Judenverfolgung in Polen Zu blond für eine Jüdin

Judenverfolgung in Polen: Zu blond für eine Jüdin Fotos
Josef Königsberg

Als Katholikin getarnt versteckte sich die Jüdin Katja Lukasiewicz in Warschau vor den Nazis - bis sie denunziert wurde. Das Leben rettete ihr paradoxerweise der Rassentest der Gestapo. Von Josef Königsberg

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Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete ich als Reporter für den polnischen Rundfunk. Ich hatte einen eigenen Sendeplatz, wo ich besondere Geschichten aus dem Leben der Bevölkerung erzählte. Ich war gerade auf einer meiner Erkundungsfahrten, als das Telefon klingelte. Es war mein Vater, der mich eindringlich bat, nach Kattowitz zu kommen. Eine Zeitzeugin aus der Nazizeit habe ihm ein interessantes Erlebnis geschildert. Katherine Lukasiewicz, ihre Freunde nannten sie Katja, war eine äußerst attraktive Frau. Ihr blondes Haar war hoch frisiert, einige kleine schmale Löckchen fielen in ihr ebenmäßiges Gesicht, wodurch das Strahlen ihrer himmelblauen Augen noch unterstrichen wurde. Wir machten es uns im Wohnzimmer meines Vaters bei Tee und Gebäck gemütlich. Dann begann Katherine, ihre Geschichte zu erzählen.

"Kurz nachdem die Deutschen im September 1939 Kattowitz besetzt hatten, wandte sich mein Vater an einen befreundeten Priester, der dem Kattowitzer Bischof nahe stand. Er sah schon früh die Gefahr, die von den Deutschen für seine Familie ausging, und bat den Kirchenmann um Papiere für meine jüdische Mutter und mich, die uns beide als Christen ausweisen sollten. Der Bischof entsprach dieser Bitte und stellte gefälschte Geburts- und Taufscheine für uns beide aus sowie eine Bestätigung, aus der hervorging, dass die Familie Lukasiewicz dem Bischof als eine tiefgläubige katholische Familie bekannt sei. Mutter und ich zogen nach Warschau, wo uns niemand kannte. Wir bewohnten eine kleine bescheidene Wohnung im Zentrum von Warschau. Um die Tarnung nicht auffliegen zu lassen, besuchte meine Mutter mit mir alle katholischen Messen und nahm obendrein noch an allen Prozessionen teil. Mein Vater blieb nicht bei uns. Er hatte sich einer Partisanengruppe angeschlossen, die sich in den Wäldern der Karpaten versteckt hielt.

Obwohl wir uns wie fromme Christen verhielten, lebten wir dennoch in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Wir fürchteten uns vor jedem Nachbarn, jedem Straßenpassanten, der uns als Juden erkennen und verraten würde. Ihr wisst ja bestimmt auch aus eigener Erfahrung, dass die polnische Bevölkerung uns Juden schon vor dem Einmarsch der Deutschen nicht gerade wohl gesonnen gewesen war. Kein Wunder also, dass sie in dieser Hinsicht gemeinsame Sache mit den Besatzern machte. Die Angst war Tag und Nacht unser ständiger Begleiter. Sogar der polnische Klerus schüttete ständig Öl auf das Feuer der Judenhetze.

Angst vor Kopfgeldjägern

Wie oft mussten wir im Gottesdienst schlimme Hasstiraden auf uns Juden anhören, immer in der Angst, dass man uns etwas anmerkte. Tausende Polen wurden dadurch erst recht angestachelt, ihre jüdischen Mitbewohner an die Nazis zu verraten. Es begann eine regelrechte Jagd auf Juden, von der die Jäger auch finanziell stark profitierten. So wurden jüdische Familien in ihren Verstecken ausfindig gemacht oder diejenigen, die sich mit Hilfe falscher Geburtsscheine als Christen unters polnische Volk mischten, enttarnt. Die Kopfgeldjäger, "Szmalcownicy" (zu deutsch: Schmalz) genannt, lauerten überall. Jeder, der ihnen in irgendeiner Weise verdächtig vorkam, sei es Mann, Frau oder Kind, wurde zunächst einmal mit Gewalt festgenommen. Bestätigte sich der Verdacht und war bei den enttarnten Juden noch etwas zu holen, wurden sie solange erpresst, bis ihnen das Geld ausging. Danach wurden sie erbarmungslos der Gestapo ausgeliefert, was den sicheren Tod bedeutete.

Meine Mutter und ich versuchten, uns so unauffällig wie möglich zu benehmen, um ja nicht in die Fänge eines solchen Szmalcownik zu geraten. Eines Tages bat sie mich, ein paar Besorgungen auf dem nahe gelegenen Markt zu machen. Ich war gerade an dem Gemüsestand angekommen und wollte schon meine Bestellung aufgeben, als ich plötzlich rüde von einem mir fremden Mann am Arm herumgerissen wurde. "Hab' ich dich erwischt! Du bist doch eine Jüdin! Ich kenne dich aus Kattowitz. Hast deine Haare blond gefärbt, was? Mich täuschst du aber nicht. Ich habe dich sofort erkannt!" Vermutlich witterte der Szmalcownik bei mir keine fette Beute, weshalb er mich, nachdem er meine Hände gefesselt hatte, sofort über den Marktplatz zur nächstgelegenen Gestapostelle trieb. Vielleicht war er einer derjenigen, die sich nur wichtig tun und sich bei den Deutschen anbiedern wollten.

Stolz präsentierte er mich dem Wachhabenden: "Ich habe vorhin eine Jüdin geschnappt, die frech auf dem Markt herumstolziert ist." Der Deutsche blickte von seinem Schreibtisch auf und musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann erhob er sich, kam gemächlich auf mich zu und begutachtete mich eingehend, indem er langsam um mich herum lief. "Mhm, bist du tatsächlich eine Jüdin?", wandte er sich fragend an mich. Ich hörte, wie Zweifel in seiner Stimme mitschwang und erkannte hierin meine Chance. Natürlich beteuerte ich, eine gutgläubige Christin zu sein, die nie und nimmer etwas mit Juden zu tun gehabt hätte, geschweige denn eine Jüdin war. "Na ja, du siehst auch nicht aus wie eine. Trotzdem werde ich sicherheitshalber noch einige Tests mit dir durchführen, um mir auch ganz sicher zu sein."

Blond, blauäugig, arisch

Mit einer schnellen und unverhofften Handbewegung riss er mir ein Haar vom Kopf, ging zu seinem Schreibtisch zurück, aus dessen Schublade er einen kleinen Flakon mit einer Flüssigkeit herausholte. Er schraubte den Verschluss auf und hielt mein Haar kurz hinein. Dann holte er es wieder heraus, lief zum Fenster und schaute es aufmerksam an. Nach einer Weile stellte er fest: "Die Farbe ist echt. Das Haar ist nicht blondiert. Aber gehen wir auf Nummer Sicher und prüfen weiter." Er ging wieder zum Schreibtisch, um einer anderen Schublade ein Gerät zu entnehmen, dass in der Chirurgie zur Vermessung des Schädels benutzt wird. "Wir werden das Fräulein noch einmal nach der Methode zur Rassenfeststellung untersuchen. In einigen Minuten wissen wir hundertprozentig Bescheid", sagte er mehr zu sich selbst.

Dann setzte er das Gerät an meinen Kopf, um die Entfernung meiner Backenknochen voneinander zu messen, die Länge meiner Nase zu bestimmen und den Abstand meiner Augen zueinander zu ermitteln. Kopfschüttelnd schaute er minutenlang auf seine dazu gemachten Notizen und rieb sich zweifelnd das Kinn. Dann rief er nach seiner Assistentin. "Schauen Sie sich das einmal an, Heidi. Der Pole behauptet, die junge Frau dort sei eine Jüdin. Ich bin nach meinen Messungen zu der Überzeugung gekommen, dass sie eine hundertprozentige Arierin ist. Was meinen Sie dazu?" Die Assistentin schaute mich prüfend an, warf einen Blick auf seine Notizen und antwortete: "Ich stimme Ihnen zu. Das sind zweifellos die Abmessungen eines arischen Schädels. Die hellblauen Augen und das flachsblonde Haar sind ein zusätzlicher Beweis. Diese Frau ist keine Jüdin."

Mit zornigem Blick wandte der Deutsche sich an den ungläubig dreinschauenden Polen: "Du Idiot! Du dummer Bauer bist ja noch blöder als du ohnehin schon aussiehst! So ein Schwachkopf ist mir lange nicht untergekommen. Stiehlt mir hier meine wertvolle Zeit! Sieh bloß zu, dass du schnell verschwindest, bevor ich dir ein paar Kugeln in den Leib jage!", schrie er außer sich vor Wut. Der Pole wagte nicht zu widersprechen. Er riss die Tür auf und rannte so schnell er konnte, den langen Flur entlang zum Ausgang. Der Wachhabende wandte sich mir freundlich zu: "Das habe ich mir gleich gedacht, dass dieser Blödian sich geirrt hat. So wie Sie sieht doch keine Jüdin aus! Ich bitte vielmals um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, die Sie hatten. Heidi, sei doch bitte so lieb und bring das Fräulein nach Hause." So entging ich, lieber Herr Königsberg, dem Henker."

Auszug aus der Biografie von Josef Königsberg: "Ich habe erlebt und überlebt", Verlag Portalis, ISBN-Nr.: 978-3-9811567-6-8

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1.
Olaf Nyksund, 09.09.2009
Was für ein reißerischer Artikel, ganz im Stil eines Jan T. Gross. Die Taten und Ansichten einer Minderheit auf eine gesamte Bevölkerung auszudehnen ist nicht gerade der Aufklärung der Verbrechen dienlich, die zweifelsohne stattfanden. "Szmalcownicy" waren gewöhnliche Kriminelle, die alles und jeden verkaufen würden und es auch taten - Juden an die Gestapo, Widerstandskämpfer an die Nazis, aber auch umgekehrt Gestapo-Spitzel an die Partisanen usw. Es gab sogar ein Lied zu diesem Thema im Umlauf. Ultranationale katholische Priester und ihnen hörige Gruppierungen waren natürlich ein anderes, trauriges Kapitel in der Geschichte. Hier reden wir aber immer von Extremisten und von wie auch immer gelenkten Gruppierungen (diese gezielte Fernsteuerung des mutmaßlichen Ressentiments gab es auch noch 1968). Auf der anderen Seite habe ich genug polnische Zeitzeugen kennen gelernt, die sich ganz anders verhalten haben als im Artikel beschrieben. Alleine in meiner deutsch-polnischen Familie aus Westpreussen gab es einen Fall, in dem ein jüdischer Familienfreund eine Zeit lang versteckt wurde. Erst als seine deutsche Frau und Kinder in Sippenhaft genommen wurden, stellte er sich der Gestapo, wurde in ein KZ deportiert, überlebte es und wurde auf dem Heimweg von den sowjetischen "Befreiern" als vermeintlicher "Volksdeutscher" ermordet. Das ist nur eine der vielen ähnlichen Geschichten, die ich aus Erzählungen kenne - somit erfüllen mich solche unreflektierte und vor allem unkommentierte Beiträge mit Wut.
2.
Josef Königsberg, 15.09.2009
Antwort zum Diskussionsbeitrag "Zu blond für eine Jüdin" von Olaf Nysund am 09.09.09 Ihrem Diskussionsbeitrag zu meinem Bericht muss ich kategorisch widersprechen! Dies sehe ich es geradezu als meine Pflicht an. Als reißerisch und unreflektiert möchte ich den Bericht keinesfalls bezeichnen. Als schlesischer Jude habe ich etliche Repressalien am eigenen Leibe erlebt. Nachzulesen in meiner Biografie "Ich habe erlebt und überlebt". Die polnischen Medien als auch die polnische Kirche (von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen) versuchen bis zum heutigen Tage, die verbrecherischen Taten an den Juden, die nicht nur von einer Minderheit der polnischen Bevölkerung verübt wurden - und zwar nicht nur in den Jahren 1940 - 1945, sondern auch nach Kriegsende - zu verschweigen bzw. zu mindern. Tausende Polen, nicht nur die so genannten "Szmalcownicy", betrachteten Erpressungen, Denunziationen und Raub an Juden als einen lukrativen Nebenjob. Es ist bekannt, dass etliche Polen eine richtige Jagd auf Juden gemacht haben, einige um sich zu bereichern, andere aus purem Antisemitismus. Menschen, denen die Flucht aus den Ghettos gelang - darunter auch hunderte von Kindern - wurden denunziert, der polnischen Polizei übergeben, die sie weiter der Gestapo auslieferte. Es ist weiter bekannt, dass die polnische Untergrundarmee (Armia Krajowa) sich geweigert hat, den Juden für ihren Aufstand im Ghetto Waffen zur Verfügung zu stellen. Meine eigenen Verwandten, die Familie Fuhrmann, eine Schwester meiner Mutter, ihr Mann und ihre zwei Kinder, wurden im Krakauer Vorort Borek Falecki durch Nachbarn denunziert und der Gestapo ausgeliefert , woraufhin sie nach Auschwitz deportiert wurden. Sicherlich gebe ich Ihnen dahingehend Recht, dass es auch Polen gab, die Juden das Leben gerettet haben, indem sie sie versteckt haben. Mehrere Familien und Kinder haben den Holocaust sogar im Kloster überlebt. Über diese, oft heroischen Taten, wurden mehrere Bücher geschrieben. So erschien zum Beispiel über diese Thematik ein Buch der israelischen Journalistin und Schriftstellerin Anna Cwiakowska, die heute in Tel Aviv / Israel lebt. Diese mutigen Menschen waren jedoch in der Minderheit. Fakt ist, dass die Mehrzahl der polnischen Bevölkerung antisemitisch dachte und handelte. Aus eigener Überzeugung und nicht immer von deutschen Nationalsozialisten angestiftet. Auch über das Kriegsende hinaus. Nur wenige Monate später haben in Krakau, Radom und Kielce Pogrome stattgefunden, bei denen mehrere Tausend Juden von Polen martialisch umgebracht wurden. Besonders bekannt ist der Fall in Jedwabne, wo ein paar hundert Juden in einer Scheune eingeschlossen und verbrannt wurden. Die damalige kommunistische Regierung Polens hieß derlei Übergriffe nicht gut. Einige der Täter wurden ein Jahr später zu Gefängnisstrafen verurteilt. Über die Verbrechen an Juden während und nach Ende des Krieges gibt es neben den Veröffentlichungen von Jan T. Gross, der im Übrigen meine eigenen bitteren Erfahrungen bestätigt, etliche weitere Berichte und Bücher von polnischen Historikern und Zeitzeugen. >Was für ein reißerischer Artikel, ganz im Stil eines Jan T. Gross. Die Taten und Ansichten einer Minderheit auf eine gesamte Bevölkerung auszudehnen ist nicht gerade der Aufklärung der Verbrechen dienlich, die zweifelsohne stattfanden. "Szmalcownicy" waren gewöhnliche Kriminelle, die alles und jeden verkaufen würden und es auch taten - Juden an die Gestapo, Widerstandskämpfer an die Nazis, aber auch umgekehrt Gestapo-Spitzel an die Partisanen usw. Es gab sogar ein Lied zu diesem Thema im Umlauf. > >Ultranationale katholische Priester und ihnen hörige Gruppierungen waren natürlich ein anderes, trauriges Kapitel in der Geschichte. Hier reden wir aber immer von Extremisten und von wie auch immer gelenkten Gruppierungen (diese gezielte Fernsteuerung des mutmaßlichen Ressentiments gab es auch noch 1968). > >Auf der anderen Seite habe ich genug polnische Zeitzeugen kennen gelernt, die sich ganz anders verhalten haben als im Artikel beschrieben. Alleine in meiner deutsch-polnischen Familie aus Westpreussen gab es einen Fall, in dem ein jüdischer Familienfreund eine Zeit lang versteckt wurde. Erst als seine deutsche Frau und Kinder in Sippenhaft genommen wurden, stellte er sich der Gestapo, wurde in ein KZ deportiert, überlebte es und wurde auf dem Heimweg von den sowjetischen "Befreiern" als vermeintlicher "Volksdeutscher" ermordet. > >Das ist nur eine der vielen ähnlichen Geschichten, die ich aus Erzählungen kenne - somit erfüllen mich solche unreflektierte und vor allem unkommentierte Beiträge mit Wut.
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