynische Mär vom Promi-Ghetto

Die Menschen litten an Hunger ebenso wie unter den katastrophalen sanitären Verhältnissen und der Zwangsarbeit. Mehr als jeder vierte starb vor Ort. Hinzu kam die ständige Angst davor, in eines der Vernichtungslager im Osten abtransportiert zu werden: ein Schicksal, das rund 88.000 der in Theresienstadt internierten Menschen teilten - mehr als 60 Prozent. Von den Juden aus Böhmen und Mähren wurden sogar 90 Prozent in die Todesfabriken deportiert.

In ihrer grenzenlosen Menschenverachtung verklärten die Nationalsozialisten das Zwangslager Theresienstadt als eine Art Kurort für besonders Privilegierte: Der Welt gegenüber präsentierten sie das Ghetto wahlweise als Vorzeigelager, Alterssitz oder gar "jüdisches Siedlungsgebiet" - so der Titel eines 1944 in Theresienstadt gedrehten, in seinem Zynismus kaum erträglichen Propagandafilms, in dem die Internierten vor der Kamera Fußball spielen, musizieren, duschen mussten.

Um sich in das vermeintliche Promi-Ghetto einzukaufen, knöpfte das NS-Regime den deutschen Juden 150 Reichsmark pro Monat ab und gaukelte ihnen Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Betreuung auf Lebenszeit vor. Ein vermögender Berliner, so hat Benz recherchiert, zahlte mehr als 200.000 Reichsmark für den Eintritt ins Ghetto Theresienstadt. Statt des erhofften Paradieses fand er die Hölle vor.

Folterzellen unter der Sparkasse

Nur 23.000 Theresienstädter Häftlinge haben den Holocaust überlebt. Nachdem das Ghetto aufgelöst worden war, kehrten ab 1946 die einst zwangsausgesiedelten Bewohner der Stadt in ihre Häuser zurück. Das Stigma der Vergangenheit wiegt schwer: Dass dort, mitten in ihrer Stadt, in ihren eigenen vier Wänden, NS-Verbrechen stattgefunden hatte, war für viele Einheimische jahrzehntelang ein Tabu, manche tun sich bis heute schwer damit. "Die Menschen wollen nicht immer wieder aufs Neue mit dieser grausamen Tragödie konfrontiert werden", sagt Fischer.

1997 besuchte sie als Studentin in Terezin einen Workshop für Stadtplaner und begann, sich systematisch mit der Historie der einstigen Garnisonsstadt zu befassen. Sie studierte Baupläne, befragte Zeitzeugen und Bewohner, betrat Kasernen und Bürgerhäuser, Keller und Dachböden. Als sie gemeinsam mit Wildberg ins Souterrain der örtlichen Sparkasse hinabstieg, dort, wo sich während der deutschen Besatzung die SS-Kommandantur befunden hatte, entdeckten sie die Zellen der dort gefolterten und ermordeten NS-Häftlinge.

2011 legte sie gemeinsam mit Wildberg das Buch "Theresienstadt - eine Zeitreise" vor, nun folgt das Projekt "Ghettospuren". Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem von der Kulturstiftung des Bundes sowie dem deutsch-tschechischen Zukunftsfond. Als "Ende der Welt" bezeichnete die Holocaust-Überlebende Helga Kinsky einst das Grauen von Theresienstadt. Fischers Spurensuche trägt dazu bei, dieses Ende der Welt noch besser zu begreifen.

ZUR PERSON
  • Uta Fischer, Jahrgang 1970, ist Stadtplanerin und Journalistin. Seit 1997 beschäftigt sie sich mit der Geschichte von Theresienstadt. Das Projekt "Ghettospuren" wird unter anderem von der Kulturstiftung des Bundes unterstützt.

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1. Enge Freunde jetzt
Heide Roscher, 01.10.2014
Inzwischen sind jüdische und nichtjüdische Deutschböhmen verbündet und befreundet. Beide fürchten um den Fortbestand ihrer gemeinsamen Kultur und Geschichte in Tschechien. Namen und Ortsbezeichnungen werden vertschechisiert, Kulturdenkmäler (Grabsteine usw.) dem Verfall preisgegeben.
2. Das Koelner Stadtwappen
Andreas Kopp, 01.10.2014
findet sich etwa mittig in den Wandritzungen auf Bild 12...
3.
Holger König, 02.10.2014
Böhmen war zuerst Tschechisch, bevor es von den Östereichern eingedeutscht wurde. Die deutsche (deutschjüdische) Minderheit kam als Bergarbeiter, Kaufleute und KuK-Beamte ins Land.
4. Bild 12 aus 24 von der Bildergalerie
Josef Bimbelhuber, 02.10.2014
In der Mitte des Bildes befindet sich das Kölner Wappen (3 Kronen und 11 Funken in der Folge 5, 4, 2)
5. Köln
Janina Kreckel, 02.10.2014
Ich habe das Kölner Wappen auch sofort erkannt, anscheinend ein deportierter Jude aus Köln :(...
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