Judy Garlands Kult-Konzert "Wir bleiben die ganze Nacht!"

Sie war schon fast gestorben - und rettete mit einem furiosen Konzert ihre Karriere: 1961 sang Judy Garland in der Carnegie Hall. Die Gala gilt bis heute als eine der besten Gesangsshows der Geschichte. Der Schauspielikone half es wenig. Acht Jahre später erlag sie ihrer Pillensucht.

Corbis

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Sie war so gut wie tot. Ihre Leber zerfressen von Alkohol und Pillen, ihr Körper grotesk aufgedunsen, ihre Karriere am Ende. Die Ärzte hatten sie längst aufgegeben. Doch Judy Garland, damals 37 Jahre alt, hielt durch. "Sie hatte die Konstitution einer Armee", erinnerte sich ihre Tochter Lorna Luft vor kurzem in "Vanity Fair". "Sie wusste, sie musste weitermachen."

November 1959: Judy Garland, erst Kinderstar ("Der Zauberer von Oz"), dann MGM-Legende, schließlich Hollywood-Wrack, lag im Doctors Hospital auf der East Side Manhattans. Offizieller Grund: Hepatitis. Aber jeder wusste, dass sie süchtig war, kaputt, arbeitsunfähig. MGM hatte sie 1950 gefeuert, mit erst 28. Ihr letzter Kinofilm war fünf Jahre her. Selbst wenn sie sich erholte, so die Diagnose von Branchenkennern, würde sie nie mehr auftreten.

Und dann schaffte sie es doch, buchstäblich wiederaufzuerstehen: 17 Monate später legte Garland ein sensationelles Comeback hin, das bis heute nachhallt. Ihr Galakonzert am 23. April 1961 in der New Yorker Carnegie Hall, jenem Tempel der Tonkunst, gilt nicht nur bei Fans als "großartigster Abend in der Geschichte des Showbusiness". Als Messlatte für alles, was danach kam. Es belebte Garlands Karriere neu, ein allerletztes Mal - bevor sie acht Jahre danach doch noch ihrer Sucht erliegen würde.

"In der Carnegie Hall gewann sie Größe, wahre Größe", schrieb ihr Biograf Gerald Clarke. "Sie erklomm Höhen, die keiner ihrer Zeitgenossen jemals erreicht hatte... Judy in excelsis!"

Partys, Prügel, Alkohol

Das Carnegie-Konzert war der Zenit ihrer turbulenten Laufbahn. Ein Erlebnis ohnegleichen, so beben die Garland-Vasallen. Auf jeden Fall war es eines jener Ereignisse, von dem die Leute Jahrzehnte später noch sprechen würden, ob sie nun dabei gewesen waren oder nicht - auch dank der Tonaufzeichnung, die wochenlang die Charts anführte, Garlands bestverkaufte Schallplatte wurde und in die Sammlung der Library of Congress einging, dem Staatsarchiv der USA.

Es war ein warmer Abend in Manhattan. Trotz Nieselregen standen die Menschen schon Stunden vorher Schlange vor der Carnegie Hall, von der Seventh Avenue bis zur West 56th Street. Das Konzert mit dem schlichten Titel "Just Judy" ("Einfach nur Judy"), war binnen Stunden ausverkauft gewesen, alle 3165 Karten - ein Rekord in der Zeit vor dem Internet.

Als Garland in ihrer Limousine am Bühneneingang anrollte, Lockenwickler im Haar, begann die Menge zu kreischen. Für ihre Fans war sie da längst der Star aller Stars. Geborene Frances Ethel Gumm, als Kleinkind von ihren Theater-Eltern auf die Bühne geschubst, dann in die MGM-Mühle geworfen, als Teenager weltberühmt, durch den "Zauberer von Oz" (1939), in dem sie "Over the Rainbow" trällerte, den berühmtesten Filmsong des 20. Jahrhunderts. Schon damals gehörten Aufputschpillen zu ihrem Alltag.

Es folgten Filme, Platten, Auftritte, TV-Shows, Partys ohne Ende. Ihre Ehen mit dem Musiker David Rose und dem Regisseur Vincente Minnelli zerbrachen. Sid Luft, ihr dritter Mann, managte und prügelte sie. Garland ertränkte Stress und Kummer in Alkohol. MGM feuerte sie. Danach ging es steil abwärts - bis ins Doctors Hospital, wo sie sechs Wochen lang mit dem Tod rang.

"Fuck 'em! Fuck 'em! Fuck 'em!"

Eine Tournee sollte sie zurück ins Rampenlicht hieven. "Gebt ihr nur eine Bühne", forderte ihr Agent Freddie Fields. Sie begann langsam, in Kleinstädten, war halbwegs ausgenüchtert, nahm Ritalin, um die Abende zu überstehen. Das Publikum und die Kritiker liebten sie. John F. Kennedy, ein alter Freund, empfing sie im Oval Office.

Zur Krönung dann die Carnegie Hall mit ihrer perfekten Akustik, Traum und Horror jedes Musikers. Lauren Bacall, Richard Burton, Henry Fonda, Julie Andrews, Leonard Bernstein, Rock Hudson, Benny Goodman: Alle waren sie gekommen - aus Bewunderung oder Neugier, manche mit dem makaberen Wunsch, den Absturz einer Mit-Göttin aus ihrem Olymp mitzuerleben.

Konzertbeginn war um 20.30 Uhr. Doch auch um 20.45 Uhr - keine Spur von Garland. Die hockte hinter der Bühne, beruhigt von ihrem Jugendfreund Roddy McDowall, ebenfalls ein Ex-Kinderstar. Sie schrie sich selbst Mut zu: "Fuck 'em! Fuck 'em! Fuck 'em!" Das Orchester begann eine rauschende Ouvertüre, Garland erschien, und der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.

Zwei Stunden sang sie, plauderte sie, juxte sie. Manchmal brach ihre Stimme, wie von der sentimentalen Wucht der Erinnerung. Keine der alten Hits ließ sie aus: "Puttin' On the Ritz", "The Man That Got Away", "That's Entertainment!", "Come Rain or Come Shine", "Stormy Weather", "Over the Rainbow". 26 Songs: Gershwin, Lerner, Loewe, all die großen Komponisten waren vertreten. Harold Arlen, der die meisten der Hits komponiert hatte, saß in der ersten Reihe.

"Wir bleiben die ganze Nacht!"

Die Zuschauer jubelten, sprangen aufs Gestühl, einer schwenkte ein Ölgemälde seiner Göttin. Garland sog den Beifall auf, riss Witze, nahm sich selbst auf die Schippe. Am Ende schrien sie nach Zugaben. "Ich weiß!", antwortete Garland heiser, doch beglückt. "Wir bleiben die ganze Nacht!"

Da rannten sie von den billigen Plätzen im Balkon bis zur Bühne herunter - darunter viele Schwule, die sich mit Garlands Odyssee am meisten identifizierten. Ihr Idol bat sie, sich auf den Boden zu setzen, damit die VIPs vorne sehen konnten. Nach "Chicago" - dem letzten Song, für den das Orchester Noten hatte - regnete es Blumen. Rock Hudson hob Garlands Kinder Joey, 6, Lorna, 8, und Liza, 15, auf die Bühne hoch, und alle vier verbeugten sich.

Die Kritiker überschlugen sich. "So was habe ich in meinem Leben noch nie erlebt", gurrte die sonst so giftige Klatsch-Queen Hedda Hopper. Die Aufzeichnung, zum Doppelalbum gepresst, hielt sich 73 Wochen in den Charts, davon 13 Wochen auf Platz 1. "Judy At Carnegie Hall" gewann vier Grammys, allen voran "Album of the Year" - zum ersten Mal ging dieser Preis an eine Frau.

Garlands Karriere bekam neuen Auftrieb. 1962 wurde sie erneut für einen Oscar nominiert, für eine Nebenrolle im Holocaust-Drama "Das Urteil von Nürnberg". Das TV-Network CBS, das sie einst verstoßen hatte, nahm sie für 24 Millionen Dollar unter Vertrag. Doch die "Judy Garland Show" wurde nach nur 26 Folgen wieder abgesetzt. Die Konkurrenz war zu stark - namentlich die Serie "Bonanza".

Leblos im Badezimmer

Von diesem emotionalen und finanziellen Rückschlag erholte sich Garland - die hochverschuldet war - nie wieder. Am 22. Juni 1969 fand sie ihr fünfter Gatte Mickey Deans leblos im Badezimmer ihrer Mietwohnung in London auf. Todesursache: eine Überdosis Barbiturate.

Mehr als 20.000 Menschen pilgerten auf Manhattans Upper East Side, um Garlands Sarg zu huldigen. Am Abend darauf platzte das Schwulenviertel Greenwich Village aus allen Nähten, und als die Polizei im "Stonewall Inn" zur Razzia anrückte, leisteten die aufgewühlten Kneipengänger erstmals Widerstand. Seither sind Judy Garland und der Beginn der US-Schwulenbewegung untrennbar verknüpft.

Der Kult geht weiter. 2009 sang Rufus Wainwright das gesamte Carnegie-Konzert Garlands nach: Lied für Lied, Strophe für Strophe - in der Carnegie Hall, begleitet von einem 40-köpfigen Orchester. Puristen waren entsetzt, andere empfanden es als Sakrileg. Garlands Tochter Liza Minnelli hasste es. Im März gab es in der Carnegie Hall eine Jubiläumsgala, bei der Broadway-Stars das Konzert von 1961 interpretierten, auch Lorna Luft war dabei. Ein neuer Dokumentarfilm soll den Abend außerdem anhand von Augenzeugen rekonstruieren.

Judy Garland wurde 47. Sie drehte 32 Filme und 30 TV-Shows, gab 1100 Konzerte, nahm 100 Singles und ein Dutzend Alben auf, gewann zwei Golden Globes, fünf Grammys (einen posthum) und einen Tony, wurde für zwei Oscars nominiert und heiratete fünfmal. Geblieben sind am Ende nur "Over the Rainbow", "Der Zauberer von Oz" - und jener Abend in der Carnegie Hall, dieses letzte Aufflackern eines tragischen Stars.



insgesamt 5 Beiträge
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Eberhard Schefold, 24.04.2011
1.
Bitte Minnelli mit Doppel-n. :-O
Heiko Schildt, 26.04.2011
2.
Liza Minnelli mit Doppel-n, okay. Erwähnenswerter scheint mir aber zu sein, dass dies ein mitreißend geschriebener, gut recherchierter und neugierig machender Artikel ist, der den Nerv der damaligen Zeit trifft. Gutes Handwerk, trotz des fehlenden Buchstabens.
Klaus Rathjens, 26.04.2011
3.
Selten so einen oberflächlichen Beitrag gelesen, der nur das nachplappert, was man eben so über die Garland weiß. Aber: Judy Garlands sogenannter Kult ist nur damit zu erklären, dass sich ihre beiden Karrieren als Schauspielerin und Unterhaltungssängerin multiplizierend auf ihre Gesamtkarriere auswirkten. Als Schauspielerin war sie im Oz sicherlich ideal besetzt, aber welches Fach sollte sie später bedienen? Das der drogenabhängigen Kneipenwirtin? Hollywood besetzt selten gegen den Strich und der Typ, den sie um 1960 herum unfreiwillig verkörperte, kam erst Anfang bis Mitte der siebziger Jahre auf die Leinwand. Als Sängerin bediente sie genau die populäre, amerikanische Unterhaltungsmusik, die sich hier glücklicherweise nie derartig durchsetzen konnte. Das ist eine Mischung aus traditionellem Entertainment-Jazz, Barpianostil und Revuenummern. Fast jeder Amerikaner, der ein Instrument ein wenig spielen kann, versucht sich an solchen Nummern. Daher ist es kein Wunder, dass das Carnegie Hall Konzert von den Amerikanern mit derartigen Superlativen bedacht wurde. Aber dieses Urteil hält keiner kritischen Betrachtung stand. Gewiss, sie hatte in ihren jungen Tagen eine nette, natürliche Stimme und konnte swingen. Später jedoch gewöhnte sie sich dieses grauenvolle, übermäßige Vibrato an, das von ihrer Tochter bis zum Exzess getrieben wurde. Sie hatte einen eher kleinen Stimmumfang, sie besaß eigentlich nur 2 Farben und die waren gekoppelt mit Laut und Leise. Sie besaß auch keine brillante Gesangstechnik und ihr genereller Gestaltungsstil ist mit "schlicht" am besten beschrieben. De facto wäre sie als Sängerin von Ella Fitzgerald aus der Carnegie Hall gefegt worden, aber die war schwarz, nicht so selbstzerstörerisch und keine Schauspielerin. Der Autor schreibt, es seien von ihr nur der Oz, Over the Rainbow und das besagte Konzert geblieben. Nun, das erste ist ein Kindermärchen, das zweite für meinen Geschmack entsetzlich kitschig und das dritte das Ergebnis eines Hypes und einer geschickten PR-Kampagne. Rock Hudson oder Lauren Bacall (als Beispiele) waren Schauspielerkollegen. Natürlich war ihr Konzertbesuch auch eine Art Hilfestellung für die fragile Karrieresituation ihrer einstigen Kollegin. Die Plattenfirma tat sicherlich das ihr Mögliche, um das Konzert zu pushen und was fördert ein Comeback mehr, als das Phoenix-artige Aufsteigen eines Leinwandstars aus der Asche eines zerrütteten Lebens? Der Autor schreibt weiter, dass sie bei Schwulen zur Kultsängerin wurde. Nun - das trifft in Deutschland auch auf Zarah Leander, Marianne Rosenberg und Hildegard Knef zu und über deren gesangliche Unqualitäten gibt es zumindest unter Musikern keine Zweifel. Der Autor hätte sich, wenn er denn schon einen Artikel über sie schreiben musste, eher Gedanken über den unerklärlichen Kultstatus machen sollen - oder über den tragischen Bruch in ihrem Leben. Fazit: Spiegel und Musik sind zwei voneinander getrennt existierende, nicht kompatible Ebenen.
Redaktion einestages, 26.04.2011
4.
Wir bitten um Entschuldigung: In einer vorherigen Fassung haben wir "Liza Minnelli" versehentlich nur mit einem n geschrieben. Wir haben den Fehler umgehend korrigiert und danken allen Lesern für den Hinweis!
Eberhard Schefold, 27.04.2011
5.
?Minnelli? war ja gleich zweimal falsch, für Vater und Tochter, wurde aber dankenswerterweise beides korrigiert. Die Süddeutsche Zeitung hat es mal geschafft, selbst in der mehrspaltigen Kritik eines Liza-Minnelli-Konzerts den Namen konsequent falsch zu schreiben und auch auf Leserbrief hin keine ? sonst bei der SZ übliche ? Korrektur-Notiz zu drucken. Und selbst die deutsche Columbia Records hatte für ihre Ausgabe von ?Liza Live at Carnegie Hall? den CD-Rücken durch eine eigene Typographie ersetzt ? leider ebenfalls mit nur einem ?n?. Autsch. Und so weiter. Der Spiegel befindet sich in prominenter Gesellschaft. Ich fand den Artikel selbst nicht besonders tiefschürfend, ziemlich zugespitzt, und zugegeben voller Klischees, aber in den Fakten, auch wenn ich manches anders bewerten würde, nicht wesentlich falsch. Bei einer Kult-Figur wie der Garland ist Fakt von Mythos selbst mit größter journalistischer Sorgfalt einfach nicht mehr zu trennen. Und wenn der Autor es geschafft hat, Interesse für dieses wirklich einmalige Aufscheinen einer ausnehmend empfindsamen, ausdrucksvollen und hart arbeitenden Künstlerpersönlichkeit zu wecken und die Faszination dieses Glücksmoments von einem Konzerts greifbar zu schildern, ist der Zweck dieses ?einestages?-Beitrags für mich erfüllt.
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