Judenrazzia in Rom Der stumme Papst

Im Oktober 1943 umstellte die SS das Judenviertel Roms und deportierte seine Bewohner. Der Vatikan ließ Hitlers Häscher gewähren, obwohl er davon Kenntnis bekam. Verzweifelte Bürger hatten Papst Pius XII. um Hilfe gebeten. Das belegt ein Brief, den der Heilige Stuhl bis heute unter Verschluss hält.

Von Klaus Kühlwein


Am Abend des 15. Oktober 1943, einem Freitag, war eine ärmlich gekleidete Signora in den Gassen des alten römischen Judenghettos aufgetaucht und hatte angefangen zu schreien: "Seht zu, dass ihr von hier weg kommt! Die Deutschen kommen und nehmen die Juden mit." Viele Familien hatten an diesem Vorabend des Sabbats in ihren Wohnungen gerade die Kerzen angezündet und waren zur Andacht versammelt. Einige streckten neugierig die Köpfe aus den Fenstern. Andere gingen gleich hinaus auf die Straße. Sie erkannten die Signora. Es war die alte Celeste. Sie war etwas wunderlich, ein bisschen meschugge eben.

"Ich sage die Wahrheit! Das schwör ich beim Haupt meiner Kinder", jammerte Celeste. In Trastevere hatte sie an diesem Abend bei der Frau eines Carabinieri von einer langen Judenliste erfahren. Alle auf dieser Liste sollten von den Deutschen weggeschafft werden. Celeste hatte keine Zeit verlieren wollen. Sie war auf die andere Seite des Tibers zum Ghetto gehastet. "Wenn ihr nicht flieht, werdet ihr es bereuen!", drohte Celeste. Es nutzte nichts. Niemand glaubte ihr oder wagte das Undenkbare zu glauben. Außerdem war Papst Pius XII. der Schutzherr der römischen Juden. Niemals würde er zulassen, dass Hitler sich an ihnen vergriff. Glaubte man.

Wenige Stunden später umzingelten SS-Polizeieinheiten das Viertel. Sie waren leise aufmarschiert. Das Kommando führte Hauptsturmführer Theodor Dannecker - ein erprobter Judenjäger. Adolf Eichmann persönlich hatte ihn für die delikate Judenrazzia nach Rom beordert. Nur knapp zwei Wochen hatte er gebraucht, um in Rom alle auffindbaren Judenadressen in einer Liste zusammenzufassen.

In 20 Minuten packen

Ab 5.30 Uhr in der Frühe polterten Danneckers Männer an die ersten Wohnungen. Viele der Bewohner wurden aus dem Schlaf gerissen. Sie konnten die lauten Befehle auf Deutsch vor der Tür und im Treppenhaus zwar nicht verstehen, doch es bestand kein Zweifel: Die Deutschen kommen sie holen! Panik machte sich breit. Konnte man noch fliehen? Insgeheim hofften manche, es würden nur junge Männer für Zwangsarbeit gesucht. Doch diese Hoffnung zerbrach im Nu.

An der Wohnungstür erhielten die verängstigten Menschen von der SS zweisprachige Kärtchen: Alle müssen innerhalb von 20 Minuten die Wohnung räumen und mitkommen; nur kleines Gepäck mit Verpflegung für eine Woche ist erlaubt.

Hektisch suchten die Bewohner Kleidungsstücke und Essbares zusammen. Für Babys, Kinder, alte Leute und die Kranken musste mitgesorgt werden. Die 20 Minuten verflossen so schnell, dass viele versäumten, sich warm anzuziehen. Mit rüden Worten drängten die SS-Schärgen zur Eile.

Augenzeugen beschrieben erschütternde Szenen, berichteten von der Brutalität der SS, der Verzweiflung, der Angst und dem Wahnsinn in diesen Stunden. Etliche Erwachsene unter den Festgenommenen traten im Nachthemd oder nur notdürftig bekleidet auf die Straße. Von allen Seiten des alten Ghettos wurden Menschen jeden Alters in Richtung Marcellustheater getrieben, wo eine Sammelstelle eingerichtet worden war. Von dort aus fuhren Lkw die Verhafteten in das nahe gelegene Collegio Militare auf der anderen Seite des Tibers.

"Bitte eilen Sie zum Papst!"

Kaum hatte die Aktion im Ghetto begonnen, klingelte bei der römischen Principessa Enza Pignatelli d’Aragona das Telefon. Eine Frau, die am Rande des Ghettos wohnte und entsetzt die ersten Festnahmen beobachtet hatte, alarmierte die Principessa. Sie war mit ihr bekannt und wusste, dass Donna Pignatelli Kontakt zu Papst Pius XII. hatte. Empört erzählte die Signora, dass deutsche Soldaten Juden zusammentrieben: "Bitte eilen Sie zum Papst, verlieren Sie keine Zeit!", flehte sie die Principessa an.

Donna Pignatelli war bestürzt. Konnte das stimmen mit den Verhaftungen, hier in Rom, vor den Augen des Papstes? Sie musste das überprüfen und dann gleich zum Heiligen Vater. Sofort rief sie Karl Wollenweber von der Deutschen Vatikanbotschaft an - er verfügte über einen Diplomatenwagen. Wollenweber war sofort bereit, die Principessa zu chauffieren.

Zusammen fuhren sie langsam an der Tiberuferstraße entlang und überzeugten sich von der Ghettorazzia. Ein paar Minuten später bogen die beiden in den Damasushof beim Staatssekretariat ein. Energisch verlangte die Principessa, umgehend beim Papst vorgelassen zu werden. Wie es die zierliche Donna Pignatelli schaffte, den herbeigeeilten Maestro di Camera, Monsignor Arborio Mella di Sant'Elia, von ihrem Begehren zu überzeugen, bleibt ihr Geheimnis. Kurz darauf lief die Principessa hinauf in den dritten Stock des Apostolischen Palastes zu den Privaträumen Pius XII.

Befehl von ganz oben

Pius beendete gerade die Frühmesse. Diskret wartete Donna Pignatelli an der Tür der Privatkapelle. Nach dem Dankgebet entdeckte Pius die Principessa. Ihm schwante Böses. Noch bekleidet im Messgewand lief er zu ihr und fragte: "Was machen Sie denn hier um diese Zeit? Was ist geschehen?" Aufgeregt erzählte die Principessa von der begonnenen SS-Razzia im Ghetto und flehte den Heiligen Vater an, etwas zu tun. Er müsse rasch an den Ort des Geschehens fahren und eingreifen. Pius konnte es kaum glauben. Wagte die SS tatsächlich die Juden Roms anzutasten?

"Gehen wir telefonieren", sagte Pius. Ins Ghetto wollte er nicht fahren. Er suchte einen diplomatischen Weg. Sein Staatssekretär Kardinal Maglione sollte den Reichsbotschafter Ernst von Weizsäcker sofort einbestellen und den großen Schmerz des Heiligen Vaters über die Judenrazzia in der päpstlichen Bischofsstadt mitteilen. Außerdem sollte er den Botschafter bitten, etwas gegen die Razzia zu unternehmen. Im äußersten Fall könne der Heilige Stuhl sonst gezwungen sein, sein Missfallen über die Aktion auszudrücken.

Als Botschafter Weizsäcker bei Kardinal Maglione auftauchte, zuckte er nur mit den Achseln. Der Befehl zur Judenrazzia in Rom komme von ganz oben. Da könne er gar nichts machen. Und vom Bekunden des Missfallens rate er dringlichst ab. Der Vatikan habe in den Kriegsjahren bisher sehr umsichtig gehandelt; ein Protest könne das Kirchenschiff in schwere See bringen. Der Kardinalstaatssekretär zeigte sich einsichtig. Der Heilige Stuhl habe Deutschland bisher immer geschont. Das wolle man auch weiter so halten und nicht zu einem Protest gezwungen werden. Hinsichtlich der Razzia hoffe man auf den guten Willen des Botschafters.

Schriftlicher Hilferuf aus dem Versteck

Pius empfing Weizsäcker nicht, auch nicht in den nächsten zwei dramatischen Tagen. Er hielt sich dezent im Hintergrund und befolgte Weizsäckers Rat, den "umsichtigen" Kurs ja nicht zu verlassen. Weder an dem Samstag der Razzia noch an den folgenden Tagen, als die Juden Roms nach Auschwitz unterwegs waren, wurde Pius offensiv. Allein beim Stadtkommandanten General Rainer Stahel ließ er intern nachfragen, ob dieser nicht etwas gegen die laufende Razzia unternehmen könne. Aber Stahel wehrte ab. Wie Botschafter Weizsäcker zuckte er nur mit der Schulter. Die Judenaktion werde von der SS durchgeführt, als Wehrmachtskommandeur sei er nicht zuständig. Pius nahm die Antwort zur Kenntnis und beließ es dabei. Ein massiver diplomatischer Vorstoß, gar eine handfeste Intervention gegen die Judenverhaftungen, waren ihm zu riskant.

Im Hintergrund warnte Botschafter Weizsäcker Berlin, dass der Papst sehr konsterniert sei, weil man es gewagt habe, "unter seinen Fenstern" die Juden anzugreifen. Man müsse auf alles gefasst sein. Der Vatikan könne seinen zurückhaltenden Kurs aufgeben. Die Sorge Weizsäckers war unbegründet. Pius hielt still.

Selbst als am Sonntag, den 17. Oktober, ein schriftlicher Hilferuf versteckter Juden zum Vatikan gebracht wurde, reagierte Pius nicht. Der Brandbrief war an ihn persönlich gerichtet und sehr emotional gehalten. Der Papst könne und dürfe jetzt in der Stunde der größten Not für die Juden Roms nicht tatenlos bleiben. Als der Vater aller müsse er die verhafteten Juden retten. Nicht weit vom Vatikan seien sie interniert und ihr Abtransport drohe jeden Moment.

Schreiben unter Verschluss

Dieser Brief ist kompromittierend für Pius XII. Bislang konnte sich der Vatikan nicht entschließen, das Schreiben zu veröffentlichen. Es liegt verschlossenen im päpstlichen Geheimarchiv. Dem Autor war es lediglich außerhalb des Dienstweges, durch Fürsprache Dritter, ermöglicht worden, das Dokument zu Forschungszwecken einzusehen. Weitere Anträge auf Einsicht wurden abgelehnt.

Der Brief ist ein verzweifelter Appell aus Todesnot - doch er konnte Pius nicht zum Eingreifen bewegen. Eine Rettungsaktion schien ihm zu heikel. Er glaubte, schon alles getan zu haben, was die komplizierte Situation erlaube.

Das Unheil nahm seinen Lauf. 1016 festgenommene Juden Roms im Alter von einem Tag bis neunzig Jahren wurden am Montag, den 18. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert.

Nur 16 der Deportierten überlebten und kehrten zurück.

These von Pius als Retter

Bis heute schmerzt die verweigerte Hilfe Pius XII. die jüdische Gemeinde Roms. Als Papst Benedikt XVI. im Januar 2010 die Gemeinde besuchte, war es der explizite Wunsch des Vatikans, man möge nicht auf Pius XII. zu sprechen kommen. Der Präsident der jüdischen Gemeinde Roms, Riccardo Pacifici, tat es trotzdem: Papst Pius hätte wenigstens "ein Wort des Trostes und der menschlichen Solidarität an all jene unserer Brüder und Schwestern, die in die Öfen von Auschwitz transportiert wurden", richten können.

Auch der Vatikan leidet unter einem Trauma: Das Verhalten Pius XII., der inzwischen an der Schwelle zur Seligsprechung steht, ist selbst für geneigte Zeitgenossen nicht zu verstehen. Daher hat sich der Vatikan in den vergangenen Jahren einem Mythos verschrieben: Pius wird unhistorisch zum Retter der Juden während der Razzia glorifiziert. Vatikanhistoriker Giovanni Sale S.J. etwa schrieb in der Zeitschrift "Civiltà Cattolica": Die Razzia "endete so plötzlich wie sie begonnen hatte [wg. der Intervention Pius XII.] und 8000 römische Juden konnten ihr Leben retten." Die internationale Pius-Ausstellung in Rom, Berlin, München und New York 2009 und weitere vatikanische Publikationen machten die These vom Retter Pius XII. weltweit publik.

Tatsache aber ist: Es kam zu keinem Razziastopp; die Liste Dannecker wurde ungestört bis auf die letzte Judenadresse im Ghetto und in ganz Rom abgearbeitet. Zu keinem Zeitpunkt griff Pius XII. in das traurige Geschehen ein.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Dieter Wolf, 17.10.2013
1.
Pius XII hatte doch schon vorher von den Taten Hitlers Kenntnis. Er war Nuntius in Berlin bevor er Papst wurde, von ihm war nie eine Hilfe zu erwarten .
Fridtjof Gerstein, 17.10.2013
2.
Es bedarf des geheimen Schriftstücks zum Beleg der bewussten Untätigkeit dieses Papstes nicht im geringsten: Theaterstücke, ein Kinofilm und eine Vielzahl an Büchern belegen, dass Hilfeersuchen zugunsten der verfolgten Juden ins Leere liefen: Hochhuths "Der Stellvertreter", Saul Friedländer etc. Aus historischer Sicht kann kein Zweifel bestehen, dass der Papst informiert und um Hilfe geben wurde. Die bevorstehende Seeligsprechung möge sich hoffentlich auf andere "gute" Taten beziehen.
Barbara Bouffier, 17.10.2013
3.
Bedeutender Unterschied. Er war nicht stumm, sondern wollte nicht protestieren. Weswegen auch immer. Wohlmöglich aber, weil ihm die Judenverfolgung und Vergasung ganz recht war...
Wolfgang Graf von Ballestrem, 17.10.2013
4.
Der Artikle scheint mir der Persönlichkeit und des Handelns Pius XII. nicht gerecht zu werden. Warum verweist der Artikel nicht zumindest in Fußnoten auf das, was er für Juden getan hat bzw. wie er sich als eine der wenigen Stimmen in Kontinental-Europa gegen Hitler und seine NSDAP geäußert hat? Spiegel-online selbst scheint ahnungslos zu sein, wie Pius XII. in dieser Situation hätte rettend eingreifen können. Das wird verschwiegen! Wer derartige Kritik übt, ohne die (sofern man damals den Überblick hatte) richtigen Wege zur Rettung der zu Deportation und Mord durch uns Deutsche ausgesuchten Juden nennen kann, sollte sich in seinem Urteil mäßigen und versuchen möglichst objektiv bleiben! Aber darauf kommt es spiegel-online vermutlich gar nicht an!
Lothar Przybyla, 17.10.2013
5.
ab 24.06.1943 war v. Weizsäcker deutscher Botschafter am hl. Stuhl. Ist etwas davon bekannt wie er sich als angeblicher Unterstützer des Widerstandes verhalten hat?? Konnte er von den Deportationen nichts wissen??
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