Judenretterin Franzi Löw Wiens vergessener Engel

Sie fälschte Papiere und sammelte Medikamente: In der NS-Zeit half Franzi Löw jüdischen Kindern, KZ-Häftlingen und Untergetauchten. Der Einsatz der Wiener Sozialarbeiterin wurde erst Jahrzehnte später gewürdigt.

Ausweis, der Franzi Löw das Betreten des Sammellagers erlaubte
DÖW

Ausweis, der Franzi Löw das Betreten des Sammellagers erlaubte


Franzi Löw behält an jenem Sommerabend des Jahres 1944 die Nerven. Vor ihr steht der SS-Hauptsturmführer Siegfried Seidl, der Verbrechen an Zehntausenden Juden im KZ Theresienstadt und Bergen-Belsen verübte.

Und dieser Barbar brüllt Löw an. Ihr Vergehen: Unerlaubt hat die Sozialarbeiterin Verschleppten aus Ungarn Kleiderspenden gebracht.

Mutig erwidert sie: "Ich bin Jüdin. Es sind ungarische Juden in ihrer Not jetzt nach Wien gekommen, ich tue nichts anderes als das, was auch Sie täten, wenn Ihre Mitbrüder in der Fremde Hilfe bräuchten."

Ein kleines Wunder geschieht: Der NS-Funktionär mit Schirmmütze und feldgrauer Uniform lenkt beeindruckt ein. Fortan kann Löw die ungarischen Juden, die unter erbärmlichen Umständen in verschiedenen Lagern in Wien inhaftiert sind, mit Kleidung und Medikamenten versorgen.

Seidl wurde später, nach dem Krieg, für seine Verbrechen hingerichtet. Den dramatischen Moment schilderte Franzi Löw 1988 der Fotokünstlerin Nancy Ann Coyne.

Zum Zeitpunkt der Begegnung mit dem SS-Mann hatte Löw schon seit sechs Jahren den Schwächsten unter den verfolgten Juden in Wien unermüdlich zur Seite gestanden: KZ-Insassen und ihren Angehörigen, Waisenkindern und Untergetauchten. Die junge Frau tat dies als Fürsorgerin in der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG).

Franzi Löw wurde 1916 in eine gut situierte Wiener Familie hineingeboren und besuchte nach dem Abitur eine Fürsorgeschule, die erstmals Sozialarbeit auf wissenschaftlicher Basis lehrte. Mit 21 Jahren fand Löw bei der IKG Arbeit in einer Kindertagesstätte. Als nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 an Nazideutschland Zehntausende jüdischer Bürger verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden, kümmerte sich Franzi Löw um die Inhaftierten und ihre Angehörigen.

"Wir schickten Zucker, Marmelade, Brot, aber auch Kartoffeln und Leibwäsche. Die Empfänger konnten vom KZ aus diese Pakete bestätigen und schrieben mir dann dazu, was sie sich noch wünschten. Diese Sachen haben sie dann auch wirklich bekommen", erzählte Löw in einem Interview mit der Stiftung "Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands", das 1992 veröffentlicht wurde.

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Judenretterin Franzi Löw: Wiens vergessener Engel

Die Gefangenen zehrten auch vom Trost, den ihnen Franzi Löw in Briefen spendete. So bedankte sich im Januar 1943 der inhaftierte Walter Ullmann: "Ihre freundlichen Zeilen waren wirklich eine überaus angenehme Überraschung (...), vor allem wegen der Tatsache schlechthin, die einem erlaubt, doch damit rechnen zu dürfen, dass ein anderer an einen denkt."

Auch für die Familien der Häftlinge sorgte Löw: "Da hat es Frauen gegeben, die plötzlich ohne den Mann dagestanden sind. Da hat es Kinder gegeben, die plötzlich keinen Vater gehabt haben, dann keine Mutter hatten. Sie mussten alle untergebracht werden", sagte Löw 1991 dem Schriftsteller Doren Rabinovici, der sie für seine Doktorarbeit über die IKG interviewte.

Falsche Namen und Daten angeblicher Väter

Im Januar 1939 übernahm die Kultusgemeinde von der Stadt Wien die Vormundschaften für rund 200 uneheliche Kinder. Die jüdischen Heime wurden eines nach dem anderen vom NS-Regime beschlagnahmt. Die verbliebenen Heime waren schnell überfüllt, Hunger und Seuchen grassierten. "Ich habe bei den Babys mitgeholfen, Fläschchen zu halten", erinnerte sich Marianne Jost, eine der Schützlinge, später. "Am Anfang waren es 20 Betten, dann wurden es immer weniger. Manche sind verhungert, manche verschwunden, abgeholt worden."

Um Kinder vor den Vernichtungslagern zu retten, besorgte Löw ihnen auch falsche Dokumente. Aus Taufbüchern suchte sie Namen und Geburtsdaten angeblicher Väter heraus: "Dann konnte ich mir einen Taufschein des Vaters besorgen, der nicht der wirkliche Vater war, und durch diesen Taufschein konnte ich die anderen Dokumente der Eltern beschaffen und so beweisen, dass die Kinder einen nicht jüdischen Elternteil hatten."

Trotzdem überlebten nicht mehr als 30 Jungen und Mädchen den Nazi-Terror - von 400 bis 500 Kindern, die 1942 in IKG-Heimen untergebracht waren. Löw sollte darunter noch Jahrzehnte später leiden. "Einige Transporte der Heimkinder sind direkt in die Gaskammern gegangen", sagte sie Jahrzehnte später. Eines der Kinder, die Löw mit einem gefälschten Taufschein retten konnte, war Harry Gelbfarb, der als Holocaust-Überlebender ab 1956 das deutsche Bodybuilding großzog.

Wie in Berlin begann die systematische Deportation auch der Wiener Juden im Oktober 1941 und dauerte ein Jahr. Fast 50.000 Menschen wurden in die KZs und Gettos verschleppt, nur 8000 Juden blieben in der Großstadt. Wenige Tage vor dem Abtransport mussten sich die Betroffenen in Sammellagern einfinden. Die Räumlichkeiten waren verschmutzt, ungeheizt und voller Ungeziefer, es gab nicht einmal Decken.

Auch hier war Franzi Löw mit dem Allernötigsten zur Stelle. Die Sozialarbeiterin riet, für den Bahntransport warme Kleidung, feste Schuhe und Schokolade mitzunehmen. Sie selbst hatte sich in ihrer Wohnung eine Ausrüstung zusammengestellt, denn sie rechnete damit, ebenfalls deportiert zu werden. Unter diesen Bedingungen arbeitete sie von einem Tag zum nächsten, von sechs Uhr bis 23.30 Uhr, auch am Wochenende. Schon damals ahnte sie: "Wenn ich nicht so fleißig gewesen wäre, hätte man mich nicht hiergelassen."

Als "U-Boot" im Versteck

Franzi Löw konnte den Verfolgten aber auch helfen, weil sie kurz nach der Ausgrenzung der Juden aus dem Gesellschafts- und Wirtschaftsleben damit begonnen hatte, ein Netz von "arischen" Unterstützern aufzubauen. Von ihnen erhielt sie Medikamente, Kleidung, Nahrungsmittel, Lebensmittelmarken und Geld. Unterstützung kam von kirchlichen Einrichtungen, aber auch gewöhnlichen Bürgern: "Da gab es zwei Bäcker im 18. Bezirk, die mir jeden Tag zwei Zehn-Liter-Flaschen Vollmilch und 20 Kilo Brot zur Verfügung stellten. Ich musste um 5 Uhr in der Früh in den 18. Bezirk fahren und die Vollmilch sowie die 20 Brote vom 18. Bezirk in den zweiten Bezirk tragen."

Löw half auch rund 30 sogenannten U-Booten, jenen Menschen, die vor ihrer drohenden Deportation untertauchten und teilweise jahrelang ihre Verstecke nicht verließen. Um sich den ständigen Kontrollen zu entziehen, nahm Löw immer wieder den gelben Judenstern ab oder verbarg ihn unter der Kleidung. Einmal wurde sie mit Milchkannen, fremden Lebensmittelmarken und einem Rucksack voller Brot von einem SA-Mann aufgehalten. Aber nach einem halbstündigen Verhör war sie wieder frei.

Nach dem Ende des Nazi-Terrors war Franzi Löw psychisch und physisch am Ende - müde und zermürbt von all der Aufregung, der Arbeit, dem ständigen Hungern. Alpträume von Deportationen und Gaskammern quälten sie. "Wir haben eine Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass wir freie Menschen sind", erinnerte sie sich.

Am Tag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 bewarb sie sich bei der Gemeindeverwaltung Wien. In kürzester Zeit baute sie die Fürsorge für Körperbehinderte wieder auf. 1977 ging sie als Amtsrätin in Pension.

"Ich habe kein Hassgefühl gehabt"

Den Ruhestand genießen war ihr aber nicht vergönnt. Im gleichen Jahr starben ihre Mutter, die durch Löws Arbeit vor der Deportation bewahrt worden war, und auch ihr Ehemann Wilhelm Danneberg. Löw hatte sich einst in den Richter verliebt, der ihr bei einem Amtstermin 1938 einen Stuhl angeboten hatte. Solche Höflichkeiten war sie von einem "Arier" nicht gewohnt gewesen.

Ihre Verdienste als Widerstandskämpferin wurden über viele Jahrzehnte kaum gewürdigt, auch wenn sie 1966 das "Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich" erhielt, die wichtigste staatliche Ehrung der Alpenrepublik. Löw blieb unbekannt, auch weil sie bescheiden war: Erst Ende der Achtzigerjahre erzählte sie in ausführlichen Interviews ihre Geschichte.

Nun wurde auch die Wissenschaft auf sie aufmerksam: Der Historiker Doron Rabinovici widmete Löw im Jahr 2000 eine weithin beachtete Doktorarbeit. Darin nahm er die Funktionäre der IKG vor dem Vorwurf der willfährigen Kollaboration mit dem NS-Regime in Schutz. Und der Schriftsteller Robert Schindel, der selbst die Nazidiktatur in einem jüdischen Kinderheim überlebt hatte, nahm Franzi Löw zum Vorbild für eine Figur in seinem Theaterstück "Dunkelstein".

Doch da war die Retterin schon einige Jahre tot. Franzi Löw starb am 28. November 1996 im Alter von 80 Jahren. Vor ihrem Tod hatte sie gesagt: "Ich habe kein Hassgefühl gehabt, und ich kenne auch heute kein Hassgefühl." Vergessen, fügte sie hinzu, könne sie die Vergangenheit aber nie.



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