Judenretter Helmut Kleinicke Der stille Held von Chrzanów

Josef Königsberg überlebte den Holocaust und suchte lange nach Helmut Kleinicke, der ihn 1942 vor dem KZ bewahrte. Nun hat SPIEGEL ONLINE die Tochter des Ingenieurs gefunden - und Belege, dass er weit mehr Juden rettete.

Brigitte Königsberg

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Ein halbes Jahrhundert hat Josef Königsberg gesucht. In den Sechzigern schaltete er Anzeigen in "Bild" und "Welt": "Holocaust-Überlebender sucht seinen Retter". In den Siebzigern fuhr er nach Chrzanów. In der polnischen Kleinstadt nahe Auschwitz hatte er zum letzten Mal Helmut Kleinicke gesehen, der ihn 1942 vor der Deportation bewahrte.

Was war aus seinem Retter geworden?

Erst jetzt hat die lange Suche ein Ende gefunden. 26. November 2016: Josef Königsberg, inzwischen 92 Jahre alt, wartet am Essener Bahnhof auf einen Zug aus Heidelberg. Darin sitzt Kleinickes einzige Tochter Jutta Scheffzek, 69, mit ihrem Sohn Sebastian und ihrer Schwiegertochter Tabea, die das Treffen auch wegen ihrer jüdischen Wurzeln auf keinen Fall verpassen will, obwohl sie hochschwanger ist.

Der Zug hält, die Fremden begrüßen sich freundlich, vorsichtig, abtastend. In diesem schwierigen Moment treffen drei Generationen aufeinander, zwei Familiengeschichten verweben sich: "Es war ein großes Erlebnis, die Tochter des Mannes zu treffen, der mir das Leben gerettet hat", sagt Josef Königsberg später, "eine der schönsten Episoden in meinem langen Leben."

"Das hat sein Leben vergiftet"

Endlich hat Königsberg aus erster Hand Antworten auf Fragen, die ihn so lange beschäftigten. Stundenlang betrachtete er alte Fotos und las ein Dutzend hand- und maschinengeschriebener Briefe. Jutta Scheffzek brachte sie mit, sie belegen Erstaunliches: Offenbar hat Helmut Kleinicke mit großem Risiko systematisch Juden in Chrzanów das Leben gerettet, sich damit aber nach 1945 nie gerühmt. "Er hat mir immer gesagt: 'Ich hätte noch viel mehr machen müssen', erzählt Jutta Scheffzek. "Das alles hat ihm sehr zugesetzt und sein Leben vergiftet."

Der unbekannte Retter, er war nach dem Krieg ein gebrochener Mann, der in Depressionen verfiel. Kleinicke zog es auch dann vor zu schweigen, als ihn Dankesbriefe von Geretteten erreichten.

Das Treffen von Königsberg und Scheffzek ermöglichten SPIEGEL-ONLINE-Recherchen für den Artikel "Die Suche nach dem Judenretter Helmut Kleinicke". Diese erste historische Schnitzeljagd brachte einen Teilerfolg: einestages spürte Rosemarie Romahn auf, eine Nichte von Helmut Kleinicke.

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Judenretter Helmut Kleinicke: "Ich hätte noch viel mehr machen müssen"

Was bis dahin bekannt war: Nach dem Angriff der Wehrmacht auf Polen war Königsberg aus Kattowitz ins jüdische Getto von Chrzanów vertrieben worden. Dort musste er als Jugendlicher Zwangsarbeit leisten und bekam im Sommer 1941 den Sonderauftrag, eine repräsentative Wohnung in der Beuthenerstraße 22 zu entrümpeln. Sie hatte einer enteigneten jüdischen Familie gehört und war nun neuer Wohnsitz von Helmut Kleinicke, Leiter des Kreisbauamts von Charznów. NS-Behörden teilten dem Ingenieur das Haus zu.

Nur Kleinickes Tochter konnte mehr wissen

Über das gemeinsame Hobby Briefmarkensammeln kamen die beiden ins Gespräch. Kleinicke war Königsberg wohlgesonnen. Das rettete den 17-Jährigen, als er Anfang 1942 nach einer Razzia im Getto deportiert werden sollte, wie Königsberg auf einestages berichtete: "Als Herr Kleinicke mich sah, wandte er sich an seine Begleiter: 'Meine Herren, wie Sie wissen, bin ich Leiter des Kreisbauamts. Dieser Mann hier gehört zu meinen besten Arbeitern. Ich kann ihn noch nicht entbehren. Lassen Sie ihn wieder gehen'."

Königsberg überlebte den Krieg, anders als seine Mutter und der Großteil seiner Familie - auch wenn er später doch noch ins KZ kam. Kleinicke sah er nie wieder.

Holocaust-Überlebender

Nach den ersten Recherchen traf Königsberg im Spätsommer 2016 Rosemarie Romahn in Berlin. Kleinickes Nichte konnte längst nicht alle Fragen beantworten; sie hatte ihren Onkel wenig gekannt, die verschiedenen Familienzweige hatten sich entfremdet und aus den Augen verloren. Doch Romahn gab einen entscheidenden Hinweis: Helmut Kleinicke war gleich nach dem Krieg Vater geworden. Was aus seiner Tochter Jutta wurde? Romahn wusste es nicht. Jutta sei aber "sicher die Einzige", die mehr erzählen könne.

Diese Einzige, sie las zum Glück den Artikel. Und meldete sich bei SPIEGEL ONLINE.

Und so sitzt Jutta Scheffzek Ende November 2016 in Königsbergs Wohnzimmer und zeigt ein Foto, das bei dem 92-Jährigen sofort Erinnerungen weckt: eine verwackelte Aufnahme von Kleinickes Schreibtisch in Chrzanów.

"Ich dachte, er erschießt mich"

Hier hatte Königsberg 1941 gesessen, als er mit seiner Arbeit fertig war. Ihm war langweilig und Kleinicke außer Haus. Auf dem Schreibtisch entdeckte er zwischen Briefen und Büchern ein Briefmarkenalbum mit Briefmarken, nahm es als glühender Sammler neugierig in die Hand - und war so vertieft, dass er heftig erschrak, als Kleinicke sich ihm von hinten näherte.

"Ich dachte, der nimmt sofort seine Pistole und erschießt mich", erinnert sich Königsberg, der den Deutschen damals fälschlich für ein SS-Mitglied hielt. "Zu meiner Verwunderung plauderte er aber milde mit mir über Briefmarken."

"Mein Vater hätte ihn nie erschossen", sagt Jutta Scheffzek. Er stamme aus einer Familie, die sechs Generationen lang Förster in Preußen stellte. "Er aber hat sich schon geweigert, auf Tiere zu schießen, und deswegen heftig mit seinem Vater gestritten." Kleinicke brach mit der Tradition und wurde Ingenieur.

"Einen größeren Pazifisten als meinen Vater kann ich mir nicht vorstellen" - was pathetisch klingt, sagt eine Frau, die sehr reflektiert über ihre Familie spricht. Wie Helmut Kleinecke hat sie sich jahrzehntelang nicht in den Vordergrund gedrängt. Dabei weiß Scheffzek viel über ihren Vater zu sagen und tut es aus Anlass des Treffens erstmals öffentlich. Dabei ist auch ein Team des ZDF, das Königsberg vor Jahren als Zeitzeugen interviewt hatte.

"Mein Vater hat Juden im Keller seiner Dienstwohnung versteckt", berichtet Scheffzek. Ihre Mutter Cilly, bildhübsch und elf Jahre jünger als der Vater, habe dafür kein Verständnis gehabt. "Sie hat viel vom Leben erwartet, war aber kaum bereit, etwas zu geben. Meinem Vater hat sie die Hölle heiß gemacht: 'Helmut, du bringst uns alle in Gefahr! Was machen all diese Leute da in unserem Keller?"

Helmut Kleinicke habe sich nicht beirren lassen, sagt seine Tochter. Er habe versteckte jüdische Zwangsarbeiter sogar mehrmals nachts per Lkw 200 Kilometer in die Hohe Tatra gefahren, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Als immer mehr Arbeiter aus seinem Bereich verschwanden, sei die Gestapo aufmerksam geworden. "Meine Mutter hat gehört, wie mein Vater angeschrien wurde: 'Herr Kleinicke, auch für Sie stehen die Tore in Auschwitz offen!'"

Dankesbriefe noch Jahrzehnte später

Vieles davon lässt sich nicht belegen, es basiert allein auf den Familienerinnerungen. Aber auch eine Reihe an Dokumenten legt nahe, dass Kleinicke seine führende Stellung im Kreisbauamt nutzte, um jüdische Zwangsarbeiter zu retten.

So lobt ein Siegmund Engländer in einer eidesstattlichen Erklärung vom Juli 1948, Kleinicke habe sich "ohne Rücksicht auf seine Person" für "uns rassisch Verfolgte" eingesetzt: "Ein großer Teil der noch lebenden Juden aus Chrzanów haben ihr Leben dem uneigennützigen Einsatz des Herrn Kleinicke zu verdanken." Engländer schreibt, er selbst habe sich im Februar 1943 wegen einer anstehenden Deportation mit 20 weiteren Juden "mit Wissen" Kleinickes in der Kreisgärtnerei versteckt. Zudem habe Kleinicke grundsätzlich die Arbeiter des Kreisbauamtes gut verpflegen lassen.

Dieses und zwei weitere Schreiben trugen dazu bei, dass man Kleinicke im März 1949 im Entnazifizierungsverfahren als "entlastet" einstufte. Er sei trotz seines frühen NSDAP-Eintritts 1933 "kein überzeugter Nationalsozialist" gewesen, hieß es in der Begründung. Auch die Mitgliedschaft im paramilitärischen "Nationalsozialistische Kraftfahrkorps" wurde ihm nicht angelastet, da er schon 1938 wieder austrat - was nicht ganz risikolos war.

Natürlich gab es zur "Entnazifierung" nach Kriegsende oft geschönte oder bestellte Entlastungsschreiben. Dagegen sprechen bei Kleinicke aber neben Königsbergs Erlebnissen auch Briefe, die er noch in den Siebzigern erhielt, Jahrzehnte später. Zufällig hatten die Kleinickes bei einem Kuraufenthalt in Bad Tölz eine Familie aus Israel kennengelernt; die Schneiders kannten Juden aus Charznów, denen der Name Kleinicke viel sagte.

Tragischer Tod

"Jeder redet mit solch einer Hochachtung und Bewunderung von Ihnen", schrieb Familie Schneider am 4. August 1977 an Helmut Kleinicke und nannte als Beispiel Josef Weissler: "Als er von uns hörte, dass wir Sie getroffen haben, hat er einen solchen Freudenausbruch bekommen, wie Sie sich ihn nicht vorstellen können. Durch Sie ist er am Leben geblieben." Später bedankte sich Weissler persönlich in einer Neujahrskarte, Kleinicke habe ihm "viel Schlimmes" erspart.

Während in Israel Familie Schneider schon überlegte, ob Kleinicke ein Kandidat für die "Allee der Gerechten" der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wäre, mochte der Retter davon nichts wissen. Die Briefe ließ er seine Frau beantworten. Nach Israel wollte er nicht fahren. Sondern lieber den Krieg endlich vergessen.

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Im Januar 1979 aber kehrten die Erinnerungen zurück, mit großer emotionaler Wucht: Der Fernseh-Vierteiler "Holocaust" berührte Millionen. Auch Kleinicke schaltete ein. Drei Tage später erlitt er einen Schlaganfall und starb Monate später an den Folgen. "Womöglich hat ihn der Film zu sehr aufgewühlt", glaubt Jutta Scheffzek.

Diese Tragik hat Josef Königsberg am meisten berührt, wie er sagt: Nun weiß er, dass der Mann, dem er wohl sein Leben verdankt, am Ende selbst an Hitlers Krieg zerbrach.

Ist die Geschichte für ihn nun abgeschlossen, jetzt, wo er so viel Neues erfahren hat? Königsberg zögert nicht: "Diese Geschichte bleibt lebendig bis zum Tod." Und sie hat ja auch sehr schöne Aspekte. Mit Kleinickes Angehörigen möchte Königsberg in Kontakt bleiben. Schon jetzt freut er sich auf das Foto des Babys, das Jutta Scheffzeks Schwiegertochter Tabea in diesen Tagen zur Welt bringen wird.

Dann bekommt Josef Königsberg ein Bild vom ersten Urenkel seines Lebensretters.

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